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Es ist noch finster. Für 7 Uhr ist der Abgang in Bad Goisern im Hand.Werk.Haus eingetaktet. Geschlafen habe ich wunderbar. Motivation ist da. Das ab 6 Uhr vorbereitete Frühstück ist nicht in Scheinwerferlicht gestellt und daher nur mit offenen Augen in seiner vollen Pracht zu sehen. 160 Frauen und Männer, jung und älter, trudeln mit der Zeit im Hof ein. Alle werden wir aufbrechen, um dann 24 Stunden lang ausschließlich zu Fuß über die Berge unterwegs zu sein. Brot, Marmelade, Käse und etwas Joghurt. Das Frühstück ist getan, der Rucksack bereit, die Stöcke auf Länge. Das „Bleibe-Gewand“ lege ich in einen Beutel, um im „Geh-Gewand“ die Strecke zu bewältigen. Die Sonne wird uns nicht einheizen, eher der Regen nässen. Die Regenhose bleibt von Beginn bis zum Schluss angezogen. Sie ist angenehm zu tragen und schützt vor Nässe von oben genauso wie vor dem Nass der Gräser am Wegrand. Immer ein trockenes T-Shirt und einen trockenen Pulli für die Pausen dabei. Das habe ich beim Weitgehen gelernt: Nie nass sitzen. Ansonsten ist meine Philosophie, dass ich nass gehe. Das heiß, wenn ich von innen (Schweiß) und/oder außen (Regen) nass werde, dann ziehe ich nach den Pausen die nassen Sachen wieder an. Eh klar, werden die einen sagen. Igitigit, sagen die anderen. Wer das annehmen kann, für den wird der Rucksack wirklich leicht. Und er ist heute leicht. In den Pausen werden wir versorgt. Die Route ist mit 66 km und 2.900 Höhenmeter vorgegeben. Die Guides haben sie schon mehrmals unter die Füsse genommen. Da bin ich mir sicher und darauf ist Verlass. Gerlinde Kaltenbrunner nimmt das Mikro in die Hand, begrüßt uns alle mit ihrer angenehmen, fast leisen Stimme und ermutigt uns. Da Gespräch mit ihr in Windischgarsten zu „Viel mehr Glück“ schwingt bei mir mit. Die Sponsoren und die Organisatorinnen bekommen auch noch kurz das Wort. Der Betrag von 14.000.- EUR (unser aller Startgeld) wird im Herbst nach Nepal überbracht, um Schulen weiter auszubauen und die Erdbebenfolgen „aufzuarbeiten“. Da habe ich gerne dazugelegt. Für Nepal. Und Nepal geht mit, mit jedem Schritt, die Menschen, die Projekte. Es sind für mich 24 Stunden „meditatives Gehen“ zusammen mit den Menschen in Nepal.

