Archiv für die Kategorie „Werte Rituale“

Wir besuchen „Papst Franziskus“ im Kino. Ein Plakat vom Film sehen wir nicht. Wir sind gespannt, wie Wim Wenders „den Papst anlegt“. Schon nach ein paar Minuten ist uns klar, dass dieser Papst nicht „angelegt“ ist, sondern als Person in seinen theologischen und ganz praktischen Sichtweisen sein Amt füllt. Da kommen in keiner Minute irgendwelche hochgestochenen theologischen Konvolute daher, sondern immer in der Sprache der Menschen verständliche Anliegen. „Gut zuhören“ ist ihm ein besonderes Anliegen. Und „auf Augenhöhe“ mit den Menschen sein. Genau das schafft der Film.

Die Allerärmste ist die Welt

Ich werde hier den Film nicht nacherzählen. Geht nicht. Viele Stationen, die gezeigt werden, sind außerhalb Europas und immer am Rande. Dieser Papst ist dort daheim, wo andere Würdenträger nicht hingehen würden. So spüren wir im Film auch, dass er mit seiner Rede über die Krankheiten der Kurie in der Kurie selber argwöhnisch beobachtet wird und so selber im Innersten als „Randfigur“ gesehen wird. Berührend sein Aussagen, die er direkt in die Kamera und somit mit uns BesucherInnen teilt. Ich fühle mich direkt mitgenommen. Wenn er über Familie spricht, dann stellt er selber die für ihn zentrale Frage:  „Spielt ihr mit den Kindern?“. Und er faltet aus, dass wir Menschen Zeit brauchen, um nutzlose Zeit zu verbringen. „Wir leben am Gaspedal und das tut uns überhaupt nicht gut.“ Spielt, genießt die Welt, „die doch so schön ist“. Und dann die bohrend Frage: „Wer ist derzeit die aller Ärmste?“ – die Welt selber. Sie wird ausgebeutet, vergiftet und nur mehr für ökonomische Zwecke verbraucht. Hier zeigt der Film lange und einleuchtend sein „Vorbild“ nach Jesus: der hl. Franziskus. Es liegt an uns, diese Welt zu retten im Bewusstsein, dass wir im gemeinsamen Haus wohnen. Berührend auch die vielen Begegnungen. Tränen kommen mir, wie er mit Gefangenen spricht, Kranken die Hand auflegt, ihnen vorbehaltlos begegnet, ihnen Zuwendung, Liebe und Trost vermittelt. Er spricht das Sterben an, den persönlichen Tod. Und er lässt sich zu allen heißen Eisen fragen und gibt Antworten, die den Menschen aufrichten und nicht unter das Gesetz stellen. Der Film zeigt ihn als einen Mann des Wortes, der unmittelbaren Compassion und der eindeutigen Perspektive auf diese Welt: Es ist der vorbehaltlose Dienst an den Geringsten. Lächeln und Humor sind für ihn ganz wichtig. Ich kann nur ermutigen. Geht ins Kino.

 

Zwölf Frauen und Männer brechen auf. Elf mit dem Zug von Linz. Eine wartet in Spital am Pyhrn, wo wir um 10.30 Uhr am Bahnhof angekommen starten. Keine große Vorstellungsrunde, obwohl wir einander nicht kennen, sondern nur der Hinweis, dass wir mit einem „mentalen Gummiband“ im Gehen verbunden bleiben, also nicht auseinanderfallen. Niemand hat ein Handy oder Smartphone dabei. Das war ausgemacht. Nur zwei kleine alte Fotoapparate werden äußerst sparsam eingesetzt. Ich selber habe davon gar nichts dabei. Magdalena Holztrattner und ich haben diese Idee ausgeschrieben.  Von Innsbruck bis Wien haben sie die Leute angemeldet. Das Bedürfnis nach Offline ist groß. Auch bei mir. Es liegt in der Luft, dass wir nur dann Balance finden, wenn wir uns konsequente Distanz verschaffen (können). Zumindest zeitweise. Vier Tage in unserem Fall. Das ist unser Experiment. Vorweg: Es ist mehr als gelungen.

