Archiv für die Kategorie „Community Commons“

„Ende September haben wir die Hochzeit unseres Sohnes mit seiner Braut gefeiert. Sie haben sich als Motto – „gemeinsam am liebsten“ – genommen. Viele junge Leute spüren, dass allerorts gerade etwas verloren geht. Das Gemeinsame, die Verbundenheit, die Verbindlichkeit. Aber der Mensch ist immer in Gefahr, das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren und nur mehr den eigenen Bauchnabel zu sehen, um den sich die ganze Welt dreht oder zumindest drehen soll.

Vor 2000 Jahren haben die ersten Jesus-Anhängerinnen und Jesus-Anhänger damit überrascht, dass sie alles gemeinsam hatten. Mit dieser Tatsache haben sie aber auch überzeugt. Viele haben diese Sehnsucht gespürt. Die Bibel schildert die ersten Christinnen und Christen als liebevolle Gemeinschaft, genährt aus der Nähe zu Gott, den sie als Vater, als Mutter gesehen haben. Jesus hat ihnen diese Sicht eröffnet. Sie haben gegen den Trend der damaligen Zeit nicht auf Egoismus, Durchsetzung des Stärkeren oder das banal Irdische gesetzt, sondern auf das Miteinander, das Füreinander, selbst mit den Geringsten, den Outsidern, den Fremden. Gott kommt uns im Fremden entgegen.

„Die Austreibung des Anderen“ heißt das top aktuelle Buch des Sozialphilosophen Byung-Chul Han. Er schreibt: „Die heutige Kultur der Leistung und Optimierung lässt keine Arbeit am Konflikt zu, denn sie ist zeitintensiv. Wir kennen nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt.“

Das Buch unseres Hochzeitspaares heißt eher „Die Öffnung auf den Anderen hin“. In allen Dimensionen, im Gelingen und Scheitern, im Verstehen und Missverstehen, im Lieben bis hin zur Lieblosigkeit. Heute wird Familie klein gesehen. Mutter, Vater, Kind – alleine, isoliert, unter sich und damit eine dauernde Überforderung. Der Mensch ist hineingeschaffen in ein größeres WIR. Früher sagte man Großfamilie, Sippe, Verwandtschaft, über die leibliche Familie hinaus. Da sind Generationen, da sind FreundInnen, da sind WegbegleiterInnen, da ist ein tiefes Gespür für die Weisheit der Welt, die auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika LaudatoSi ausgedrückt hat: Alles ist mit allem verbunden. Die Orientierung am unbedingten Eigennutzen schwindet. Wir leben gemeinsam in einer Welt, die uns Mitwelt ist. Das ist nicht einengend gemeint, sondern tragend. Liebe, Compassion, Vertrauen, Empathie und Achtsamkeit sind die Seile, die hier gespannt werden. Diese junge Beziehung ist eine gelebte Ermutigung, immer offen zu bleiben für das neue Zusammenschwingen. Das „Und sie hatten alles gemeinsam“ der erste Christinnen und Christen gründete sich wahrscheinlich darauf, dass diesen Menschen damals auch „gemeinsam am liebsten“ war. Sie haben damit den Willen Gottes und die Sehnsucht der Menschen getroffen. Byung-Chul Han bringt in seinem Buch die Gastfreundschaft als höchsten Ausdruck der universellen Vernunft ins Spiel. Mit ihrer Freundlichkeit ist sie imstande, den Anderen in seiner Andersheit anzuerkennen und willkommen zu heißen. Wörtlich: „Freundlichkeit bedeutet Freiheit. Eine Politik des Schönen ist die Politik der Gastfreundschaft. Fremdenfeindlichkeit ist Hass und hässlich.“

Übrigens: Die Hochzeit selber habe ich als schönes, tiefes und ausgelassenes Fest dieser zusammenschwingenden Gastfreundschaft, Freiheit und Freude erlebt, einfach, mit viel Musik, Tanz und wunderbaren Gesprächen. Ein schönes und tragendes Netz, das sich für die beiden jungen Eheleute hier gespannt hat.“

Hier der Zwischenruf zum Nachhören.

Bei einem Meeting hier in Wien bin ich heute zufällig mit der Klima- und Nachhaltigkeitsexpertin Helga Kromp-Kolb zusammengetroffen. Wir haben uns beide noch gut erinnert an das Gespräch im September 2015, das ich für den Bericht in den ON-Ordensnachrichten mit ihr geführt habe. „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ stand damals am Türschild. Die Meteorologin ist für mich eines der wichtigsten Gesichter für den Appell, endlich etwas zu tun für einen neuen Lebensstil, der uns gut und nachhaltig alle miteinander auf der Weltkugel nicht nur überleben, sondern inklusive Enkerl in die Zukunft hinein gut leben lässt. Aber: Es schaut nicht gut aus. Beim Meeting sind wir immer wieder zu dem Punkt gekommen, wer oder welche Maßnahmen oder Personen diesen Change kraftvoll anstoßen und betreiben können. #SystemChangeNotClimateChange haben wir damals – 2015 – zu Fuß als Klimapilger Richtung Weltklimagipfel in Paris getragen. Wir haben Projekte gesehen, die schon längst den Anfang gemacht haben. Sie werden nur (noch) nicht gehört von denen, die „steuern“, die „entscheiden“ oder durch ihre Entscheidung wirklich „ändern“ können. Wir wissen alle: So kann und darf es nicht weitergehen mit dem Raubbau an unserer „Mutter Erde“, die wir Christen als „Schöpfung Gottes“ sehen und niemals als menschlichen „Besitz“. Wir sind maximal Pächter und unser Auftrag ist, „das Erbe“ sorgsam weiterzugeben.

