Archiv für die Kategorie „Local Detective“

Der Ostermontag lässt Vieles „nachschwingen“. Am Karsamstag habe ich zusammen mit meinem ältesten Enkerl erstmals einen Berg, einen richtigen Berg, den Sonnstein erklommen. Die wunderbaren und lebendigen Osterliturgien in der Pfarre St. Markus mit dem inneren Erleben – Aufbruch, es geht weiter – waren wirklich nährend. Das Halleluja wollte dort nicht nur gesungen, sondern auch gestampft, getanzt, geklatscht und bewegt werden. Ein Pfarrassistent, dem bei Singen des Oster-Evangliums die Stimme brüchig wird, weil ihn das Geschehene selbst „bis in Herz hinein“ erfasst.  Es ist im ganzen Kirchenraum zu spüren, dass hier am Ostersonntag ganz Wesentliches gesagt wird, eine andere neue Welt „anklopft“. Der Tote lebt. Der Auferweckte begegnet den Jüngerinnen und Jüngern. In der Reihenfolge. Sie suchen. Und manche finden. Aber ganz haben sie noch nicht verstanden, was da mit Jesus in den letzten Tagen „abgegangen“ ist. Deshalb gehen zwei von ihnen zurück über Emmaus, heim, den Kopf hängend und alle Erkenntniskraft – so scheint es – verbraucht. Und dieses Emmaus wird der Begegnungs-Ort, der Erkenntnis-Ort, beim Brotbrechen, beim dankbaren Gebet davor, bei der Erinnerung an das Mahl. Jetzt haben wir verstanden. Unglaubliche Freude, die sofort aufbricht und zurückläuft, um auch andere in ihrem Frust, Skepsis oder Zweifel aufzurichten. Da passt es immer gut, wenn wir uns als Familie und auch als Großfamilie, als Sippe am Ostersonntag treffen. Wunderbare Begegnungen, die das Leben austauschen mit dem Ziel der Ermutigung. Irgendwie immer geprägt von österlichen Grundton:  Er ist da, geht mit uns. Ob wir es sehen oder nicht. #wach sein und #wach bleiben hilft zu sehen. Ostern geht über Emmaus.

Liebe Dorfbewohnerinnen und Bewohner, liebe Gäste des Bergdorfes!

Ich schreibe euch heute erstmals und ein letztes Mal. Ich war die Linde vor dem wunderbaren St. Anna Pfarrzentrum in Kirchschlag bei Linz, Österreich und Mitteleuropa, von der Sonne aus betrachtet auf der Erde. Mehr als 50 Jahre lang durfte ich dort wachsen. Jahr für Jahr habe ich dem Wetter, den Anforderungen rund herum getrotzt und mein jährliches Wachstum erleben dürfen. Manche, die mich aus der Nähe angeschaut haben, habe ich sagen hören: „Schau, das wird vielleicht einmal die Stifter-Linde hier bei der Kirche. Das wird aber noch Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte dauern.“ Solche Bemerkungen haben mich ermutigt, weiterzuwachsen, weil ich doch im Bergdorf eine große Linde als Vorbild hatte. Damals wurde ich im Zentrum des Ortes und bei der St. Anna Kirche von einem Herrn Benesch eingepflanzt.

Nun war der Winter 2018/19 wieder einmal ein besonders schnee- und eisreicher. Ich kann mich noch an meine jungen Jahre erinnern, Ende 60er- und 70er-Jahre, wo es auch so war. Deshalb hatten wir damals eine Stütze bekommen. Dazu war der Sommer 2018 ein so trockener, dass ich immer wieder nach Wasser lechzte. Aber ich habe das alle doch recht gut überstanden. Es hat mich innerlich sogar gestärkt. Ja, ein paar Äste sind mir unter dem Eis abgebrochen. Sie hingen traurig an mir herum. Und dann kommen heutzutage Menschen, die von Ferne gleich rufen: „Gefährlich. Da muss gleich was unternommen werden.“ Ich denke mir da immer: Warum sind die Menschen heute alle so aufgeregt? Sie brauchen sich doch nicht unter mich stellen. Genug Platz rundherum. Und nach dem Winter habe ich jene Menschen erwartet, die mich sorgenvoll aber wohlwollend wieder „ausschneiden“. Die abgebrochenen Äste kann man einfach abschneiden und als Lindenbaum wachse ich wieder ungehindert weiter. Selbst einen großen Ast ersetze ich mit der Zeit wieder und bilde eine schöne Krone. Übrigens: Für die schöne Krone haben mich die Leute immer gelobt. „Du bist so schön anzuschauen. Du gibst uns einen Schatten. Du bist sogar auf dem Logo. Gut, dass wir hier etwas oder uns anlehnen können.“ Ja, das Schatten spenden ist  meine Lieblingsbeschäftigung. Und die Baumkrone in das Ensemble der Kirche, des Pfarrzentrums und des Ortsplatzes halten. Das hätte mich direkt ein bisschen stolz gemacht.