Der Benediktweg als Basis

Die Route ist schnell geschildert: Von Spital der Aufstieg bis zum Pyhrgas-Gatterl. Dort erwartet uns auf 1.300 m Schnee. Davon wird es am dritten Tag noch mehr geben. Es geht hinunter Richtung Hall. Wir halten oben noch inne: Atmen ist heute unser Grundimpuls. Atmen und schauen, ganz da sein im Hier und Jetzt. Das Wetter ist wunderschön. Beim Abstieg helfen wir einander durch den Schnee. Wir kommen ins Gespräch, in die Gespräche. Im Tal hinaus bis in das Stift Admont, wo wir um 17 Uhr eintreffen, schwingen wir zusammen. Erzählen, einfach zuhören, schweigen, gehen, Rucksack tragen. P. Ulrich vom Stift empfängt uns, führt uns zum Abendessen und gibt uns im „ZeitRaum der Stille“ die Zimmer. Wir gehen noch zum Teich und genau in diesem Moment geht die Sonne unter. Ein unglaubliches Panorama prägt sich ein, in den Kopf und das Herz, weil wir keine Fotos machen. Ausklang im nahen Gasthaus und wir spüren, dass wir schon zusammengehören. Die Abschlussrunde zeigt schon: Offline gehen geht und tut gut. Müde geht es zum Schlaf. Der erste Tag am Benediktweg liegt hinter uns. Er ist unsere „Wegbasis“ bis zum Ziel in der Abtei Seckau.

Auf und ab und ganz zurück

Das gute Frühstück erwartet uns um 7 Uhr. Wir starten mit unserem Einstieg in den Tagesweg in der Stiftskirche mit dem Gedanken „Mehr und Weniger“. Basis dafür sind die Quellen der Kraft, die ich für jede und jeden mitgenommen habe. Als Background für das, wohin wir uns öffnen, wenn wir nicht in den Online-Verstrickungen gefangen sind. Richtung Kaiserau gehen wir dem Bach entlang, der sich über hunderte Stufen ergießt. Wir haben Schweigen vereinbart. Das tut richtig gut. Atmen, schauen, staunen, bewegen, spüren, was es mehr und was es weniger braucht in meinem Leben. Rolf hat Augenprobleme. Er geht zum Arzt und wir sollen ruhig weitergehen. Das „Gummiband“ ist heute besonders gefordert. Es gibt keine Kommunikation außer „zusammenspüren“. In Trieben finden wir uns wieder. Es geht: Wir sind verbunden auch ohne diese technische Hilfestellung. Vielleicht geht uns dieses Vertrauen verloren, dass wir uns nicht verlieren, obwohl wir nicht digital kommunizieren (können). Im Tal geht es ganz nach hinten bis zur Bergerhube, einem Gasthaus und Landwirtschaft, wo wir um 18 Uhr ankommen. Da ist die Welt zu Ende. Ab hier geht nur mehr bergwärts. Das ist morgen. Die Wirtsleute machen uns ein tolles Abendessen, wir haben eine Menge Spaß, singen miteinander und spüren sehr früh: Das Gehen macht müde. Ab ins Bett. Ohne vorher diese vermeintliche Welt digital gecheckt zu haben.

Die spanneste Etappe

Aufwachen. Sonnenschein. Wettermäßig sind wir Glückskinder. Eine kleine Spannung liegt in der Luft. Wie viel Schnee wird am Kettentörl (1.864m) sein und werden wir es schaffen? Magdalena stellt „Vertrauen und Glauben“ als Impuls in die Mitte. Wie passend. Dann gehen wir. Steil bergauf. Etwa 300 Höhenmeter unter dem Törl dann geschlossene Schneedecke. Es geht. Schritt für Schritt. Manchmal breche ich ein. Es wir immer steiler. Die Schritte langsamer. Der Schnee trägt. Nur manchmal ein Einbruch. Überglücklich sind wir alle da und blicken auf der anderen Seite in das weite Tal hinunter auf den Ingering-See, den wir über Schneefelder, auf einem Lawinenausläufer nach zwei Stunden erreichen. Dann eine späte Mittagsrast in der Sonne, neben der Kapelle in der Wiese liegend. Wir genießen. Einzelne gehen ins Wasser. „Sehr erfrischend.“ Dann der weite Weg hinaus nach Gaal über neun Kilometer am Forstweg und Güterweg. Der Asphalt zehrt an den Kräften. Ein Gasthaus baut uns wieder auf. Nochmals eineinhalb Stunden bis zur Abtei. Nach neun Gehstunden kommen wir um 19 Uhr dort an. Zwei von uns haben entschieden, die letzte Strecke mitzufahren und erwarten uns mit den Zimmerschlüsseln. Frater Benedikt und Pater Johannes, der Prior, erwarten uns in der sie auszeichnenden benediktinischen Gastfreundschaft. Alles ist sauber, hat Geschichte. Das erzählen die Stufen. Ein schöner Ort, wie eine Teilnehmerin meinte. Das Abendessen schmeckt uns. Drei Tage gehen. Über 60 km, über 3.000 Höhenmeter.  Die Abschluss

