Archiv für die Kategorie „Orden Leben“

Der Ostermontag lässt Vieles „nachschwingen“. Am Karsamstag habe ich zusammen mit meinem ältesten Enkerl erstmals einen Berg, einen richtigen Berg, den Sonnstein erklommen. Die wunderbaren und lebendigen Osterliturgien in der Pfarre St. Markus mit dem inneren Erleben – Aufbruch, es geht weiter – waren wirklich nährend. Das Halleluja wollte dort nicht nur gesungen, sondern auch gestampft, getanzt, geklatscht und bewegt werden. Ein Pfarrassistent, dem bei Singen des Oster-Evangliums die Stimme brüchig wird, weil ihn das Geschehene selbst „bis in Herz hinein“ erfasst.  Es ist im ganzen Kirchenraum zu spüren, dass hier am Ostersonntag ganz Wesentliches gesagt wird, eine andere neue Welt „anklopft“. Der Tote lebt. Der Auferweckte begegnet den Jüngerinnen und Jüngern. In der Reihenfolge. Sie suchen. Und manche finden. Aber ganz haben sie noch nicht verstanden, was da mit Jesus in den letzten Tagen „abgegangen“ ist. Deshalb gehen zwei von ihnen zurück über Emmaus, heim, den Kopf hängend und alle Erkenntniskraft – so scheint es – verbraucht. Und dieses Emmaus wird der Begegnungs-Ort, der Erkenntnis-Ort, beim Brotbrechen, beim dankbaren Gebet davor, bei der Erinnerung an das Mahl. Jetzt haben wir verstanden. Unglaubliche Freude, die sofort aufbricht und zurückläuft, um auch andere in ihrem Frust, Skepsis oder Zweifel aufzurichten. Da passt es immer gut, wenn wir uns als Familie und auch als Großfamilie, als Sippe am Ostersonntag treffen. Wunderbare Begegnungen, die das Leben austauschen mit dem Ziel der Ermutigung. Irgendwie immer geprägt von österlichen Grundton:  Er ist da, geht mit uns. Ob wir es sehen oder nicht. #wach sein und #wach bleiben hilft zu sehen. Ostern geht über Emmaus.

Am Karfreitag suche ich die Stille. Ich gehe zur Karfreitagsliturgie in die Kirche. Das Leiden und Sterben Jesu. Damals wie heute. Immer besuche ich die Erinnerungsstätte für Franz und Franziska Jägerstätter in der St. Anna Kirche in Kirchschlag. Und daheim verziehe ich mich auch in den Herrgottswinkel. Warum?

Franziska und Franz Jägerstätter

Kurz vor der Seligsprechung von Franz Jägerstätter 2007 im Linzer Dom habe ich damals vom Pfarrer von St. Radegund als „Danke“ für meine Mitarbeit zwei Reliquien-Knochensplitter bekommen. Ich bewahre sie in einer Kapsel auf, wo normalerweise das heilige Brot zu den Kranken gebracht wird. Die vielgebrauchte Kapsel habe ich auch damals von Dompfarrer Johann Bergsmann dafür bekommen, der selbst beim Seligsprechungsprozess unglaublich viel getan hat. Heute schaue ich die verbrannten Knochen-Splitter an. Einmal im Jahr. Ein ganz tiefer Respekt vor dem Ehepaar Jägerstätter erfüllt mich. Für mich ist er der „Gewissens-Heilige“, der mit seinem Leben bezahlt hat, was uns nie wieder passieren darf. Und Franziska hat geduldig und sogar immer freudig „mit bezahlt“. Es darf uns nicht mehr passieren, einfach Ja zu sagen zu etwas, was „anschmiegsam und plausibel daherschleicht“ und doch im Inneren voller Mimesis in der Konkurrenz, voller Sündenbock-Denken, getränkt mit offener und subtiler Gewalt ist. „Sag nein, wenn alles ja sagt.“

Dafür und deswegen ist Jesus gestorben. Und ganz viele Frauen und Männer sind in seiner Spur seither und heute mit-gestorben, sterben heute mit. Das verlangt von uns, von mir ein ganz tiefes #wach im Jetzt. Und bei allem unserem Tun und Orientierung suchen hilft immer die ganz einfache Frage:

Kommt damit mehr Liebe in die Welt?