Ab 1. August auf Pump

Heute 30. Juli 2018 habe ich mir die Seiten 10/11 in der Krone kopiert. Ich gestehe: Sehr oft kommt das nicht vor. Aber heute war der Titel eine ganz klare Botschaft: „Der Erde als Sklavin unseres Lebensstils“. Am 1. August ist verbraucht, was uns zusteht durch das „Nachwachsen“. „Welterschöpfungstag“ – so wird dieser Change hinein in den Pump bezeichnet. Die Welt ist erschöpft und der Mensch gibt überall Gas. 93 Tage (drei Monate) würden wir gewinnen, wenn der CO2-Ausstoß um 50% verringert würde. Wir geben Gas und testen 140 km/h auf Autobahnen. Die Flieger am Himmel und auf Flughäfen haben nicht mehr genug Platz und immer mehr und billiger werden Menschen durch die Lüfte gekarrt. Wir wissen: Flugzeuge und das Auto sind die Hauptverursacher. Aber ist das alles noch zu ändern? Nein. Man sieht das auch in der angesprochenen Krone, wenn ein paar Seiten weiter ganzseitige Autowerbung und günstige Flüge angeboten werden. Spätestens dort giert er schon wieder nach dem „billigsten Angebot für noch mehr“. Und dann treffe ich Menschen, die den gottlosesten Satz aller Sätze sagen: „Auf mich kommt es eh nicht an. Des is wuarscht.“

Persönliche Entscheidungen

Heute früh im Bus vom Bergdorf zum Bahnhof unterhalte ich mich mit meinem Bruder (er ist Radon- und Licht-Spezialist) über die Situation rund um den Attersee an Wochenenden bei Schönwetter. Alles staut, nichts geht mehr, Gestank und Lärm neben und am „Erholungssee“. Was müsste passieren, dass die vergangenen „Sünden“ aufgehoben werden? Aus meiner Sicht ist es das Auto und das Privatbesitz-Denken. Die Menschen suchen mit dem falschen Verkehrsmittel (Auto) nicht den See, sondern ihr Grundstück. Fatal. Auto hat mit Autismus zu tun. Und Privatbesitz mit „abgesondert, für sich“. Und genau darin steckt die „Wurzel-Sünde“, die „verkehrte Sichtweise“. Die Erde ist das Gemeingut, das alle tragen, ernähren, schützen und Lebensfreude geben möchte. Aber: Einige glauben, dass die Erde ihnen gehört. Genauso der See, die Straße, das Wasser, die Luft. Wir sind aber dazu da, sie behutsam zu nutzen und sie nicht mit unserem Egoismus und der darin gründenden Bequemlichkeit „auszubeuten“. Jede Entscheidung zählt. Ich persönlich fliege nicht mehr, ich fahre mit meinen drei Jahreskarten fast ausschließlich mit Öffis und erlebe dabei eine ganz besondere Lebensqualität. Ich genieße den Naturgarten und ernte daraus für den Eigenbedarf. Ich kaufe lokal ein und habe noch nie etwas bei Amazon oder dergleichen bestellt. Meine kürzeren Alltagswege gehe ich zu Fuß und es gibt keinen Lift. Trinkwasser aus der Leitung bekommt der Garten keines. Und alles das erlebe ich nicht als Verzicht, sondern als besondere Lebensqualität. Wenn es jetzt sehr heiß ist, dann lese ich in LaudatoSi, dass genau Klimaanlagen Gift sind. Sie verbrauchen mittlerweile weltweit mehr Energie als die Heizungen. Ein bisschen Schwitzen einige Tage im Jahr sind „drinnen“. Es ist die kleine Versuchung Tag für Tag, auf Kosten der Anderen und auf Kosten von Mutter Erde zu leben. Laut einer aktuellen IMAS-Umfrage hält es ein Drittel der Bevölkerung für wichtig, „ein einfaches Leben zu führen“. Das Drittel wird auf Dauer zu wenig sein. Das werden Anreize nicht schaffen. Da wird die Politik mit Gesetzen schützend vor die Erde treten müssen. Die globalen Ausbeuter(-Mechanismen) müssen in die Schranken gewiesen werden. Und vielen „inneren Schweinehunden“ werden wir eine außerirdische Planetenbahn eröffnen, damit Mutter Erde nicht weiter Sklavin unseres Lebensstils ist.

„Information-Diskussion“, die Zeitung der Kath. ArbeitnehmerInnen Bewegung Oberösterreich, hat mir sieben Fragen gestellt.

Unsere Zeit ist geprägt von Vielfalt, Beliebigkeit, vielfältigen Arbeits- und Lebensentwürfen, Informationsflut und Kurzlebigkeit. Ist heute „Meinungsbildung“ herausfordernder als im Vergleich zu vor 20 Jahren und warum?

