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Archiv für die Kategorie „Community Commons“

Vor ein paar Tagen hat mich der Film „Free Lunch Society“ mit dem Themenfeld Grundeinkommen ins Kino gezogen. „Arbeit ist unbezahlbar“ ist eine der wesentlichen Aussagen. Dass die USA vor Ronald Reagan kurz vor der Einführung des Grundeinkommens stand, war mir so nicht bewusst, obwohl mit das Thema seit 1978 immer wieder beschäftigt. Die soziale Lage in den USA war so dramatisch, dass dies der einzige Ausweg schien. Aber dann schlug der Neoliberalismus zu mit seinen „privatisierten sozialen Programmen, die für wenige ein wunderbares Geschäft wurden“. Wir kennen die weltweite Entwicklung seither. Der Staat wurde zum Konzern umgemodelt, der Sozialstaat als Last dargestellt. Tragende soziale Netze werden seit dem desavouiert. Sozialschmarotzer wurden erfunden. Der Zusammenhalt bestand in der Ausgrenzung der Armen, der Marginalisierten, der Prekären. Nur das, was selbst im „Sozialen“ Profit abwirft, wird weiterentwickelt. Selbst Sozialeinrichtungen sind als Firmen an der Börse zu finden. Am Markt. Der Staat wurde zum Wedel der Großkonzerne entwickelt, Lobbying und Think Tanks steuern die Politik. In Österreich wird die Mindestsicherung gekürzt und die reichen Eliten werden still und heimlich um ein vielfaches reicher. Täglich. Stündlich.

Christlich geht anders

Selbst christlich-soziale sowie sozial-demokratische Parteien schütteln ohne mit der Wimper zu zucken ihre so entscheidenden Adjektive ab: sozial – christlich – demokratisch. Erfolgreiche Siegerstraßen sind die einzigen Fortbewegungsflächen geworden. Leid, Not oder Fragmentarisches riecht nicht gut. Kommt daher nicht mehr vor. Da heißt es dagegen halten. Der Sozialstaat ist die Basis für die Zukunft. Erfolge und Leid dürfen nicht getrennt werden. Weder individuell und schon gar nicht als Gemeinwesen. Daher gibt es die Initiative „christlich geht anders„. Es sind diese Ansagen, die heute Kraft für Morgen bekommen sollen, ja müssen:

  • Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie wird gelebt durch den Einsatz für Mitmenschen und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wer sich auf den christlichen Gott beruft und dabei auf den Nächsten vergisst, verkehrt die christliche Botschaft in ihr Gegenteil.
  • Christlicher Glaube macht Mut und Hoffnung. Wer Ängste schürt und Menschen gegeneinander ausspielt, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • ChristInnen sind solidarisch mit den Schwachen. Die Liebe zu Gott ist untrennbar mit der Sorge um die Armen verbunden. Wie wir den Geringsten einer Gesellschaft begegnen, so begegnen wir Gott selbst (Mt. 25,40). Wer Arme bekämpft, bekämpft das Christentum.
  • Kirchen fordern einen aktiven Sozialstaat. Ein Sozialstaat ist organisierte Solidarität. Gegenseitig schützen wir uns so vor den Grundrisiken des Lebens: Erwerbslosigkeit, Prekarisierung, Armut und Not. Angriffe auf den Sozialstaat sind immer auch Angriffe auf uns alle, verstärkt aber auf jene, die einen starken Sozialstaat besonders brauchen.
  • Ein gerechtes und soziales Steuersystem ist im Sinne der Kirchen. Wir lehnen daher eine Steuerpolitik ab, die viele übermäßig belastet, Vermögen und hohe Einkommen aber schont.
  • Als ChristInnen fordern wir angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen ein Gutes Leben für alle in Frieden und sozialer Gerechtigkeit.
    Dafür bilden wir ein wachsendes Bündnis von engagierten ChristInnen gemeinsam mit anderen, gerade auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Deshalb meine heutige Bitte: Bitte hier unterschreiben! Danke.
http://www.christlichgehtanders.at/unterschreiben/ 