Die Gespräche und das Schweigen

Die Route ist schnell erklärt: Bad Goisern, hinauf zur Goiserer Hütte, hinunter nach Gosau, hinauf zur Rossalm, hinüber nach Hallstatt, den Soleweg hinaus nach Steeg, hinüber nach St. Agatha, hinauf bis fast auf den Gipfel des Predigstuhl bei Nacht und wieder hinunter über die Ewige Wand nach Bad Goisern. Um 7 Uhr früh starten wir und kommen um 6.45 Uhr früh wieder zurück. Ich habe nicht gezählt, aber es waren über 19 Stunden reine Gehzeit. Die Hälfte bei Tageslicht und die andere Hälfte mit Stirnlampe. Das Wetter war „verhangen“. „Nebelreißen“ war am Vormittag und Nachmittag unser „Anfeuchter“. Dann wurde es trockener. Der erwartete nächtliche Regen hat uns verschont. Herausfordernd war es aber allemal. Ich selber habe die Gespräche mit den verschiedenen zum Teil mir bisher unbekannten Menschen genossen. So viel Lebenserfahrung, so viele Weltreisende neben mir, Suchende und Sehnsüchtige, tolle Menschen mit Engagement in jeder Hinsicht. Oft hat sich schon bestätigt: In die Berge gehen Menschen, die hell, wach und open minded sind. Selten was Dumpfes dort angetroffen. Gerade auch das lange Gespräch mit Gerlinde Kaltenbrunner hat mir wieder gezeigt, wie „spirituell sehnsüchtig“ die Menschen heute sind. Auch sie erlebt das bei ihren Vorträgen, ihren Seminaren, am Weg. Ich erzähle ihr, dass gerade auch Orden „spirituelle Sehnsuchtsorte“ sind oder zumindest sein könnten. „Die Menschen suchen Tiefe und Weite und finden oft Oberflächlichkeit.“ Solche Gespräche nähren, ermutigen, stärken.  Genauso wie das Gespräch mit dem „Geldüberbringer“ nach Nepal von den Naturfreunden St. Pölten. Jahrelang engagiert und immer wieder „drüben“, um aufrichten zu helfen. Mit der Finsternis kurz vor dem Salzbergwerk Hallstatt wurden die Gespräche am Weg weniger. Gegen Mitternacht hat sich ein Schweigen eingestellt, das gegen 3 Uhr morgens durchgängig wurde. Die Schritte, die aufschlagenden Stöcke liegen im Ohr und der Lichtkegel der Stirnlampe vor Augen. Das ist jetzt meine Welt in Bewegung.Bei mir stellt sich eine Blase ein, am linken Fuß. Aus meiner Sicht ein Zeichen für eine „Schwachstelle“. Aber es geht. Die Schritte zurück in den Ort Bad Goisern auf dem alten Kirchensteig „passieren“. Die Füsse gehen mit mir, leichte Schmerzen von der Fußsohle flüstern mir ins Ohr. Gut angekommen fallen wir uns um den Hals, gratulieren einander und ich bin dankbar. Für die Schritte, die Gemeinschaft und die Hilfe, die jetzt nach Nepal geht. Der Zug bringt mich heimwärts. Ich stelle den Wecker, weil ich weiß, dass ich einschlafen werde. Ein Erlebnis der besonderen Art.

Welt anschauen ist immer das Ziel, wenn wir mit Weltanschauen unterwegs sind. Schon vor einigen Tagen sind wir alle 27 TeilnehmerInnen wieder vollständig und gut von unserer ökologisch fundierten Reise „Einfach Pilgern in Siebenbürgen“ mit dem Zug zurückgekehrt. Ein Teilnehmer hat geschrieben: „Nochmals herzlichen Dank für Organisation und Führung, aber so ganz weiß ich noch nicht, wie ich das alles in meinem Inneren einsortieren werde.“ Das zeugt von tiefgreifenden Erfahrungen auf den 150 Kilometern am Marienweg von Tg Mures nach Schomlenberg (Csiksomlyo), das „Mariazell der Ungarn in Rumänien“. Über 200.000 Ungarinnen und Ungarn finden sich dort am Pfingstsamstag zur großen Feier ein.  Sind dann doch etwas mehr als in Mariazell, wie wir festgestellt haben. Der „Marienweg“ verbindet beide Pilgerziele. Ein Teilstück sind wir gegangen, gepilgert, gewandert.

Die Kraft der Gruppe

Am letzten Tag sind fünf Leute vom Team des Marienweges mitgepilgert. Sie wollten einfach sehen, wie die größte internationale Pilgergruppe unterwegs ist, die noch dazu ihre Rucksäcke selber tragen. Für mich selbstverständlich. Wie geht sonst das Weniger, wenn ich meinen Rucksack ohnehin dem Shuttle-Dienst übergeben könnte. Ihre erste Frage nachher in kleiner Runde mir gegenüber war: „Wann habt ihr die Lieder geprobt?“ „Gar nicht, sie waren einfach da.“ Ich betone, dass ich es als besonderes Geschenk betrachte, wenn in einer aus ganz Österreich frei zusammengewürfelten Gruppe gleich mehrstimmige Lieder „da“ sind. So wie das Singen, so hat uns das Gehen (übrigens 4,5 km/h durchschnittlich ohne Pausen), haben uns die Gespräche, das Zusammenstehen und die Impulse zusammengeführt und zusammengehalten. „Ich habe gehofft, dass ich es schaffe. Und jetzt stehe ich da.“ Das Essen schmeckt besser in der Gruppe und das Gehen wird „leichter“.

