Kaineder News

Archiv für die Kategorie „Local Detective“

Eigentlich sollte ich viel mehr zu Fuß unterwegs sein. Aber es geht sich dann doch nicht so einfach aus, weite Wege zu gehen. Beruf und Aufgabe brauchen mich und will da sein. Heute haben wir #AufbruchBewegt präsentiert.

Froh bin ich, dass ich in meinem Leben schon öfter weite Strecken gegangen bin. Das heißt konkret: länger als 21 Tage am Stück. Daraus ziehe ich meine Erkenntnisse. Mit Christine Dittelbacher durfte ich mich über unsere Erfahrungen unterhalten, reden, austauschen, ergänzen und meine Kollegin Magdalena Schauer hat uns mit der Video-Kamera „verfolgt“. Hier unsere Erfahrungen und Erkenntnisse.

 

Meine Reformationsreise nach Eisleben, Wittenberg, Leipzig, Erfurt, Eisenach, Mühlhausen und ins Kloster Volkenroda sind schon wieder fast eine Monat her. Die Zeit relativiert die Er-Fahrungen (es war ein Reisen mit dem Bus) und Blick zurück ragen die stärksten Eindrücke, Einsichten, Erfahrungen aus dem Dunst des Alltags heraus.

Drei bleibende Erinnerungen

In Wittenberg hatten wir mit Katja Köhler eine hervorragende Stadtführerin. Sie vermittelte mir – ich spreche nur für mich – damals als „neu“, dass die Lutheraner erst in diesem Reformationsjahr ihre Ursprungsstätten selber „entdecken“. Und Wittenberg selber ist ein kraftvoller Ort, an dem diese damaligen Zeit vor 500 Jahren gut  nachzuspüren ist. Gerade auch das Panorama lässt mich eintauchen in diese bewegte Zeit, wo der Mensch genauso wie heute in Geschäftsmodellen an Bilder festgebunden wurde und wird.

In Scherbda im Hainich (Nationalpark) hat uns der amtierende Bürgermeister der 400 Einwohnergemeinde die Kirche gezeigt. Aus meiner Sicht ein Juwel, das schon zu DDR-Zeiten von den Menschen vor dem Verfall gerettet haben. Der Bürgermeister in Arbeitskluft: „Wir haben gesehen, wie die da oben versagen und deshalb haben wir schon vor der Wende selber Hand angelegt und im Geheimen an der Rettung gearbeitet.“ Solchen Menschen mit Zivilcourage und Anpack-Qualitäten höre ich einfach gerne zu. Das sind jene Ermutigungen, die ich mir immer mitnehme, einpacke und davon nehme, wenn ich Mutlosigkeit oder Resignation am Horizont auftauchen sehe.

Und dann war da dieser wunderbare Ort „Wilhelmsglücksbrunn„.  Ehemaliges Stiftsgut. Auch schon ganz verfallen in DDR-Zeiten. Junge evangelische Christinnen und Christen haben sich gemeinschaftlich ans Werk gemacht und diesen Ort wieder aufgebaut. Herr und Frau Karsten, von der ersten Stunde an dabei und heute Geschäftsführer dieses „Inklusionsbetriebes“, haben uns im Rahmen einer Schaf-Käseverkostung die Geschichte und ihr Engagement still und bescheiden geschildert. Heute arbeiten dort 12 Menschen, 6 davon mit Beeinträchtigung. Biohotel, Slow Food Restaurant, Milchschafe, Rinder, Wasserbüffel, Hühner, Bioladen, Eis-Manufaktur und eine wunderbare Gegend. Beeindruckend. Und immer wieder muss ich ans Kloster Volkenroda denken, das wir auch besucht haben. Auch diese Dynamik in Zeiten des Umbruchs. Die Chancen gesehen und getan. Nicht nur gesprochen davon. Dort haben sich Menschen bewegt. Und diese Bewegung hat zur Reformation geführt. Zu einer neuen Gestalt von Gemeinschaft, getragen von Spiritualität, von Zusammenhalt und Anpacken. Und so wie den Evangelische Kirche gerade die Ursprungsorte „entdeckt“, so entdeckt sie auch diese neuen „Impulsorte“ der konkreten Verwirklichung „evangeliumsgemäßen Lebens“. Da bin ich dann sehr schnell bei unseren Orden, die im Grunde auch dieser DNA von „einfachem, gemeinschaftlich gestaltetem und hellwachem Leben“ geprägt sind.Und auch Papst Franziskus ist in diesem Sinne in heutigen Tagen ein großer Reformator. Bewegung reformiert.