Am 9. April 2019 wurde es etwas lauter am ganzen Ortsplatz. Motorsägen waren zu hören. Der Winter wurde „zusammengeräumt“. Neben mir wuchsen gegenüber auf der Straße mindestens so lange wie ich Kastanienbäume. Da war das Gasthaus Liedl noch, wo die gestanden sind. Gut, sie haben selber erzählt, dass sie an einer „innerer Faul-Krankheit“ leiden und sie es nicht mehr lange machen werden. Ich habe sie immer wieder ermutigt, sich vom „Baum-Pfleger“ anschauen und richten zu lassen. Da gibt es Spezialisten. Und wir sind hier am Ortsplatz wichtig. Es ist bei den Bäumen wie bei den Menschen selber. Da sind auch alte Frauen und Männer dabei, die hier vorbeikommen und etwas humpeln. Bei den Bäumen setzt der Mensch in so einem Fall die Motorsäge unten an. Weg ist er. Erde drüber. So geschah es mit meinen Baumnachbarn. Schon lagen sie da am Boden. Ich musste weinen, weil ich doch viel mit ihnen ausgetauscht hatte, auch erlebt habe. Ich selber war ja gesund und stark. Dann kamen sie zu mir. Die Menschen beobachteten mich. Die Augen strahlten einen vorwurfsvollen Blick aus. Meine abgebrochenen Äste machten ihnen Sorgen. „Wie bekommen wir sie runter?“, hörte ich sie sagen. Sie holten einen Hebe-Korb und näherten sich. Aber ich bin schon ein großer Baum und so konnten sie meine gebrochenen Äste oben nicht bequem erreichen. Dann war es still. Ich spürte: Sie überlegen, beratschlagen, fragen irgendwo nach. Ich dachte, sie holen eine lange Leiter oder etwas Ähnliches. Ich wollte sie noch ermutigen und ihnen zurufen, dass es sich lohnt, heraufzuklettern und die Äste abzuschneiden. Ich hätte auch versprochen, dass sich meine Krone wieder „verwachsen“ wird, damit alle Menschen hier in Kirchschlag stolz sein können auf meinen Anblick und ich wieder gut Schatten spende.

Aber dann hörte ich wieder die Motorsäge. Laut war sie und ganz direkt unter mir. An der Rinde spürte ich, wie sie direkt an meinen Zehen und an der Ferse (das ist dort, wo ich aus der Erde wachse) herumschneiden. Zuerst kitzelt es und dann tut es aber voll weh. Und die Motorsäge gab Vollgas und ich spürte ihr Schwert durch meinen Stamm schneiden. „Jetzt geht es dahin“, ging mir durch Wurzel, Stamm und Krone. Hätte ich schon Blätter gehabt, sie hätten gezittert. Mit einem einzigen großen Schrei stürzte ich um. Stille. Ein kurzer Moment Stille. Ich bilde mir ein, sie spürten, dass sie da etwas gemacht haben, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Krone, Ansehen und Schatten liegen am Boden. Sie haben mich beseitigt als einen Teil von ihnen. Ich gehörte genauso zu den Festen wie die Musik. Und da gäbe es jetzt viel Momente, die ich schildern könnte, wo ich immer dabei war. Für manche, die nicht spüren oder eingeschränkte Wahrnehmung haben, war ich zu selbstverständlich. Ich war nicht außergewöhnlich, wie man das heute gerne hat. Aber ich hätte euch gerne weiter „den Baum auf dem Kirchenplatz gemacht“.

Und sofort begannen sie mich „aufzuarbeiten“. So nennen das die Menschen, wenn sie einen Baum umschneiden, zersägen und häckseln.

Mit diesen Zeilen, die ich so an euch richte, möchte ich niemand verurteilen. Eher möchte ich ermutigen, mit uns, euren Mitgeschöpfen der Natur, der Schöpfung behutsam umzugehen. Wir sind genauso besondere Lebewesen, sonst hätte euer Papst Franziskus in #LaudatoSi nicht diese wunderbare Weisheit gesagt: Alles ist mit allem verbunden. Schade, dass ich nicht mehr unter euch stehen darf. Ich bleibe in eurer Erinnerung.

Euer ehemaliger Lindenbaum am Kirchenplatz

Nicht immer lese ich „brand eins“. Meist im Vorbeigehen, in einer Zwischenzeit am Bahnhof blättere ich darin. Diesmal bin ich direkt in einen gewissen Schockzustand gefallen: „31 % der jungen Leute können sich eine direkte Verbindung von einem Körperteil mit dem Netz vorstellen.“ Konkret: Sie würden sich die Funktionen des Smartphone als Chip implantieren lassen.