Die Einfachheit

 

Ich selbst habe mir in der Einsiedelei den Luxus gegönnt und bin mit der Zahnbürste in aller Frühe zum 200 Meter entfernten Brunnen gegangen. Das einzige Wasser. Da spüre ich, wie wesentlich diese Einfachheit wird. Und vieles wurde uns am Weg „wertvoll“, weil es so einfach und doch – wie beim Essen – so gut war. Einfache Matratzen, der Kübel als Dusche, das „Stadtcafe“ im Dorf ein kleiner Mini-Mix-Laden. Da lernst du den Kaffee besonders schätzen, weil er auf einmal unvermutet da ist. Ein Mann kommt mit seinem Pferdefuhrwerk vorbei, sein Sohn mit dabei, geht ins Geschäft, kauft sich fünf Eis und ein Bier, gibt alles in ein Sackerl und sie fahren weg. Es war Sonntag. Das war der Sonntag in der Familie. Und da gäbe es noch viele Beispiele, die wir gesehen, erlebt, bewundert, bestaunt haben.

Die Selbstversorgung

Durch die Dörfer gehend haben wir die Selbstversorgung „studiert“. Praktisch hatte jedes Haus alles im und rund um das Haus. Gärten, Wiesen, Felder und die entsprechenden Tiere. Alles da. Wenn nicht die korrupte Regierung alles an den Westen verkauft, sehen wir hier das ökologische Wirtschaften der Zukunft. #LaudatoSi Hier können alle überleben, auch wenn der Supermarkt geschlossen hat. Tagelang Subsistenzwirtschaft. Und so nebenbei erwähne ich, dass wir uns in keiner Sekunde irgendwie „bedroht“ gefühlt haben. Eher das Gegenteil: Unglaublich freundliche Menschen.

Die Ungleichheit

Einmal haben wir nach einem Dorf (es war vorwiegend ein Roma-Dorf) das Gefühl gehabt, durch das Dorf der massiven Ungleichheit gegangen zu sein. Am Ortseingang richtige Schlösser, die sich Roma-Anführer hier errichtet haben. Am Ortsende Elend, das wir gesehen haben und von den BettlerInnen bei uns kennen. Hütten, Verdecke, Planen und Plastikverschläge und alle aus demselben Roma-Stamm. Die Reichsten in unmittelbarster Nachbarschaft zum Elend. Da stimmte nachdenklich. Gibt es aber genauso im Westen.

Das Gehen in der Natur

Meine Erfahrung ist, dass die Natur die beste Therapeutin ist. Auf diesem Weg ist uns besonders schöne und ansprechende Natur begegnet. Die Seele nimmt diese Bilder nährend auf und ich trage diese Erinnerung immer durch den Winter. Dass wir Bärenspuren und Bärenlosungen gesehen haben, hat uns nicht überrascht. Dass uns Hunde eingekreist haben und mit uns Mittagsrast gehalten haben, gehört zur „Natur der Sache“. Ich habe nie Angst gespürt, weil wir Teil dieses Naturganzen inklusive der Schafherden waren, uns so gesehen und benommen haben. Der Pfarrer der Einsiedelei ist über zwei Stunden mit uns weitergegangen und immer wieder habe ich von ihm so leise dahinseufzend gehört: „Es ist fertig. Auch hier ist es fertig.“ Gemeint hat er zwei Dinge: 1. Die Familien sind abgesiedelt und die Häuser verfallen. 2. Durch den Klimawandel trocknen die Bäche und Quellen aus. Er war mit wenig Hoffnung gesegnet. Wir haben ihn durch mehrstimmige Lieder „ermutigt“, sein einfaches „Beispiel“ weiterzuleben. Mit ihm haben wir eine einfache Messe gefeiert. Ein glaubwürdiger Hirte.

