Kaineder News

Archiv für die Kategorie „Orden Leben“

Eigentlich sollte ich viel mehr zu Fuß unterwegs sein. Aber es geht sich dann doch nicht so einfach aus, weite Wege zu gehen. Beruf und Aufgabe brauchen mich und will da sein. Heute haben wir #AufbruchBewegt präsentiert.

Froh bin ich, dass ich in meinem Leben schon öfter weite Strecken gegangen bin. Das heißt konkret: länger als 21 Tage am Stück. Daraus ziehe ich meine Erkenntnisse. Mit Christine Dittelbacher durfte ich mich über unsere Erfahrungen unterhalten, reden, austauschen, ergänzen und meine Kollegin Magdalena Schauer hat uns mit der Video-Kamera „verfolgt“. Hier unsere Erfahrungen und Erkenntnisse.

 

Heute erzähle ich kurz von meiner Arbeit. Das heißt: Ich lasse erzählen. Die Kathpress hat heute einen Bericht gebracht, in dem ich auch zur Sprache kam. Er gibt ein wenig wieder, „was wir uns so einfallen lassen“, Diesen Bericht möchte ich einfach wiedergeben:

„Wie sieht die junge Generation von Ordensleuten in Österreich aus und was treibt sie an? – Zu diesen Fragen haben die heimischen Ordensgemeinschaften vor wenigen Tagen eine neue Video-Serie gestartet. Vier junge Ordensleute geben in kurzen Statements Auskunft über ihren Alltag, ihre Berufung, ihre Arbeit und vieles mehr. „Sie geben einfach authentisch Einblick in ihre Lebenswelt, sie öffnen ihre Welt“, so Ferdinand Kaineder, Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften, im „Kathpress“-Interview.“

Die Neugier wird größer

„Die Neugier vieler Menschen am Ordensleben ist groß“, begründet Kaineder die Motivation zur Video-Serie. „Die Leute sind darin interessiert, was junge Menschen heute dazu bringt, in einen Orden zu gehen, und sie wollen wissen, wie es dann so ist, das auch zu leben.“ Mehr als 10.000 Interessierte habe man mit den Filmen bereits erreicht, so Kaineder. „Der Zuspruch ist enorm hoch.“

Vier authentische Ordensleute kommen zu Wort

Sr. Maria Ida Vorel (Franziskanerin aus Vöcklabruck), Fr. Alois Köberl (Benediktiner aus dem Stift Melk), Sr. Nathanaela Gmoser (Benediktinerin der Anbetung) und P. Alphonse Fahin (Steyler Missionar) berichten täglich in kurzen Videos u.a. darüber, weshalb sie ins Kloster eintraten, wie man sich fühlt, wenn man zum ersten Mal die Ordenskleidung überzieht, wie man schon in der Pubertät mit dem Klischee umgeht, dass Glaube „uncool“ ist, und warum auch Ordensleute nicht davor gefeit sind, sich zu verlieben. Die jungen Ordensleute in den Videos würden mit Klischees aufräumen, moderne Glaubenszugänge öffnen und sie würden beweisen, „dass Glaube nicht zeitgemäß sein muss, weil er zeitlos ist“, so Kaineder unter Verwendung eines Zitats von Sr. Vorel.

Die Vernetzung wird neu

Eine weitere Entwicklung, die Kaineder beobachtet: Die jungen Ordensleute vernetzen sich viele mehr als früher über ihre eigenen Gemeinschaften hinaus; nicht nur aber vor allem natürlich auch über Social Media. Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften wolle die jungen Ordensleute auch dabei mit seinen Initiativen unterstützen. Darüber hinaus gibt es beispielsweise seit einigen Jahren regelmäßige österreichweite „Jung-Ordensleute-Treffen“. Zuletzt kamen am vergangenen Wochenende 26 junge Ordensfrauen und -männer aus ganz Österreich im Stift Göttweig zusammen. Bei der traditionellen Herbsttagung der heimischen Ordensgemeinschaften in Wien- Lainz (27.-30. November) wird heuer erstmals auch ein „Ordenstag Young“ (27. November) abgehalten, speziell für Ordensfrauen und Ordensmänner in den ersten zehn Professjahren und in Ausbildung.“

Dass Ordens-Gemeinschaften besondere Orte sind, darf ich immer wieder erleben. Besondere Menschen – wie auch anderswo – verdienen diese Aufmerksamkeit.

