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Archiv für die Kategorie „Philosophie Theologie“

Das Pilgern hat es auch zum Tag geschafft. Der 25. Juli ist dem „Gehen im Angesichte Gottes“ zugewiesen. Wir denken heute an den älteren Jakobus und damit automatisch an den Jakobsweg. Wie oft wurde ich gefragt: „Du bist doch auch den Jakobsweg gegangen?“ Immer musste ich verneinen. Teils vehement. Nein, es war der Franziskusweg nach Assisi. „Ah, ist das nicht dasselbe?“, war sicher die Nachfrage. Für solche Leute habe ich es dabei belassen. Sie haben ohnehin eher das weite Gehen vor Augen gehabt, das mich persönlich bisher geprägt hat. 28 Tage von Bregenz nach Rust. Alleine. Weitgehen ist heilsam war die Erfahrung 2004. 54 Tage von der Haustür im Mühlviertel nach Assisi. Davon 40 Tage alleine. 14 Tage zusammen mit meiner Frau. „Ist pilgern alleine oder mit anderen zusammen besser?“, war bei meinen Vorträgen die meist gestellte Frage. „Besser, schlechter verlierst du beim Gehen. Es ist einfach anders“, war meine Antwort. Eine schwere seelische Kränkung habe ich 2009 „ausgegangen“. Dafür bin ich heute noch dankbar. Dann: 26 Tage von der Haustüre nach Thüringen ins Kloster Volkenroda. Alleine. Im März und April teilweise im Schnee. 2011 war ich beruflich falsch abgebogen. Am Weg 2012 wurde ich in meine heutige Aufgabe bei den Orden nach Wien gerufen. Wien war zwar nie mein Ziel, aber ich bin dort angekommen. Ich wollte auch beim Pilgern nach Wittenberg und angekommen bin ich in Volkenroda. Die Via Porta hat mich „verführt“. Das Gehen hat viel gelöst – bei mir. Und dass ich dann im November 2015 als Klimapilger 22 Tage von Wien bis Salzburg gegangen war, war sicher im „gemeinsamen Gehen, Pilgern mit einer starken Intention“ (Weltklimagipfel in Paris) verknüpft. Eine eigene Erfahrung, jeden Tag mit anderen Leuten unterwegs zu sein. Es hat mich fast überfordert.

Pilgerpfade

Unsere Pilgerungen „hinüber auf den Pöstlingberg“ seit unserer Kindheit kommen hoch. Einige Pilgereien nach Mariazell und die vielen Bergwochen haben mir erahnen lassen, wie es wäre, „wenn es einmal weit ginge“. Andere Pilgerziele wie Maria Taferl, der Benediktweg oder der Marienweg im Pinzgau fallen mir noch ein. Es waren spontane Erfahrungen. Dass ich bei einigen Pilgerpfaden mitwirken durfte, macht mich heute noch glücklich: Pilgerpfad entlang der Sakramente in Unterweißenbach, Johannesweg oder Barbaraweg in der Slowakei. Natürlich waren prägend auch die Begegnungen mit den Jerusalempilgern und anderen Menschen, „die die gehenden Seelenschwingungen mittragen“. Und wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder an Stefan Ernst, der gerade jetzt etwa 5 Monate von der Haustüre hier im Bergdorf 5.500 km zum Nordkap unterwegs ist. Im September ist er dort. Wenn ich seine Emails an Freunde (da darf ich auch dabei sein) lese, bricht meine Seele innerlich auf und sagt: „Es wird im Gehen gelöst“, „Das Leben kommt mir entgegen“ und „Im Gehen ist Jetzt“. Der Welt-Pilgertag möge viele Menschen daran erinnern, beitragen, dass Menschen sehen, erleben, spüren und sich darauf einlassen: Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele.