Das Schweigen und Reden

Die Tagesimpulse dieses Jahres habe ich aus den „Quellen der Kraft“ genommen. #Atmen, #Mehr und Weniger, #Dankbarkeit, #Liebe, #Gebet und #Vertrauen sind die Zugänge zu einer „geöffneten Spiritualität“. Sechs Tage Gehen und sechs #Themen. Immer wieder haben wir erlebt, dass es nicht einfach ist, „die Komfortzone“ ehrlich zu verlassen, auf Gewohntes verzichten zu müssen und dort und da wortlos zu werden. Die Themen wurden immer „einfacher“, das Reden wandelte sich immer mehr in staunendes Schweigen. Am Ziel angekommen, sassen wir zuerst schweigend in der Kirche bis sich der mehrstimmige Chor in uns erhob. Wir waren happy, dass wir es geschafft haben. Alle.

Dass wir Schässburg, Birthälm, Brasov gesehen haben, erwähne ich nur so nebenbei. Das zusammentreffen mit der Caritas Alba Julia war wirklich erhellend und Bernadett ist mit uns den ganzen Weg gegangen, übersetzend und erzählend. #Danke

Und nächstes Jahr geht es nach Assisi (27. 9. – 7. 10. 2018).
#Vorfreude

Der Hauptbahnhof Wien ist in den letzten Jahren zu so etwas wie ein Brückenkopf meines vagabundierenden Lebens geworden. Ankommen, umsteigen. Hinaufgehen, wegfahren. Gestern habe ich den Bahnhof in einer neuen Facette erlebt. Er wurde für unsere 5vor12-Talks zum Paradigma. #FremdesBereichert haben wir am heißen und windigen Bahnsteig 8 besprochen. Da gibt es einen Kipp-Effekt. Fremdes löst Neugier aus, macht aufgeregt. Reisen ist der Luxus, sich von Fremden und vom Fremden „bereichern, inspirieren“ zu lassen. Jetzt ist diese Zeit. Wir kommen heim und können (hoffentlich) viel erzählen, weil wir fremde Menschen und fremdes Leben kennen lernen durften. Josef Buttinger meint: „Du musst rausgehen, damit du reingucken kannst. Du musst reingehen, damit du rausschauen kannst.“ Zu viele bleiben auch auf Reisen daheim, haben Hände und Koffer voll und sind damit behindert, Neues „aufzunehmen“. So haben wir das im Talk auch besprochen.

Der Schatz der persönlichen Begegnung

Da ist aber auch diese diffuse Angst vor dem Fremden, den Fremden. Manuela Ertl von Train of Hope hat das klar zum Ausdruck gebracht. Diese „Stimmung“ wird bewusst geschürt, Meinungsmacher transportieren diese Botschaft immer wieder,  obwohl die Fakten längst eine andere Sprache sprechen, und Medien fungieren als Verstärker. Die Angst ist zwar kein guter Ratgeber, aber bringt Leser, Stimmen, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar das Kanzleramt in jungen Jahren. Der wirkliche Schatz ist die persönliche Begegnung. Das war klar. Sr. Maria Irina Teiner setzt aber noch klar nach: Grenzen schließen bringt den Tod. Auch den eigenen.

Schaut doch mal rein in die Highlights. Diese Begegnungen machen mir Freude.