Gestern hat mich in Linz vor der Uraufführung der Passion von Peter Androsch auf der Straße ein Mann angesprochen, „wo es im Sommer wieder hin-geht.“ Er sieht mich immer gehend, pilgernd, unterwegs – hat er gemeint. Gut, ich habe es verraten, was ohnehin bei Weltanschauen oder in Welt der Frau unter dem Titel „Einfach Pilgern in der Natur Siebenbürgens“ nachzulesen ist. Es geht nach Rumänien. DO 24. August bis SA 2. September. Er hat auch gleich begeistert davon erzählt, dass er weiß und schätzt, dass die Reisen ökologisch ablaufen. „Also fahren sie mit dem Zug.“ „Ja“. Ich empfinde es immer als besondere Wertschätzung, dass ich mit dem Thema Gehen und Pilgern in Verbindung gebracht werde. Er war aber weiter neugierig: „Und wie weit geht ihr da so am Tag?“. Ich: „23, 25, 26, 22 oder auch einmal 27 km am Tag.“ „Ist das nicht viel?“ „Nein, das ist nicht weit. Wir haben ja einen ganzen Tag Zeit. Und wer gehend unterwegs ist, dem genügt das Gehen, das Schauen, Staunen, die Selbstwahrnehmung, das Atmen, die Last spüren und vor allem: das Gemeinsame, die Gespräche. Diese tragende, ziehende und schiebende Wirkung der Gemeinschaft unterschätzen viele.“

Es geht dahin

Ich kann mich noch gut erinnern an unser Pilgern und Gehen auf der Via Porta. Es hat geregnet, die Tagesstrecke war annähernd 25 km. Am späten Nachmittag kurz vor dem Ziel hat eine Frau zu mir gemeint: „Unglaublich, es geht einfach dahin.“ Die Sonne ist wieder herausgekommen. Alle haben es geschafft, waren ein wenig geschafft aber irgendwie glücklich. Das Abendessen hat geschmeckt und nächsten Tag hat wer beim Frühstück gemeint: „Seit langem habe ich wieder einmal geschlafen wir ein Murmeltier.“ Das sind aus meiner Sicht jene Momente, wo sich anstrengen lohnt. Aber das Dahingehen ist ja nicht wirklich anstrengend, weil es ja einfach dahingeht. Aber wie ist das konkret? Auch ganz einfach. Wenn der Weg länger ist, dann starten wir mit dem Frühstück um 7 Uhr, 8 Uhr Abgang. Das sind vier Stunden am Vormittag. Mittagspause. Herunterkommen. In die Wiese legen. Nicht viel essen, weil es sonst nicht so leicht weitergeht. Und nachmittags wieder vier Stunden. So legen wir ca. 25 km zurück und sind gegen 17 Uhr spätestens am Ziel. Gut duschen, gut essen, Begegnungen und – auch das geht fast von alleine – bald schlafen gehen. Bis jetzt habe ich es immer so erlebt, dass genau dieser Rhythmus mit dieser „Anstrengung“ über 7 Tage wirklich heilsam ist. Für Rumänien bin ich mir wieder sicher: Es geht einfach dahin.

Anmeldung bei Weltanschauen

 

Weitwandern auf dem Marienweg in Rumänien von DO 24. August bis SA 2. September 2017″ steht in der Ausschreibung von Weltanschauen. War es vor zwei Jahren der Barbaraweg in der Slowakei, so wird es heuer der Marienweg in Rumänien sein, den wir als „Weltanschauen-Gruppe“ begehen.

Zum Weg heißt es: „Der Weg führt durch die wunderschöne siebenbürgische Mittelgebirgslandschaft, durch kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint und die Feldarbeit großteils noch ohne Traktor erledigt wird, durch einsame Wälder und über Hochalmen, wo man stundenlang auf keine menschlichen Behausungen trifft. Wahrscheinlicher ist da schon die Begegnung mit einer Schafherde und den dazugehörigen Hunden oder mit viel Glück auch die Begegnung mit einem Braunbären, von denen es in den Karpaten noch sehr viele gibt. Die beiden letztgenannten Tatsachen sind auch der Grund, warum die Pilgerwanderung in diesem Jahr erstmals zusätzlich mit einheimischen Begleitern gemacht wird. Und die Sprache: denn viele Menschen in diese abgelegenen Region sprechen einfach nur ungarisch und rumänisch. Mit unseren Begleitern können wir auch ins Gespräch kommen über die aktuelle Lebenssituation im Land und erfahren mehr über Land und Leute.“

Weltanschauen heißt für mich: hinschauen, hinhören, hineinfühlen in die Gegend und die Menschen, die dort wohnen. So lernt sich jede und jeder selber besser kennen, so entdecken, stärken, ermutigen und erfreuen wir einander auch in der Gruppe. Ich lade einfach wieder ein zum Mitgehen auf diesem Weg, der uns sicherlich viel Neues eröffnen wird, dort und da, hier und jetzt. Die Rucksäcke tragen wir selber. Der Weg kommt uns wie das Leben entgegen. Ich freue mich schon darauf.