Freiwillig an die digitale Leine

„Facebook ist Stasi auf freiwilliger Basis“, hat schon Micheal Niavarani vor fast 10 Jahren in seinem Kabarett-Programm verlautbart. Das Programm haben Leute gesehen, die Facebook nicht gekannt haben. Und sie mussten aus ganzem Herzen lachen. Ich habe das in meinen Social Media Vorträgen verwendet. Auch immer ein Schmunzeln. Damals war schon die Rede davon, dass das Handy und Smartphone nur ein „Übergang“ sein wird. Diese Technologie lässt sich auf einen kleinen Chip zusammenführen und implantieren. Jetzt ist es soweit. Und ein Drittel der Jungen und sicher genauso hoch ist der Prozentsatz bei der übrigen Bevölkerung kann sich das gut vorstellen. „Das wäre bequem“, hat dieser Tage ein junger Mann gemeint. Das ist genau der Punkt. Die Bequemlichkeit führt direkt ins Gefängnis der Abhängigkeit. Unter dem Anschein der neuen Autonomie und Bequemlichkeit verlernen wir gerade lebenswichtige Dinge wie beispielsweise den Orientierungssinn oder das natürliche Empfinden, was mir, meinem Geist, meinem Körper gut tut oder nicht. „Mein Handy weiß mehr als ich selber über mich.“ Fakt.

Stopp und zuerst nachdenken

Ich sehe das ungeschminkt. Die überall gepriesene und mit viel Forschungsgeld versehene Künstliche Intelligenz (KI) wird das natürlich nicht gelten lassen. Dort liegen nämlich für die Technokraten die wirklichen Zukunftspotentiale. Wir  gehen sehenden Auges in das digitale Gefängnis der Bequemlichkeit. Der Mensch wird nach einer gewissen Zeit nicht mehr wissen, wie die selbst verantwortete Freiheit geschmeckt hat. Manche meinen, wir sind schon viel zu weit gegangen. Jetzt kann ich das Handy noch weglegen und mich #offline bewegen. Es wird vielleicht nicht mehr lange dauern, und das Handy will mich suchen. Ich bin auch ein schwer digitaler Mensch und doch stelle ich mir oft am Tag ein Stopp auf, damit ich nachdenken kann, wer mich an der Leine hat. Freiwillig gehe ich in keinem Fall ins Gefängnis.

Ganz bewusst war hier Pause auf meinem Blog. Wenn man innen drinnen spürt, dass Dinge und Aufgaben zu Ende gehen, dann werde ich immer ruhiger. Das war in den letzten Monaten der Fall. Nun die Neuigkeit. Mit 31. Aug 2019 werde ich meine Dienste in Wien im Bereich Kommunikation und Medien für die Vereinigung der Frauenorden und die Superiorenkonferenz der Männerorden beenden. Die Ordensgemeinschaften Österreich werden kommunikativ und medial  neu belebt.

Sieben Jahre

Um ersten Vermutungen den Boden zu entziehen:  Ich gehe nicht in Pension, sondern öffne mich neu für ein Projekt, eine Aufgabe für die nächsten sieben Jahre – so Gott will. Reduzierter und vor allem wieder kontinuierlich näher bei meiner Frau Gerlinde und der ganzen Familie. Fragt mich heute  nicht gleich, was das genau sein wird. Ich werde mich wieder ganz öffnen und mich erinnern, was mir das heilsame Gehen und Pilgern immer wieder gelehrt hat: Das Leben kommt dir entgegen. Irgendwie spüre ich, dass da draußen noch eine Aufgabe auf mich wartet. Ich durfte so viel lernen und so viele Erfahrungen machen, dass ich fast überfließe. Das möchte in zur Verfügung stellen. Und: Mit 70 möchte ich auf den Großvenediger gehen. Das wäre dann in etwa sieben Jahren. Der Sieben-Jahres-Rhythmus hat mich ohnehin in meinem Leben begleitet. Immer begann das Neue irgendwie nach sieben Jahren.