Stuhlfelden

„Mogst mitfoan?“ „Na, i geh eh gern.“ Gleich nach dem Start in Stuhlfelden bleibt beim langen stetigen Anstieg über etwa 1.000 Höhenmeter auf die Bürglhütte (1.700m) ein voller Jeep mit vielen Faire Milch Pickerl drauf stehen. Es ist eine Versuchung, weil die Nachmittagssonne „brennt“ und der Weg weit ist. Aber Pilgern heißt für mich gehen. Und außerdem bin ich ohnehin 4 1/2 Stunden im Zug vom Bergdorf und Linz her gesessen. Ich erlebe es immer als besondere Lebensqualität mit Chauffeur zu fahren. Da gehe ich dann wirklich gerne. Auch wenn es schon später ist. Mein Tagesziel ist Lengau im Hinterglemmtal. In 2 1/2  Stunden bin ich auf der Hütte im Tal „hinten“, wie mir ein Bauer den Standort charakterisierte. Ich bleibe eine halbe Stunde sitzen, trinke etwas und schaue dem Treiben der Kinder und Familien zu, die mit dem Auto hierher gekommen sind.

Bürglhütte

Und Wanderer kommen an, um hier zu übernachten. Ich breche wieder auf, um hinüber zu kommen. Es geht nochmals mehr als zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Murnauer-Scharte (1.959m). Dort zeigten zwar die Schilder in alle möglichen Richtungen, aber ich war mir sicher: Da unten liegt mein Tal, auch wenn mir das Schild etwas anderes sagen will. Der Abstieg ist zuerst etwas steil, aber nie gefährlich. Dann gehe ich hinaus durch den Vogelalmgraben. Zwei Ehepaare haben mich auf ihrer Hütte auf der Grundlalm noch auf ein Getränk eingeladen. Es war so eine Begegnung aus heiterem Himmel. Solche mag ich sehr gerne. Es ist bald 21.00 Uhr und ich finde im Jugendgästehaus Vorderlengau sofort Aufnahme. Unangemeldet. Sehr zuvorkommend. Kurz vor 22 Uhr beginnt es zu regnen. Gut angekommen. Etwa 1.300 Höhenmeter hinauf und 800 hinunter. Es war ein guter Tag.

Hinüber und wieder hinüber

Vorderlengau

Der Blick aus dem Fenster heißt heute nichts Erfreuliches. Pilgern ist das ganze Leben, auch das mit den Schattenseiten. Und so wird es heute. Der Regen – bislang in starker Form – begleiten mich zumindest hinaus durch Hinterglemm nach Saalbach. Die Gedanken sind mehr bei mir selber als in der Umgebung. Der Regen weicht auf, er macht liquid, er lässt fließen. Das spürst du dann an manchen Stellen bis tief hinein. Es begegnet dir das „angeregnete Leben“. Und der Regen gehört auf einmal zu dir. Das erleichtert das Gehen ungemein, wenn der Regen einfach dazugehören darf, heute. Um die Mittagszeit klart es etwas auf, aber richtig trocken wird es erst hinein nach Hochfilzen. „Musst halt schauen, dass du hinüber und drüben auch hinüber kommst“, meinte ein gut aufgelegter Passant, der in der Bushaltestelle wartet. Der Aufstieg zum

Magnesitbahn

Spielberghaus (1.319m) geht leicht und vor dort geht es hinunter Richtung Fieberbrunn vorbei am „Magnesitberg“, wo noch die Fördergondeln über einem schweben. Heute stehen sie still. In einem leichten Bogen geht es in der Talsohle (860m) hinüber nach Hochfilzen (972m), dem Biathlon-Hotspot in Österreich. Die Kirche hat eine besondere Weihnachtskrippe auf Lager. Die Erfahrung des „fairHotel“ habe ich mir nicht entgehen lassen. Es ist das erste „Passivhaushotel“ in Tirol, aus Holz gebaut. Heute  bin ich einmal herüben. In Tirol. Etwa sechs Gehstunden.

Das Ziel erst am Ziel vor Augen

Vorderkaserklamm

Das Frühstück war wie das Haus aus der Region. Wunderbar gestärkt geht es Richtung Römersattel (1.202m). Es ist und bleibt trocken. Über eine Stunde führt der Weg durch den Truppenübungsplatz, vorbei am Biathlon-Stadion. „Tragtiergehege“ stand auf einem Schild und ich hatte dazu noch kein Bild. Erst als ich eine ganze Menge Haflinger und dazu noch Esel vor die Augen bekomme, leuchtete es mir ein. Pferde und Esel im militärischen Einsatz. Morgen werden etwa 20 Haflinger genau den Weg nach Maria Kirchental zur Perdewallfahrt gehen, den ich heute gehe. Das erzählt mir der Standler am Ziel. Vorher geht es nach dem unspektakulären Aufstieg zum Römersattel allerdings 550 Höhenmeter die  Vorderkaserklamm hinunter zur Naturbadeanlage Vorderkaser. Ich habe aus Neugierde das rechte Ufer genommen und musste die Schuhe ausziehen,