Anmeldung hier

Diese Woche war ich in Salzburg einen Tag lang beim Treffen der Ordensschulverantwortlichen dabei. Sie haben sich mit „Resonanzpädagogik“ auseinandergesetzt. Wolfgang Endres war der Impulsgeber (siehe Video). Ich habe ihm einige Fragen gestellt, die meine neue Kollegin Magdalena in dieses Video zusammengepackt hat. Klar wurde: Bildung ist kein Echo-Vorgang, sondern ein Klangraum-, ein Resonanzraum-Geschehen. Oder es ist, so meine Ansicht, keine Bildung. Ich denke mit vielen anderen, dass wir zu viele „Echo-Prüfungen“ haben und zu wenig „Resonanzraum-Wahrnehmungen“. Pisa ist zum Beispiel ein einziges Echo-Geschehen.

 

Drei Dinge sind bei mir hängen geblieben, haben Raum, Klangraum, Resonanzraum genommen, sind in Schwingung gekommen, haben Assoziationen, Erfahrungen ausgelöst.

Zusammengeräumte Partituren

Nicht zusammengeräumt

Da ist erstens das Bild von der Partitur eines großen Musikwerkes. Wer ChorsängerIn ist, hat das Bild genau vor Augen. Noten anhand von Linien über eine Doppelseite „verstreut“, die beim Singen, Musizieren den Klang ergeben, den wir kennen, den wir sogar hören. Jetzt. Noten können aber auch als Noten gesehen werden. Nur Noten. Der Referent Endres hat dann ein Bild gezeigt, wo diese Noten der großen Partitur „zusammengeräumt“ sind. Auf kleinstem Platz haben die Halben-, Viertel- oder Achtelnoten Platz. Es sind diesselben Noten, keine ist verloren gegangen, und sie finden doch keinen Resonanzraum mehr. Ich habe mir vorgestellt, wir singen als Chor diese „zusammengeräumten“ Noten. Eine kurze und fade Angelegenheit. Meine Assoziation: Die Gesellschaft räumt gerade zusammen. In der Bildung, in der Medizin, in der Wirtschaft, vielleicht auch in den Diözesen bei den Pfarrzusammenlegungen. Resonanzen, Klänge, Räume verschwinden. Alles ist effizient ausgerichtet. Eben: zusammengeräumt.

Den Schulweg gehen

Das hat mich zweitens an meinen Schulweg erinnert. Wir mussten eine Stunde lang in die Schule gehen. Gehen. Bei jedem Wetter. Und genau das war unser Resonanzraum: die Natur. Begegnete sie uns freundlich, hat unser Heimweg oft lange gedauert, weil wir Platz genommen haben in ihr: der Natur. War damals ordentlich Winter, dann war das für uns auch oft der Raum des Scheiterns. Wir haben es nicht bis in die Schule geschafft. Wir haben gekämpft, ermutigt von den Älteren, und mussten doch entweder schon beim „Kapfer“ (erste große Schneeverwehungsfläche) oder auf der „Hoadaebn“ aufgeben. Es blieb uns aufgrund des Windes der Atem weg. Wir drehten um und gingen heimwärts. Da war aber niemand, der in Angst war, dass wir etwas versäumen. Wir durften scheitern. Der Naturraum hat uns unsere Grenzen gezeigt und wir sind gereift „in diesem Resonanzraum“. Dafür bin ich heute dankbar. Denn: Natur ist von sich aus Resonanzraum und nicht Echo. Das hätte uns die Schule niemals so intensiv, erlebnisorientiert und praktisch lernen können. Deshalb finde ich es schade, dass der Resonanzraum Natur für heutige SchülerInnen sich auf das Ein- und Aussteigen beim Schulbus beschränkt. Meine These: 45 Minuten Schulweg würde einen unglaublich wertvollen Resonanzraum eröffnen. Mehr am Land als in der Stadt. Aber selbst in der Stadt ist mehr möglich als vermutet.

