Archiv für die Kategorie „Quer Denken“

Aus: Der Falter

Es ist kein großes Outing, dass ich bei Christlich geht anders für die Ordensgemeinschaften und meinem persönlichen Gewissen „verpflichtet“ nach Möglichkeiten und Kräften mitwirke. Wer die letzten Monate mit mir in den „sozialen Medien“ unterwegs war, hat meine tiefe Skepsis der jetzigen Regierung gegenüber ganz offen gesehen. Es wird von Tag zu Tag unerträglicher, wie auf dem Altar der Macht in einer dubiosen Koalition mit dem Beifall der Boulevard-Medien das Christliche im Sinne von Jesus von Nazareth geopfert wird. Viele der christlich-sozialen VPlerInnen sind still geworden wie ich auch bei  manchen Vorgängen der Amtskirche sehr still wurde, weil sie nicht kongruent zum Gründungsauftrag waren. Das Hindreschen auf „die Ausländer“, die tägliche Kreation der Sündenböcke für das eigene Versagen, das zynische Empowerment im neoliberalen kapitalistischen Spiel der Kräfte bis hin zum Sparen im System der Anderen und dafür das eigene System Regierungssprecher mit 120 Personen extra „auffetten“ (siehe Aufstellung aus dem Falter). Es läuft in die falsche Richtung und es ist gut, dass sich die Geschwindigkeit in  den letzten Wochen wegen tiefgehender Verwerfungen der koalitionär gebügelten Piste verlangsamt hat. „Identitäre“ ist der letzte Krater, den es „um der Macht willen“ zu überbrücken gilt, wenn der Altar der Macht nicht wackeln soll. Und Kurz hat das von Anfang an gewusst und kalkuliert. Das ist aus meiner Sicht das Obszöne dem Christlichen gegenüber. Das Soziale fußt im Christlichen, das anders geht, als es gerade interpretiert wird.

Orientierung

Das hat uns von den Ordensgemeinschaften und der ksoe, die letzten Freitag 60 Jahre gefeiert hat, ermutigt, herausgefordert, gekitzelt, eine Orientierung aus der Katholischen Soziallehre anzubieten. Die Bischofskonferenz hat dazu keine Unterstützung zusammengebracht und so haben wir uns mit „low budget“ und dem Können der beiden Magdalena’s (Holztrattner und Schauer) ans Werk gemacht. Und die Idee, so in den letzten Tagen die Rückmeldungen, ist aufgegangen. Viele haben diese sieben Videos schon gesehen und positives Feedback gegeben. „Sie sind eine gute Orientierung in einer turbulenten Zeit.“
Hier der Link zu den 3-minütigen Einzel-Videos (Playlist).

 

Hier der Gesamtfilm aus allen sieben Einzel-Videos zusammengefügt.

Ich lade hier einfach ein: Schauen Sie sich das an!

„Die digitalen Köchlöffel gezielt weglegen“ – so lautet das Motto einer Weiterentwicklung des Wanderns ohne Anbindung an die große weite digitale Welt. Digitale Distanz ist nicht einfach und hilft doch, die Dinge des Lebens, des Arbeitens und der inneren Entwicklung in ein gutes, lebensförderliches „Verhältnis“ zu bringen. Nimm Abstand und es geht wieder. Das Gehen, die Bewegung in der Natur hilft dabei, diese Distanz zusammen mit anderen zu wagen. Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer laden ein, mit ihnen drei Tage lang OHNE jegliches digitales Gerät zu gehen. Einfach #offline_gehen_02

DO 4. April 2019 bis SO 7. April 2019

TeilnehmerInnen: max. 12 Personen
Es gehen ohne Ausnahme keinerlei digitale Geräte mit. Sie bleiben daheim bei den Liebsten.
Für Übernachtungen mit Frühstück kalkulieren Sie bitte € 185,00. Als Beitrag für Organisation und Gestaltung von #OFFLINE _GEHEN_02 bitten wir um eine Spende, Richtwert 65.-.