FakeNews gehört mittlerweile zum Normalwortschatz. Dirty Campaigning trifft nicht in erster Linie die Getroffenen, sondern das Medium, die einschlägigen SocialMedia-Kanäle selber. Die Demokratie und das ehrliche Bemühen nach persönlichem Austausch und Ringen nach Lösungen tritt in den Hintergrund. Mittlerweile wissen wir alle, dass der  jeweilige Algorithmus die Sprech- und Hörmöglichkeit bestimmt. Zu viele Menschen glauben immer noch, dass sich  ihre Timeline so „ganz natürlich“ generiert. Dieser Tage hat mir eine Zugmitfahrerin allen ernstes erklärt: „Ich poste so wenig, dass sich der Algorithmus bei mir nicht einmischt.“ Das kommt mir vor, wie wenn jemand sagt, das kleine Boot, in dem ich fahre, berührt das Wasser nicht. Diese ganze digitale Welt rechnet heute mit der Unwissenheit der meisten Menschen, mit der Lust auf Unterhaltung und der Bequemlichkeit des „Wischens“.

Aufklärung

Was ich bei mir selber immer öfter wahrnehme: Ernüchterung. Auch Ermüdung. Persönlich erlebe auf FB, Twitter, Instagram, usw einen oft inspirierenden Nutzen. Seit Beginn bin ich dabei. 2008. 2009. Auf fast „allen“ relevanten Kanälen habe ich einen Account. Manche ruhen seit Jahren, „weil es sich gar nicht ausgeht“. Wäre nicht „Medien und Kommunikation“ meine Profession, würde ich sicherlich um vieles leiser treten. Manchmal sehne ich mich nach dem leiser, wenn ich diesen Tumult und die Aufgeregtheit sehe, erlebe. Ich mache da nicht mit. Meine dreiwöchige Offline-Zeit im Vorjahr hat mich „zurückgeführt“. Mir ist das „fein gesponnene Leben“ ein Anliegen und mit der oft „grobklötzigen Selbstdarstellung“ kann ich wenig anfangen.  Ganz am Beginn des Auftauchens der SocialMedia habe ich immer vom „digitalen Gasthaus“ gesprochen. Manche sehen das als naiv oder zu vereinfacht. Aber jetzt wird erlebbar und sichtbar: Die am lautesten schreien terrorisieren eine menschliche und hinhörende Gasthausatmosphäre, nach der wir uns alle sehnen. Mittlerweile muss ich mich fragen, wer aus eigenem Antrieb da sitzt oder wer bezahlt (gesponsert) wurde, damit er oder sie hier Platz genommen hat. Das „normale von Herz zu Herz Kommunizieren“ ist entschwunden. Werbeschreier und Freibiertrinker bestimmen die Themen in diesem „veröffentlichten Raum“. Manchmal wünsche ich mir sogar, dass es noch schlimmer wird, damit die „Erkenntnis“ über Fake und Campaigning schneller kommt. Die SocialMedia-Kanäle müssen sich reinigen und gereinigt werden. Aufklärung und Hintergründe, Funktionsweise und Nutzung genau reflektieren. Geschieht das nicht, wird Vertrauen und Glaubwürdigkeit verschwunden sein und Demokratie, Zusammenhalt leise und sehr schnell entschwinden. Ich bin aber überzeugt: Der Mensch wird das rechte Maß der Nutzung und Anwendung finden und jede missbräuchliche Anwendung ahnden. Kein Medium ist neutral.