Überquerung

Maria Kirchental

um durch das erfrischende Wasser wieder auf die „richtige“ Seite zu kommen. Es tut einfach gut, einmal vom Weg abzukommen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen. Auf dem Radweg geht es etwa eine Stunde hinunter nach St. Martin und von dort hinauf nach Maria Kirchental, mein Ziel. Ich war schon mehrmals da, auch zu Fuß von der anderen Seite, dem Wechsel. Du siehst die Kirche und das Ensemble erst im allerletzten Moment. Aber dann bin ich wieder einmal überwältigt. Die Bergkulisse und mitten drinnen dieses Juwel der Kirche und des Hauses der Besinnung. In der Kirche spielt eine Harfe. Danke. Angekommen nach drei Tagen. Heute etwa sechs Stunden gehen. „Eine Schale möchte ich sein“ war diese drei Tage am Pinzgauer Marienweg mein innerer Gedanke. Dankbar für das, was bisher war und dankbar offen für das, was in meinem Leben kommen wird. Und heute ist nach dem Abstieg zum Bus und Zug noch etwas ganz Besonderes gekommen.

Extra umgedreht

St. Martin bei Lofer

Die Heimfahrt mit Bus und Zug war im ÖBB-Scotty so ausgewiesen: 17.48 St. Martin bei Lofer, 19.15 Zell am See, 21.08 Salzburg und Ankunft im Bergdorf mit dem Bus um 23.25 Uhr. Ich warte bei der Haltestelle,  aber der Bus um 17.48 in St. Martin ist nicht gekommen. Was tun? Der Daumen für das Autostoppen funktioniert noch. Nur: Dort fahren die Autos schnell vorbei. Nach zehn Minuten wendet allerdings von der Gegenfahrbahn ein Auto auf meine Seite und lässt mich einsteigen. „Ich konnte nicht so schnell bremsen und habe deshalb umgekehrt.“ Rucksack rein und ab geht es Richtung Saalfelden, weil Paul Lang unterwegs ist nach Leogang mit seinem Mountainbike im Auto. Wir plaudern über unser Leben, unsere Aktivitäten und Hobbys und unsere Berufe. Er hat einen Meisterbetrieb für Radsport in Ebersberg in Bayern und fährt ins Mekka der Mountainbiker nach Leogang-Saalbach. Ich bestätige ihm, dass ich viele Radfahrer und auch Radfahrerinnen gesehen habe. Wieder eine Bremsung. Am Autorand steht ein Wanderer. Junger Mann, der etwa fünf Kilometer zurück zu seinem Auto muss. Paul nimmt auch ihn mit. Ich schaue am Scotty, ob mein Zug in Saalfelden ist. Ja. Paul bringt mich zum Bahnhof, wünscht mir eine gute Heimreise und ich ihm einen wunderbaren Sporttag mit seinen Freunden, die schon in Leogang sind. Wir tauschen noch schnell unsere Visitenkarten aus (deshalb die Links). Solche unkomplizierte und mitnehmende Menschen kann ich einfach nicht vergessen. War es vor drei Tagen noch anders, so war ich um die Frage heute froh: „Mogst mitfoan?“ „Ja bitte.“ #Danke.

Mehr als eine Milliarde Menschen ist in Indien bereits digital erfasst und eingescannt. Jedem Individuum wurde ein 12-stelliger Nummerncode zugewiesen und datenmäßig mit dem Iris-Scan der Augen und den Abdrücken der zehn Finger verknüpft. Diese biometrische Erfassung der Menschen hin auf die „totale Digitalisierung“ schreitet mit enormer Geschwindigkeit und beängstigender Selbstverständlichkeit voran.