Leben ist Liebe. Das feiern wir heute, in Erinnerung und als Auftrag, als Tun und als Geschenk Gottes an uns.

Aus: Der Falter

Es ist kein großes Outing, dass ich bei Christlich geht anders für die Ordensgemeinschaften und meinem persönlichen Gewissen „verpflichtet“ nach Möglichkeiten und Kräften mitwirke. Wer die letzten Monate mit mir in den „sozialen Medien“ unterwegs war, hat meine tiefe Skepsis der jetzigen Regierung gegenüber ganz offen gesehen. Es wird von Tag zu Tag unerträglicher, wie auf dem Altar der Macht in einer dubiosen Koalition mit dem Beifall der Boulevard-Medien das Christliche im Sinne von Jesus von Nazareth geopfert wird. Viele der christlich-sozialen VPlerInnen sind still geworden wie ich auch bei  manchen Vorgängen der Amtskirche sehr still wurde, weil sie nicht kongruent zum Gründungsauftrag waren. Das Hindreschen auf „die Ausländer“, die tägliche Kreation der Sündenböcke für das eigene Versagen, das zynische Empowerment im neoliberalen kapitalistischen Spiel der Kräfte bis hin zum Sparen im System der Anderen und dafür das eigene System Regierungssprecher mit 120 Personen extra „auffetten“ (siehe Aufstellung aus dem Falter). Es läuft in die falsche Richtung und es ist gut, dass sich die Geschwindigkeit in  den letzten Wochen wegen tiefgehender Verwerfungen der koalitionär gebügelten Piste verlangsamt hat. „Identitäre“ ist der letzte Krater, den es „um der Macht willen“ zu überbrücken gilt, wenn der Altar der Macht nicht wackeln soll. Und Kurz hat das von Anfang an gewusst und kalkuliert. Das ist aus meiner Sicht das Obszöne dem Christlichen gegenüber. Das Soziale fußt im Christlichen, das anders geht, als es gerade interpretiert wird.

Orientierung

Das hat uns von den Ordensgemeinschaften und der ksoe, die letzten Freitag 60 Jahre gefeiert hat, ermutigt, herausgefordert, gekitzelt, eine Orientierung aus der Katholischen Soziallehre anzubieten. Die Bischofskonferenz hat dazu keine Unterstützung zusammengebracht und so haben wir uns mit „low budget“ und dem Können der beiden Magdalena’s (Holztrattner und Schauer) ans Werk gemacht. Und die Idee, so in den letzten Tagen die Rückmeldungen, ist aufgegangen. Viele haben diese sieben Videos schon gesehen und positives Feedback gegeben. „Sie sind eine gute Orientierung in einer turbulenten Zeit.“
Hier der Link zu den 3-minütigen Einzel-Videos (Playlist).

 

Hier der Gesamtfilm aus allen sieben Einzel-Videos zusammengefügt.

Ich lade hier einfach ein: Schauen Sie sich das an!

Ganz bewusst war hier Pause auf meinem Blog. Wenn man innen drinnen spürt, dass Dinge und Aufgaben zu Ende gehen, dann werde ich immer ruhiger. Das war in den letzten Monaten der Fall. Nun die Neuigkeit. Mit 31. Aug 2019 werde ich meine Dienste in Wien im Bereich Kommunikation und Medien für die Vereinigung der Frauenorden und die Superiorenkonferenz der Männerorden beenden. Die Ordensgemeinschaften Österreich werden kommunikativ und medial  neu belebt.

Sieben Jahre

Um ersten Vermutungen den Boden zu entziehen:  Ich gehe nicht in Pension, sondern öffne mich neu für ein Projekt, eine Aufgabe für die nächsten sieben Jahre – so Gott will. Reduzierter und vor allem wieder kontinuierlich näher bei meiner Frau Gerlinde und der ganzen Familie. Fragt mich heute  nicht gleich, was das genau sein wird. Ich werde mich wieder ganz öffnen und mich erinnern, was mir das heilsame Gehen und Pilgern immer wieder gelehrt hat: Das Leben kommt dir entgegen. Irgendwie spüre ich, dass da draußen noch eine Aufgabe auf mich wartet. Ich durfte so viel lernen und so viele Erfahrungen machen, dass ich fast überfließe. Das möchte in zur Verfügung stellen. Und: Mit 70 möchte ich auf den Großvenediger gehen. Das wäre dann in etwa sieben Jahren. Der Sieben-Jahres-Rhythmus hat mich ohnehin in meinem Leben begleitet. Immer begann das Neue irgendwie nach sieben Jahren.