Der Hauptbahnhof Wien ist in den letzten Jahren zu so etwas wie ein Brückenkopf meines vagabundierenden Lebens geworden. Ankommen, umsteigen. Hinaufgehen, wegfahren. Gestern habe ich den Bahnhof in einer neuen Facette erlebt. Er wurde für unsere 5vor12-Talks zum Paradigma. #FremdesBereichert haben wir am heißen und windigen Bahnsteig 8 besprochen. Da gibt es einen Kipp-Effekt. Fremdes löst Neugier aus, macht aufgeregt. Reisen ist der Luxus, sich von Fremden und vom Fremden „bereichern, inspirieren“ zu lassen. Jetzt ist diese Zeit. Wir kommen heim und können (hoffentlich) viel erzählen, weil wir fremde Menschen und fremdes Leben kennen lernen durften. Josef Buttinger meint: „Du musst rausgehen, damit du reingucken kannst. Du musst reingehen, damit du rausschauen kannst.“ Zu viele bleiben auch auf Reisen daheim, haben Hände und Koffer voll und sind damit behindert, Neues „aufzunehmen“. So haben wir das im Talk auch besprochen.

Der Schatz der persönlichen Begegnung

Da ist aber auch diese diffuse Angst vor dem Fremden, den Fremden. Manuela Ertl von Train of Hope hat das klar zum Ausdruck gebracht. Diese „Stimmung“ wird bewusst geschürt, Meinungsmacher transportieren diese Botschaft immer wieder,  obwohl die Fakten längst eine andere Sprache sprechen, und Medien fungieren als Verstärker. Die Angst ist zwar kein guter Ratgeber, aber bringt Leser, Stimmen, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar das Kanzleramt in jungen Jahren. Der wirkliche Schatz ist die persönliche Begegnung. Das war klar. Sr. Maria Irina Teiner setzt aber noch klar nach: Grenzen schließen bringt den Tod. Auch den eigenen.

Schaut doch mal rein in die Highlights. Diese Begegnungen machen mir Freude.

Es war das besondere Abendessen an meinem Geburtstages. Ich habe durch Los Tisch 5 gezogen. Nichts ahnend gehe ich zusammen mit den etwa 70 anderen TeilnehmerInnen am Wirtschaftstag der Orden in den Speisesaal. Wir nehmen alle Platz. Erhöht sind Tisch 1 und die Tische 2. Von meinem Tisch aus gut zu sehen. Auf unserem Tisch liegen ein paar Schnitten Brot und stehen zwei Krüge Wasser. Wir schauen einander etwas verdutzt an. Es wurde uns angekündigt, dass wir heute ein besonderes Abendessen bekommen werden. Und: Wir sind eingeladen.

Die Ungerechtigkeit ist systemisch stark

Ich denke an mein Aschermittwoch-Frühstück im Petrinum als Erzieher, wo ich 80% der Semmel in den einen Speisesaal und 20% in den anderen. Die 15-Jährigen waren genau umgekehrt zugeteilt. Damals endete die „Übung“ in kriegsähnlichen Zuständen. Wie wird das heute? Der Film oben fasst das alles wunderbar zusammen. Es blieb ruhig. Fast alle Versuche zu teilen, wurden von der Spielleitung unterbunden. Wie in dieser Wirtschaftswelt. Der Zugang zur genau instruierten Küche wurde uns „Armen“ rigoros verwehrt. Wie in dieser Welt. Und ein paar Almosen (Reis) haben sich zu uns durchgeschlagen. Wie auf der Weltkugel. Ungerechtigkeit liegt im System und das System hat keine Lust, sich zu verändern. Nein, es zementiert sich mit jeder Stunde.