Echoraum Handy

Ein Direktor einer Schule machte mich bei einem Gespräch, wo ich kritisch auf die digitalen Räume Bezug genommen habe, aufmerksam: bitte kein allgemeines Digital-Bashing. Stimmt. Wir nehmen viele Algorithmus basierte Vorteile in Anspruch. Die digitale Welt hat uns sehr dabei unterstützt, die Welt zu ordnen, aufzuräumen. Ich denke da noch gar nicht an die Partitur von oben. Es ist auch viel Schlamperei, Mutwilligkeit und Nicht-Kooperationswille da. Solche „Systeme“ helfen zum Beispiel in der Logistik, Dinge pünktlich und punktgenau voranzubringen. Und doch wehre ich mich gegen diese jetzige „Digitalisierungs-Offensive“ allerorts. Wir sind dabei, Klang- und Resonanzräume „aufzuräumen“. Die Wirtschaft geht in ihrer neoliberalen Haltung voran. Nutzen, was mir nutzt und Profit erhöht. Die Krankenpflegerin hat keine Zeit mehr zum Reden, zum Zuhören. Laptops und iPads sollen die SchülerInnen effizienter beim Lernen unterstützen. Das Handy hält mich dauernd – wenn ich will 24 Stunden – am Laufenden. Besser: am Laufen. Das alles zusammen verhindert derzeit das Aufmachen von „zweckfreien und herzlichen Räumen, Resonanzräumen, Klängen“. Ich weiß jederzeit alles und könnte zum Weltgeschehen ein tolles aktuelles Echo abliefern. Aber braucht es  noch mehr hallendes Echo basierend auf den Algorithmus der digitalen Möglichkeiten oder doch mehr Klangräume, Resonanzräume, Freiräume, einfach: haptische Lebensräume? – Und warum steht da jetzt ein Fragezeichen? Ist doch klar.

Man stelle sich vor, dass bei einem Bauvorhaben von den Firmen und Gewerken ein Plan A und ein Plan B gleichzeitig verwendet werden. Dann stelle man sich vor, nachdem die Pläne in ihrer Grundausrichtung in vielen Bereichen in gegensätzliche Richtung weisen (zB Gerechtigkeit  und Leistung), dass anhand der vorgelegten Pläne Kompromisse gesucht werden. Man mag sich noch vorstellen, dass versucht wird, die Pläne tatsächlich „zusammenzuzeichnen“. Allein in den letzten Jahren war die Vorstellung dazu größer als die Fakten. Nichts ging mehr zusammen in dieser Koalition. Jetzt wurden von Kanzler Kern und von Finanzminister Schelling die je eigenen Pläne nochmals „vertieft“, sprich profilierter an der eigenen „Sichtweise der Realitäten“ ausgerichtet. Ich nehme das Beispiel Robotisierung und Wertschöpfung. Es ist Fakt, dass durch die Digitalisierung und Robotisierung die bisherige Form der Arbeit und Wertschöpfung sich massiv verschiebt. Der Plan A sieht das und will aus diesen neuen Prozessen „Wert abschöpfen“, um damit ein gerechtes „Solidarwesen“ zu ermöglichen. Derzeit arbeitet ein Mensch und zahlt Steuern. Nicht wenig. Arbeitet ein Roboter, ist er nicht in dieser Form steuerpflichtig. Ich weiß, dass ist unscharf. Aber im großen Blick werden robotisierte Arbeitsprozesse, wenn, wie die VP nach Plan B immer sagt, keine neuen Formen der Solidarabgabe sprich Steuern eingeführt werden, den Reichen und Etablierten helfen. Gestern ging wieder einmal die Meldung durch die Medien: Die acht reichsten Männer (!!) besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Das liegt weniger an der Leistung der Hälfte als an der DNA von robotisierten, digitalisierten Prozessen mit einem hohen Ungerechtigkeitsfaktor. Es wird also bald Wahlen geben (müssen), um die Blickrichtung zu klären. Gilt jetzt Plan A oder Plan B? Wenn sie gleichzeitig angewendet werden, gewinnt der Ungerechtigkeitsfaktor.