„Meinungsbildung“ hat sich grundsätzlich verändert. Waren früher hierarchische Meinungsbildungsprozesse prägend, sind es jetzt Netzwerke. Der Mensch wird heute zwar als Subjekt bezeichnet, dient aber auf dem „Markt aller Möglichkeiten“ als Objekt für die verschiedenen „Händler“: Der Mensch wird aufgesplittert in Konsument, Wahlstimme, Vereinsmitglied, Gewerkschaftsmitglied, Kirchenbeitragszahler, Familienvater/-mutter, Sportler, Gläubiger usw. Es ist heute praktisch unmöglich geworden, „den ganzen Menschen anzusprechen“. Außerdem: Es sind nicht Botschaften, die Menschen prägen, sondern Personen. Und wenn es Botschaften sind, dann mit hohem finanziellen Aufwand. Man denke konkret an die tägliche Werbeflut der Konzerne.

 

Wie schwierig ist es derzeit für Medienmenschen, objektiv zu berichten und auch über Sachverhalte, Zusammenhänge, Hintergründe zu informieren?

Ich behaupte: Es gibt nur mehr ganz wenige Journalisten, die kritisch und unabhängig von den PR-Abteilungen agieren. Der Falter des Florian Klenk ist ein Beispiel. Fakt ist, dass die PR-Abteilungen in den letzten Jahren 4x so groß geworden sind und die journalistischen Redaktionen sich um 1/3 verkleinert haben. Fakt ist, dass PR-Texte oft 1:1 abgeschrieben werden, weil es keine Zeit mehr gibt, selber zu recherchieren. Fakt ist auch, dass immer öfter Redaktionen auf geschickt gemachte „Fake News“ hereinfallen. Fakt ist auch, dass die Kronenzeitung, Heute und Österreich ihre eigene Wahrheit zusammenstellen. Sie ist derzeit „Kurz“ und „Strache“, basiert auf Ausgrenzungsgelüsten und trägt ein „heimatverbundenes konservatives klerikales Kirchenbild“ vor sich her. Mein Zugang: Immer probieren, „ungeschminkt hinschauen und sich selber ein Bild machen“.

 

Interessiert fundierte Information das Gros der Menschen überhaupt noch oder wollen sie unterhalten werden?

Die große Breite wird unterhalten, ob sie nun will oder nicht. Viele Menschen können Information und Unterhaltung nicht mehr unterscheiden. Das Leben wird zum Spaß hin entwickelt. Mir hat das Buch „Die Austreibung des Anderen“ sehr geholfen, unsere grundsätzlich schiefe Ebene hin zur „individualisierten Welt“ aufzuzeigen: Scheinbar Individuum und dabei das immer Gleiche. Das Fremde, das Andere wird ausgeblendet. McDonalds schmeckt auf der ganzen Welt gleich. Das erleben viele Menschen als
Gewinn, als „Erleichterung“. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es einen tiefen Hunger nach Gemeinsamkeit, nach Zusammenhalt und „Hintergrund“. Nach Ausbrechen aus der Masse und dem Leben wieder einen unverwechselbaren Geschmack geben. Die Abos von „Die Zeit“ steigen. Ein neues Reisen nimmt Gestalt an und will direkt zu den Menschen, „die ganz anders leben (müssen)“.

 

Haben Qualitäts-Medien noch den Anspruch, meinungsbildend zu sein?

Ja, unbedingt. Und sie sind es auch. Langfristig. Die jeweilige Zielgruppe ist vielleicht klein, aber wichtig.

 

Wie gehen Medienmenschen damit um, dass PolitikerInnen, FirmensprecherInnen usw. rhetorisch meist gut geschult sind und Fragen nicht mehr beantworten, sondern ihr „Programm“ abspulen?

Als ich bei den Ordensgemeinschaften vor fast sechs Jahren in Wien begonnen habe, hat mir eine befreundete ORF-Mitarbeiterin geraten: „Bitte, coache deine Leute nicht auf!“ Das hat mich bestärkt in dem, was ich gewusst habe: Führe die Verantwortlichen in ihre eigene Stärke und Kommunikationsart. Dass wir authentisch sind und „rüberkommen“. Und unsere Präsidentin, unser Vorsitzender sind die, die sie sind. Auch in den Medien. Langfristig trägt das. Hier sind auch Social Media ein Gewinn, weil wir auch dort unsere Anliegen und Personen in das Kommunikationsgeschehen einbringen können.
Das Regierungsprogramm wurde zB von P. Franz Helm im Sinne von „Christlich geht anders“ kritisch beleuchtet. Das kam nicht groß in den Massenmedien und doch ruft uns eine Mutter aus dem Waldviertel an und bedankt sich dafür.
Die Leute spüren sehr gut, ob etwas aufgesetzt oder authentisch ist. Daran glaube ich nach wie vor.

 

Sind Medien noch „die 4. Macht im Staat“? Und stimmt der Eindruck, dass kritische Berichterstattung gerne als „links, weltfremd, Gutmenschentum“ diffamiert wird?

Medien sind eine bedeutende Macht. Sie müssen sich entscheiden: Gehören sie zu den Herrschenden und Konzernen, oder zu den Menschen. Ich weiß schon, dass das übertrieben klingt. Aber heute sind Medien Unternehmen wie alle anderen, auf Gewinn ausgerichtet. Inserate machen die Basis aus. Außerdem ist seit geraumer Zeit das „Framing“ (Anm.: bewusst einen bestimmten Deutungsrahmen herstellen) eine besondere Spezialität. Alles, was den Erfolg einer neoliberalen Wirtschaft stört, wird in den Rahmen „links, weltfremd, Träumer, Gutmenschentum“ hineingestellt. Die letzte Wahl hat gezeigt: Zwei Drittel der Menschen wählten „rechts“ und das ist „neoliberale, kapitalistische Systemkonformität“. Alles andere wird es in den nächsten Jahren schwer haben, überhaupt medial entsprechend vorzukommen.