Das Pilgern hat es auch zum Tag geschafft. Der 25. Juli ist dem „Gehen im Angesichte Gottes“ zugewiesen. Wir denken heute an den älteren Jakobus und damit automatisch an den Jakobsweg. Wie oft wurde ich gefragt: „Du bist doch auch den Jakobsweg gegangen?“ Immer musste ich verneinen. Teils vehement. Nein, es war der Franziskusweg nach Assisi. „Ah, ist das nicht dasselbe?“, war sicher die Nachfrage. Für solche Leute habe ich es dabei belassen. Sie haben ohnehin eher das weite Gehen vor Augen gehabt, das mich persönlich bisher geprägt hat. 28 Tage von Bregenz nach Rust. Alleine. Weitgehen ist heilsam war die Erfahrung 2004. 54 Tage von der Haustür im Mühlviertel nach Assisi. Davon 40 Tage alleine. 14 Tage zusammen mit meiner Frau. „Ist pilgern alleine oder mit anderen zusammen besser?“, war bei meinen Vorträgen die meist gestellte Frage. „Besser, schlechter verlierst du beim Gehen. Es ist einfach anders“, war meine Antwort. Eine schwere seelische Kränkung habe ich 2009 „ausgegangen“. Dafür bin ich heute noch dankbar. Dann: 26 Tage von der Haustüre nach Thüringen ins Kloster Volkenroda. Alleine. Im März und April teilweise im Schnee. 2011 war ich beruflich falsch abgebogen. Am Weg 2012 wurde ich in meine heutige Aufgabe bei den Orden nach Wien gerufen. Wien war zwar nie mein Ziel, aber ich bin dort angekommen. Ich wollte auch beim Pilgern nach Wittenberg und angekommen bin ich in Volkenroda. Die Via Porta hat mich „verführt“. Das Gehen hat viel gelöst – bei mir. Und dass ich dann im November 2015 als Klimapilger 22 Tage von Wien bis Salzburg gegangen war, war sicher im „gemeinsamen Gehen, Pilgern mit einer starken Intention“ (Weltklimagipfel in Paris) verknüpft. Eine eigene Erfahrung, jeden Tag mit anderen Leuten unterwegs zu sein. Es hat mich fast überfordert.

Pilgerpfade

Unsere Pilgerungen „hinüber auf den Pöstlingberg“ seit unserer Kindheit kommen hoch. Einige Pilgereien nach Mariazell und die vielen Bergwochen haben mir erahnen lassen, wie es wäre, „wenn es einmal weit ginge“. Andere Pilgerziele wie Maria Taferl, der Benediktweg oder der Marienweg im Pinzgau fallen mir noch ein. Es waren spontane Erfahrungen. Dass ich bei einigen Pilgerpfaden mitwirken durfte, macht mich heute noch glücklich: Pilgerpfad entlang der Sakramente in Unterweißenbach, Johannesweg oder Barbaraweg in der Slowakei. Natürlich waren prägend auch die Begegnungen mit den Jerusalempilgern und anderen Menschen, „die die gehenden Seelenschwingungen mittragen“. Und wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder an Stefan Ernst, der gerade jetzt etwa 5 Monate von der Haustüre hier im Bergdorf 5.500 km zum Nordkap unterwegs ist. Im September ist er dort. Wenn ich seine Emails an Freunde (da darf ich auch dabei sein) lese, bricht meine Seele innerlich auf und sagt: „Es wird im Gehen gelöst“, „Das Leben kommt mir entgegen“ und „Im Gehen ist Jetzt“. Der Welt-Pilgertag möge viele Menschen daran erinnern, beitragen, dass Menschen sehen, erleben, spüren und sich darauf einlassen: Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele.

Das Wetter ist heute wunderbar. Es regnet. Oft recht heftig. Was tut man da? Einen lang ins Auge gefassten Ausflug ins Green Belt Center nach Windhaag bei Freistadt machen und die Welt an einem Samstag einmal nicht von einem Berggipfel anschauen. Das grüne Band. 2012 war ich etwa 20 Tage lang zu Fuß unterwegs entlang dieses besonderen Naturbandes, dem ehemaligen eisernen Vorhanges. Der Mensch durfte Jahrzehnte dort nicht hin und deshalb hat die Natur sich dort „entfaltet“ in einer unglaublichen Vielfalt. Einzigartig und einfach beeindruckend.