Schlusspunkt setzen

Die Arbeit an der Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema „Schlusspunkt setzen“ im Oktober vorigen Jahres hat mich persönlich erfasst. Das #wach-Jahr bei den Orden hat mich selbst wacher, hellhöriger gemacht. Das Video vom Feierabend mit den LALÀ’s im ORF habe ich mehrmals angeschaut und dort ist von der „inneren Stimme“ die Rede. Das Gespräch mit Matthias Strolz einen Abend lang hat auch diese „innere Stimme“ thematisiert. Und so habe ich hineingehört und gespürt: Beziehung und Familie sind unersetzbar. Auch Freunde habe ich durch das siebenjährige „Vagabundieren an der Westbahnstrecke“ – wie ich meine Identität immer beschreibe  –  aus den Augen verloren. Unglaublich schön finde ich, dass mir und uns die Familie mit den drei Enkerln ein tragendes Netz geworden ist. Ein echtes Geschenk. Und das möchte ich nicht liegen lassen, weil ich dauernd unterwegs bin. Und ich bin gerne unterwegs. Keine Frage.

Loslassen

Als besonderes Geschenk sehe ich heute, dass mich damals 2012 nach all den Wirren rund um 2009 die Ordensgemeinschaften „gefunden“ haben. Dass ich nach Wien gehe, hätte ich mir nie gedacht. Dass ich dort so viel Gestaltungsraum für meine Ideen und mein Können bekomme, kommt mir heute noch wie ein Wunder vor. Wir haben das, was ich bei den Orden von Beginn an gespürt habe, über längere Zeit „Freiraum für Gott und die Welt“ genannt. In diesen Freiraum durfte ich „hineinwerken, säen und ermutigen“. Mein ganzes Herzblut, meine Energie und „Zukunfts-und Quer-Denkerei“ habe ich dort zur Verfügung gestellt. Es ist uns gemeinsam in diesen sieben Jahren viel gelungen, es hat sich viel entwickelt und Neues hat Gestalt angenommen. Jetzt ist es Zeit, den Ideen weiten Raum zu geben, mit dem Loslassen ernst zu machen, damit ich diesem Weiter-Wachsen nicht im Wege stehe. Weiter begleiten werden mich thematische Ansätze wie „viel mehr wesentlich weniger“, „gottverbunden freigespielt“, das Klimapilgern oder die Themenflächen auf 5vor12.at wie #BeziehungHeilt über #GerechtigkeitGeht bis hin zu #LoslassenBefreit und #GemenschaftHält. Gerade das inhaltliche Konzept der Ordensgemeinschaften für diese nächsten drei Jahre nehme ich in meinen neuen Lebensabschnitt mit. #EinfachGemeinsamWach ist genau das, was mein persönliches Leben und die Gesellschaft auf der Erdkugel heute braucht.

„Hold me“ singen die LALA’s und sind dabei in Taiwan unterwegs. Hier das wunderbare Video zum Song. Jeder Mensch ist getragen vom Wunsch nach Anerkennung, Sinn und Dazugehören.  Immer wieder darf ich mich getragen fühlen in dieser tiefen „Gewissheit“: Gott geht unsere Wege mit. #Danke.

„Ende September haben wir die Hochzeit unseres Sohnes mit seiner Braut gefeiert. Sie haben sich als Motto – „gemeinsam am liebsten“ – genommen. Viele junge Leute spüren, dass allerorts gerade etwas verloren geht. Das Gemeinsame, die Verbundenheit, die Verbindlichkeit. Aber der Mensch ist immer in Gefahr, das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren und nur mehr den eigenen Bauchnabel zu sehen, um den sich die ganze Welt dreht oder zumindest drehen soll.

Vor 2000 Jahren haben die ersten Jesus-Anhängerinnen und Jesus-Anhänger damit überrascht, dass sie alles gemeinsam hatten. Mit dieser Tatsache haben sie aber auch überzeugt. Viele haben diese Sehnsucht gespürt. Die Bibel schildert die ersten Christinnen und Christen als liebevolle Gemeinschaft, genährt aus der Nähe zu Gott, den sie als Vater, als Mutter gesehen haben. Jesus hat ihnen diese Sicht eröffnet. Sie haben gegen den Trend der damaligen Zeit nicht auf Egoismus, Durchsetzung des Stärkeren oder das banal Irdische gesetzt, sondern auf das Miteinander, das Füreinander, selbst mit den Geringsten, den Outsidern, den Fremden. Gott kommt uns im Fremden entgegen.