Es ist noch finster. Für 7 Uhr ist der Abgang in Bad Goisern im Hand.Werk.Haus eingetaktet. Geschlafen habe ich wunderbar. Motivation ist da. Das ab 6 Uhr vorbereitete Frühstück ist nicht in Scheinwerferlicht gestellt und daher nur mit offenen Augen in seiner vollen Pracht zu sehen. 160 Frauen und Männer, jung und älter, trudeln mit der Zeit im Hof ein. Alle werden wir aufbrechen, um dann 24 Stunden lang ausschließlich zu Fuß über die Berge unterwegs zu sein. Brot, Marmelade, Käse und etwas Joghurt. Das Frühstück ist getan, der Rucksack bereit, die Stöcke auf Länge. Das „Bleibe-Gewand“ lege ich in einen Beutel, um im „Geh-Gewand“ die Strecke zu bewältigen. Die Sonne wird uns nicht einheizen, eher der Regen nässen. Die Regenhose bleibt von Beginn bis zum Schluss angezogen. Sie ist angenehm zu tragen und schützt vor Nässe von oben genauso wie vor dem Nass der Gräser am Wegrand. Immer ein trockenes T-Shirt und einen trockenen Pulli für die Pausen dabei. Das habe ich beim Weitgehen gelernt: Nie nass sitzen. Ansonsten ist meine Philosophie, dass ich nass gehe. Das heiß, wenn ich von innen (Schweiß) und/oder außen (Regen) nass werde, dann ziehe ich nach den Pausen die nassen Sachen wieder an. Eh klar, werden die einen sagen. Igitigit, sagen die anderen. Wer das annehmen kann, für den wird der Rucksack wirklich leicht. Und er ist heute leicht. In den Pausen werden wir versorgt. Die Route ist mit 66 km und 2.900 Höhenmeter vorgegeben. Die Guides haben sie schon mehrmals unter die Füsse genommen. Da bin ich mir sicher und darauf ist Verlass. Gerlinde Kaltenbrunner nimmt das Mikro in die Hand, begrüßt uns alle mit ihrer angenehmen, fast leisen Stimme und ermutigt uns. Da Gespräch mit ihr in Windischgarsten zu „Viel mehr Glück“ schwingt bei mir mit. Die Sponsoren und die Organisatorinnen bekommen auch noch kurz das Wort. Der Betrag von 14.000.- EUR (unser aller Startgeld) wird im Herbst nach Nepal überbracht, um Schulen weiter auszubauen und die Erdbebenfolgen „aufzuarbeiten“. Da habe ich gerne dazugelegt. Für Nepal. Und Nepal geht mit, mit jedem Schritt, die Menschen, die Projekte. Es sind für mich 24 Stunden „meditatives Gehen“ zusammen mit den Menschen in Nepal.

Die Gespräche und das Schweigen

Die Route ist schnell erklärt: Bad Goisern, hinauf zur Goiserer Hütte, hinunter nach Gosau, hinauf zur Rossalm, hinüber nach Hallstatt, den Soleweg hinaus nach Steeg, hinüber nach St. Agatha, hinauf bis fast auf den Gipfel des Predigstuhl bei Nacht und wieder hinunter über die Ewige Wand nach Bad Goisern. Um 7 Uhr früh starten wir und kommen um 6.45 Uhr früh wieder zurück. Ich habe nicht gezählt, aber es waren über 19 Stunden reine Gehzeit. Die Hälfte bei Tageslicht und die andere Hälfte mit Stirnlampe. Das Wetter war „verhangen“. „Nebelreißen“ war am Vormittag und Nachmittag unser „Anfeuchter“. Dann wurde es trockener. Der erwartete nächtliche Regen hat uns verschont. Herausfordernd war es aber allemal. Ich selber habe die Gespräche mit den verschiedenen zum Teil mir bisher unbekannten Menschen genossen. So viel Lebenserfahrung, so viele Weltreisende neben mir, Suchende und Sehnsüchtige, tolle Menschen mit Engagement in jeder Hinsicht. Oft hat sich schon bestätigt: In die Berge gehen Menschen, die hell, wach und open minded sind. Selten was Dumpfes dort angetroffen. Gerade auch das lange Gespräch mit Gerlinde Kaltenbrunner hat mir wieder gezeigt, wie „spirituell sehnsüchtig“ die Menschen heute sind. Auch sie erlebt das bei ihren Vorträgen, ihren Seminaren, am Weg. Ich erzähle ihr, dass gerade auch Orden „spirituelle Sehnsuchtsorte“ sind oder zumindest sein könnten. „Die Menschen suchen Tiefe und Weite und finden oft Oberflächlichkeit.“ Solche Gespräche nähren, ermutigen, stärken.  Genauso wie das Gespräch mit dem „Geldüberbringer“ nach Nepal von den Naturfreunden St. Pölten. Jahrelang engagiert und immer wieder „drüben“, um aufrichten zu helfen. Mit der Finsternis kurz vor dem Salzbergwerk Hallstatt wurden die Gespräche am Weg weniger. Gegen Mitternacht hat sich ein Schweigen eingestellt, das gegen 3 Uhr morgens durchgängig wurde. Die Schritte, die aufschlagenden Stöcke liegen im Ohr und der Lichtkegel der Stirnlampe vor Augen. Das ist jetzt meine Welt in Bewegung.Bei mir stellt sich eine Blase ein, am linken Fuß. Aus meiner Sicht ein Zeichen für eine „Schwachstelle“. Aber es geht. Die Schritte zurück in den Ort Bad Goisern auf dem alten Kirchensteig „passieren“. Die Füsse gehen mit mir, leichte Schmerzen von der Fußsohle flüstern mir ins Ohr. Gut angekommen fallen wir uns um den Hals, gratulieren einander und ich bin dankbar. Für die Schritte, die Gemeinschaft und die Hilfe, die jetzt nach Nepal geht. Der Zug bringt mich heimwärts. Ich stelle den Wecker, weil ich weiß, dass ich einschlafen werde. Ein Erlebnis der besonderen Art.