Das Brot allein schmeckt wunderbar

Während über dem Speisesaal die „systemische Ungerechtigkeit“ schwebt, beginnen wir in Stille, im Schweigen das Brot zu essen. Langsam. Der wunderbare Geschmack breitet sich im Mund aus. „Es schmeckt gut“, wurde doch in die Stille hineingesagt. Und das Wasser dazu. Es war halt wenig, aber gut. Nur der Blick auf Tisch 1 hat uns unruhig gemacht. Ich stellte mir vor: Mit den TV-Geräten werden den Tischen 5 dieser Welt dauernd die „Tische 1 Geschichten“ erzählt und vor die Nase gehalten. Reich, schön, viel, Karriere, Geld,…. Das gibt dem Wenigen den unersättlichen „Zu wenig Geschmack“. Und Tisch 1 und Tisch 2 kämpfen. In jeder Hinsicht. Das aber jetzt nicht falsch verstehen: Es ist ein himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie auf der Welt die Güter verteilt sind. Und der Hunger tut weh. Aber ich schmecke heute im „Weniger“ mehr vom Brot. Jetzt. An meinem Geburtstag. Und manche werden jetzt denken, dass nachher das Buffet gewartet hat. Nein, das war das (ungerechte) Abendessen. Es wird mir immer in Erinnerung, eine Mahnung und Ermutigung bleiben.

Vor ein paar Tagen hat mich der Film „Free Lunch Society“ mit dem Themenfeld Grundeinkommen ins Kino gezogen. „Arbeit ist unbezahlbar“ ist eine der wesentlichen Aussagen. Dass die USA vor Ronald Reagan kurz vor der Einführung des Grundeinkommens stand, war mir so nicht bewusst, obwohl mit das Thema seit 1978 immer wieder beschäftigt. Die soziale Lage in den USA war so dramatisch, dass dies der einzige Ausweg schien. Aber dann schlug der Neoliberalismus zu mit seinen „privatisierten sozialen Programmen, die für wenige ein wunderbares Geschäft wurden“. Wir kennen die weltweite Entwicklung seither. Der Staat wurde zum Konzern umgemodelt, der Sozialstaat als Last dargestellt. Tragende soziale Netze werden seit dem desavouiert. Sozialschmarotzer wurden erfunden. Der Zusammenhalt bestand in der Ausgrenzung der Armen, der Marginalisierten, der Prekären. Nur das, was selbst im „Sozialen“ Profit abwirft, wird weiterentwickelt. Selbst Sozialeinrichtungen sind als Firmen an der Börse zu finden. Am Markt. Der Staat wurde zum Wedel der Großkonzerne entwickelt, Lobbying und Think Tanks steuern die Politik. In Österreich wird die Mindestsicherung gekürzt und die reichen Eliten werden still und heimlich um ein vielfaches reicher. Täglich. Stündlich.

Christlich geht anders

Selbst christlich-soziale sowie sozial-demokratische Parteien schütteln ohne mit der Wimper zu zucken ihre so entscheidenden Adjektive ab: sozial – christlich – demokratisch. Erfolgreiche Siegerstraßen sind die einzigen Fortbewegungsflächen geworden. Leid, Not oder Fragmentarisches riecht nicht gut. Kommt daher nicht mehr vor. Da heißt es dagegen halten. Der Sozialstaat ist die Basis für die Zukunft. Erfolge und Leid dürfen nicht getrennt werden. Weder individuell und schon gar nicht als Gemeinwesen. Daher gibt es die Initiative „christlich geht anders„. Es sind diese Ansagen, die heute Kraft für Morgen bekommen sollen, ja müssen:

  • Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie wird gelebt durch den Einsatz für Mitmenschen und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wer sich auf den christlichen Gott beruft und dabei auf den Nächsten vergisst, verkehrt die christliche Botschaft in ihr Gegenteil.
  • Christlicher Glaube macht Mut und Hoffnung. Wer Ängste schürt und Menschen gegeneinander ausspielt, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • ChristInnen sind solidarisch mit den Schwachen. Die Liebe zu Gott ist untrennbar mit der Sorge um die Armen verbunden. Wie wir den Geringsten einer Gesellschaft begegnen, so begegnen wir Gott selbst (Mt. 25,40). Wer Arme bekämpft, bekämpft das Christentum.
  • Kirchen fordern einen aktiven Sozialstaat. Ein Sozialstaat ist organisierte Solidarität. Gegenseitig schützen wir uns so vor den Grundrisiken des Lebens: Erwerbslosigkeit, Prekarisierung, Armut und Not. Angriffe auf den Sozialstaat sind immer auch Angriffe auf uns alle, verstärkt aber auf jene, die einen starken Sozialstaat besonders brauchen.
  • Ein gerechtes und soziales Steuersystem ist im Sinne der Kirchen. Wir lehnen daher eine Steuerpolitik ab, die viele übermäßig belastet, Vermögen und hohe Einkommen aber schont.
  • Als ChristInnen fordern wir angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen ein Gutes Leben für alle in Frieden und sozialer Gerechtigkeit.
    Dafür bilden wir ein wachsendes Bündnis von engagierten ChristInnen gemeinsam mit anderen, gerade auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Deshalb meine heutige Bitte: Bitte hier unterschreiben! Danke.
http://www.christlichgehtanders.at/unterschreiben/ 

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Das sagte Roger Willemsen bevor er 2016 starb. Er wollte ein Buch schreiben mit dem Titel „Wer wir waren“. Es wäre ein Plädoyer für die Abspaltung, ein Herausnehmen aus der Rasanz der Zeit geworden. Es ist unbestritten, dass die Zeitwahrnehmung eine Beschleunigung erfahren hat. „Haltet die Zeit auf“, rufen manche. Dabei müsste diese Botschaft an uns selbst gerichtet werden: „Steigt aus dieser Zeitmaschine aus.“

Aussteigen ist ein Einsteigen

Ordensleute und darüber hinaus viele Christinnen und Christen tun das immer wieder, wenn sie beten, innehalten, meditieren. Heraussteigen und einsteigen in das „Stundengebet“. Dieses Innehalten ist aber kein „Zeit aufhalten“, sondern ein sich bewusst in das Hier, das Jetzt und dieses Heute stellen. Es ist eine andere Wahrnehmung: bereit werden für das Engegenkommende, von Gott, von Menschen. Es ist ein Dank an Gott, der Leben fließen lässt. Nicht langsam oder schnell, sondern aus der Quelle der Liebe, die Jesus in besonderer Weise freigelegt hat. Erst diese Tiefe, diese Hinwendung und Offenheit dieser Quelle der Liebe gegenüber lässt Verstehen, Erkennen, Wissen und Erfahrung wachsen. „Zeit“ ist ein Totschlagargument geworden. Sich selbst und vor allem auch den Mitmenschen gegenüber. „Ich habe keine Zeit“ schlägt alles. Vor allem das Hier und Jetzt.  Darum: Halten wir uns auf.

Diese Woche durfte ich an der mehrtägigen Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck teilnehmen. Im Studienteil ging es um „Krise“ und was diese Krise noch verschärft: Die Verweigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher meine immerwährende Empfehlung: Ungeschminkt hinschauen. Wir wissen die Schlagworte: Überalterung, Nachwuchsmangel, Relevanzverlust und schwindende Vitalität. Papst Franziskus spricht die Situation immer wieder direkt an. Wir haben es bei den meisten Ordensgemeinschaften nicht mit Start-Ups zu tun, sondern mit verantwortungsvollen Trägerinnen und Träger großer sozialer und spiritueller Ideen aus der Vergangenheit, die sich ins Jetzt, Heute und Morgen transformieren und bewähren müssen. Da sind Werke wie Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen, Kultur- und Wirtschaftsbetriebe herausgewachsen, die tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung, sinnvolle Beschäftigung und eine Zugehörigkeit geben. Arbeit mit Lebenssinn. Gelingt das nicht, stirbt viel. Wer die Geschichte des Mönchtums und der Orden etwas nachschauen will, dem empfehle ich dieses „leichte und kurze Video“.