runde machen wir im Gasthaus neben der Abtei. Wir spüren: Alle genießen es, bei jeder und jedem hat „sich was getan“, berührt von der Ge[h]meinschaft, offline tut gut, so wunderbare Gespräche. Wir übernachten, bekommen noch ein schönes Frühstück, eine kurze Führung durch die Abtei, machen eine Abschlussrunde in der neu renovierten Kirche und werden zum Zug nach Knittelfeld gebracht. Der Heimweg beginnt. Noch schöne Gespräche im Zug und nach und nach „verlieren“ wir uns an den Bahnhöfen mit der Erkenntnis: Offline gehen geht! Persönlich bin ich überzeugt, dass gerade diese zeitweise „brutale Distanzierung zur Onlinewelt“ (Originalton) uns helfen kann, die Wahrnehmung und Prioritäten nicht zu verlieren, der Seele und den Beziehungen wieder Raum zu geben, das Spüren, Riechen, Schmecken und lieben nicht zu verlernen. Und das Singen.

Schriftliches Feedback via online von einzelnen TeilnehmerInnen

Reinhard K.:

„Manchmal springt einem ein Wort, ein Begriff beim Lesen von Emails ins Auge und für Sekunden bleibt MANN hängen – so war es auch bei der Ausschreibung zum „Offline-Pilgern“.

Drei wesentliche Gründe ließen mich nicht zweifeln, dass ich da dabei sein will: erstens die Leitung durch Ferdinand Kaineder als erprobter und langjähriger Pilger und Magdalena Holztrattner, zweitens die Landschaft und drittens der Benedikt-Weg mit den Stationen Stift Admont, Bergerhube und Abtei Seckau. Terminlich passte es auch gut in meine Planungen.

Die Erkenntnisse, nach 3 Tagen „Abstinenz“ von der elektronischen Verbundenheit mit der „ganzen Welt“ sind:

  • Ich habe Zeit zum Schauen.
  • Ich werde bei Gesprächen nicht abgelenkt.
  • Ich brauche keine schnellen Antworten und Entscheidungen treffen.
  • Ich bin einfach mehr bei mir.
  • Ich habe Zeit, um Informationstafeln zu lesen und kann die Landschaft intensiver erkunden.
  • Ich werde von der Gruppe bei „Durststrecken „ mitgetragen.
  • Ich nutze die Strecke, um mit vielen (vorher unbekannten Menschen) ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Pilgerreise gibt es nicht nur gute Bekanntschaften, sondern auch die Gewissheit, körperliche Herausforderungen bewältigt und das Ziel erreicht zu haben.“

Karin W.:

„Es geht, wenn man geht, auch OFFLINE. Gewohnheiten unterbrechen, I oder Smartphone´s zu Hause, keine Nachrichten, kein Blick ob wieder eine Botschaft, ein Anruf eingegangen sind, es gilt für alle in unserer 4tägigen Weg-Gemeinschaft. Wieder zurück mit einem Rucksack voller Erinnerungen mit all den besonderen Momenten der Wegerfahrungen. Kein Handyweckruf dafür Liedrufe und Gesänge von Magdalena, die uns in den Wach- und Aufstehmodus begleiten.

4Tage offline und die Idee es öfter zu wagen aus den Gewohnheiten auszusteigen, die geschenkte Zeit nützen um z.B. wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben zu verschicken. Deine Idee vom Offline gehen war gut Ferdinand, offline, aber online in den Begegnungen, den gemeinsamen wunderschönen, manchmal auch mit Mühen verbundenen Tage des Gehens in einer besonderen Landschaft, einem Himmel so blau und die Sonne unsere Wegbegleiterin von früh bis spät.  Das Kettentörl schaffen mit viel Schnee, mühsame Schritte von dir,  um den Weg für alle anderen zu bereiten und immer der Ohrwurm in mir: Geh mit uns, unseren Weg…. Danke fürs offline gehen und fürs online sein mit unseren WeggefährtInnen! OFFLINE gehen, geht!“

Klaus K.:

„Raus aus dem Alltag – rein ins nichts – und doch immer genug.
3 Tage reduziert auf das eigentliche: Das Sein.
Was ist das – das Sein?
Ein Augenblick.
Ein Moment.
Ein Schritt.
Ein Weg.
Mein Körper?
Mein Geist?
Den Körper spüren.
Sich selber durch den Körper spüren.
Alles ist so einzigartig und einmalig.
Respektiere deine Grenzen – stand da auf einmal mitten im Wald…. Ja versuche ich.
Es gelingt nicht immer – aber immer öfter so, dass ich es mir recht machen will, und sonst keinem anderen.
In Dankbarkeit, Geduld und Zufriedenheit bin ich im Jetzt.
Ich bin wieder näher bei mir.
Das möchte ich mir von dieser wunderbaren Reise mitnehmen.
Rein in den Alltag.“