Welt anschauen ist immer das Ziel, wenn wir mit Weltanschauen unterwegs sind. Schon vor einigen Tagen sind wir alle 27 TeilnehmerInnen wieder vollständig und gut von unserer ökologisch fundierten Reise „Einfach Pilgern in Siebenbürgen“ mit dem Zug zurückgekehrt. Ein Teilnehmer hat geschrieben: „Nochmals herzlichen Dank für Organisation und Führung, aber so ganz weiß ich noch nicht, wie ich das alles in meinem Inneren einsortieren werde.“ Das zeugt von tiefgreifenden Erfahrungen auf den 150 Kilometern am Marienweg von Tg Mures nach Schomlenberg (Csiksomlyo), das „Mariazell der Ungarn in Rumänien“. Über 200.000 Ungarinnen und Ungarn finden sich dort am Pfingstsamstag zur großen Feier ein.  Sind dann doch etwas mehr als in Mariazell, wie wir festgestellt haben. Der „Marienweg“ verbindet beide Pilgerziele. Ein Teilstück sind wir gegangen, gepilgert, gewandert.

Die Kraft der Gruppe

Am letzten Tag sind fünf Leute vom Team des Marienweges mitgepilgert. Sie wollten einfach sehen, wie die größte internationale Pilgergruppe unterwegs ist, die noch dazu ihre Rucksäcke selber tragen. Für mich selbstverständlich. Wie geht sonst das Weniger, wenn ich meinen Rucksack ohnehin dem Shuttle-Dienst übergeben könnte. Ihre erste Frage nachher in kleiner Runde mir gegenüber war: „Wann habt ihr die Lieder geprobt?“ „Gar nicht, sie waren einfach da.“ Ich betone, dass ich es als besonderes Geschenk betrachte, wenn in einer aus ganz Österreich frei zusammengewürfelten Gruppe gleich mehrstimmige Lieder „da“ sind. So wie das Singen, so hat uns das Gehen (übrigens 4,5 km/h durchschnittlich ohne Pausen), haben uns die Gespräche, das Zusammenstehen und die Impulse zusammengeführt und zusammengehalten. „Ich habe gehofft, dass ich es schaffe. Und jetzt stehe ich da.“ Das Essen schmeckt besser in der Gruppe und das Gehen wird „leichter“.

Die Einfachheit

 

Ich selbst habe mir in der Einsiedelei den Luxus gegönnt und bin mit der Zahnbürste in aller Frühe zum 200 Meter entfernten Brunnen gegangen. Das einzige Wasser. Da spüre ich, wie wesentlich diese Einfachheit wird. Und vieles wurde uns am Weg „wertvoll“, weil es so einfach und doch – wie beim Essen – so gut war. Einfache Matratzen, der Kübel als Dusche, das „Stadtcafe“ im Dorf ein kleiner Mini-Mix-Laden. Da lernst du den Kaffee besonders schätzen, weil er auf einmal unvermutet da ist. Ein Mann kommt mit seinem Pferdefuhrwerk vorbei, sein Sohn mit dabei, geht ins Geschäft, kauft sich fünf Eis und ein Bier, gibt alles in ein Sackerl und sie fahren weg. Es war Sonntag. Das war der Sonntag in der Familie. Und da gäbe es noch viele Beispiele, die wir gesehen, erlebt, bewundert, bestaunt haben.