Einen Hotspot  geschaffen

Die Windhaagerinnen und Windhaager bei Freistadt, bekannt für die Themenfelder Zukunft und Ökologie, gebündelt im Zukunftsforum Windhaag, haben diesem grünen Band ein eigenes Haus und damit verschiedene Zugänge geschaffen. Ganz oben auf der Aussichtsplattform bekomme ich einen Überblick über die Landschaft, den Ort und die Anmutung des Mühlviertels. Im zweiten Stock begegnet mir eine Geschichte, die mit 1945 zu tun hat. Grenze war Jahrzehnte eine bestimmende Erfahrung. Es wurde Rache geübt und an der Grenze haben sich grauenvolle Ereignisse abgespielt. Menschen wurden massakriert und ermordet. Ein Junge verliert so seine Eltern und seine Geschichte hängt an den Wänden. Auf derselben Ebene das „Werden des Mühlviertels“ ab dem Mittelalter. Die Stifte Schlägl, Wilhering, St. Florian, Baumgartenberg und Waldhausen spielen einen wesentliche Rolle bei der „Rodung und Besiedelung“. Orden waren zur damaligen Zeit so etwas wie Google und Apple heute. Die Zisterzienser haben 1.000 Klöster über Europa errichtet und so „Europa ganzheitlich neu formatiert“, einer neuen Nutzung zugeführt mit neuem Knowhow. So wie die Digitalisierung heute alles neu formatiert. Das ist den innovativen Kräften so inne. „Neu aufsetzen, neue Zusammenhänge schaffen und einen neuen Nutzen generieren“.  Einen Stock tiefer finden sich die Informationen zum mehr als 12.000 km langen „Grünen Band“. Beeindruckend auch hier. Und dieses Band geht durch Windhaag. Darunter im Erdgeschoss der „Zukunftsraum“. Klar ist: So wie wir heute Leben, geht sich das im Verbrauch nicht aus. Das wissen und daran arbeiten die Windhaager seit mehr als 20 Jahren. Es ist nur schade, dass dieses Zentrum keinen Besucheransturm erlebt. Wir fahren hinaus im Regen durch die Mühlviertler Landschaft und erleben: Weite und Vielfalt. Nahrung für die Seele.

Es war das besondere Abendessen an meinem Geburtstages. Ich habe durch Los Tisch 5 gezogen. Nichts ahnend gehe ich zusammen mit den etwa 70 anderen TeilnehmerInnen am Wirtschaftstag der Orden in den Speisesaal. Wir nehmen alle Platz. Erhöht sind Tisch 1 und die Tische 2. Von meinem Tisch aus gut zu sehen. Auf unserem Tisch liegen ein paar Schnitten Brot und stehen zwei Krüge Wasser. Wir schauen einander etwas verdutzt an. Es wurde uns angekündigt, dass wir heute ein besonderes Abendessen bekommen werden. Und: Wir sind eingeladen.

Die Ungerechtigkeit ist systemisch stark

Ich denke an mein Aschermittwoch-Frühstück im Petrinum als Erzieher, wo ich 80% der Semmel in den einen Speisesaal und 20% in den anderen. Die 15-Jährigen waren genau umgekehrt zugeteilt. Damals endete die „Übung“ in kriegsähnlichen Zuständen. Wie wird das heute? Der Film oben fasst das alles wunderbar zusammen. Es blieb ruhig. Fast alle Versuche zu teilen, wurden von der Spielleitung unterbunden. Wie in dieser Wirtschaftswelt. Der Zugang zur genau instruierten Küche wurde uns „Armen“ rigoros verwehrt. Wie in dieser Welt. Und ein paar Almosen (Reis) haben sich zu uns durchgeschlagen. Wie auf der Weltkugel. Ungerechtigkeit liegt im System und das System hat keine Lust, sich zu verändern. Nein, es zementiert sich mit jeder Stunde.

Das Brot allein schmeckt wunderbar

Während über dem Speisesaal die „systemische Ungerechtigkeit“ schwebt, beginnen wir in Stille, im Schweigen das Brot zu essen. Langsam. Der wunderbare Geschmack breitet sich im Mund aus. „Es schmeckt gut“, wurde doch in die Stille hineingesagt. Und das Wasser dazu. Es war halt wenig, aber gut. Nur der Blick auf Tisch 1 hat uns unruhig gemacht. Ich stellte mir vor: Mit den TV-Geräten werden den Tischen 5 dieser Welt dauernd die „Tische 1 Geschichten“ erzählt und vor die Nase gehalten. Reich, schön, viel, Karriere, Geld,…. Das gibt dem Wenigen den unersättlichen „Zu wenig Geschmack“. Und Tisch 1 und Tisch 2 kämpfen. In jeder Hinsicht. Das aber jetzt nicht falsch verstehen: Es ist ein himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie auf der Welt die Güter verteilt sind. Und der Hunger tut weh. Aber ich schmecke heute im „Weniger“ mehr vom Brot. Jetzt. An meinem Geburtstag. Und manche werden jetzt denken, dass nachher das Buffet gewartet hat. Nein, das war das (ungerechte) Abendessen. Es wird mir immer in Erinnerung, eine Mahnung und Ermutigung bleiben.