Szenenwechsel. Wie überall im Netz hinterlassen wir auch bei Banküberweisungen charakteristische Spuren. Weil unsere digitalen Systeme immer öfter durch Hacker, Schwindler und Kriminelle ausgehebelt werden, beginnen Firmen uns zu „schützen“, ohne dass wir es wissen und überhaupt wahrnehmen. Die israelische Firma BioCatch kann aufgrund der Mausbewegung erkennen, ob es der Besitzer oder die Besitzerin des Bankkontos ist oder ein „digitaler Bankräuber oder Betrüger“. Diese Firma „weiß“ durch digitale Analyse, wie lange der Unterarm, wie beweglich die Hand, wie dick der Daumen, wie groß das Smartphone ist, ob ein Linkshänder mit starken Muskeln des Unterarmes die Maus bedient und wie geschickt und schnell auf Herausforderungen reagiert wird. 600 Faktoren hat diese Firma bei der Überwachung „berücksichtigt“. Das digitale Netz weiß mehr über uns als wir selber.

Daher: Ich verwende StartPage (www.startpage.com), um im Internet bei Suchanfragen keine Spuren zu hinterlassen. Außerdem bezahle ich wieder konsequenter mit Bargeld.

Das Wetter meint es gut. Die Sonne hat schon um 10 Uhr vormittags die volle Kraft entfaltet. Es ist Dreifaltigkeitssonntag und ich bin in Linz-Urfahr „im Heiligen Geist“.  So sagen die Leute, wenn sie in die Pfarre Heiliger Geist gehen. Etwa 700 Frauen, Männer, Familien und Kinder finden sich zum Dekanatsfest am Platz zwischen Kirche und Glockenturm ein. Einmal im Jahr. Das Bild ist bunt. Es werden „flotte“ Lieder gesungen. Die Jugendkirche bringt mit ihrer Musik zum Mitsingen Schwung und es wird getanzt. Am Beginn und zum Dank. Die Predigt wird vom Pfarrassistenten und der Dekanatsjugendleiterin im Duo gestaltet. Ansprechende Bilder für „Dreifaltigkeit“. Dreifaltig ist Verbundenheit, stark und tragend. Ganz praktisch, auch wenn sich große Theologen darüber den Kopf  fast „zerbrochen“ haben. Mir kommt das Bild in den Sinn, das schon Sonntag früh auf Facebook gekreist ist. Eine Künstlerin hat diese tiefe und wesentliche Betrachtung gestaltet (siehe Bild). Der oder die Arme ist dreifach gehalten. Wir sind am Boden der Realität. Gott ist hier, da, unter uns, damit wir einander „tragen, aufrichten, helfen, ermutigen“. Das ist der Spirit unseres „Gottesdienstes“.

Die Taufe als Basis

Und keine Wolke verstellt die Sonne. Das Presbyterium – ich meine die Personen – vor dem Glockenturm ist voll beleuchtet, während ich mich in den nahen Baumschatten flüchte. Mein Blick geht immer wieder nach vorne zu den Frauen und Männern in weißen liturgischen Kleidern. Geschmückt sind sie mit Stolen und Tüchern. Priester, Diakone  und Pastoralassistentinnen und –assistenten füllen das „Freiluft-Presbyterium“ (siehe Bild). Diese Vielfalt, diese Buntheit an Gesichtern, an Stimmen und Bewegungen tun mir gut. Hier ist es selbstverständlich. Das Dekanat hat darin schon jahrelange Erfahrung in diesem neuen Miteinander. Nichts ist zu spüren von einer klerikalen Männerkirche, sondern der bunte Hauch der vielen Begabungen, Aufgaben und Zuständigkeiten schwebt über  uns allen.