Die Selbstversorgung

Durch die Dörfer gehend haben wir die Selbstversorgung „studiert“. Praktisch hatte jedes Haus alles im und rund um das Haus. Gärten, Wiesen, Felder und die entsprechenden Tiere. Alles da. Wenn nicht die korrupte Regierung alles an den Westen verkauft, sehen wir hier das ökologische Wirtschaften der Zukunft. #LaudatoSi Hier können alle überleben, auch wenn der Supermarkt geschlossen hat. Tagelang Subsistenzwirtschaft. Und so nebenbei erwähne ich, dass wir uns in keiner Sekunde irgendwie „bedroht“ gefühlt haben. Eher das Gegenteil: Unglaublich freundliche Menschen.

Die Ungleichheit

Einmal haben wir nach einem Dorf (es war vorwiegend ein Roma-Dorf) das Gefühl gehabt, durch das Dorf der massiven Ungleichheit gegangen zu sein. Am Ortseingang richtige Schlösser, die sich Roma-Anführer hier errichtet haben. Am Ortsende Elend, das wir gesehen haben und von den BettlerInnen bei uns kennen. Hütten, Verdecke, Planen und Plastikverschläge und alle aus demselben Roma-Stamm. Die Reichsten in unmittelbarster Nachbarschaft zum Elend. Da stimmte nachdenklich. Gibt es aber genauso im Westen.

Das Gehen in der Natur

Meine Erfahrung ist, dass die Natur die beste Therapeutin ist. Auf diesem Weg ist uns besonders schöne und ansprechende Natur begegnet. Die Seele nimmt diese Bilder nährend auf und ich trage diese Erinnerung immer durch den Winter. Dass wir Bärenspuren und Bärenlosungen gesehen haben, hat uns nicht überrascht. Dass uns Hunde eingekreist haben und mit uns Mittagsrast gehalten haben, gehört zur „Natur der Sache“. Ich habe nie Angst gespürt, weil wir Teil dieses Naturganzen inklusive der Schafherden waren, uns so gesehen und benommen haben. Der Pfarrer der Einsiedelei ist über zwei Stunden mit uns weitergegangen und immer wieder habe ich von ihm so leise dahinseufzend gehört: „Es ist fertig. Auch hier ist es fertig.“ Gemeint hat er zwei Dinge: 1. Die Familien sind abgesiedelt und die Häuser verfallen. 2. Durch den Klimawandel trocknen die Bäche und Quellen aus. Er war mit wenig Hoffnung gesegnet. Wir haben ihn durch mehrstimmige Lieder „ermutigt“, sein einfaches „Beispiel“ weiterzuleben. Mit ihm haben wir eine einfache Messe gefeiert. Ein glaubwürdiger Hirte.

Das Schweigen und Reden

Die Tagesimpulse dieses Jahres habe ich aus den „Quellen der Kraft“ genommen. #Atmen, #Mehr und Weniger, #Dankbarkeit, #Liebe, #Gebet und #Vertrauen sind die Zugänge zu einer „geöffneten Spiritualität“. Sechs Tage Gehen und sechs #Themen. Immer wieder haben wir erlebt, dass es nicht einfach ist, „die Komfortzone“ ehrlich zu verlassen, auf Gewohntes verzichten zu müssen und dort und da wortlos zu werden. Die Themen wurden immer „einfacher“, das Reden wandelte sich immer mehr in staunendes Schweigen. Am Ziel angekommen, sassen wir zuerst schweigend in der Kirche bis sich der mehrstimmige Chor in uns erhob. Wir waren happy, dass wir es geschafft haben. Alle.