 

Neben öffentlich-professionellen Medien gewinnen zunehmend „private“ wie Facebook und Co. an Bedeutung. Durch die sozialen Netzwerke verselbstständigt sich „Meinungsbildung“, auch mit den bekannten negativen Folgen von Fake News, Bots etc.  Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Der Mensch braucht drei Dinge fundamental: 1.) Werte, die ihm Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden helfen. 2.) Rituale, um den Alltag sinnvoll bewältigen zu können und die Arbeit als sinnvoll zu erleben. 3.) Zugehörigkeit und Zusammenhalt in Zeiten der tiefgehenden Vereinzelung, die oft zur Einsamkeit führt.  Social Media enthalten die Möglichkeit, Menschen in diesem Sinne „zusammenzuführen“. Negativ kann sich eine abgeschottete „Blase“ entwickeln. Positiv können hier „ausstrahlende und attraktive Communities“ gebildet werden. Die analoge haptische Community ist immer die „Absprungbasis“ hinein in die mediale Vernetzung. Auch die KAB sehe ich hier: Es geht darum, aus einer anschlussfähigen Identität heraus ein klares Profil zu entwickeln, das medial und über Social Media einladend verbreitet wird. Meine Lieblingsfrage ist: Wie geht „raus“? Aber da sind wir bei Jesus. Und er war nicht nur Sohn Gottes, sondern auch ein Kommunikationsprofi.

Der direkte Link zum Beitrag auf Seite 6/7.

Wer möchte nicht auf ein geglücktes Leben zurückschauen? Glück hat viel mit der inneren Haltung zu tun. Da gibt es eingebaute Bremser, die dem Glück bei der Ankunft im Wege stehen. Es sind vor allem Ängste. Vor Zurückweisung, vor Veränderung, vor Liebesentzug oder vor Konflikten. Und genauso sind Eitelkeit und Selbstverliebtheit keine Landebahnen für das persönliche Lebensglück. Wer sich davon befreien kann, sich befreien lassen will, wird „glücksfähig“.

Das ganz Andere stärkt uns

Wir kennen die Beschleuniger hin zum Glück. „Begeisterung“ lässt die Zeit und Anstrengung schwinden, die „Liebe“ löst die Barrieren.Eine bewusste Offenheit auf „Intuition“ lässt Entscheidungen „kommen“. Dahinter stehen Lebenshaltungen und persönliche werte. „Alles ist geliehen“ steht gegen das besitzergreifende Besitzdenken. „Konzentrier die auf den Weg“ lässt dich nicht stehen und Bewegung verändert Perspektiven. „Übernimm Verantwortung“ lässt dich vom Ausredenkarussell springen und die „Opferkiste“ wegräumen. „Sammle und verteile Reichtum“ sind andere Worte für das Teilen und den Primärsinn  für das Gemeinsame. „Achte auf eine ausgeglichene Lebensbilanz“ streicht die Wichtigkeit eines ausbalancierten Lebens hervor. Menschen, die in der Mitte sind, erleben wir als „Glücksbringer“. Von Grantlern und Nörglern wissen wir, dass sie sich als zehrende Bremser herausstellen. „Betrachte alles gleich-gültig“ steht gegen das dauernde Bewerten-Müssen: Gut, schlecht. Teuer, billig. Bringt was, bringt nix. „Einfach ungeschminkt wahrnehmen“ lässt das ganz Andere zu, auf uns zukommen, uns bereichern, stärkt uns.

„Wir leben heute im neoliberalen System, das zeitstabile Strukturen abbaut, die Lebenszeit fragmentarisiert und das Bindende, das Verbindliche zerfallen lässt, um die Produktivität zu erhöhen. Das erzeugt Angst und Unsicherheit. Die Vereinzelung, die mit Entsolidarisierung und totaler Konkurrenz einhergeht, bringt diese Angst hervor. Die perfide Logik des Neoliberalismus lautet: Angst erhöht Produktivität.“

Verbindend und vertiefend

Am Rande der Tagung „ReThinking Europe“ im Herbst 2017 in Rom  habe ich das wertvolle Buch „Die Austreibung des Anderen“ von Byung-Chul Han gelesen. Es ging bei der Tagung mit Delegationen aus allen 28 EU-Staaten darum, die Zukunft Europas auszuloten und ganz besonders den „verbindenden und vertiefenden Beitrag der ChristInnen“ in den Fokus zu nehmen. Papst Franziskus hielt dabei seine fünfte „Europarede“. Und diese Rede finde ich nachlesenswert.

Ansammlung von Egoisten

Zurück zum Buch. Han vermittelt darin auf 100 Seiten einen ungeschminkten Blick darauf, was hinter der Bühne heute europaweit und weltweit „abgeht“. Auf Seite 35 recht treffend: „Das heutige Leistungssubjekt – gemeint ist der Mensch – kennt nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Darin ähnelt der Mensch der Maschine. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt. Entweder funktionieren sie einwandfrei oder sie sind kaputt.“ Da schlägt Papst Franziskus in #LaudatoSi einen ganz anderen Ton an. Nicht entweder-oder sondern und-und.