„Die Austreibung des Anderen“ heißt das top aktuelle Buch des Sozialphilosophen Byung-Chul Han. Er schreibt: „Die heutige Kultur der Leistung und Optimierung lässt keine Arbeit am Konflikt zu, denn sie ist zeitintensiv. Wir kennen nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt.“

Das Buch unseres Hochzeitspaares heißt eher „Die Öffnung auf den Anderen hin“. In allen Dimensionen, im Gelingen und Scheitern, im Verstehen und Missverstehen, im Lieben bis hin zur Lieblosigkeit. Heute wird Familie klein gesehen. Mutter, Vater, Kind – alleine, isoliert, unter sich und damit eine dauernde Überforderung. Der Mensch ist hineingeschaffen in ein größeres WIR. Früher sagte man Großfamilie, Sippe, Verwandtschaft, über die leibliche Familie hinaus. Da sind Generationen, da sind FreundInnen, da sind WegbegleiterInnen, da ist ein tiefes Gespür für die Weisheit der Welt, die auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika LaudatoSi ausgedrückt hat: Alles ist mit allem verbunden. Die Orientierung am unbedingten Eigennutzen schwindet. Wir leben gemeinsam in einer Welt, die uns Mitwelt ist. Das ist nicht einengend gemeint, sondern tragend. Liebe, Compassion, Vertrauen, Empathie und Achtsamkeit sind die Seile, die hier gespannt werden. Diese junge Beziehung ist eine gelebte Ermutigung, immer offen zu bleiben für das neue Zusammenschwingen. Das „Und sie hatten alles gemeinsam“ der erste Christinnen und Christen gründete sich wahrscheinlich darauf, dass diesen Menschen damals auch „gemeinsam am liebsten“ war. Sie haben damit den Willen Gottes und die Sehnsucht der Menschen getroffen. Byung-Chul Han bringt in seinem Buch die Gastfreundschaft als höchsten Ausdruck der universellen Vernunft ins Spiel. Mit ihrer Freundlichkeit ist sie imstande, den Anderen in seiner Andersheit anzuerkennen und willkommen zu heißen. Wörtlich: „Freundlichkeit bedeutet Freiheit. Eine Politik des Schönen ist die Politik der Gastfreundschaft. Fremdenfeindlichkeit ist Hass und hässlich.“

Übrigens: Die Hochzeit selber habe ich als schönes, tiefes und ausgelassenes Fest dieser zusammenschwingenden Gastfreundschaft, Freiheit und Freude erlebt, einfach, mit viel Musik, Tanz und wunderbaren Gesprächen. Ein schönes und tragendes Netz, das sich für die beiden jungen Eheleute hier gespannt hat.“

Hier der Zwischenruf zum Nachhören.

Ich stehe unten im tiefen Felsenspalt von La Verna. Dort ist Franziskus auf seinem „Rückzugsberg“ am liebsten gewesen. In der Höhle hat er geschlafen, hineingehorcht in die Natur und hindurchgeahnt entlang des ober ihm sich auftuenden Lichtspaltes auf Gott hin. Die Erde ist im Vater, Mutter geworden, der Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen. Er hat gesucht. Er hat gefunden, was er gesucht hat. Hier kam ihm das Leben in seiner totalen Einfachheit entgegen. Karriere, Geld, Prunk, Besitz, Kämpfen – es war nicht mehr sein Leben. Erst in der Stille draußen hat er Gott gehört: Baue auf. Immer wieder ist er ausgestiegen und hat sich der Stille und der Finsternis hingegeben.

Aufbruch zum Felsenspalt

Mit 26 Frauen und Männer bin ich von Premilcure über den Apennin nach Assisi gegangen. Weltanschauen hat die Menschen aus ganz Österreich  „eingesammelt“. Der Nachtzug hat uns nach Bologna gebracht, wo wir uns erstmals alle auf einem Haufen gefunden haben. Der Zug brachte uns nach Forli, der Bus nach Premilcure.  Startpunkt und Ausgangspunkt für den Aufstieg hinüber nach Corniolo. Es geht bergauf, ordentlich bergauf. Manche werden langsam, andere springen los. Das „mentale Gummi-Ringerl“ hält uns in der Unterschiedlichkeit zusammen. Alpine Wege im Apennin. Gar nicht so ungefährlich, wie manche nachher meinten. Ein italienisches Abendessen nach AAA+ lässt den Tag und die Anstrengung ausschwingen. Der nächste Tag hat es ebenso in sich. Insgesamt etwa 1.200 Höhenmeter hinauf und hinüber zum höchsten Punkt des Cammino Assisi, dem Poggio Scali (1.520 m). Camaldoli sieht uns etwas verspätet. Die Gastfreundschaft war wieder hervorragend, das Haus bemerkenswert altehrwürdig. Der dritte Schönwettertag führt uns ins kleine Dorf Biforco und die dortige Pilgerherberge. Das provisorische Abendessen wird zum ultimativen Gemeinschaftserlebnis unter uns und mit den Dorfbewohnern in dem kleinen Geschäft, das uns als Refektorium diente. MitpilgerInnen staunten über unsere Sangesfreude und das diesbezügliche Können. Unsere Herzen sind weit geöffnet, sodass uns der nächste Regentag hinauf nach La Verna nichts anhaben kann. Feuchtigkeit ist ein Element des Lebens, gelegen oder ungelegen. Der erste tiefe Höhepunkt oben am Felsen ist erreicht. Wir atmen durch, Nebelschwaden ziehen herum und die Stigmata-Prozession ist beeindruckend. Wir werden still, hörend, horchend und gehen abends in die nächtliche Finsternis. Stille, Ruhe und Finsternis umgeben uns in diesem steinernen Kloster.