Die Welt offen halten für die Ohnmacht

Heute lese ich auf FB bei der VP OÖ aus Freude über die neuesten positiven Umfragen: „Gekommen um Vollgas zu geben …“ und „Es kann nur eine Nummer 1 geben“. Das sind Ansagen, die mögen ihre Wirkung im politischen Bereich entfalten. Diese „Sieger-Spreche“ ist motivierend, aber genauso entlarvend. Wer Vollgas fährt, kann keine Kurve mehr machen. Geschweige denn umdrehen, wenn es etwa in die falsche Richtung geht. Vollgas heißt, linear beschleunigen wollen. Und Geschwindigkeit nimmt das größte Stück Wirklichkeit aus dem „Rennen“. Jene Wirklichkeit, die kein Rennen, keine Meisterschaft, keine Sieger, kein Fortkommen kennt: die Ohnmacht. Die Wirklichkeit der Orden ist auch in gewisser Weise ein Stück Ohnmacht. Der Beitrag „Ohnmachtserfahrungen als provokante Antwort“ hat mir selbst in der Erstellung ein Stück „Ohnmachtserfahrung“ eingebracht. Wie diese tiefe Erfahrung von Ohnmacht zur Sprache bringen in einer Welt des dahinrasenden Stillstands?

Gott ist in der Ohnmacht

Ein Kranker, eine Arbeitslose oder ein Bettlägriger kann mit Vollgas tatsächlich wenig anfangen. Es ist das tiefe Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins oder der Nutzlosigkeit. Der einzige Wunsch, der solche Menschen begleitet: Macht die Welt ein Stück langsamer, aufmerksamer für die Wirklichkeit, dass dann und wann jemand mit mir ein Stück meines schweren Weges gehen kann, ohne dass er oder sie den Anschluss zu verlieren. Es hat mich wieder erinnert, dass der Dienst der (Ordens-)Christinnen und -christen nicht an den Siegerstraßen gefragt ist, sondern in den Ohnmachtsgegenden. Dort haben die Orden begonnen. Von dort weg ist natürlich die Stimme zu erheben gegen die strukturelle Sünde der Sieger. Im Gespräch miteinander wird man sich klarer, worauf es ankommt: Dieses Aushalten in der Liebe in den Ohnmachtssituationen mit den Menschen ist die Kreuzerfahrung. Das Kreuz, die Ohnmacht ist so unsere Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit braucht ihren Platz, ihre Wahrnehmung, den Respekt und jede „Aufrichtung“. Christsein heißt daher nicht, sich mit Gott einzurichten, sondern sich an Gott auszurichten. Und Gott selbst war in der Ohnmacht – am Kreuz. Die Fastenzeit kann uns das bewusster machen. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Liebe in diesen Gegenden. Den Verzicht ist keine Tugend an sich, sondern die Folge der Liebe.

Es war eine kurze Frage, die uns damals vor mehr als 15 Jahren in der „Bergdorf-Pfarre“ Kirchschlag nahe gegangen ist: „Wollen wir, dass in 50 Jahren der christliche Glaube das Leben hier im Bergdorf mitprägt?“. Wir hatten keinen Pfarrer am Ort. Wir wurden „mitbetreut“ und der kirchenrechtliche „Provisor“ hat Wohlwollen und Freiraum hereingebracht: „Tut.“ Ich durfte als PGR-Obmann und Theologe mitwirken. Bei der damaligen Pfarrgemeinderatsklausur fragten wir reihum und direkt von jeder und jedem ausgesprochen kamen 16 „Ja sicher“ und ein „Bin mir nicht sicher“. Das war der Samen für die Entwicklung, die die Pfarrgemeinschaft genommen hat. Sichtbarer Ausdruck ist ein neues Pfarrzentrum, das 2008 eröffnet und das heute von mehr als 100 Schlüssel „verwaltet“ wird. Nein, gestaltet und mitgetragen. Noch nie hat es „etwas gegeben“, wie so viele vermuten. Schlüssel ist Verantwortung. Seit ich in Wien bin, bin ich nicht mehr dabei. Die Grundüberzeugung war: Wenn Pfarre lebendig sein will, dann müssen wir Getauften in unserer Verantwortung aufstehen, gestalten, lebendig halten. Wir können nicht auf den Klerus warten, den uns niemand schicken kann. Und klar war: Es gab dafür breiteste Zustimmung. Aber 100 % waren es nicht.