Zeit für Utopien

Am 12. Dezember 2017 durfte ich bei einer Vorführung der Rohfassung des Filmes „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein dabei sein. 94 Minuten die Suche nach Alternativen zum Turbo-Kapitalismus. Und Langbein ist mit seinem Team in Europa, Afrika und Asien fündig geworden. Der Mensch ist von Natur aus auf „Kooperation“ aus. Erst die Angst macht ihn zum Egoisten wie oben beschrieben. Gier und Ausbeutung ohne Rücksicht auf ökologische Verluste lässt ihn handeln. Langbein’s Film wird ab April 2018 in den Kinos sein. Er spürt Beispiele auf, wo Kooperation, genossenschaftliches Handeln praktiziert wird. Überzeugend das Beispiel der 1,5 Millionen Konsumenten in Korea, die über die gemeinsame Genossenschaft mit ihren Bauern direkt verbunden sind und so eine ökologisch-partnerschaftliche Produktion ihrer hochwertigen Lebensmittel ermöglichen.
Beim Hinausgehen steigt immer wieder der Gedanke in mir auf: Warum haben sich die Bauern, die Konsumenten bei uns in den letzten Jahrzehnten ihre Genossenschaften „wegnehmen“ lassen und an kapitalistische, auf Profit ausgerichtete und über Gier und „Noch-Mehr“ gesteuerte Konzerne „übergeben“. „ReThinking“ fällt mir da wieder ein. Eine Besinnung auf das Gemeinsame, das uns verbindet und trägt. Es gibt unglaublich viel zwischen „Funktionieren und Kaputt“. Es wird Zeit, dass diese Utopien Platz nehmen.

Alljährlicher Christkönigssonntag als Finale des Kirchenjahres. Dort, wo es in den Pfarren eine Jugend gibt, dort sind sie spätestens heute gefragt, präsent. Auch bei uns im Bergdorf heute mit dem Jugendchor, der Gestaltung des Gottesdienstes inklusive der Predigt. Das Evanglium Mt 25,31-46 nicht gerade einfache Kost. Da wird uns vor Augen geführt, was ihm Leben tatsächlich zählt, wenn wir als „Jesuaner“ leben, nachfolgen wollen. Die Werke der Barmherzigkeit sind mehr denn je gefragt. Unsere jungen Menschen machen sich Gedanken, wie sie ihr Christ-Sein finden und zeigen können. Rosenkranz, Tätowierungen, äußere Zeichen, Bibellesen wurden angesprochen. Hilfsmittel, um sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Fix ist da für sie gar nichts. Aber: Es hilft, sich Gedanken zu machen. Und das haben sie als Kernbotschaft heute hinterlassen: Sich Gedanken machen. Da ist schon sehr viel gewonnen.

Der Bischof kann öffnen

Dieser Tage waren wir einen Abend lang mit dem neuen Bischof von Innsbruck Hermann Glettler zusammen. Ein weltoffener, weit denkender und handelnder Mensch. Es tut gut, wenn vor einem Bischof  zuerst das „geöffnet“ kommt. Offen für die Menschen, die Zeit, die Herausforderungen, die Situationen, die verelendeten Gebiete dieser Welt, drinnen in den Seelen genauso wie draußen. Und man sieht im die Unerschrockenheit und den Mut an. Gerade die Bischofsweihe in der Olympiahalle zeigt das Hinausgehen, den neuen Kontext und ermöglicht eine breite Involvierung. Da werden wir andeutungsweise etwas von den amerikanischen Großkirchen erleben. Dort war er immer wieder einmal.  In jedem Fall will er raus zu den Menschen und er weiß, dass er als Bischof ein ganz großes Tor aufsperren kann (und muss).

Das Vorzeichen

Das Suchen des „christlichen Kerns anhand von Ritualen und Symbolen“ in Familien wird ganz entscheidend werden, wenn in Zukunft eine christliche Inspiration hinein in die Gesellschaft wehen soll. Immer wieder taucht die Frage auf: Woran erkenne ich eine christliche Familie? Meine Antwort geht immer dorthin: an der gelebten Liebe und Offenheit gerade auch für Menschen in Not. Man weiß von einer Studie in Deutschland, dass christlich geprägte Menschen mehr als doppelt so viel spenden. „Da wird geholfen, die helfen zusammen, da wird keiner im Stich gelassen, sie singen miteinander, essen und beten, suchen Gott, rechnen mit ihr, vertrauen ihm, lachen.“ So irgendwie könnte das Vorzeichen vor dem Leben eines Christen, einer Christin lauten. Wir wissen: Der heutige Mensch ist „produktorientiert“. Alles Marketing und Wirtschaften geht auf ein Produkt hin. So wird auch Religion nicht umhin kommen, sich in „Produkten“, Ritualen und Symbolen zugänglich zu machen. Das habe ich mit Bischof Glettler im kleinen Kreis angesprochen. Und er hat viel Verständnis dafür, weil er die Menschen heute „kennt“.