Schlusspunkt setzen

Die Arbeit an der Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema „Schlusspunkt setzen“ im Oktober vorigen Jahres hat mich persönlich erfasst. Das #wach-Jahr bei den Orden hat mich selbst wacher, hellhöriger gemacht. Das Video vom Feierabend mit den LALÀ’s im ORF habe ich mehrmals angeschaut und dort ist von der „inneren Stimme“ die Rede. Das Gespräch mit Matthias Strolz einen Abend lang hat auch diese „innere Stimme“ thematisiert. Und so habe ich hineingehört und gespürt: Beziehung und Familie sind unersetzbar. Auch Freunde habe ich durch das siebenjährige „Vagabundieren an der Westbahnstrecke“ – wie ich meine Identität immer beschreibe  –  aus den Augen verloren. Unglaublich schön finde ich, dass mir und uns die Familie mit den drei Enkerln ein tragendes Netz geworden ist. Ein echtes Geschenk. Und das möchte ich nicht liegen lassen, weil ich dauernd unterwegs bin. Und ich bin gerne unterwegs. Keine Frage.

Loslassen

Als besonderes Geschenk sehe ich heute, dass mich damals 2012 nach all den Wirren rund um 2009 die Ordensgemeinschaften „gefunden“ haben. Dass ich nach Wien gehe, hätte ich mir nie gedacht. Dass ich dort so viel Gestaltungsraum für meine Ideen und mein Können bekomme, kommt mir heute noch wie ein Wunder vor. Wir haben das, was ich bei den Orden von Beginn an gespürt habe, über längere Zeit „Freiraum für Gott und die Welt“ genannt. In diesen Freiraum durfte ich „hineinwerken, säen und ermutigen“. Mein ganzes Herzblut, meine Energie und „Zukunfts-und Quer-Denkerei“ habe ich dort zur Verfügung gestellt. Es ist uns gemeinsam in diesen sieben Jahren viel gelungen, es hat sich viel entwickelt und Neues hat Gestalt angenommen. Jetzt ist es Zeit, den Ideen weiten Raum zu geben, mit dem Loslassen ernst zu machen, damit ich diesem Weiter-Wachsen nicht im Wege stehe. Weiter begleiten werden mich thematische Ansätze wie „viel mehr wesentlich weniger“, „gottverbunden freigespielt“, das Klimapilgern oder die Themenflächen auf 5vor12.at wie #BeziehungHeilt über #GerechtigkeitGeht bis hin zu #LoslassenBefreit und #GemenschaftHält. Gerade das inhaltliche Konzept der Ordensgemeinschaften für diese nächsten drei Jahre nehme ich in meinen neuen Lebensabschnitt mit. #EinfachGemeinsamWach ist genau das, was mein persönliches Leben und die Gesellschaft auf der Erdkugel heute braucht.

„Hold me“ singen die LALA’s und sind dabei in Taiwan unterwegs. Hier das wunderbare Video zum Song. Jeder Mensch ist getragen vom Wunsch nach Anerkennung, Sinn und Dazugehören.  Immer wieder darf ich mich getragen fühlen in dieser tiefen „Gewissheit“: Gott geht unsere Wege mit. #Danke.

Ich stehe unten im tiefen Felsenspalt von La Verna. Dort ist Franziskus auf seinem „Rückzugsberg“ am liebsten gewesen. In der Höhle hat er geschlafen, hineingehorcht in die Natur und hindurchgeahnt entlang des ober ihm sich auftuenden Lichtspaltes auf Gott hin. Die Erde ist im Vater, Mutter geworden, der Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen. Er hat gesucht. Er hat gefunden, was er gesucht hat. Hier kam ihm das Leben in seiner totalen Einfachheit entgegen. Karriere, Geld, Prunk, Besitz, Kämpfen – es war nicht mehr sein Leben. Erst in der Stille draußen hat er Gott gehört: Baue auf. Immer wieder ist er ausgestiegen und hat sich der Stille und der Finsternis hingegeben.