Anna W:

„Offllinegehen ist
– kommunizieren, Gedanken austauschen, Geschichten erzählen und hören, gemeinsame Bilder wahrnehmen und Landschaft im Voll-Frühling genießen – mit den Menschen die DA sind, neben mir und mit mir unterwegs

– selber DA sein wo und wie ich jetzt bin, hören und spüren was gerade in mir ist

– darauf vertrauen, dass ich verbunden bin mit den Lieben daheim und mit der Welt , auch wenn ich keine News, SMS, Whatsapp-Nachrichten oder Telefonate erhalte und führe/sende“

Theresia S:

„Gedanken zum #OfflineGehen: Staunend, schauend, höhrend und fühlend – mit ganzem Herzen im hier und jetzt sein, die wunderschönen Momente einfach in mir aufnehmen, anstatt mit der Digitalkamera Fotos zu machen. Das war eine wertvolle Erfahrung, wenn`s mir, besonders am Beginn, auch schwer gefallen ist. Gemeinsam unterwegs sein, mit lieben Menschen plaudernd, schweigend, lachend, … ohne Ablenkung durch SMS oder WhatsApp- Nachrichten, ohne „muss schnell noch meinen versäumten Anruf beantworten“; das war für mich sehr entspannend. Ich möchte in Zukunft gerne mal einige Tage „offline“ sein und auch andere dazu ermutigen.“

Manuela T.:

„ONLINE sein ist nicht schwer  – zwischendurch mal OFFLINE sein … bereichert aber sehr!
Das ist meine persönliche Erfahrung nach 3 Tagen OFFLINE – Gehen auf mir unbekannten Etappen des Benediktweges in Gemeinschaft einer mir bis dahin unbekannten Gruppe mit 11 weiteren interessierten Frauen und Männern. Ohne Handy und Fotoapparat im Rucksack verspürte ich sehr bald eine Gelassenheit und innere Ruhe, um mich zu orientieren und die vielen Eindrücke mit meinen Sinnen intensiv aufzunehmen, festzuhalten und zu teilen – ohne Ablenkung durch die im Alltag zweifellos nützlichen, aber oft schon unentbehrlich scheinenden Geräte. Eine Motivation für mich, auch in diesem Bereich immer wieder mal inne zu halten und bewusst einfach zu leben. OFFLINE sein ist auch nicht schwer!“

Ich selber sage nur: Danke für die Ohren, die Schritte, die Stimmen, das Singen, das Lachen, das Schweigen, das Mitfühlen und Mitleiden, das Strahlen, die Rücksichten, das gegenseitige Stärken, das Vertrauen, das Mehr und Weniger, das gemeinsame Atmen. Wir waren bei den Quellen der Kraft. Wunderbar, was Offline alles freilegt.

[Danke für die Fotos an Rudi und Reinhard]

Ich muss gestehen, dass mir das Interview mit Bischof Mandfred Scheuer in den OÖNachrichten noch immer „nachgeht“. Verstärkt hat das die Schlagzeile der Kathpress, die in die Headline die bischöfliche Garantie dazugepackt hat, dass es in der Diözese Linz keine Sonderwege geben wird. Dabei war die Rede von verheirateten Priestern. Dass die Frauen unter dieser Vorgehensweise keine Rolle spielen, hat das Interview auch gezeigt. Wenn ich in diesen Tagen dann die Pressemeldungen aus den verschiedenen Diözesen zu den „Chrisam-Messen“ lese, finde ich das angesichts der Wichtigkeit und der Bedeutung des Geschehens fast „lächerlich männlich“. Beispiel: „Bischof feiert mit 200 Priestern und Diakone.“ Die Frauen leisten einstweilen Küchen- und Pflegedienste. Ich weiß, das klingt jetzt zynisch. Aber die Situation ist 2018 gegenüber den Frauen zynisch. Sie kommen in dieser klerikalen Denkwelt nicht vor. Das wird auch so empfunden, erlebt. Nicht nur bei den Jüngeren. Die Zeit dieses männlichen Klerikalismus muss im katholischen Bereich beendet werden. Und genau das braucht „Sonderwege“. Papst Franziskus selber will sich ja von diesen Fesseln der Vorgänger befreien. Und er geht „innovative Sonderwege“. Sicher: Bei der Diakoninenweihe lässt er das x-te Mal forschen und reden. Aber er kennt die pastorale Not Südamerikas und weiß von Frauen und Männern, die taufen, der Ehe assistieren oder Kranken des sakramentalen Beistand leisten. Da ist er zum Beispiel mit Bischof Erwin Kräutler im Gespräch.