Die Sehnsucht kommt an

Zuerst umgibt uns Sonnenlicht. Je mehr Schritte wir hinüber nach Caprese Michelangeli setzen, umso mehr Regentropfen mischen sich ein. Wasser von oben und von unten. Die Stimmung ist trotzdem sehr gut. In einer Eremo-Kapelle genießen wir die Mittagsrast. So soll Kirche sein: Unterschlupf und Schutz geben. Das Hotel liegt auf einer Anhöhe, hinter ihr die Taufkirche des berühmten Künstlers. Gut vorstellbar, dass diese Gegend diesen genialen Geist geweitet und inspiriert hat. Immer wieder ist von uns mehrstimmiger Gesang zu hören, lässt andere aufhorchen, bisweilen staunen. Der Bus bringt uns am nächsten Tag über Citta di Castello und Gubbio nach Valfabbrica. Im Ostello bleiben wir, werden wir gestärkt und schlafen uns in den letzten Gehtag nach Assisi. Die Sonne hat sich wieder eingefunden, um uns am letzten Tag zu begleiten. Auf halber Strecke ein Aufschauen: Dort ganz weit hinten die Basilika San Francesco erstmals zu sehen. Unser Ziel. Im Olivenhain lassen wir uns nieder, eine Schafherde überholt uns und der letzte Aufstieg zum Stadttor hinauf gebiert noch ein paar Schweißperlen. Angekommen. Wir schauen auf die Basilika, ein Blick, den ich von vor neun Jahren noch genau in mir habe. Da tauchen nicht nur Bilder auf, sondern auch Emotionen. Wir haben es alle geschafft. So und so. Aber wir sind alle da. Wir gehen hinein, hinunter und liegen dann auf der Wiese. Für manche von uns unglaublich, die etwa 110 km mit über 4.000 Höhenmeter geschafft zu haben. Meine Seele gibt der Dankbarkeit Raum. Ich spüre, nicht nur meine. Der hl Franziskus und die hl Klara mit Gefährtinnen und Gefährten treffen auf uns, in den Kirchen Francesco, Chiara, S. Damiano, Portiunkula und den Carceri. Wir gehen in zwei Tagen alle Orte ab, lassen sie uns erklären und auf uns wirken. Viel in Stille. Und immer wieder berührt uns die Stille, die Einfachheit und die Liebe zu den ausgegrenzten Menschen.

In einfacher Wachheit dem gemeinsamen Leben auf der Spur

Der Regionalzug hat uns von Assisi nach Arezzo gebracht. Dort war Abschied angesagt, weil wir uns im NightJet der ÖBB in Österreich bei Nacht, in der Finsternis wieder „verloren“ haben. Unser gemeinsames siebentägiges Gehen hat uns eine Grundhaltung näher gebracht: Das Leben kommt uns entgegen. Weit aufmachen und das Herz freilegen mit der tiefen Bitte, die in der Basilika S. Chiara vor dem Kreuz verortet ist: „Gib mir, Herr, das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben.“ Und ich denke an unsere Weltkugel, die von unserer aufwändigen Menschengier, dem immer Mehr, dem Achtlosen und Getriebenen gerade malträtiert wird. Wir lesen in den heutigen Tageszeitungen von der unmittelbaren Bedrohung durch den Klimawandel und zwei Seiten weiter vom Wirtschaftswachstum und neuen Technologien, die wir in ihren Nebenwirkungen (Elektroauto) nicht abschätzen wollen. La Verna und Assisi sind gute Orte, wenn man sie zu Fuß angeht, die eine neue Lebenshaltung hervorbringen können: Viel mehr Weniger. Viel mehr Wesentliches. Einfacher. Mit viel Lebensqualität. Stille und Finsternis stupsen uns dorthin, wenn wir uns keine Angst einreden lassen. Die Welt aus einer anderen Perspektive anschauen, aus dem Felsenspalt von La Verna und der kleinen Portiunkula in Assisi. Dort entstand damals neues Leben und von dort nehmen wir eine neuen Ahnung für heute und in die Zukunft mit. Das verbindet uns.