Das Wetter meint es gut. Die Sonne hat schon um 10 Uhr vormittags die volle Kraft entfaltet. Es ist Dreifaltigkeitssonntag und ich bin in Linz-Urfahr „im Heiligen Geist“.  So sagen die Leute, wenn sie in die Pfarre Heiliger Geist gehen. Etwa 700 Frauen, Männer, Familien und Kinder finden sich zum Dekanatsfest am Platz zwischen Kirche und Glockenturm ein. Einmal im Jahr. Das Bild ist bunt. Es werden „flotte“ Lieder gesungen. Die Jugendkirche bringt mit ihrer Musik zum Mitsingen Schwung und es wird getanzt. Am Beginn und zum Dank. Die Predigt wird vom Pfarrassistenten und der Dekanatsjugendleiterin im Duo gestaltet. Ansprechende Bilder für „Dreifaltigkeit“. Dreifaltig ist Verbundenheit, stark und tragend. Ganz praktisch, auch wenn sich große Theologen darüber den Kopf  fast „zerbrochen“ haben. Mir kommt das Bild in den Sinn, das schon Sonntag früh auf Facebook gekreist ist. Eine Künstlerin hat diese tiefe und wesentliche Betrachtung gestaltet (siehe Bild). Der oder die Arme ist dreifach gehalten. Wir sind am Boden der Realität. Gott ist hier, da, unter uns, damit wir einander „tragen, aufrichten, helfen, ermutigen“. Das ist der Spirit unseres „Gottesdienstes“.

Die Taufe als Basis

Und keine Wolke verstellt die Sonne. Das Presbyterium – ich meine die Personen – vor dem Glockenturm ist voll beleuchtet, während ich mich in den nahen Baumschatten flüchte. Mein Blick geht immer wieder nach vorne zu den Frauen und Männern in weißen liturgischen Kleidern. Geschmückt sind sie mit Stolen und Tüchern. Priester, Diakone  und Pastoralassistentinnen und –assistenten füllen das „Freiluft-Presbyterium“ (siehe Bild). Diese Vielfalt, diese Buntheit an Gesichtern, an Stimmen und Bewegungen tun mir gut. Hier ist es selbstverständlich. Das Dekanat hat darin schon jahrelange Erfahrung in diesem neuen Miteinander. Nichts ist zu spüren von einer klerikalen Männerkirche, sondern der bunte Hauch der vielen Begabungen, Aufgaben und Zuständigkeiten schwebt über  uns allen.

Buntheit als Schlüssel für die Zukunft

18 Priesterweihen werden heuer in ganz Österreich gefeiert. Es gibt über 3.500 Pfarren. Nehmen wir 20 Jahre lang diese Zahl, dann sind es 360 Priester für ganz Österreich. Das wird sich alles nicht ausgehen. Heute treten die Bischöfe in Mariazell zusammen. Ich lege den Bischöfen diese konkreten Bilder des Dekanatsfestes sehr ans Herz, damit in ihnen der Mut wachsen kann, dass genau diese „gemeinsame Buntheit in den Ämtern und Diensten auf Augenhöhe“ in den Berufungen nicht die Ausnahme ist, sondern überall zur Verlebendigung der Pfarrgemeinschaften beiträgt. Ich halte aber klar fest: Das Reden hilft weniger als das ganz konkrete Tun und Ermöglichen. Und: Geduld hilft dem Niedergang und Relevanzverlust. Die Stimmung beim Fest war anhaltend, nachhaltig, fröhlich und zuversichtlich. Eben gemeinsam bunt. Und während des Gottesdienstes haben wir alle im Rahmen der Predigt dreistimmig gesungen: „Gott ist bunt“. Und das hat gut geklungen.