• Am Donnerstag, 4. April starten wir um 10.45 Uhr am Marktplatz in Mattsee (Salzburger Flachgau).
Individuelle Anreise mit dem Bus Linie 120 (ab Salzurg Hbf: 9.50 Uhr).
An drei Seen des Salzburger Seenlandes (Mattsee, Obertrumersee und Grabensee) vorbei gelangen wir ins benachbarte Innviertel und erreichen auf Wegen und Nebenstraßen das malerische Kirchdorf bei Mattighofen.
Tagesziel: Hildegard Naturhaus der Familie Hönegger. Dort erfahren wir bei Interesse mehr über die Hildegard Medizin, haben Einblicke in den Kräutergarten und übernachten dort.
Tagesstrecke: 11 km, Bus Salzburg-Mattsee € 5,80

• Am Freitag, 5. April starten wir von Kirchberg aus durch die von Wäldern durchzogene sanfte Hügellandschaft des südlichen Innviertels und stoßen bei Moosdorf auf den Pilgerweg VIA NOVA. Die großartige Moorlandschaft des Ibmer Moors ist Etappenziel dieser Tageswanderung. Im Moorhotel in Ibm klingt unser Tag aus.
Tagesstrecke ca. 20 km

• Am Samstag, 6. April wandern wir am Südrand des Weilharter Forstes entlang bis wir in St. Radegund ankommen. Dort wird uns die Geschichte und das Erbe von Franz und Franziska Jägerstätters beschäftigen.
Tagesziel: Entenwirt in Tarsdorf
Tagesstrecke: 17 -22 km

• Am Sonntag, 7. April gibt’s nach dem Frühstück einen gemeinsamen Abschluss.
Ein Shuttle bringt uns zur Lokalbahn nach Trimmelkam (Abfahrt um 9.47 Uhr, Ankunft in Salzburg 10.44 Uhr).

Unser gemeinsames #offline_gehen_02 wird von Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer begleitet. Das Gehen und die Natur selber sind die kräftigsten Lehrmeister. Gemeinsam verweilen, kurze Impulse und das gemeinsame Essen und Austauschen werden eine anregende Verbindung schaffen.
Wir laden Sie / Dich herzlich ein mit uns am VIA NOVA #OFFLINE zu gehen.

Magdalena Holztrattner und Hermann Signitzer
+43 699 1066 2109 / +43 676 8746 2064
tourismusreferat@seelsorge.kirchen.net

Ganz bewusst war hier Pause auf meinem Blog. Wenn man innen drinnen spürt, dass Dinge und Aufgaben zu Ende gehen, dann werde ich immer ruhiger. Das war in den letzten Monaten der Fall. Nun die Neuigkeit. Mit 31. Aug 2019 werde ich meine Dienste in Wien im Bereich Kommunikation und Medien für die Vereinigung der Frauenorden und die Superiorenkonferenz der Männerorden beenden. Die Ordensgemeinschaften Österreich werden kommunikativ und medial  neu belebt.

Sieben Jahre

Um ersten Vermutungen den Boden zu entziehen:  Ich gehe nicht in Pension, sondern öffne mich neu für ein Projekt, eine Aufgabe für die nächsten sieben Jahre – so Gott will. Reduzierter und vor allem wieder kontinuierlich näher bei meiner Frau Gerlinde und der ganzen Familie. Fragt mich heute  nicht gleich, was das genau sein wird. Ich werde mich wieder ganz öffnen und mich erinnern, was mir das heilsame Gehen und Pilgern immer wieder gelehrt hat: Das Leben kommt dir entgegen. Irgendwie spüre ich, dass da draußen noch eine Aufgabe auf mich wartet. Ich durfte so viel lernen und so viele Erfahrungen machen, dass ich fast überfließe. Das möchte in zur Verfügung stellen. Und: Mit 70 möchte ich auf den Großvenediger gehen. Das wäre dann in etwa sieben Jahren. Der Sieben-Jahres-Rhythmus hat mich ohnehin in meinem Leben begleitet. Immer begann das Neue irgendwie nach sieben Jahren.

Schlusspunkt setzen

Die Arbeit an der Ausgabe der ON Ordensnachrichten zum Thema „Schlusspunkt setzen“ im Oktober vorigen Jahres hat mich persönlich erfasst. Das #wach-Jahr bei den Orden hat mich selbst wacher, hellhöriger gemacht. Das Video vom Feierabend mit den LALÀ’s im ORF habe ich mehrmals angeschaut und dort ist von der „inneren Stimme“ die Rede. Das Gespräch mit Matthias Strolz einen Abend lang hat auch diese „innere Stimme“ thematisiert. Und so habe ich hineingehört und gespürt: Beziehung und Familie sind unersetzbar. Auch Freunde habe ich durch das siebenjährige „Vagabundieren an der Westbahnstrecke“ – wie ich meine Identität immer beschreibe  –  aus den Augen verloren. Unglaublich schön finde ich, dass mir und uns die Familie mit den drei Enkerln ein tragendes Netz geworden ist. Ein echtes Geschenk. Und das möchte ich nicht liegen lassen, weil ich dauernd unterwegs bin. Und ich bin gerne unterwegs. Keine Frage.