Fokus auf drei Ritual- und Symbolfelder

Drei wichtige Symbole und Rituale schlage ich für christliche Familien vor, auf die wir unser inneres Wachstum und unsere Erkennbarkeit bauen können. Es ist nicht der Weg selber, sondern es sind Wegzeichen, Hinweise. Beim Gehen orientiere ich mich an den Schildern und gehe nicht auf ihnen. So sind diese drei „Wichtigkeiten“ zu verstehen:

  1. „Jesus in unserer Mitte“. Diese Tatsache drücken wir durch ein Bild, ein Kreuz, ein Symbol aus und hängen, stellen es in unsere Mitte. Der frühere Herrgottswinkel war das, ist das. Diese Symbole sind nicht alt, sondern heutig in unserer Mitte in der „Geschmacksrichtung“ der heutigen Menschen. Nicht, weil es immer so war, sondern weil es für uns wichtig ist, ist das Kriterium.
  2. „Gemeinsam essen mit einem Tischgebet“. Ich weiß von vielen Familien, dass sie es nicht mehr schaffen, gemeinsam rund um den Tisch zu sitzen. Der Konsumismus will ja, dass wir uns individuell füttern direkt am Kühlschrank direkt aus dem Supermarkt gefüllt. Da brauche ich niemanden mehr. Nein doch: Der Fernseher darf mit mir essen. Eine christlich geprägte Familie schaut, so oft es geht, gemeinsam rund um den Tisch zu sitzen (Tisch gehört in unseren Kulturkreis) und das Essen mit einem Innehalten, dem bewussten Aus- und Einatmen und einem Gebet aus Dankbarkeit zu beginnen. Das Tischgebet – und sei es noch so kurz – gehört dazu. Eine schöne Geschichte habe ich immer wieder verwendet. Ein Bauer betet vor dem Essen im Restaurant. Der Kellner: Bei ihnen am Bauernhof beten wohl alle vor dem Essen? Nein, sagt der Bauer: Nicht alle. Die Schweine nicht, die Hühner nicht, die Kühe nicht.
  3. „Das Weihwasser aus dem Weihbrunn am Übergang erinnert mich an die Taufe“. „Weihbrunn“ ist kein neues, sondern ein altes Wort, das ich aus der Kindheit kenne. Ein kleiner Behälter mit Weihwasser bei der Haus- oder Wohnungstür macht es mir möglich, beim Verlassen des Hauses mich ganz bewusst unter den Segen Gottes zu stellen in Erinnerung an meine Taufe, mein Christ-Sein.  Das gibt mir Kraft und Orientierung, mich als Christ in der Welt zu bewähren. Wenn Kinder das sehr bald „lernen“, dann kann ihnen der Weihbrunn ein „Orientierungsbrunnen“ für das ganze Leben sein.

Nichts Neues sagen jetzt hoffentlich viele. Stimmt. Es ist damit ja auch die tiefste Sehnsucht des Menschen nach Orientierung, nach Gemeinschaft und dem Gesegnet-Sein angesprochen. Die Frage ist ja nur, ob die Kirche diese Sehnsucht mit Ritualen und Symbolen füllt, oder die Ritual- und Symbolmaschinen der neoliberal geprägten Wirtschaftswelt. Dort geht es nämlich schlicht und einfach um die „Austreibung des Anderen„. Und genau das steht konträr zu Mt 25, 31ff. Und Danke der Jugend, dass sie sich Gedanken macht.

Es ist noch finster. Für 7 Uhr ist der Abgang in Bad Goisern im Hand.Werk.Haus eingetaktet. Geschlafen habe ich wunderbar. Motivation ist da. Das ab 6 Uhr vorbereitete Frühstück ist nicht in Scheinwerferlicht gestellt und daher nur mit offenen Augen in seiner vollen Pracht zu sehen. 160 Frauen und Männer, jung und älter, trudeln mit der Zeit im Hof ein. Alle werden wir aufbrechen, um dann 24 Stunden lang ausschließlich zu Fuß über die Berge unterwegs zu sein. Brot, Marmelade, Käse und etwas Joghurt. Das Frühstück ist getan, der Rucksack bereit, die Stöcke auf Länge. Das „Bleibe-Gewand“ lege ich in einen Beutel, um im „Geh-Gewand“ die Strecke zu bewältigen. Die Sonne wird uns nicht einheizen, eher der Regen nässen. Die Regenhose bleibt von Beginn bis zum Schluss angezogen. Sie ist angenehm zu tragen und schützt vor Nässe von oben genauso wie vor dem Nass der Gräser am Wegrand. Immer ein trockenes T-Shirt und einen trockenen Pulli für die Pausen dabei. Das habe ich beim Weitgehen gelernt: Nie nass sitzen. Ansonsten ist meine Philosophie, dass ich nass gehe. Das heiß, wenn ich von innen (Schweiß) und/oder außen (Regen) nass werde, dann ziehe ich nach den Pausen die nassen Sachen wieder an. Eh klar, werden die einen sagen. Igitigit, sagen die anderen. Wer das annehmen kann, für den wird der Rucksack wirklich leicht. Und er ist heute leicht. In den Pausen werden wir versorgt. Die Route ist mit 66 km und 2.900 Höhenmeter vorgegeben. Die Guides haben sie schon mehrmals unter die Füsse genommen. Da bin ich mir sicher und darauf ist Verlass. Gerlinde Kaltenbrunner nimmt das Mikro in die Hand, begrüßt uns alle mit ihrer angenehmen, fast leisen Stimme und ermutigt uns. Da Gespräch mit ihr in Windischgarsten zu „Viel mehr Glück“ schwingt bei mir mit. Die Sponsoren und die Organisatorinnen bekommen auch noch kurz das Wort. Der Betrag von 14.000.- EUR (unser aller Startgeld) wird im Herbst nach Nepal überbracht, um Schulen weiter auszubauen und die Erdbebenfolgen „aufzuarbeiten“. Da habe ich gerne dazugelegt. Für Nepal. Und Nepal geht mit, mit jedem Schritt, die Menschen, die Projekte. Es sind für mich 24 Stunden „meditatives Gehen“ zusammen mit den Menschen in Nepal.