Aufbruch zum Felsenspalt

Mit 26 Frauen und Männer bin ich von Premilcure über den Apennin nach Assisi gegangen. Weltanschauen hat die Menschen aus ganz Österreich  „eingesammelt“. Der Nachtzug hat uns nach Bologna gebracht, wo wir uns erstmals alle auf einem Haufen gefunden haben. Der Zug brachte uns nach Forli, der Bus nach Premilcure.  Startpunkt und Ausgangspunkt für den Aufstieg hinüber nach Corniolo. Es geht bergauf, ordentlich bergauf. Manche werden langsam, andere springen los. Das „mentale Gummi-Ringerl“ hält uns in der Unterschiedlichkeit zusammen. Alpine Wege im Apennin. Gar nicht so ungefährlich, wie manche nachher meinten. Ein italienisches Abendessen nach AAA+ lässt den Tag und die Anstrengung ausschwingen. Der nächste Tag hat es ebenso in sich. Insgesamt etwa 1.200 Höhenmeter hinauf und hinüber zum höchsten Punkt des Cammino Assisi, dem Poggio Scali (1.520 m). Camaldoli sieht uns etwas verspätet. Die Gastfreundschaft war wieder hervorragend, das Haus bemerkenswert altehrwürdig. Der dritte Schönwettertag führt uns ins kleine Dorf Biforco und die dortige Pilgerherberge. Das provisorische Abendessen wird zum ultimativen Gemeinschaftserlebnis unter uns und mit den Dorfbewohnern in dem kleinen Geschäft, das uns als Refektorium diente. MitpilgerInnen staunten über unsere Sangesfreude und das diesbezügliche Können. Unsere Herzen sind weit geöffnet, sodass uns der nächste Regentag hinauf nach La Verna nichts anhaben kann. Feuchtigkeit ist ein Element des Lebens, gelegen oder ungelegen. Der erste tiefe Höhepunkt oben am Felsen ist erreicht. Wir atmen durch, Nebelschwaden ziehen herum und die Stigmata-Prozession ist beeindruckend. Wir werden still, hörend, horchend und gehen abends in die nächtliche Finsternis. Stille, Ruhe und Finsternis umgeben uns in diesem steinernen Kloster.

Die Sehnsucht kommt an

Zuerst umgibt uns Sonnenlicht. Je mehr Schritte wir hinüber nach Caprese Michelangeli setzen, umso mehr Regentropfen mischen sich ein. Wasser von oben und von unten. Die Stimmung ist trotzdem sehr gut. In einer Eremo-Kapelle genießen wir die Mittagsrast. So soll Kirche sein: Unterschlupf und Schutz geben. Das Hotel liegt auf einer Anhöhe, hinter ihr die Taufkirche des berühmten Künstlers. Gut vorstellbar, dass diese Gegend diesen genialen Geist geweitet und inspiriert hat. Immer wieder ist von uns mehrstimmiger Gesang zu hören, lässt andere aufhorchen, bisweilen staunen. Der Bus bringt uns am nächsten Tag über Citta di Castello und Gubbio nach Valfabbrica. Im Ostello bleiben wir, werden wir gestärkt und schlafen uns in den letzten Gehtag nach Assisi. Die Sonne hat sich wieder eingefunden, um uns am letzten Tag zu begleiten. Auf halber Strecke ein Aufschauen: Dort ganz weit hinten die Basilika San Francesco erstmals zu sehen. Unser Ziel. Im Olivenhain lassen wir uns nieder, eine Schafherde überholt uns und der letzte Aufstieg zum Stadttor hinauf gebiert noch ein paar Schweißperlen. Angekommen. Wir schauen auf die Basilika, ein Blick, den ich von vor neun Jahren noch genau in mir habe. Da tauchen nicht nur Bilder auf, sondern auch Emotionen. Wir haben es alle geschafft. So und so. Aber wir sind alle da. Wir gehen hinein, hinunter und liegen dann auf der Wiese. Für manche von uns unglaublich, die etwa 110 km mit über 4.000 Höhenmeter geschafft zu haben. Meine Seele gibt der Dankbarkeit Raum. Ich spüre, nicht nur meine. Der hl Franziskus und die hl Klara mit Gefährtinnen und Gefährten treffen auf uns, in den Kirchen Francesco, Chiara, S. Damiano, Portiunkula und den Carceri. Wir gehen in zwei Tagen alle Orte ab, lassen sie uns erklären und auf uns wirken. Viel in Stille. Und immer wieder berührt uns die Stille, die Einfachheit und die Liebe zu den ausgegrenzten Menschen.