Buntheit als Schlüssel für die Zukunft

18 Priesterweihen werden heuer in ganz Österreich gefeiert. Es gibt über 3.500 Pfarren. Nehmen wir 20 Jahre lang diese Zahl, dann sind es 360 Priester für ganz Österreich. Das wird sich alles nicht ausgehen. Heute treten die Bischöfe in Mariazell zusammen. Ich lege den Bischöfen diese konkreten Bilder des Dekanatsfestes sehr ans Herz, damit in ihnen der Mut wachsen kann, dass genau diese „gemeinsame Buntheit in den Ämtern und Diensten auf Augenhöhe“ in den Berufungen nicht die Ausnahme ist, sondern überall zur Verlebendigung der Pfarrgemeinschaften beiträgt. Ich halte aber klar fest: Das Reden hilft weniger als das ganz konkrete Tun und Ermöglichen. Und: Geduld hilft dem Niedergang und Relevanzverlust. Die Stimmung beim Fest war anhaltend, nachhaltig, fröhlich und zuversichtlich. Eben gemeinsam bunt. Und während des Gottesdienstes haben wir alle im Rahmen der Predigt dreistimmig gesungen: „Gott ist bunt“. Und das hat gut geklungen.

„Jeden Tag raus: Das hat mir gut getan.“ Es gibt Tage, da bewegen sich die Gedanken und der Blick ganz nahe an der Dankbarkeit. Heute ist so ein Tag. Die beschriebene Erfahrung mit „raus“ stammt von einem jungen krebskranken IT-Experten aus Berlin, beschrieben in der Beilage der ZEIT. Gerade an „Engstellen“ des Lebens, bei Übergängen oder grundsätzlichen „Infragestellungen“ hat die Tiefe des Lebens Gelegenheit aufzuleuchten. Was ist wesentlich? Was hilft mir, uns? Was tut uns (miteinander) gut? An den Übergängen, den Engstellen, den Zwischenräumen entsteht jene Erkenntnis und Erfahrung, die sich genauso für einen gelungenen Alltag eignet. Und „Hochzeiten“ können ebenso Weite ermöglichen und letztendlich auf das wenige Wesentliche reduzieren, zurückführen helfen. Was kann mir also gut tun?

Heilsame Fantasie. Schöne Gedanken beruhigen den Körper. Der Mensch neigt dazu, sich als Opfer der Umstände zu sehen und bekommt damit einen frustrierten Blick. Sudern ist die Folge. Das zieht hinunter. Wenn ich in die Berge gehe, dann übe ich immer wieder, mir Bilder „abzuspeichern“, die den Alltag aufheben. Schöne Bilder lassen langsamer atmen und angeblich sinkt der Blutdruck. Ein Gefühl der Ruhe stellt sich ein.

Kräfte gut einteilen. Wir sind begrenzt. Ebenso unsere Kräfte und Möglichkeiten. Wer daher seine Vorhaben, seine Aufgaben so einteilt, dass die Kräfte reichen, spürt eine tiefe Zufriedenheit. Ein Zuwenig an Herausforderung ist allerdings mindestens so mühsam wie ein Zuviel. Das Maß finden. Beim Gehen spüre ich das genauso. Ein Schweißperle auf der Stirn zeigt von einer guten „Betriebstemparatur“. Die Anstrengung ist nicht anstrengend.

An die frische Luft. Da haben wir es. Siehe oben. Die Energie kommt aus der Bewegung. Und jetzt breche ich eine Lanze für die Bewegung in frischer Luft und weniger auf eingeschachtelten Fittnessgeräten. Es ist die „frische Luft“ (Sonne, Nebel, Wind, Regen), die die Seele mitnährt und weniger die Videos vor dem Laufband. Dort wird der Mensch eher zur funktionierenden Maschine und da in der Luft zum lebendigen Teil des Kosmos der Natur. Also: Raus, wenn es irgendwie geht.

Die Natur als Apotheke. Andere sagen: Medizin aus der Knolle. Mir ist schon klar, welch großer Segen von den „chemischen Medikamenten“ ausgeht und ausgegangen ist. Sie wurden für den wirklichen Krankheitsfall gemacht. Mittlerweile gehören sie zum „Dauerbetrieb“ des Menschen. Dabei hat die Natur für alles ein Kraut wachsen lassen. Schon alleine die Beschäftigung mit den natürlichen Kräutern, Knollen, Blüten oder Heilpflanzen macht uns mental offen für den natürlichen Zugang zu einem gesunden Leben.

Die Kraft der Berührung. Unser Körper ist so ausgestattet, dass er auf zärtliche Berührung warm reagiert. Ich finde es immer wunderbar, wenn unser fast dreijähriges Enkerl mit einem Pinsel daherkommt, das Leiberl auszieht und sagt: „Bitte“. Dann fahre ich mit dem Pinsel zart über seine Haut und er wird ganz ruhig, er genießt und genießt und spürt sich damit selber. So kann er loslassen. Es sind diese Berührungen, die aufbauen.