Dass wir Schässburg, Birthälm, Brasov gesehen haben, erwähne ich nur so nebenbei. Das zusammentreffen mit der Caritas Alba Julia war wirklich erhellend und Bernadett ist mit uns den ganzen Weg gegangen, übersetzend und erzählend. #Danke

Und nächstes Jahr geht es nach Assisi (27. 9. – 7. 10. 2018).
#Vorfreude

Meine Schwägerin war Kindergartenleiterin. Das hat sie aufgegeben. Jetzt widmet sie sich beruflich ganz dem Thema „Kinder im Wald“. Sie führt Kindergruppen meist eine Woche lang einfach in den Wald. Viele Klein- und Vorschulkinder kennen den Wald als Lebensraum nicht. Es gibt sogar Kinder, die auf dem weichen Waldboden am Anfang Schwierigkeiten beim Gehen haben. Mit der Wald-Erfahrung verändern sich Kinder. Laute werden leise, anstrengende Kinder strengen sich selber an, schüchterne kooperieren, mit jedem Stück Holz heben sie auch Mut auf und das „Mir ist fad“ geht in Staunen über. Da ist kein „Programm“, sondern einfach der Wald, Resonanzraum für so einen Tag, eine Woche. Ähnliches erzählt sie von ihren Kursen mit Erwachsenen – meist Pädagoginnen und Pädagogen.

Nimm dem Kind nicht den Erfolg

Eine Freundin von Sr. Agnes von den Helferinnen in Csobanka nimmt mich zum Bahnhof Budapest mit. Sie arbeitet bei einem Verein, der Eltern dabei unterstützt, ihre Kinder nicht zu „erziehen“, sondern in ihrer eigenen Entwicklung zu fördern. Sie schulen Eltern darin, dass sie nicht dauernd „eingreifen“, sondern beobachten lernen, wie Kinder sich aus sich selber heraus „entwickeln“, Fortschritte machen. Fällt ein Kind hin, laufen sofort Erwachsene und stellen das Kind auf die Beine. Sie rauben dem Kind damit eine Erfahrung: Ich kann selber aufstehen!

Morgen geht es los. Nein: Wir gehen los. Nochmals nein: Zuerst fahren wir mit dem Zug nach Budapest, dann mit dem Nachtzug nach Rumänien. Wir bleiben gut ökologisch am Boden, nehmen uns die Zeit, die unserer Seele zusteht. Von Targu Mures brechen wir zu Fuß  am Marienweg Richtung Osten auf. Eine Reise bewegt schon vor dem Start. Jeder Aufbruch hat eine Bewegung in sich. Ich spüre keine Nervosität, sondern ein feines achtsames Aufgeregt-Sein. Wer sind die 25 Frauen und Männer, die mitgehen? Wie wird uns das Land, die Menschen begegnen? Es waren diese Wochen des Gehens und Pilgerns bisher für mich immer nährende Zeiten. Dieses Gehen ist immer geprägt von einem wertschätzenden Umgang, einem Hineinspüren ins tiefe Leben, Gespräche und Rituale aus dem Weg und Unterwegs-Sein heraus und eine fein wachsende Zusammengehörigkeit. Immer achte ich darauf, dass dieses Band der im Gehen wachsenden Energie nicht auseinander reißt. Ziehen und gezogen werden im Auf und Ab des Weges finden eine Balance, die es vielen, allen leichter macht, loszulassen. Das Ich geht langsam, behutsam in das Wir hinein und wird, ist „befreit“. „Du schaffst es“ wird ergänzt durch „Wir schaffen es“.

Herausgerissen

In diese Atmosphäre des Aufbruchs hat sich gestern ein ganz anderer „Aufbruch“ gemischt. Derzeit reißt das Innenministerium nach vielen Jahren des Hier-Seins Flüchtlingsfamilien heraus. In Walding wurde eine armenische Mutter mit zwei Kindern „abgeholt“, zum Aufbruch gezwungen, deren Mann und Vater hier begraben ist. Gott sei Dank ging diese „Geschichte“ durch alle Medien, eine Welle der Solidarität und des Protestes erfüllte das Land. Gestern abends sind sie wieder nach Walding zurückgekehrt. Immer mehr solche „Fälle“ (es sind doch Menschen) werden in diesen Tagen bekannt. Es ist so schändlich, wenn jemand in so einer Situation, wo sie sich „eingewurzelt“ haben, zum Loslassen gezwungen wird. Dass derzeit die VP mit christlichen Wurzeln dieses „Treiben“ von der FP übernommen hat, ist aus meiner Sicht einfach schändlich. Machtgewinn auf Spaltung und Ausgrenzung aufbauen, ist für einen gerechten und solidarischen Staat hochgradiges Gift. Das sollten alle Österreicherinnen und Österreicher bei ihrem Aufbruch in die Wahlzelle überlegen: Mauern oder Brücken. Bei der Pfarrkirche in Ottensheim habe ich dieser Tage diesen Stein (siehe Foto) entdeckt. Zwei Daseinsweisen sind hier dargestellt: Eine Kugel ist eingesperrt und die andere zum Fliegen bereit. Jeder Aufbruch bewegt und durch das Loslassen setzen wir zum Fliegen an, sind wir befreit. Gerade wenn wir diese geflüchteten und gut integrierten Menschen von ihrem „Kerker daheim“ befreien, ihnen hier bei uns weiterhin Sicherheit geben, können sie mit uns Flügel ansetzen.