In einfacher Wachheit dem gemeinsamen Leben auf der Spur

Der Regionalzug hat uns von Assisi nach Arezzo gebracht. Dort war Abschied angesagt, weil wir uns im NightJet der ÖBB in Österreich bei Nacht, in der Finsternis wieder „verloren“ haben. Unser gemeinsames siebentägiges Gehen hat uns eine Grundhaltung näher gebracht: Das Leben kommt uns entgegen. Weit aufmachen und das Herz freilegen mit der tiefen Bitte, die in der Basilika S. Chiara vor dem Kreuz verortet ist: „Gib mir, Herr, das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben.“ Und ich denke an unsere Weltkugel, die von unserer aufwändigen Menschengier, dem immer Mehr, dem Achtlosen und Getriebenen gerade malträtiert wird. Wir lesen in den heutigen Tageszeitungen von der unmittelbaren Bedrohung durch den Klimawandel und zwei Seiten weiter vom Wirtschaftswachstum und neuen Technologien, die wir in ihren Nebenwirkungen (Elektroauto) nicht abschätzen wollen. La Verna und Assisi sind gute Orte, wenn man sie zu Fuß angeht, die eine neue Lebenshaltung hervorbringen können: Viel mehr Weniger. Viel mehr Wesentliches. Einfacher. Mit viel Lebensqualität. Stille und Finsternis stupsen uns dorthin, wenn wir uns keine Angst einreden lassen. Die Welt aus einer anderen Perspektive anschauen, aus dem Felsenspalt von La Verna und der kleinen Portiunkula in Assisi. Dort entstand damals neues Leben und von dort nehmen wir eine neuen Ahnung für heute und in die Zukunft mit. Das verbindet uns.

#EinfachGemeinsamWach

Von 1. Sept bis 4. Okt begehen die christlichen Kirchen eine bewusste „Schöpfungszeit“ und laden damit alle Menschen auf dieser Weltkugel ein,  ihre Lebensgrundlage als „Mitwelt bewusst wahrzunehmen und zu respektieren in ihrer biotischen Grunddynamik, nach der wir Menschen auch leben sollten“. Es ist von uns Menschen eine Entscheidung gefordert, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Leben und verstehen wir uns als Teil dieser Natur (Schöpfung) oder benutzen wir sie im Sinne einer „irreversiblen Ausbeutung“. Ich kürze ab. Die erste Frage jedes Menschen ist: Wie kommt mehr Liebe, Compassion, Empathie und Achtsamkeit in die Welt? Und dann kommt in unseren Breiten gleich: Wie geht das Weniger hin zum Wesentlichen? Das wird mit Verzicht konnotiert und der wird in unserer Konsumgesellschaft als gestrig dargestellt und mit Verlust von Lebensqualität angepatzt. Das genaue Gegenteil dürfen wir entdecken, wenn wir den Ballast der Konsumwelt von uns schaufeln, ablegen, nicht mehr anstreben, hinten lassen. Eine ganz neue Lebensqualität zieht ein. Wenn es draußen regnet und kühle Luft gut atmen lässt, dann ist eine gute Zeit, diesen Fragen nachzusinnen. Wir haben dafür auch eine Broschüre entwickelt: „Quellen der Kraft“. Es ist die Einladung und wir wollen Hilfestellungen gegeben, dem geöffneten Leben Raum und Platz zu geben. In einem Video darf ich diese Quellen der Kraft erläutern. Jeder und jede kann kostenlos diese Broschüre bestellen. Nur Mut. Da geht es um die tiefe und weite Spiritualität, die Papst Franziskus in #LaudatoSi angesprochen hat. Es braucht, um eine gute Zukunft für alle zu ermöglichen, den Wechsel vom technokratischen Weltbild hinein in das sozial-ökologisch-spirituelle Welt- und Menschenbild.