Katastrophale Situation

Heute lese ich in der Kathpress vom Präsidenten der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg diese Aussagen. Ganz klar, deutlich, zukunftsweisend, ungeschminkt.“ Wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“ Es sei nötig, vom Versorgungsmodell wegzukommen. Es werde darauf ankommen, „dass Laien selbstbewusst und eigenständig ihre Dinge in die Hand nehmen“. Man solle sich hüten „davon auszugehen, dass die Kirche nur dann Kirche ist, wenn die Gemeinschaft auch voll und ganz in allen Positionen theologisch gebildet, liturgisch gebildet auf der Höchstform der Religiosität steht“.  Anlass von Sternbergs Äußerungen ist das in diesen Tagen erscheinende Buch „Aus, Amen, Ende?“ des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings, dessen Schritt ins Kloster für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er wollte sich eine Auszeit nehmen, nachdem er die Service-Erwartungen an seine Person als zu hoch und die Kontakte in der Großpfarre als zu unpersönlich empfunden hatte. Seit September 2016 lebt der 56-Jährige als sogenannter Postulant im Kloster. Frings: „Wir haben einen Nachwuchsmangel, der so eklatant geworden ist, dass selbst dieses ganze fusionierte Modell der Diözese so schon nicht mehr funktionieren wird.“ Er spricht vom Klerus und glaubt, dass es allein auf ihn ankomme. Aber: Es kommt auf die Getauften an, die einen ganz besonderen und lokal verorteten Magnetismus auslösen können. Wenn man ihnen so wie uns im Bergdorf auch die Ressourcen dafür „zurückgibt“. Der Kirchenbeitrag wurde gut angelegt. Zukunftsträchtig. Denn: „Die Kirche gehört den Getauften vor Ort.“

Trägerinnen und Träger einer „einfachen, gemeinschaftlichen und wachen Lebenshaltung“

Aber: Frings hat etwas erkannt, was viele ohnehin wissen. Das „versorgende Klerus-System“ ist alt, brüchig und deshalb oft weit weg von den Menschen. Der Personal-Strudelteig wird mittels „Diözesanprozessen“ noch gezogen. Löcher werden zugedeckt, weil Menschen Kirche mit diesem Klerus identifizieren. Schein vor Sein. Pfarre ist der Pfarrer. Für mich war und ist Pfarre immer die Pfarrgemeinschaft. Aus dieser Pfarrgemeinschaft lebend habe ich Menschen begleitet, Zusammenhalt gestiftet, den Rand als Ort Gottes zugänglich gehalten, das Gerücht von einem liebenden Gott immer wieder erzählt, angedeutet. Aus diesem Grunde habe ich Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Menschen auf den Friedhof geleitet oder Verliebte gesegnet in ihrer Hoffnung auf Treue hin. Immer habe ich andere Menschen ermutigt und gesagt, dass sie das auch genauso können, sollen. Ich habe auch immer gespürt, dass Jesus im Brot in unserer Mitte ist, uns begleitet, als Stärkung sich geben will. Auch in den Wortgottesdiensten mit Kommunionfeier. Das alles war auf Stärkung angelegt oder sollten „Quellen der Kraft“ sein. Bei den Orden haben wir Themenflächen als „Wahrnehmungsflächen“ ausgemacht. Die tragende Idee dazu ist das Modell Leben im Orden. Und das bedeutet: einfach. gemeinsam. wach. Das ist der „Input heute in diese Gesellschaft. Das einfache, gemeinsame und hellwache Leben. Das deckt sich aus meiner Sicht auf weiten Fläche mit der Bereitschaft zur PGR-Wahl: ICH BIN DA.FÜR. Dieser Partizipations- und Involvierungsvorgang der PGR-Wahl am 19. März ist doch nichts anderes als die Ermutigung: Ja, wir tun es. Beauftragt, „gewählt“ vom Volk Gottes. Und ich bin ganz fest überzeugt: Jesus hat eine Freude mit solchen Christinnen und Christen, die tun. Und so wird für die Menschen sichtbar, spürbar, erlebbar: Pfarre sind wir, bin ich. Ich sehe eine gute Zukunft darin, die einfach, gemeinsam und hellwach gestaltet wird. Im Sinne Jesu.

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