Ohne Sonderwege keine Befreiung

Dass die Diözese Linz seit mehr als 25 Jahren mit dem „Spin Sonderwege“ kämpft, kann ich nur zu klar bestätigen. Wien und Rom haben bis heute Interesse, die Diözese Linz und den Bischof „klein und in der Spur“ zu halten. Aber was sind Sonderwege? „Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.“ Schon oft zitiert und mit persönlicher Erfahrung angereichert. Wer den Weg nicht verlässt, der ausgeschildert ist, der „vorgeschrieben“ wird, wird keine neuen Welten sehen, erleben, spüren, ermöglichen. Und derzeit bleibt vieles auf der Strecke. Wir sind mitten in der Karwoche. Wäre da nicht einer einen Sonderweg gegangen, wären wir um eine Befreiung und Erlösung ärmer. Jesus ist diesen Sonderweg gegen Gewalt, Heuchelei und Macht von dieser Welt konsequent gegangen. Franz Jägerstätter, der vom Linzer Bischof groß verehrt, ist ebenfalls nicht im Mainstream unterwegs gewesen. Bis heute verehren wir Menschen als Heilige (Frauen und Männer), die nicht brav die Autobahn befahren haben. Sie sind abgebogen, haben Maßnahmen gesetzt abseits der „kirchlichen Hauptstraßen“. Ich finde es schade, dass der Linzer Bischof nach so viel Erfahrung am „Linzer Weg“ nicht sagt: Freundinnen und Freunde, wir werden diesen Linzer Weg, auf dem wir schon Jahrzehnte unterwegs sind, in Richtung mehr Partizipation durch beauftragte Getaufte, Laien intensiver weitergehen, damit Kirche den Dienst des Tröstens, des Helfens, des Feierns, des Gemeinschaft bilden und Gott loben weiter wachsen kann. Klerus und Laien werden noch intensiver als bisher wie die Brennpunkte einer Ellipse zusammenarbeiten. Auf Augenhöhe. Und wir werden nicht fragen, was ist nach dem Kirchenrecht verboten, sondern was ist innerhalb der breiten Auslegung des Kirchenrechtes möglich. Als Bischof werde ich dabei meinen Fokus auf den Dienst der Einheit  lenken. Das wird nicht einfach, aber die lebendige Zukunft der Kirche verlangt das von mir. Und Gott will, dass unsere Diözese eine kraftvolle Zukunft hat – um der Menschen willen.

In diesen Tagen feiern wir als Christinnen und Christen wieder eines der größten Geheimnisse unseres Glaubens. Die Auferstehung. Die Auferweckung. Das Aufstehen gegen den Tod und alle Verzweiflung. Das Licht nach aller Dunkelheit und Einsamkeit. Das Sterben lässt uns nicht in der dunklen Grube liegen, sondern kennt eine andere Welt ähnlich wie bei der Geburt. Jesus hat gelebt, wurde ermordet und hat diesem Desaster mit Gottes Hilfe getrotzt. Er ist auferstanden und ist mit uns Menschen unterwegs.

Mein Vorschlag für die 15. Station am Kreuzweg

Wenn ich diese Zeilen schreibe, komme ich gerade aus Graz. Ich durfte das VinziDorf-Hospiz besuchen. Obdachlosen wird dort in ihrer letzten Lebensphase ein Stück Heimat und persönliche Begleitung gegeben. Sr. Bonaventura von den Elisabethinen sagt im Gespräch, „dass das ihre Herzenssache ist“. Eine Frau und ein Mann sind gerade da. Das Haus hell und ganz normal. Wir sitzen und werden bewirtet, aufgenommen. Meine Gedanken gehen von den beiden hier Betreuten nach Emmaus. Immer wieder. Es ist für mich die eigentliche Ostergeschichte, Auferstehungsbotschaft. Verzweifelte, Mutlose, Enttäuschte gehen gemeinsam nach Emmaus und da kommt einer dazu. Er erklärt ihnen die Ereignisse, das Desaster von Jerusalem, den Tod Jesu. Und es ist – wie wir wissen – Jesus selber. Deshalb ist für mich die 15. Station nach der Grablegung die Station „Auferstehung Richtung Emmaus“. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu, die die Frauen zuerst sehen und begreifen, manifestiert sich im gemeinsamen Gespräch, Suchen, Einkehren, Essen und – Erkennen. Jesus lebt, er geht mit uns. Die drei Menschen nach Emmaus müssten aus meiner Sicht bei jedem Kreuzweg die 15. Station sein. Oder gibt es das schon?