1_img_2988Es ist noch sehr früh. Erster Adventsonntag. Mangels Bus aus dem Bergdorf bin ich mit dem Auto nach Ungenach zum Männertag der KMB unterwegs. Es fährt sich einfach, weil noch ganz wenige Leute unterwegs sind. In Vöcklabruck komme ich am Bahnhof vorbei und sehe das große Stahlgebilde, das ich schon öfters vom Bahnhof kommend „auf der anderen Seite“ ohne große Wahrnehmung gesehen habe. Heute taucht es rechts im Blickfeld auf, Bremse und Blinker sind sofort aktiviert. Die beiden ineinander liegenden Pfeile haben mich „angesprungen“. Wahrscheinlich auch gesteuert durch die Gedankengänge zum kommenden Vortrag bei den Männern in Ungenach. „Schwächelt das Christentum?  Steht das Ende der christlichen Kultur bevor?“ Auf Facebook haben Freunde schon Hilfreiches dazu gepostet und damit der Themenstellung die „bedrohliche Apokalyptik“ genommen. In dieser Stahlskulptur ist mir früh am Morgen die „Lösung“ entgegengekommen. Es ist wie beim Gehen. Das Leben und die Lösungen kommen dir entgegen. Ich habe Fotos gemacht, habe die Skulptur angeschaut, von allen Seiten. Und immer wieder ist in mir die Aussage aufgestiegen: „Radikale Veränderung aus dem Inneren“. Aus dem Innersten des Stahlstückes wird ein Pfeil herausgenommen und wieder eingesetzt, in die ganz andere Richtung weisend. Das spüre ich in dieser Gesellschaft immer wieder, dass aus dem Innersten, dem Kern ein großes Stück herausgenommen werden sollte und in die andere Richtung eingesetzt werden müsste, damit wir eine gute Zukunft für alle Menschen haben, nicht nur für wenige.

Christen müssen Atheisten sein

2_img_2990Inspiriert von dieser Skulptur bin ich im Vortrag ein paar Gedanken nachgegangen, die ich mit den etwa 50 Männern geteilt habe. Ich wollte „Basics für den Rucksack in Richtung Zukunft zusammenrichten“, damit  für jeden einzelnen und zusammen als Community ein gutes Gehen möglich ist. Vorausgeschickt habe ich einige „Betrachtungsweisen“: Ist das Christentum jetzt mehr Thermostat oder Thermometer? Dann: Die wirklich bestimmende und dominierende Religion heute ist die Geld-Religion, die den Mammon als allseits verehrten „Gott“ führt. Also: Es wird auch von uns Christen ein großes Stück „Atheismus“ verlangt gegenüber diesen Mammon-Religionen. Gemeinsam haben wir beobachtet, dass heute die Rituale zum Großteil von der Gesundheits-, Wellness- und Medienwelt kreiert und praktiziert werden. Individuelle Gesundheit wird als das höchste Gut gesehen und zum Beispiel weniger das gemeinsame Wohlergehen im Gemeinwesen. Und Christentum triftet da zumindest zeitweise ab in diese „Wellness-Schiene“. Dann schwächelt es.

Advent in diese Richtung

3_img_2995Dem Buch von Ilia Trojanov „Der überflüssige Mensch“ haben wir dann weiten Raum gegeben. Auch von Bischof Kräutler habe ich erzählt, dass in Brasilien in offiziellen Dokumenten des Staates die indigenen Völker im Tropenwald dem Tierreich zugeordnet werden. Nochmals, weil so unglaublich: dem Tierreich zugeordnet. Menschen werden nicht als Menschen gesehen, die Würde abgesprochen und als „überflüssig erklärt“. Wenn sich heute Caritas als Anwalt für diese Menschen sieht und agiert, wenn Papst Franziskus sich, sein Amt und die Kirche an diese Ränder führt, dann ist Christentum „stark“. Und so haben wir an diesem Vormittag unsere Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen unter uns Männern „geteilt“ mit dem Finale, „dass christlich inspiriertes Leben immer anschlussfähig ist, geradezu neugierig dem Fremden gegenüber und in dieser Synapsenfähigkeit prophetisch in der Gesellschaft, in jedem Gemeinwesen wirkt“. Gesellschaft braucht uns jesuanisch geprägte Christen. Warum? Mehr denn je braucht es Menschen, die das einfache, vom Wohlstands-Schrott befreite Leben als gutes Leben wagen. Wirklich tiefes gemeinschaftliches Leben hat uns die Geld-Religion „ausgetrieben“. Der Mensch wird gerade zum User und  Konsumenten degradiert und das braucht ein tiefes, hellwaches Bewusstsein dafür, dass wir Bürger, Menschen sind. Außerdem: Es braucht unseren Einsatz am Rand entlang und wieder einige Mutige, die den Weg zum Thermostat suchen und wieder hinaufdrehen, damit die soziale Kälte nicht weiter Platz greift.
Außerdem: Es ist erster Adventsonntag und es brennt die erste Kerze „in diese Richtung“.
Und: Danke den Männern von Ungenach für diesen inspirierenden Vormittag.
Eine besondere Freude war es, dass ich Pfarrer Josef Friedl daheim bei ihm begegnet bin. Wie geht es? „Den Umständen entsprechend. Bin zufrieden.“