Die Gespräche und das Schweigen

Die Route ist schnell erklärt: Bad Goisern, hinauf zur Goiserer Hütte, hinunter nach Gosau, hinauf zur Rossalm, hinüber nach Hallstatt, den Soleweg hinaus nach Steeg, hinüber nach St. Agatha, hinauf bis fast auf den Gipfel des Predigstuhl bei Nacht und wieder hinunter über die Ewige Wand nach Bad Goisern. Um 7 Uhr früh starten wir und kommen um 6.45 Uhr früh wieder zurück. Ich habe nicht gezählt, aber es waren über 19 Stunden reine Gehzeit. Die Hälfte bei Tageslicht und die andere Hälfte mit Stirnlampe. Das Wetter war „verhangen“. „Nebelreißen“ war am Vormittag und Nachmittag unser „Anfeuchter“. Dann wurde es trockener. Der erwartete nächtliche Regen hat uns verschont. Herausfordernd war es aber allemal. Ich selber habe die Gespräche mit den verschiedenen zum Teil mir bisher unbekannten Menschen genossen. So viel Lebenserfahrung, so viele Weltreisende neben mir, Suchende und Sehnsüchtige, tolle Menschen mit Engagement in jeder Hinsicht. Oft hat sich schon bestätigt: In die Berge gehen Menschen, die hell, wach und open minded sind. Selten was Dumpfes dort angetroffen. Gerade auch das lange Gespräch mit Gerlinde Kaltenbrunner hat mir wieder gezeigt, wie „spirituell sehnsüchtig“ die Menschen heute sind. Auch sie erlebt das bei ihren Vorträgen, ihren Seminaren, am Weg. Ich erzähle ihr, dass gerade auch Orden „spirituelle Sehnsuchtsorte“ sind oder zumindest sein könnten. „Die Menschen suchen Tiefe und Weite und finden oft Oberflächlichkeit.“ Solche Gespräche nähren, ermutigen, stärken.  Genauso wie das Gespräch mit dem „Geldüberbringer“ nach Nepal von den Naturfreunden St. Pölten. Jahrelang engagiert und immer wieder „drüben“, um aufrichten zu helfen. Mit der Finsternis kurz vor dem Salzbergwerk Hallstatt wurden die Gespräche am Weg weniger. Gegen Mitternacht hat sich ein Schweigen eingestellt, das gegen 3 Uhr morgens durchgängig wurde. Die Schritte, die aufschlagenden Stöcke liegen im Ohr und der Lichtkegel der Stirnlampe vor Augen. Das ist jetzt meine Welt in Bewegung.Bei mir stellt sich eine Blase ein, am linken Fuß. Aus meiner Sicht ein Zeichen für eine „Schwachstelle“. Aber es geht. Die Schritte zurück in den Ort Bad Goisern auf dem alten Kirchensteig „passieren“. Die Füsse gehen mit mir, leichte Schmerzen von der Fußsohle flüstern mir ins Ohr. Gut angekommen fallen wir uns um den Hals, gratulieren einander und ich bin dankbar. Für die Schritte, die Gemeinschaft und die Hilfe, die jetzt nach Nepal geht. Der Zug bringt mich heimwärts. Ich stelle den Wecker, weil ich weiß, dass ich einschlafen werde. Ein Erlebnis der besonderen Art.

Welt anschauen ist immer das Ziel, wenn wir mit Weltanschauen unterwegs sind. Schon vor einigen Tagen sind wir alle 27 TeilnehmerInnen wieder vollständig und gut von unserer ökologisch fundierten Reise „Einfach Pilgern in Siebenbürgen“ mit dem Zug zurückgekehrt. Ein Teilnehmer hat geschrieben: „Nochmals herzlichen Dank für Organisation und Führung, aber so ganz weiß ich noch nicht, wie ich das alles in meinem Inneren einsortieren werde.“ Das zeugt von tiefgreifenden Erfahrungen auf den 150 Kilometern am Marienweg von Tg Mures nach Schomlenberg (Csiksomlyo), das „Mariazell der Ungarn in Rumänien“. Über 200.000 Ungarinnen und Ungarn finden sich dort am Pfingstsamstag zur großen Feier ein.  Sind dann doch etwas mehr als in Mariazell, wie wir festgestellt haben. Der „Marienweg“ verbindet beide Pilgerziele. Ein Teilstück sind wir gegangen, gepilgert, gewandert.

Die Kraft der Gruppe

Am letzten Tag sind fünf Leute vom Team des Marienweges mitgepilgert. Sie wollten einfach sehen, wie die größte internationale Pilgergruppe unterwegs ist, die noch dazu ihre Rucksäcke selber tragen. Für mich selbstverständlich. Wie geht sonst das Weniger, wenn ich meinen Rucksack ohnehin dem Shuttle-Dienst übergeben könnte. Ihre erste Frage nachher in kleiner Runde mir gegenüber war: „Wann habt ihr die Lieder geprobt?“ „Gar nicht, sie waren einfach da.“ Ich betone, dass ich es als besonderes Geschenk betrachte, wenn in einer aus ganz Österreich frei zusammengewürfelten Gruppe gleich mehrstimmige Lieder „da“ sind. So wie das Singen, so hat uns das Gehen (übrigens 4,5 km/h durchschnittlich ohne Pausen), haben uns die Gespräche, das Zusammenstehen und die Impulse zusammengeführt und zusammengehalten. „Ich habe gehofft, dass ich es schaffe. Und jetzt stehe ich da.“ Das Essen schmeckt besser in der Gruppe und das Gehen wird „leichter“.