Die geerdete Spiritualität. Immer wieder begegne ich Menschen, die sich schwer tun mit „dem Glauben“. Sie erleben die Rituale der Kirchen als hohl und floskelhaft. Die Sprache ist unverständlich und trifft nicht ihre Lebenserfahrung, ihre Sehnsucht. Worin liegt aber diese tiefe Sehnsucht? Wenn ich gefragt werde, was mir wesentlich erscheint, dann sage ich immer : Der Mensch möge spirituell geöffnet bleiben. Wer sich zwischen Himmel und Erde aufgehoben fühlt, spürt diesen tiefen Halt, ein Aufgehoben sein. Aus meiner Sicht hat Jesus den Menschen damals (und heute) ganz konkret geholfen, sich aufzurichten, aufzuschauen, sich hineinnehmen zu lassen in diese Liebe Gottes.  Es bleibt die Liebe, die gut tut – auch wenn wer mit „Gott“ nicht kann.

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Das sagte Roger Willemsen bevor er 2016 starb. Er wollte ein Buch schreiben mit dem Titel „Wer wir waren“. Es wäre ein Plädoyer für die Abspaltung, ein Herausnehmen aus der Rasanz der Zeit geworden. Es ist unbestritten, dass die Zeitwahrnehmung eine Beschleunigung erfahren hat. „Haltet die Zeit auf“, rufen manche. Dabei müsste diese Botschaft an uns selbst gerichtet werden: „Steigt aus dieser Zeitmaschine aus.“

Aussteigen ist ein Einsteigen

Ordensleute und darüber hinaus viele Christinnen und Christen tun das immer wieder, wenn sie beten, innehalten, meditieren. Heraussteigen und einsteigen in das „Stundengebet“. Dieses Innehalten ist aber kein „Zeit aufhalten“, sondern ein sich bewusst in das Hier, das Jetzt und dieses Heute stellen. Es ist eine andere Wahrnehmung: bereit werden für das Engegenkommende, von Gott, von Menschen. Es ist ein Dank an Gott, der Leben fließen lässt. Nicht langsam oder schnell, sondern aus der Quelle der Liebe, die Jesus in besonderer Weise freigelegt hat. Erst diese Tiefe, diese Hinwendung und Offenheit dieser Quelle der Liebe gegenüber lässt Verstehen, Erkennen, Wissen und Erfahrung wachsen. „Zeit“ ist ein Totschlagargument geworden. Sich selbst und vor allem auch den Mitmenschen gegenüber. „Ich habe keine Zeit“ schlägt alles. Vor allem das Hier und Jetzt.  Darum: Halten wir uns auf.

Diese Woche durfte ich an der mehrtägigen Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck teilnehmen. Im Studienteil ging es um „Krise“ und was diese Krise noch verschärft: Die Verweigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher meine immerwährende Empfehlung: Ungeschminkt hinschauen. Wir wissen die Schlagworte: Überalterung, Nachwuchsmangel, Relevanzverlust und schwindende Vitalität. Papst Franziskus spricht die Situation immer wieder direkt an. Wir haben es bei den meisten Ordensgemeinschaften nicht mit Start-Ups zu tun, sondern mit verantwortungsvollen Trägerinnen und Träger großer sozialer und spiritueller Ideen aus der Vergangenheit, die sich ins Jetzt, Heute und Morgen transformieren und bewähren müssen. Da sind Werke wie Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen, Kultur- und Wirtschaftsbetriebe herausgewachsen, die tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung, sinnvolle Beschäftigung und eine Zugehörigkeit geben. Arbeit mit Lebenssinn. Gelingt das nicht, stirbt viel. Wer die Geschichte des Mönchtums und der Orden etwas nachschauen will, dem empfehle ich dieses „leichte und kurze Video“.