Wenn der junge Bundeskanzler Kurz bei Google, im Silikon Valley oder gerade in Singapur auf „Lerntour“ bei den Besten ist, dann ist er in der technokratischen und Mammon orientierten „erfolgreichen“ Welt unterwegs. Das sollten wir wissen. Deshalb sind Laptops in den Schulklassen das Wichtigste. Dabei geht es um Beziehungen, die heilen, um Erfahrungen, die bilden, um Gemeinschaft, die hält, um Fremdes, das bereichert, und Gerechtigkeit, die geht. Also. Geht und nicht verschwindet. Diese Themen sind die Bausteine der Ordenswelt und Ordenskirche, wie wir sie in den letzten 1 1/2 Jahren „bewusst gemacht“ haben. In einem Video-Summary hat meine Kollegin Magdalena Schauer die Grundintentionen festgehalten. Ich darf für mich selber sagen: Diese „Aspekte“ meiner Arbeit haben mich geweitet, vertieft und bewusster gemacht. Dafür bin ich dankbar.

„Bewusste Schöpfungszeit“ heißt nichts anderes, als bewusst in dieser Welt zu stehen, zu gehen, zu leben. Auf Facebook und Twitter melde ich mich in diese Richtung immer wieder zu Wort, weil es wichtig ist, den „Main- und Fake-Stream“ zumindest zu ergänzen durch andere Sichtweisen und Beispiele. Es gibt so viele Menschen – und vor allem junge -, die dieses neue Miteinander auf Basis der biotischen Prinzipien realisieren, leben. Und da gehören auch die Enkelkinder dazu, die uns sicher einmal fragen werden: Was war das damals 2018?

Bei einem Meeting hier in Wien bin ich heute zufällig mit der Klima- und Nachhaltigkeitsexpertin Helga Kromp-Kolb zusammengetroffen. Wir haben uns beide noch gut erinnert an das Gespräch im September 2015, das ich für den Bericht in den ON-Ordensnachrichten mit ihr geführt habe. „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ stand damals am Türschild. Die Meteorologin ist für mich eines der wichtigsten Gesichter für den Appell, endlich etwas zu tun für einen neuen Lebensstil, der uns gut und nachhaltig alle miteinander auf der Weltkugel nicht nur überleben, sondern inklusive Enkerl in die Zukunft hinein gut leben lässt. Aber: Es schaut nicht gut aus. Beim Meeting sind wir immer wieder zu dem Punkt gekommen, wer oder welche Maßnahmen oder Personen diesen Change kraftvoll anstoßen und betreiben können. #SystemChangeNotClimateChange haben wir damals – 2015 – zu Fuß als Klimapilger Richtung Weltklimagipfel in Paris getragen. Wir haben Projekte gesehen, die schon längst den Anfang gemacht haben. Sie werden nur (noch) nicht gehört von denen, die „steuern“, die „entscheiden“ oder durch ihre Entscheidung wirklich „ändern“ können. Wir wissen alle: So kann und darf es nicht weitergehen mit dem Raubbau an unserer „Mutter Erde“, die wir Christen als „Schöpfung Gottes“ sehen und niemals als menschlichen „Besitz“. Wir sind maximal Pächter und unser Auftrag ist, „das Erbe“ sorgsam weiterzugeben.

Ab 1. August auf Pump

Heute 30. Juli 2018 habe ich mir die Seiten 10/11 in der Krone kopiert. Ich gestehe: Sehr oft kommt das nicht vor. Aber heute war der Titel eine ganz klare Botschaft: „Der Erde als Sklavin unseres Lebensstils“. Am 1. August ist verbraucht, was uns zusteht durch das „Nachwachsen“. „Welterschöpfungstag“ – so wird dieser Change hinein in den Pump bezeichnet. Die Welt ist erschöpft und der Mensch gibt überall Gas. 93 Tage (drei Monate) würden wir gewinnen, wenn der CO2-Ausstoß um 50% verringert würde. Wir geben Gas und testen 140 km/h auf Autobahnen. Die Flieger am Himmel und auf Flughäfen haben nicht mehr genug Platz und immer mehr und billiger werden Menschen durch die Lüfte gekarrt. Wir wissen: Flugzeuge und das Auto sind die Hauptverursacher. Aber ist das alles noch zu ändern? Nein. Man sieht das auch in der angesprochenen Krone, wenn ein paar Seiten weiter ganzseitige Autowerbung und günstige Flüge angeboten werden. Spätestens dort giert er schon wieder nach dem „billigsten Angebot für noch mehr“. Und dann treffe ich Menschen, die den gottlosesten Satz aller Sätze sagen: „Auf mich kommt es eh nicht an. Des is wuarscht.“