Die Einfachheit

 

Ich selbst habe mir in der Einsiedelei den Luxus gegönnt und bin mit der Zahnbürste in aller Frühe zum 200 Meter entfernten Brunnen gegangen. Das einzige Wasser. Da spüre ich, wie wesentlich diese Einfachheit wird. Und vieles wurde uns am Weg „wertvoll“, weil es so einfach und doch – wie beim Essen – so gut war. Einfache Matratzen, der Kübel als Dusche, das „Stadtcafe“ im Dorf ein kleiner Mini-Mix-Laden. Da lernst du den Kaffee besonders schätzen, weil er auf einmal unvermutet da ist. Ein Mann kommt mit seinem Pferdefuhrwerk vorbei, sein Sohn mit dabei, geht ins Geschäft, kauft sich fünf Eis und ein Bier, gibt alles in ein Sackerl und sie fahren weg. Es war Sonntag. Das war der Sonntag in der Familie. Und da gäbe es noch viele Beispiele, die wir gesehen, erlebt, bewundert, bestaunt haben.

Die Selbstversorgung

Durch die Dörfer gehend haben wir die Selbstversorgung „studiert“. Praktisch hatte jedes Haus alles im und rund um das Haus. Gärten, Wiesen, Felder und die entsprechenden Tiere. Alles da. Wenn nicht die korrupte Regierung alles an den Westen verkauft, sehen wir hier das ökologische Wirtschaften der Zukunft. #LaudatoSi Hier können alle überleben, auch wenn der Supermarkt geschlossen hat. Tagelang Subsistenzwirtschaft. Und so nebenbei erwähne ich, dass wir uns in keiner Sekunde irgendwie „bedroht“ gefühlt haben. Eher das Gegenteil: Unglaublich freundliche Menschen.

Die Ungleichheit

Einmal haben wir nach einem Dorf (es war vorwiegend ein Roma-Dorf) das Gefühl gehabt, durch das Dorf der massiven Ungleichheit gegangen zu sein. Am Ortseingang richtige Schlösser, die sich Roma-Anführer hier errichtet haben. Am Ortsende Elend, das wir gesehen haben und von den BettlerInnen bei uns kennen. Hütten, Verdecke, Planen und Plastikverschläge und alle aus demselben Roma-Stamm. Die Reichsten in unmittelbarster Nachbarschaft zum Elend. Da stimmte nachdenklich. Gibt es aber genauso im Westen.

Das Gehen in der Natur

Meine Erfahrung ist, dass die Natur die beste Therapeutin ist. Auf diesem Weg ist uns besonders schöne und ansprechende Natur begegnet. Die Seele nimmt diese Bilder nährend auf und ich trage diese Erinnerung immer durch den Winter. Dass wir Bärenspuren und Bärenlosungen gesehen haben, hat uns nicht überrascht. Dass uns Hunde eingekreist haben und mit uns Mittagsrast gehalten haben, gehört zur „Natur der Sache“. Ich habe nie Angst gespürt, weil wir Teil dieses Naturganzen inklusive der Schafherden waren, uns so gesehen und benommen haben. Der Pfarrer der Einsiedelei ist über zwei Stunden mit uns weitergegangen und immer wieder habe ich von ihm so leise dahinseufzend gehört: „Es ist fertig. Auch hier ist es fertig.“ Gemeint hat er zwei Dinge: 1. Die Familien sind abgesiedelt und die Häuser verfallen. 2. Durch den Klimawandel trocknen die Bäche und Quellen aus. Er war mit wenig Hoffnung gesegnet. Wir haben ihn durch mehrstimmige Lieder „ermutigt“, sein einfaches „Beispiel“ weiterzuleben. Mit ihm haben wir eine einfache Messe gefeiert. Ein glaubwürdiger Hirte.

Das Schweigen und Reden

Die Tagesimpulse dieses Jahres habe ich aus den „Quellen der Kraft“ genommen. #Atmen, #Mehr und Weniger, #Dankbarkeit, #Liebe, #Gebet und #Vertrauen sind die Zugänge zu einer „geöffneten Spiritualität“. Sechs Tage Gehen und sechs #Themen. Immer wieder haben wir erlebt, dass es nicht einfach ist, „die Komfortzone“ ehrlich zu verlassen, auf Gewohntes verzichten zu müssen und dort und da wortlos zu werden. Die Themen wurden immer „einfacher“, das Reden wandelte sich immer mehr in staunendes Schweigen. Am Ziel angekommen, sassen wir zuerst schweigend in der Kirche bis sich der mehrstimmige Chor in uns erhob. Wir waren happy, dass wir es geschafft haben. Alle.

Dass wir Schässburg, Birthälm, Brasov gesehen haben, erwähne ich nur so nebenbei. Das zusammentreffen mit der Caritas Alba Julia war wirklich erhellend und Bernadett ist mit uns den ganzen Weg gegangen, übersetzend und erzählend. #Danke

Und nächstes Jahr geht es nach Assisi (27. 9. – 7. 10. 2018).
#Vorfreude

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