#EinfachGemeinsamWach

Von 1. Sept bis 4. Okt begehen die christlichen Kirchen eine bewusste „Schöpfungszeit“ und laden damit alle Menschen auf dieser Weltkugel ein,  ihre Lebensgrundlage als „Mitwelt bewusst wahrzunehmen und zu respektieren in ihrer biotischen Grunddynamik, nach der wir Menschen auch leben sollten“. Es ist von uns Menschen eine Entscheidung gefordert, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Leben und verstehen wir uns als Teil dieser Natur (Schöpfung) oder benutzen wir sie im Sinne einer „irreversiblen Ausbeutung“. Ich kürze ab. Die erste Frage jedes Menschen ist: Wie kommt mehr Liebe, Compassion, Empathie und Achtsamkeit in die Welt? Und dann kommt in unseren Breiten gleich: Wie geht das Weniger hin zum Wesentlichen? Das wird mit Verzicht konnotiert und der wird in unserer Konsumgesellschaft als gestrig dargestellt und mit Verlust von Lebensqualität angepatzt. Das genaue Gegenteil dürfen wir entdecken, wenn wir den Ballast der Konsumwelt von uns schaufeln, ablegen, nicht mehr anstreben, hinten lassen. Eine ganz neue Lebensqualität zieht ein. Wenn es draußen regnet und kühle Luft gut atmen lässt, dann ist eine gute Zeit, diesen Fragen nachzusinnen. Wir haben dafür auch eine Broschüre entwickelt: „Quellen der Kraft“. Es ist die Einladung und wir wollen Hilfestellungen gegeben, dem geöffneten Leben Raum und Platz zu geben. In einem Video darf ich diese Quellen der Kraft erläutern. Jeder und jede kann kostenlos diese Broschüre bestellen. Nur Mut. Da geht es um die tiefe und weite Spiritualität, die Papst Franziskus in #LaudatoSi angesprochen hat. Es braucht, um eine gute Zukunft für alle zu ermöglichen, den Wechsel vom technokratischen Weltbild hinein in das sozial-ökologisch-spirituelle Welt- und Menschenbild.

Wenn der junge Bundeskanzler Kurz bei Google, im Silikon Valley oder gerade in Singapur auf „Lerntour“ bei den Besten ist, dann ist er in der technokratischen und Mammon orientierten „erfolgreichen“ Welt unterwegs. Das sollten wir wissen. Deshalb sind Laptops in den Schulklassen das Wichtigste. Dabei geht es um Beziehungen, die heilen, um Erfahrungen, die bilden, um Gemeinschaft, die hält, um Fremdes, das bereichert, und Gerechtigkeit, die geht. Also. Geht und nicht verschwindet. Diese Themen sind die Bausteine der Ordenswelt und Ordenskirche, wie wir sie in den letzten 1 1/2 Jahren „bewusst gemacht“ haben. In einem Video-Summary hat meine Kollegin Magdalena Schauer die Grundintentionen festgehalten. Ich darf für mich selber sagen: Diese „Aspekte“ meiner Arbeit haben mich geweitet, vertieft und bewusster gemacht. Dafür bin ich dankbar.

„Bewusste Schöpfungszeit“ heißt nichts anderes, als bewusst in dieser Welt zu stehen, zu gehen, zu leben. Auf Facebook und Twitter melde ich mich in diese Richtung immer wieder zu Wort, weil es wichtig ist, den „Main- und Fake-Stream“ zumindest zu ergänzen durch andere Sichtweisen und Beispiele. Es gibt so viele Menschen – und vor allem junge -, die dieses neue Miteinander auf Basis der biotischen Prinzipien realisieren, leben. Und da gehören auch die Enkelkinder dazu, die uns sicher einmal fragen werden: Was war das damals 2018?

Bei einem Meeting hier in Wien bin ich heute zufällig mit der Klima- und Nachhaltigkeitsexpertin Helga Kromp-Kolb zusammengetroffen. Wir haben uns beide noch gut erinnert an das Gespräch im September 2015, das ich für den Bericht in den ON-Ordensnachrichten mit ihr geführt habe. „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ stand damals am Türschild. Die Meteorologin ist für mich eines der wichtigsten Gesichter für den Appell, endlich etwas zu tun für einen neuen Lebensstil, der uns gut und nachhaltig alle miteinander auf der Weltkugel nicht nur überleben, sondern inklusive Enkerl in die Zukunft hinein gut leben lässt. Aber: Es schaut nicht gut aus. Beim Meeting sind wir immer wieder zu dem Punkt gekommen, wer oder welche Maßnahmen oder Personen diesen Change kraftvoll anstoßen und betreiben können. #SystemChangeNotClimateChange haben wir damals – 2015 – zu Fuß als Klimapilger Richtung Weltklimagipfel in Paris getragen. Wir haben Projekte gesehen, die schon längst den Anfang gemacht haben. Sie werden nur (noch) nicht gehört von denen, die „steuern“, die „entscheiden“ oder durch ihre Entscheidung wirklich „ändern“ können. Wir wissen alle: So kann und darf es nicht weitergehen mit dem Raubbau an unserer „Mutter Erde“, die wir Christen als „Schöpfung Gottes“ sehen und niemals als menschlichen „Besitz“. Wir sind maximal Pächter und unser Auftrag ist, „das Erbe“ sorgsam weiterzugeben.