Ganz wenig geht

Zurück zum Rucksack, zum Aufbruch morgen. Jeder Aufbruch ist auch eine Bewegung in Richtung Weniger. Wer schon einmal vor seinem Rucksack gestanden ist, versteht die Frage besser: Wie geht Reduktion? Jedes Zuviel ist Ballast. Auch diese Bewegung in Richtung Weniger ist der tiefe Prozess des Loslassens. Im Endeffekt geht es darum, Gewohnheiten zu hinterfragen auf „Bewegungstauglichkeit“. Gerne erinnere ich mich noch daran, dass ein Jugendlicher vor „Jahrzehnten“ beim Aufstieg auf den Lasörling am Lasörling-Höhenweg in Osttirol auf dem Schneefeld gestürzt ist. Nichts passiert. Aber: Nach dem Sturz hat es aus dem Rucksack getropft. Wir mussten nachschauen, was da drinnen kaputt gegangen ist. Dem 14-jährigen Jugendlichen war es peinlich. Wir öffnen: 10 Jogurellabecher drinnen und einer ist geplatzt. Weiters ein Fön, alle möglichen Tuben. „Ich habe mir das eh gedacht, das  ich das alles nicht brauche“, stöhnte der Jugendliche. Es war einfach zu viel. Auch heute nicht einfach, wenn die ganze Gesellschaft schreit: mehr, größer, neuer. Der Rucksack lehrt mich immer wieder, dass es auch mit ganz wenig geht. Ballast abwerfen, zu Fuß in Bewegung kommen und gemeinsam „aufdanken„. Das machen wir. Von hier bis Rumänien und wieder zurück.

Der Hauptbahnhof Wien ist in den letzten Jahren zu so etwas wie ein Brückenkopf meines vagabundierenden Lebens geworden. Ankommen, umsteigen. Hinaufgehen, wegfahren. Gestern habe ich den Bahnhof in einer neuen Facette erlebt. Er wurde für unsere 5vor12-Talks zum Paradigma. #FremdesBereichert haben wir am heißen und windigen Bahnsteig 8 besprochen. Da gibt es einen Kipp-Effekt. Fremdes löst Neugier aus, macht aufgeregt. Reisen ist der Luxus, sich von Fremden und vom Fremden „bereichern, inspirieren“ zu lassen. Jetzt ist diese Zeit. Wir kommen heim und können (hoffentlich) viel erzählen, weil wir fremde Menschen und fremdes Leben kennen lernen durften. Josef Buttinger meint: „Du musst rausgehen, damit du reingucken kannst. Du musst reingehen, damit du rausschauen kannst.“ Zu viele bleiben auch auf Reisen daheim, haben Hände und Koffer voll und sind damit behindert, Neues „aufzunehmen“. So haben wir das im Talk auch besprochen.

Der Schatz der persönlichen Begegnung

Da ist aber auch diese diffuse Angst vor dem Fremden, den Fremden. Manuela Ertl von Train of Hope hat das klar zum Ausdruck gebracht. Diese „Stimmung“ wird bewusst geschürt, Meinungsmacher transportieren diese Botschaft immer wieder,  obwohl die Fakten längst eine andere Sprache sprechen, und Medien fungieren als Verstärker. Die Angst ist zwar kein guter Ratgeber, aber bringt Leser, Stimmen, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar das Kanzleramt in jungen Jahren. Der wirkliche Schatz ist die persönliche Begegnung. Das war klar. Sr. Maria Irina Teiner setzt aber noch klar nach: Grenzen schließen bringt den Tod. Auch den eigenen.

Schaut doch mal rein in die Highlights. Diese Begegnungen machen mir Freude.

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