Die Welt offen halten für die Ohnmacht

Heute lese ich auf FB bei der VP OÖ aus Freude über die neuesten positiven Umfragen: „Gekommen um Vollgas zu geben …“ und „Es kann nur eine Nummer 1 geben“. Das sind Ansagen, die mögen ihre Wirkung im politischen Bereich entfalten. Diese „Sieger-Spreche“ ist motivierend, aber genauso entlarvend. Wer Vollgas fährt, kann keine Kurve mehr machen. Geschweige denn umdrehen, wenn es etwa in die falsche Richtung geht. Vollgas heißt, linear beschleunigen wollen. Und Geschwindigkeit nimmt das größte Stück Wirklichkeit aus dem „Rennen“. Jene Wirklichkeit, die kein Rennen, keine Meisterschaft, keine Sieger, kein Fortkommen kennt: die Ohnmacht. Die Wirklichkeit der Orden ist auch in gewisser Weise ein Stück Ohnmacht. Der Beitrag „Ohnmachtserfahrungen als provokante Antwort“ hat mir selbst in der Erstellung ein Stück „Ohnmachtserfahrung“ eingebracht. Wie diese tiefe Erfahrung von Ohnmacht zur Sprache bringen in einer Welt des dahinrasenden Stillstands?

Gott ist in der Ohnmacht

Ein Kranker, eine Arbeitslose oder ein Bettlägriger kann mit Vollgas tatsächlich wenig anfangen. Es ist das tiefe Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins oder der Nutzlosigkeit. Der einzige Wunsch, der solche Menschen begleitet: Macht die Welt ein Stück langsamer, aufmerksamer für die Wirklichkeit, dass dann und wann jemand mit mir ein Stück meines schweren Weges gehen kann, ohne dass er oder sie den Anschluss zu verlieren. Es hat mich wieder erinnert, dass der Dienst der (Ordens-)Christinnen und -christen nicht an den Siegerstraßen gefragt ist, sondern in den Ohnmachtsgegenden. Dort haben die Orden begonnen. Von dort weg ist natürlich die Stimme zu erheben gegen die strukturelle Sünde der Sieger. Im Gespräch miteinander wird man sich klarer, worauf es ankommt: Dieses Aushalten in der Liebe in den Ohnmachtssituationen mit den Menschen ist die Kreuzerfahrung. Das Kreuz, die Ohnmacht ist so unsere Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit braucht ihren Platz, ihre Wahrnehmung, den Respekt und jede „Aufrichtung“. Christsein heißt daher nicht, sich mit Gott einzurichten, sondern sich an Gott auszurichten. Und Gott selbst war in der Ohnmacht – am Kreuz. Die Fastenzeit kann uns das bewusster machen. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Liebe in diesen Gegenden. Den Verzicht ist keine Tugend an sich, sondern die Folge der Liebe.

Es war eine kurze Frage, die uns damals vor mehr als 15 Jahren in der „Bergdorf-Pfarre“ Kirchschlag nahe gegangen ist: „Wollen wir, dass in 50 Jahren der christliche Glaube das Leben hier im Bergdorf mitprägt?“. Wir hatten keinen Pfarrer am Ort. Wir wurden „mitbetreut“ und der kirchenrechtliche „Provisor“ hat Wohlwollen und Freiraum hereingebracht: „Tut.“ Ich durfte als PGR-Obmann und Theologe mitwirken. Bei der damaligen Pfarrgemeinderatsklausur fragten wir reihum und direkt von jeder und jedem ausgesprochen kamen 16 „Ja sicher“ und ein „Bin mir nicht sicher“. Das war der Samen für die Entwicklung, die die Pfarrgemeinschaft genommen hat. Sichtbarer Ausdruck ist ein neues Pfarrzentrum, das 2008 eröffnet und das heute von mehr als 100 Schlüssel „verwaltet“ wird. Nein, gestaltet und mitgetragen. Noch nie hat es „etwas gegeben“, wie so viele vermuten. Schlüssel ist Verantwortung. Seit ich in Wien bin, bin ich nicht mehr dabei. Die Grundüberzeugung war: Wenn Pfarre lebendig sein will, dann müssen wir Getauften in unserer Verantwortung aufstehen, gestalten, lebendig halten. Wir können nicht auf den Klerus warten, den uns niemand schicken kann. Und klar war: Es gab dafür breiteste Zustimmung. Aber 100 % waren es nicht.