Loslassen

Als besonderes Geschenk sehe ich heute, dass mich damals 2012 nach all den Wirren rund um 2009 die Ordensgemeinschaften „gefunden“ haben. Dass ich nach Wien gehe, hätte ich mir nie gedacht. Dass ich dort so viel Gestaltungsraum für meine Ideen und mein Können bekomme, kommt mir heute noch wie ein Wunder vor. Wir haben das, was ich bei den Orden von Beginn an gespürt habe, über längere Zeit „Freiraum für Gott und die Welt“ genannt. In diesen Freiraum durfte ich „hineinwerken, säen und ermutigen“. Mein ganzes Herzblut, meine Energie und „Zukunfts-und Quer-Denkerei“ habe ich dort zur Verfügung gestellt. Es ist uns gemeinsam in diesen sieben Jahren viel gelungen, es hat sich viel entwickelt und Neues hat Gestalt angenommen. Jetzt ist es Zeit, den Ideen weiten Raum zu geben, mit dem Loslassen ernst zu machen, damit ich diesem Weiter-Wachsen nicht im Wege stehe. Weiter begleiten werden mich thematische Ansätze wie „viel mehr wesentlich weniger“, „gottverbunden freigespielt“, das Klimapilgern oder die Themenflächen auf 5vor12.at wie #BeziehungHeilt über #GerechtigkeitGeht bis hin zu #LoslassenBefreit und #GemenschaftHält. Gerade das inhaltliche Konzept der Ordensgemeinschaften für diese nächsten drei Jahre nehme ich in meinen neuen Lebensabschnitt mit. #EinfachGemeinsamWach ist genau das, was mein persönliches Leben und die Gesellschaft auf der Erdkugel heute braucht.

„Hold me“ singen die LALA’s und sind dabei in Taiwan unterwegs. Hier das wunderbare Video zum Song. Jeder Mensch ist getragen vom Wunsch nach Anerkennung, Sinn und Dazugehören.  Immer wieder darf ich mich getragen fühlen in dieser tiefen „Gewissheit“: Gott geht unsere Wege mit. #Danke.

„Ende September haben wir die Hochzeit unseres Sohnes mit seiner Braut gefeiert. Sie haben sich als Motto – „gemeinsam am liebsten“ – genommen. Viele junge Leute spüren, dass allerorts gerade etwas verloren geht. Das Gemeinsame, die Verbundenheit, die Verbindlichkeit. Aber der Mensch ist immer in Gefahr, das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren und nur mehr den eigenen Bauchnabel zu sehen, um den sich die ganze Welt dreht oder zumindest drehen soll.

Vor 2000 Jahren haben die ersten Jesus-Anhängerinnen und Jesus-Anhänger damit überrascht, dass sie alles gemeinsam hatten. Mit dieser Tatsache haben sie aber auch überzeugt. Viele haben diese Sehnsucht gespürt. Die Bibel schildert die ersten Christinnen und Christen als liebevolle Gemeinschaft, genährt aus der Nähe zu Gott, den sie als Vater, als Mutter gesehen haben. Jesus hat ihnen diese Sicht eröffnet. Sie haben gegen den Trend der damaligen Zeit nicht auf Egoismus, Durchsetzung des Stärkeren oder das banal Irdische gesetzt, sondern auf das Miteinander, das Füreinander, selbst mit den Geringsten, den Outsidern, den Fremden. Gott kommt uns im Fremden entgegen.

„Die Austreibung des Anderen“ heißt das top aktuelle Buch des Sozialphilosophen Byung-Chul Han. Er schreibt: „Die heutige Kultur der Leistung und Optimierung lässt keine Arbeit am Konflikt zu, denn sie ist zeitintensiv. Wir kennen nur zwei Zustände: Funktionieren oder Versagen. Auch Maschinen kennen keinen Konflikt.“