 

Wer möchte nicht auf ein geglücktes Leben zurückschauen? Glück hat viel mit der inneren Haltung zu tun. Da gibt es eingebaute Bremser, die dem Glück bei der Ankunft im Wege stehen. Es sind vor allem Ängste. Vor Zurückweisung, vor Veränderung, vor Liebesentzug oder vor Konflikten. Und genauso sind Eitelkeit und Selbstverliebtheit keine Landebahnen für das persönliche Lebensglück. Wer sich davon befreien kann, sich befreien lassen will, wird „glücksfähig“.

Das ganz Andere stärkt uns

Wir kennen die Beschleuniger hin zum Glück. „Begeisterung“ lässt die Zeit und Anstrengung schwinden, die „Liebe“ löst die Barrieren.Eine bewusste Offenheit auf „Intuition“ lässt Entscheidungen „kommen“. Dahinter stehen Lebenshaltungen und persönliche werte. „Alles ist geliehen“ steht gegen das besitzergreifende Besitzdenken. „Konzentrier die auf den Weg“ lässt dich nicht stehen und Bewegung verändert Perspektiven. „Übernimm Verantwortung“ lässt dich vom Ausredenkarussell springen und die „Opferkiste“ wegräumen. „Sammle und verteile Reichtum“ sind andere Worte für das Teilen und den Primärsinn  für das Gemeinsame. „Achte auf eine ausgeglichene Lebensbilanz“ streicht die Wichtigkeit eines ausbalancierten Lebens hervor. Menschen, die in der Mitte sind, erleben wir als „Glücksbringer“. Von Grantlern und Nörglern wissen wir, dass sie sich als zehrende Bremser herausstellen. „Betrachte alles gleich-gültig“ steht gegen das dauernde Bewerten-Müssen: Gut, schlecht. Teuer, billig. Bringt was, bringt nix. „Einfach ungeschminkt wahrnehmen“ lässt das ganz Andere zu, auf uns zukommen, uns bereichern, stärkt uns.

Jetzt ist es soweit. Alles ist abgeklärt. Assisi, wir kommen. Schon über längere Zeit wurde ich immer wieder „gedrängt“, doch den Assisiweg (Franzsikusweg) mit einer Gruppe von Weltanschauen zu gehen. Jetzt freue ich mich schon darauf, dass es von 27. Sept bis 7. Okt 2018 soweit ist.

Das Franziskusfest am 4. Okt

Für mich selber wird es, obwohl ich doch schon einige Male in Assisi war, auch eine Premiere geben. Wir werden zu Fuß von Valfabbrica kommend genau am Franziskustag in Assisi ankommen. Das wird wahrscheinlich ein Getümmel sein, aber nach dem Gehen werden wir das nicht nur gut aushalten, sondern offen sein für die Freude, die in der Luft liegen wird. Dann wird noch genügend Zeit sein, diese Friedensstadt der hl. Klara und des hl. Franziskus genauer unter die Füsse zu nehmen. Ich mache es kurz: Hier ist das genaue Programm mit allen Details. Weil heute schon wer aus Regensburg angerufen hat, hier auch die Seite über das Rucksack-Packen.
You are welcome!

PS: Am DO 11. Jänner 2018 um 18 Uhr werde ich in Wien im Quo Vadis meinen Vortrag mit Bildern über meine Lebensweisheiten aus dem Weitgehen und Pilgern halten: „Pilgern befreit“.

„Wir leben heute im neoliberalen System, das zeitstabile Strukturen abbaut, die Lebenszeit fragmentarisiert und das Bindende, das Verbindliche zerfallen lässt, um die Produktivität zu erhöhen. Das erzeugt Angst und Unsicherheit. Die Vereinzelung, die mit Entsolidarisierung und totaler Konkurrenz einhergeht, bringt diese Angst hervor. Die perfide Logik des Neoliberalismus lautet: Angst erhöht Produktivität.“

Verbindend und vertiefend

Am Rande der Tagung „ReThinking Europe“ im Herbst 2017 in Rom  habe ich das wertvolle Buch „Die Austreibung des Anderen“ von Byung-Chul Han gelesen. Es ging bei der Tagung mit Delegationen aus allen 28 EU-Staaten darum, die Zukunft Europas auszuloten und ganz besonders den „verbindenden und vertiefenden Beitrag der ChristInnen“ in den Fokus zu nehmen. Papst Franziskus hielt dabei seine fünfte „Europarede“. Und diese Rede finde ich nachlesenswert.