Persönliche Entscheidungen

Heute früh im Bus vom Bergdorf zum Bahnhof unterhalte ich mich mit meinem Bruder (er ist Radon- und Licht-Spezialist) über die Situation rund um den Attersee an Wochenenden bei Schönwetter. Alles staut, nichts geht mehr, Gestank und Lärm neben und am „Erholungssee“. Was müsste passieren, dass die vergangenen „Sünden“ aufgehoben werden? Aus meiner Sicht ist es das Auto und das Privatbesitz-Denken. Die Menschen suchen mit dem falschen Verkehrsmittel (Auto) nicht den See, sondern ihr Grundstück. Fatal. Auto hat mit Autismus zu tun. Und Privatbesitz mit „abgesondert, für sich“. Und genau darin steckt die „Wurzel-Sünde“, die „verkehrte Sichtweise“. Die Erde ist das Gemeingut, das alle tragen, ernähren, schützen und Lebensfreude geben möchte. Aber: Einige glauben, dass die Erde ihnen gehört. Genauso der See, die Straße, das Wasser, die Luft. Wir sind aber dazu da, sie behutsam zu nutzen und sie nicht mit unserem Egoismus und der darin gründenden Bequemlichkeit „auszubeuten“. Jede Entscheidung zählt. Ich persönlich fliege nicht mehr, ich fahre mit meinen drei Jahreskarten fast ausschließlich mit Öffis und erlebe dabei eine ganz besondere Lebensqualität. Ich genieße den Naturgarten und ernte daraus für den Eigenbedarf. Ich kaufe lokal ein und habe noch nie etwas bei Amazon oder dergleichen bestellt. Meine kürzeren Alltagswege gehe ich zu Fuß und es gibt keinen Lift. Trinkwasser aus der Leitung bekommt der Garten keines. Und alles das erlebe ich nicht als Verzicht, sondern als besondere Lebensqualität. Wenn es jetzt sehr heiß ist, dann lese ich in LaudatoSi, dass genau Klimaanlagen Gift sind. Sie verbrauchen mittlerweile weltweit mehr Energie als die Heizungen. Ein bisschen Schwitzen einige Tage im Jahr sind „drinnen“. Es ist die kleine Versuchung Tag für Tag, auf Kosten der Anderen und auf Kosten von Mutter Erde zu leben. Laut einer aktuellen IMAS-Umfrage hält es ein Drittel der Bevölkerung für wichtig, „ein einfaches Leben zu führen“. Das Drittel wird auf Dauer zu wenig sein. Das werden Anreize nicht schaffen. Da wird die Politik mit Gesetzen schützend vor die Erde treten müssen. Die globalen Ausbeuter(-Mechanismen) müssen in die Schranken gewiesen werden. Und vielen „inneren Schweinehunden“ werden wir eine außerirdische Planetenbahn eröffnen, damit Mutter Erde nicht weiter Sklavin unseres Lebensstils ist.

Wenn ich heute aus dem Zugfenster hier in Kärnten hinaus in die Steiermark und weiter nach Oberösterreich schaue, dann habe ich drei Wochen lang in ein und demselben Bett geschlafen. Seit zwei Jahren war das nicht mehr so. Damals war ich auf Kur in Bad Gastein. Jetzt werde ich die Frage – Wo warst du so lange? – ganz ähnlich beantworten: auf Kur in Kärnten. War es vor zwei Jahren die totale „Offline-Kur“, so habe ich diesmal die „Balance“ in den Mittelpunkt gestellt. Mein Ziel war, alle Lebensbereiche wieder genauer auszuloten, dem Körper und Geist, der Seele wieder Platz und Raum zu verschaffen. Als „Vagabund an der Westbahnstrecke“ bin ich viel unterwegs, sitze ich vorwiegend. Als Mensch im sechsten Lebensjahrzehnt hat sich am Rücken schon einiges angesammelt. Ihn wieder ein Stück zu befreien, von innen her in der Feinmuskulatur bewusst zu stärken und durch Bewegung in freier Natur aufzurichten, ist gelungen. Ich weiß: ein Privileg. Deshalb bin ich auch zutiefst dankbar für diese Möglichkeit. Prävention heißt das medizinische Schlagwort. Ich sage allein einfach: Es ist und es tut gut. Für Körper, Geist und Seele. Wichtig ist, die Verantwortung selber zu übernehmen. Alle unterstützen mich, aber ich bleibe verantwortlich, ich bin mit mir der Akteur. Es gibt allerdings hier einige, „die sich selbst einfach zum Service abgegeben haben“. Einer hat sogar wörtlich gemeint: Bin gespannt, ob denen meine Abnehmen gelingt.