Katastrophale Situation

Heute lese ich in der Kathpress vom Präsidenten der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg diese Aussagen. Ganz klar, deutlich, zukunftsweisend, ungeschminkt.“ Wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“ Es sei nötig, vom Versorgungsmodell wegzukommen. Es werde darauf ankommen, „dass Laien selbstbewusst und eigenständig ihre Dinge in die Hand nehmen“. Man solle sich hüten „davon auszugehen, dass die Kirche nur dann Kirche ist, wenn die Gemeinschaft auch voll und ganz in allen Positionen theologisch gebildet, liturgisch gebildet auf der Höchstform der Religiosität steht“.  Anlass von Sternbergs Äußerungen ist das in diesen Tagen erscheinende Buch „Aus, Amen, Ende?“ des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings, dessen Schritt ins Kloster für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er wollte sich eine Auszeit nehmen, nachdem er die Service-Erwartungen an seine Person als zu hoch und die Kontakte in der Großpfarre als zu unpersönlich empfunden hatte. Seit September 2016 lebt der 56-Jährige als sogenannter Postulant im Kloster. Frings: „Wir haben einen Nachwuchsmangel, der so eklatant geworden ist, dass selbst dieses ganze fusionierte Modell der Diözese so schon nicht mehr funktionieren wird.“ Er spricht vom Klerus und glaubt, dass es allein auf ihn ankomme. Aber: Es kommt auf die Getauften an, die einen ganz besonderen und lokal verorteten Magnetismus auslösen können. Wenn man ihnen so wie uns im Bergdorf auch die Ressourcen dafür „zurückgibt“. Der Kirchenbeitrag wurde gut angelegt. Zukunftsträchtig. Denn: „Die Kirche gehört den Getauften vor Ort.“

Trägerinnen und Träger einer „einfachen, gemeinschaftlichen und wachen Lebenshaltung“

Aber: Frings hat etwas erkannt, was viele ohnehin wissen. Das „versorgende Klerus-System“ ist alt, brüchig und deshalb oft weit weg von den Menschen. Der Personal-Strudelteig wird mittels „Diözesanprozessen“ noch gezogen. Löcher werden zugedeckt, weil Menschen Kirche mit diesem Klerus identifizieren. Schein vor Sein. Pfarre ist der Pfarrer. Für mich war und ist Pfarre immer die Pfarrgemeinschaft. Aus dieser Pfarrgemeinschaft lebend habe ich Menschen begleitet, Zusammenhalt gestiftet, den Rand als Ort Gottes zugänglich gehalten, das Gerücht von einem liebenden Gott immer wieder erzählt, angedeutet. Aus diesem Grunde habe ich Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Menschen auf den Friedhof geleitet oder Verliebte gesegnet in ihrer Hoffnung auf Treue hin. Immer habe ich andere Menschen ermutigt und gesagt, dass sie das auch genauso können, sollen. Ich habe auch immer gespürt, dass Jesus im Brot in unserer Mitte ist, uns begleitet, als Stärkung sich geben will. Auch in den Wortgottesdiensten mit Kommunionfeier. Das alles war auf Stärkung angelegt oder sollten „Quellen der Kraft“ sein. Bei den Orden haben wir Themenflächen als „Wahrnehmungsflächen“ ausgemacht. Die tragende Idee dazu ist das Modell Leben im Orden. Und das bedeutet: einfach. gemeinsam. wach. Das ist der „Input heute in diese Gesellschaft. Das einfache, gemeinsame und hellwache Leben. Das deckt sich aus meiner Sicht auf weiten Fläche mit der Bereitschaft zur PGR-Wahl: ICH BIN DA.FÜR. Dieser Partizipations- und Involvierungsvorgang der PGR-Wahl am 19. März ist doch nichts anderes als die Ermutigung: Ja, wir tun es. Beauftragt, „gewählt“ vom Volk Gottes. Und ich bin ganz fest überzeugt: Jesus hat eine Freude mit solchen Christinnen und Christen, die tun. Und so wird für die Menschen sichtbar, spürbar, erlebbar: Pfarre sind wir, bin ich. Ich sehe eine gute Zukunft darin, die einfach, gemeinsam und hellwach gestaltet wird. Im Sinne Jesu.

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