Ansammlung von Egoisten

Zurück zum Buch. Han vermittelt darin auf 100 Seiten einen ungeschminkten Blick darauf, was hinter der Bühne heute europaweit und weltweit „abgeht“. Auf Seite 35 recht treffend: „Das heutige Leistungssubjekt – gemeint ist der Mensch – kennt nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Darin ähnelt der Mensch der Maschine. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt. Entweder funktionieren sie einwandfrei oder sie sind kaputt.“ Da schlägt Papst Franziskus in #LaudatoSi einen ganz anderen Ton an. Nicht entweder-oder sondern und-und.

Zeit für Utopien

Am 12. Dezember 2017 durfte ich bei einer Vorführung der Rohfassung des Filmes „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein dabei sein. 94 Minuten die Suche nach Alternativen zum Turbo-Kapitalismus. Und Langbein ist mit seinem Team in Europa, Afrika und Asien fündig geworden. Der Mensch ist von Natur aus auf „Kooperation“ aus. Erst die Angst macht ihn zum Egoisten wie oben beschrieben. Gier und Ausbeutung ohne Rücksicht auf ökologische Verluste lässt ihn handeln. Langbein’s Film wird ab April 2018 in den Kinos sein. Er spürt Beispiele auf, wo Kooperation, genossenschaftliches Handeln praktiziert wird. Überzeugend das Beispiel der 1,5 Millionen Konsumenten in Korea, die über die gemeinsame Genossenschaft mit ihren Bauern direkt verbunden sind und so eine ökologisch-partnerschaftliche Produktion ihrer hochwertigen Lebensmittel ermöglichen.
Beim Hinausgehen steigt immer wieder der Gedanke in mir auf: Warum haben sich die Bauern, die Konsumenten bei uns in den letzten Jahrzehnten ihre Genossenschaften „wegnehmen“ lassen und an kapitalistische, auf Profit ausgerichtete und über Gier und „Noch-Mehr“ gesteuerte Konzerne „übergeben“. „ReThinking“ fällt mir da wieder ein. Eine Besinnung auf das Gemeinsame, das uns verbindet und trägt. Es gibt unglaublich viel zwischen „Funktionieren und Kaputt“. Es wird Zeit, dass diese Utopien Platz nehmen.

Alljährlicher Christkönigssonntag als Finale des Kirchenjahres. Dort, wo es in den Pfarren eine Jugend gibt, dort sind sie spätestens heute gefragt, präsent. Auch bei uns im Bergdorf heute mit dem Jugendchor, der Gestaltung des Gottesdienstes inklusive der Predigt. Das Evanglium Mt 25,31-46 nicht gerade einfache Kost. Da wird uns vor Augen geführt, was ihm Leben tatsächlich zählt, wenn wir als „Jesuaner“ leben, nachfolgen wollen. Die Werke der Barmherzigkeit sind mehr denn je gefragt. Unsere jungen Menschen machen sich Gedanken, wie sie ihr Christ-Sein finden und zeigen können. Rosenkranz, Tätowierungen, äußere Zeichen, Bibellesen wurden angesprochen. Hilfsmittel, um sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Fix ist da für sie gar nichts. Aber: Es hilft, sich Gedanken zu machen. Und das haben sie als Kernbotschaft heute hinterlassen: Sich Gedanken machen. Da ist schon sehr viel gewonnen.

Der Bischof kann öffnen

Dieser Tage waren wir einen Abend lang mit dem neuen Bischof von Innsbruck Hermann Glettler zusammen. Ein weltoffener, weit denkender und handelnder Mensch. Es tut gut, wenn vor einem Bischof  zuerst das „geöffnet“ kommt. Offen für die Menschen, die Zeit, die Herausforderungen, die Situationen, die verelendeten Gebiete dieser Welt, drinnen in den Seelen genauso wie draußen. Und man sieht im die Unerschrockenheit und den Mut an. Gerade die Bischofsweihe in der Olympiahalle zeigt das Hinausgehen, den neuen Kontext und ermöglicht eine breite Involvierung. Da werden wir andeutungsweise etwas von den amerikanischen Großkirchen erleben. Dort war er immer wieder einmal.  In jedem Fall will er raus zu den Menschen und er weiß, dass er als Bischof ein ganz großes Tor aufsperren kann (und muss).