Die feinen Übungen

Gerade die verschiedenen Gymnastik-Übungen habe ich geliebt. Diese feinen und unspektakulären Übungen, „die richtig reingehen“. Einen Spannungszustand eine Minute lang halten. Da dauert eine Minute wirklich lang. Nach drei Wochen sehe ich, wie viel Körpergefühl und körperliche Wachheit in mich eingezogen ist. Mir ist natürlich bekannt, dass wir Muskel haben, wo wir sie nie vermutet hätten. Die werden im Alltag sträflich vernachlässigt. Und es tut einfach gut, wieder den „ganzen Körper“ zu beleben. Die Übungen, das Wasser, der Strom, das Moor, der Schall und die „Knetungen“  sind eine Wohltat. Das stundenlange Gehen in den Wäldern und auf Bergkämmen lässt Körper, Geist und Seele zusammenschwingen. Der Alltag wird wieder ganz andere Rahmenbedingungen bringen. Und doch kenne ich jetzt „Erinnerungen“, was wie und wozu förderlich ist.

Im größeren Zusammenhang

Vermutet habe ich, dass mir die Fußball-WM näher kommt. War nicht der Fall. Befürchtet habe ich, dass mich die Politik beschäftigen wird. Ja, sie hat mich wirklich erreicht. Es liegen tiefschwarze Wolken über Österreich. Ich neige nicht zur Aufgeregtheit, aber diese Situation macht mir in Hinblick auf unsere Enkelkinder wirklich Sorgen, die ich auf Twitter auch geteilt habe und teile. Wir stehen in einer Zeit, wo wir uns später – in vielleicht 5, 10, 20 Jahren – die Frage gefallen lassen müssen: Habt ihr das nicht gesehen? Was habt ihr dagegen getan? Deshalb war es für mich als Orientierung nochmals ein besonderer Gewinn, dass ich Laudato si ganz inhaliert, aufgesogen, gegessen habe. Diese Jahrhundertenzyklika von Papst Franziskus und seinen ExpertInnen stellt alles nochmals in einen größeren Zusammenhang. Wenn ich den Film „Papst Franziskus“ dazu nehme, ist die Landkarte am Tisch und der Weg in die Zukunft klar eingezeichnet Richtung „weniger“, „tiefer“, „bewusster“ und „wesentlich“. Es braucht eine neue Wachheit, Einfachheit und Gemeinsamkeit. Es geht um die „tiefen feinen Dimensionen des Lebens, der Gesellschaft, des Leibes“. Die derzeitige Politik ist ein Bizeps-Politik mit polternden Bewegungen. Angst macht sich breit. Das Feine wird gestrichen. Und die tiefe Überzeugung, dass jeder, wirklich jeder Mensch die gleiche Würde hat,  wird heute de facto täglich durch ihr Tun in Frage gestellt. Als Christen wissen wir, dass gerade Im Fremden, im Hilfesuchenden, an den Rändern uns Gott entgegen kommt. Und dann stellt sich in der saturierten Gesellschaft der Leistungsträger die Frage: Will überhaupt jemand „Gott treffen“? Otmar Stütz hat um die Jahrtausendwende in der Diözese Linz einen ganz besonderen Begriff und die dazugehörige Haltung geprägt: „geöffnet“. Genau das wurde ich jetzt in diesen drei Wochen: geöffnet. Und so wie die Feinmuskulatur mit einer Spannung eine Minute lang gestärkt wird, so braucht auch das „geöffnet“ seine Haltephasen. Aber da ist eine Minute zu kurz. Und die Brachialpolitik ist da wirklich zer-störend.

Archive