 

900img_2675„Wo der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet ist, muss das Empfinden von Gerechtigkeit gestärkt werden“, wird in roten und fetten Buchstaben im Publik Forum vom 21. Oktober 2016 aus dem Artikel „Was die Gesellschaft wirklich zusammenhält“ hervorgehoben. Eine andere Beobachtung habe ich gestern in Wien gemacht. Sowohl beim Burgtheater als auch bei uns vor dem Büro in der Freyung wurden Panzer und militärische Geräte in Stellung gebracht. Als Zivildiener der ersten Stunden rund um die Zivildienstkommission 1975 steigen da natürlich besondere Gefühle und Assoziationen hoch. Besorgte. Der Magnetismus von Panzer und Co. wird jedes Jahr rund um den Nationalfeiertag zelebriert und sichtbar gemacht. Aber was steckt dahinter?

Gerechtigkeitsempfinden fördern

Ich komme zum Interview ins Publik Forum zurück. Die Frage ist entscheidend für unsere „auseinander fallende Gesellschaft“, „die Vereinzelung der Interessen“, „die digital klammernde und zittrige Dauerkommunikation“ und den Hochgesang auf die „Individualität mit erweiterbarer Komfortzone“: Was hält die Gesellschaft wirklich zusammen? Der Philosoph Hans Joas relativiert die Ansicht, dass es die Werte sind, die zusammenhalten: „Es braucht viel mehr.“ Ganz klar benennt er drei Faktoren, die diesen Zusammenhalt in einer Gesellschaft positiv stärken oder in der Negativvariante gefährden. Was hält Gesellschaft wirklich zusammen? „Erstens: ein von allen erlebter wirtschaftlicher Erfolg.“ Und er erinnert an die Nachkriegszeit, wo für alle der Aufstieg und Aufschwung erlebbar war. Ohne den wirtschaftlichen Aufschwung wäre die  neue Demokratie vielleicht gar nicht entstanden. „Zweitens: Die Menschen müssen die Gesellschaft als gerecht erleben.“ Wo der Zusammenhalt gefährdet ist, muss alles getan werden, um das Gerechtigkeitsempfinden wieder herbeizuführen etwa durch Umverteilung oder Partizipationsmöglichkeiten. Jonas findet die Vermögensverteilung in Deutschland „skandalös“. Aus meiner Sicht wird Gerechtigkeit heute nicht nur durch die Ungleichheit gestört, sondern auch durch das Verhalten der Reichen, der „Oberen“, die glauben,  dass Gesetze für sie nicht gelten. Sie setzen sich über alles hinweg, was für alle gilt. Das ist das wirklich „Skandalöse“. Und Jonas weiter: „Drittens ein Beispiel, das keiner hören will, das aber empirisch zwingend ist: Militärische Erfolge eines Landes tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.“ Und jetzt bin ich wieder beim Burgtheater und in der Freyung in Wien bei den Panzern und Co. In den letzten Wochen und Monaten hat der neue Verteidigungsminister Doskozil eine „aufgeweckte Identität und Aufgabenstellung“ für das Bundesheer herausgestrichen. Irgendwie wird mir etwas bange in unserem Österreich, wenn auf diese Weise der Zusammenhalt über das Militär gestärkt werden soll. Dabei wäre bei „Zweitens: Gerechtigkeit“ ein so weites Feld.

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

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