Ab 1. August auf Pump

Heute 30. Juli 2018 habe ich mir die Seiten 10/11 in der Krone kopiert. Ich gestehe: Sehr oft kommt das nicht vor. Aber heute war der Titel eine ganz klare Botschaft: „Der Erde als Sklavin unseres Lebensstils“. Am 1. August ist verbraucht, was uns zusteht durch das „Nachwachsen“. „Welterschöpfungstag“ – so wird dieser Change hinein in den Pump bezeichnet. Die Welt ist erschöpft und der Mensch gibt überall Gas. 93 Tage (drei Monate) würden wir gewinnen, wenn der CO2-Ausstoß um 50% verringert würde. Wir geben Gas und testen 140 km/h auf Autobahnen. Die Flieger am Himmel und auf Flughäfen haben nicht mehr genug Platz und immer mehr und billiger werden Menschen durch die Lüfte gekarrt. Wir wissen: Flugzeuge und das Auto sind die Hauptverursacher. Aber ist das alles noch zu ändern? Nein. Man sieht das auch in der angesprochenen Krone, wenn ein paar Seiten weiter ganzseitige Autowerbung und günstige Flüge angeboten werden. Spätestens dort giert er schon wieder nach dem „billigsten Angebot für noch mehr“. Und dann treffe ich Menschen, die den gottlosesten Satz aller Sätze sagen: „Auf mich kommt es eh nicht an. Des is wuarscht.“

Persönliche Entscheidungen

Heute früh im Bus vom Bergdorf zum Bahnhof unterhalte ich mich mit meinem Bruder (er ist Radon- und Licht-Spezialist) über die Situation rund um den Attersee an Wochenenden bei Schönwetter. Alles staut, nichts geht mehr, Gestank und Lärm neben und am „Erholungssee“. Was müsste passieren, dass die vergangenen „Sünden“ aufgehoben werden? Aus meiner Sicht ist es das Auto und das Privatbesitz-Denken. Die Menschen suchen mit dem falschen Verkehrsmittel (Auto) nicht den See, sondern ihr Grundstück. Fatal. Auto hat mit Autismus zu tun. Und Privatbesitz mit „abgesondert, für sich“. Und genau darin steckt die „Wurzel-Sünde“, die „verkehrte Sichtweise“. Die Erde ist das Gemeingut, das alle tragen, ernähren, schützen und Lebensfreude geben möchte. Aber: Einige glauben, dass die Erde ihnen gehört. Genauso der See, die Straße, das Wasser, die Luft. Wir sind aber dazu da, sie behutsam zu nutzen und sie nicht mit unserem Egoismus und der darin gründenden Bequemlichkeit „auszubeuten“. Jede Entscheidung zählt. Ich persönlich fliege nicht mehr, ich fahre mit meinen drei Jahreskarten fast ausschließlich mit Öffis und erlebe dabei eine ganz besondere Lebensqualität. Ich genieße den Naturgarten und ernte daraus für den Eigenbedarf. Ich kaufe lokal ein und habe noch nie etwas bei Amazon oder dergleichen bestellt. Meine kürzeren Alltagswege gehe ich zu Fuß und es gibt keinen Lift. Trinkwasser aus der Leitung bekommt der Garten keines. Und alles das erlebe ich nicht als Verzicht, sondern als besondere Lebensqualität. Wenn es jetzt sehr heiß ist, dann lese ich in LaudatoSi, dass genau Klimaanlagen Gift sind. Sie verbrauchen mittlerweile weltweit mehr Energie als die Heizungen. Ein bisschen Schwitzen einige Tage im Jahr sind „drinnen“. Es ist die kleine Versuchung Tag für Tag, auf Kosten der Anderen und auf Kosten von Mutter Erde zu leben. Laut einer aktuellen IMAS-Umfrage hält es ein Drittel der Bevölkerung für wichtig, „ein einfaches Leben zu führen“. Das Drittel wird auf Dauer zu wenig sein. Das werden Anreize nicht schaffen. Da wird die Politik mit Gesetzen schützend vor die Erde treten müssen. Die globalen Ausbeuter(-Mechanismen) müssen in die Schranken gewiesen werden. Und vielen „inneren Schweinehunden“ werden wir eine außerirdische Planetenbahn eröffnen, damit Mutter Erde nicht weiter Sklavin unseres Lebensstils ist.

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