Vor ein paar Tagen hat mich der Film „Free Lunch Society“ mit dem Themenfeld Grundeinkommen ins Kino gezogen. „Arbeit ist unbezahlbar“ ist eine der wesentlichen Aussagen. Dass die USA vor Ronald Reagan kurz vor der Einführung des Grundeinkommens stand, war mir so nicht bewusst, obwohl mit das Thema seit 1978 immer wieder beschäftigt. Die soziale Lage in den USA war so dramatisch, dass dies der einzige Ausweg schien. Aber dann schlug der Neoliberalismus zu mit seinen „privatisierten sozialen Programmen, die für wenige ein wunderbares Geschäft wurden“. Wir kennen die weltweite Entwicklung seither. Der Staat wurde zum Konzern umgemodelt, der Sozialstaat als Last dargestellt. Tragende soziale Netze werden seit dem desavouiert. Sozialschmarotzer wurden erfunden. Der Zusammenhalt bestand in der Ausgrenzung der Armen, der Marginalisierten, der Prekären. Nur das, was selbst im „Sozialen“ Profit abwirft, wird weiterentwickelt. Selbst Sozialeinrichtungen sind als Firmen an der Börse zu finden. Am Markt. Der Staat wurde zum Wedel der Großkonzerne entwickelt, Lobbying und Think Tanks steuern die Politik. In Österreich wird die Mindestsicherung gekürzt und die reichen Eliten werden still und heimlich um ein vielfaches reicher. Täglich. Stündlich.

Christlich geht anders

Selbst christlich-soziale sowie sozial-demokratische Parteien schütteln ohne mit der Wimper zu zucken ihre so entscheidenden Adjektive ab: sozial – christlich – demokratisch. Erfolgreiche Siegerstraßen sind die einzigen Fortbewegungsflächen geworden. Leid, Not oder Fragmentarisches riecht nicht gut. Kommt daher nicht mehr vor. Da heißt es dagegen halten. Der Sozialstaat ist die Basis für die Zukunft. Erfolge und Leid dürfen nicht getrennt werden. Weder individuell und schon gar nicht als Gemeinwesen. Daher gibt es die Initiative „christlich geht anders„. Es sind diese Ansagen, die heute Kraft für Morgen bekommen sollen, ja müssen:

  • Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie wird gelebt durch den Einsatz für Mitmenschen und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wer sich auf den christlichen Gott beruft und dabei auf den Nächsten vergisst, verkehrt die christliche Botschaft in ihr Gegenteil.
  • Christlicher Glaube macht Mut und Hoffnung. Wer Ängste schürt und Menschen gegeneinander ausspielt, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • ChristInnen sind solidarisch mit den Schwachen. Die Liebe zu Gott ist untrennbar mit der Sorge um die Armen verbunden. Wie wir den Geringsten einer Gesellschaft begegnen, so begegnen wir Gott selbst (Mt. 25,40). Wer Arme bekämpft, bekämpft das Christentum.
  • Kirchen fordern einen aktiven Sozialstaat. Ein Sozialstaat ist organisierte Solidarität. Gegenseitig schützen wir uns so vor den Grundrisiken des Lebens: Erwerbslosigkeit, Prekarisierung, Armut und Not. Angriffe auf den Sozialstaat sind immer auch Angriffe auf uns alle, verstärkt aber auf jene, die einen starken Sozialstaat besonders brauchen.
  • Ein gerechtes und soziales Steuersystem ist im Sinne der Kirchen. Wir lehnen daher eine Steuerpolitik ab, die viele übermäßig belastet, Vermögen und hohe Einkommen aber schont.
  • Als ChristInnen fordern wir angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen ein Gutes Leben für alle in Frieden und sozialer Gerechtigkeit.
    Dafür bilden wir ein wachsendes Bündnis von engagierten ChristInnen gemeinsam mit anderen, gerade auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Deshalb meine heutige Bitte: Bitte hier unterschreiben! Danke.
http://www.christlichgehtanders.at/unterschreiben/ 

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