Das Vorzeichen

Das Suchen des „christlichen Kerns anhand von Ritualen und Symbolen“ in Familien wird ganz entscheidend werden, wenn in Zukunft eine christliche Inspiration hinein in die Gesellschaft wehen soll. Immer wieder taucht die Frage auf: Woran erkenne ich eine christliche Familie? Meine Antwort geht immer dorthin: an der gelebten Liebe und Offenheit gerade auch für Menschen in Not. Man weiß von einer Studie in Deutschland, dass christlich geprägte Menschen mehr als doppelt so viel spenden. „Da wird geholfen, die helfen zusammen, da wird keiner im Stich gelassen, sie singen miteinander, essen und beten, suchen Gott, rechnen mit ihr, vertrauen ihm, lachen.“ So irgendwie könnte das Vorzeichen vor dem Leben eines Christen, einer Christin lauten. Wir wissen: Der heutige Mensch ist „produktorientiert“. Alles Marketing und Wirtschaften geht auf ein Produkt hin. So wird auch Religion nicht umhin kommen, sich in „Produkten“, Ritualen und Symbolen zugänglich zu machen. Das habe ich mit Bischof Glettler im kleinen Kreis angesprochen. Und er hat viel Verständnis dafür, weil er die Menschen heute „kennt“.

Fokus auf drei Ritual- und Symbolfelder

Drei wichtige Symbole und Rituale schlage ich für christliche Familien vor, auf die wir unser inneres Wachstum und unsere Erkennbarkeit bauen können. Es ist nicht der Weg selber, sondern es sind Wegzeichen, Hinweise. Beim Gehen orientiere ich mich an den Schildern und gehe nicht auf ihnen. So sind diese drei „Wichtigkeiten“ zu verstehen:

  1. „Jesus in unserer Mitte“. Diese Tatsache drücken wir durch ein Bild, ein Kreuz, ein Symbol aus und hängen, stellen es in unsere Mitte. Der frühere Herrgottswinkel war das, ist das. Diese Symbole sind nicht alt, sondern heutig in unserer Mitte in der „Geschmacksrichtung“ der heutigen Menschen. Nicht, weil es immer so war, sondern weil es für uns wichtig ist, ist das Kriterium.
  2. „Gemeinsam essen mit einem Tischgebet“. Ich weiß von vielen Familien, dass sie es nicht mehr schaffen, gemeinsam rund um den Tisch zu sitzen. Der Konsumismus will ja, dass wir uns individuell füttern direkt am Kühlschrank direkt aus dem Supermarkt gefüllt. Da brauche ich niemanden mehr. Nein doch: Der Fernseher darf mit mir essen. Eine christlich geprägte Familie schaut, so oft es geht, gemeinsam rund um den Tisch zu sitzen (Tisch gehört in unseren Kulturkreis) und das Essen mit einem Innehalten, dem bewussten Aus- und Einatmen und einem Gebet aus Dankbarkeit zu beginnen. Das Tischgebet – und sei es noch so kurz – gehört dazu. Eine schöne Geschichte habe ich immer wieder verwendet. Ein Bauer betet vor dem Essen im Restaurant. Der Kellner: Bei ihnen am Bauernhof beten wohl alle vor dem Essen? Nein, sagt der Bauer: Nicht alle. Die Schweine nicht, die Hühner nicht, die Kühe nicht.
  3. „Das Weihwasser aus dem Weihbrunn am Übergang erinnert mich an die Taufe“. „Weihbrunn“ ist kein neues, sondern ein altes Wort, das ich aus der Kindheit kenne. Ein kleiner Behälter mit Weihwasser bei der Haus- oder Wohnungstür macht es mir möglich, beim Verlassen des Hauses mich ganz bewusst unter den Segen Gottes zu stellen in Erinnerung an meine Taufe, mein Christ-Sein.  Das gibt mir Kraft und Orientierung, mich als Christ in der Welt zu bewähren. Wenn Kinder das sehr bald „lernen“, dann kann ihnen der Weihbrunn ein „Orientierungsbrunnen“ für das ganze Leben sein.

Nichts Neues sagen jetzt hoffentlich viele. Stimmt. Es ist damit ja auch die tiefste Sehnsucht des Menschen nach Orientierung, nach Gemeinschaft und dem Gesegnet-Sein angesprochen. Die Frage ist ja nur, ob die Kirche diese Sehnsucht mit Ritualen und Symbolen füllt, oder die Ritual- und Symbolmaschinen der neoliberal geprägten Wirtschaftswelt. Dort geht es nämlich schlicht und einfach um die „Austreibung des Anderen„. Und genau das steht konträr zu Mt 25, 31ff. Und Danke der Jugend, dass sie sich Gedanken macht.

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