Das Buch unseres Hochzeitspaares heißt eher „Die Öffnung auf den Anderen hin“. In allen Dimensionen, im Gelingen und Scheitern, im Verstehen und Missverstehen, im Lieben bis hin zur Lieblosigkeit. Heute wird Familie klein gesehen. Mutter, Vater, Kind – alleine, isoliert, unter sich und damit eine dauernde Überforderung. Der Mensch ist hineingeschaffen in ein größeres WIR. Früher sagte man Großfamilie, Sippe, Verwandtschaft, über die leibliche Familie hinaus. Da sind Generationen, da sind FreundInnen, da sind WegbegleiterInnen, da ist ein tiefes Gespür für die Weisheit der Welt, die auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika LaudatoSi ausgedrückt hat: Alles ist mit allem verbunden. Die Orientierung am unbedingten Eigennutzen schwindet. Wir leben gemeinsam in einer Welt, die uns Mitwelt ist. Das ist nicht einengend gemeint, sondern tragend. Liebe, Compassion, Vertrauen, Empathie und Achtsamkeit sind die Seile, die hier gespannt werden. Diese junge Beziehung ist eine gelebte Ermutigung, immer offen zu bleiben für das neue Zusammenschwingen. Das „Und sie hatten alles gemeinsam“ der erste Christinnen und Christen gründete sich wahrscheinlich darauf, dass diesen Menschen damals auch „gemeinsam am liebsten“ war. Sie haben damit den Willen Gottes und die Sehnsucht der Menschen getroffen. Byung-Chul Han bringt in seinem Buch die Gastfreundschaft als höchsten Ausdruck der universellen Vernunft ins Spiel. Mit ihrer Freundlichkeit ist sie imstande, den Anderen in seiner Andersheit anzuerkennen und willkommen zu heißen. Wörtlich: „Freundlichkeit bedeutet Freiheit. Eine Politik des Schönen ist die Politik der Gastfreundschaft. Fremdenfeindlichkeit ist Hass und hässlich.“

Übrigens: Die Hochzeit selber habe ich als schönes, tiefes und ausgelassenes Fest dieser zusammenschwingenden Gastfreundschaft, Freiheit und Freude erlebt, einfach, mit viel Musik, Tanz und wunderbaren Gesprächen. Ein schönes und tragendes Netz, das sich für die beiden jungen Eheleute hier gespannt hat.“

Hier der Zwischenruf zum Nachhören.

Von 1. Sept bis 4. Okt begehen die christlichen Kirchen eine bewusste „Schöpfungszeit“ und laden damit alle Menschen auf dieser Weltkugel ein,  ihre Lebensgrundlage als „Mitwelt bewusst wahrzunehmen und zu respektieren in ihrer biotischen Grunddynamik, nach der wir Menschen auch leben sollten“. Es ist von uns Menschen eine Entscheidung gefordert, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Leben und verstehen wir uns als Teil dieser Natur (Schöpfung) oder benutzen wir sie im Sinne einer „irreversiblen Ausbeutung“. Ich kürze ab. Die erste Frage jedes Menschen ist: Wie kommt mehr Liebe, Compassion, Empathie und Achtsamkeit in die Welt? Und dann kommt in unseren Breiten gleich: Wie geht das Weniger hin zum Wesentlichen? Das wird mit Verzicht konnotiert und der wird in unserer Konsumgesellschaft als gestrig dargestellt und mit Verlust von Lebensqualität angepatzt. Das genaue Gegenteil dürfen wir entdecken, wenn wir den Ballast der Konsumwelt von uns schaufeln, ablegen, nicht mehr anstreben, hinten lassen. Eine ganz neue Lebensqualität zieht ein. Wenn es draußen regnet und kühle Luft gut atmen lässt, dann ist eine gute Zeit, diesen Fragen nachzusinnen. Wir haben dafür auch eine Broschüre entwickelt: „Quellen der Kraft“. Es ist die Einladung und wir wollen Hilfestellungen gegeben, dem geöffneten Leben Raum und Platz zu geben. In einem Video darf ich diese Quellen der Kraft erläutern. Jeder und jede kann kostenlos diese Broschüre bestellen. Nur Mut. Da geht es um die tiefe und weite Spiritualität, die Papst Franziskus in #LaudatoSi angesprochen hat. Es braucht, um eine gute Zukunft für alle zu ermöglichen, den Wechsel vom technokratischen Weltbild hinein in das sozial-ökologisch-spirituelle Welt- und Menschenbild.

Wenn der junge Bundeskanzler Kurz bei Google, im Silikon Valley oder gerade in Singapur auf „Lerntour“ bei den Besten ist, dann ist er in der technokratischen und Mammon orientierten „erfolgreichen“ Welt unterwegs. Das sollten wir wissen. Deshalb sind Laptops in den Schulklassen das Wichtigste. Dabei geht es um Beziehungen, die heilen, um Erfahrungen, die bilden, um Gemeinschaft, die hält, um Fremdes, das bereichert, und Gerechtigkeit, die geht. Also. Geht und nicht verschwindet. Diese Themen sind die Bausteine der Ordenswelt und Ordenskirche, wie wir sie in den letzten 1 1/2 Jahren „bewusst gemacht“ haben. In einem Video-Summary hat meine Kollegin Magdalena Schauer die Grundintentionen festgehalten. Ich darf für mich selber sagen: Diese „Aspekte“ meiner Arbeit haben mich geweitet, vertieft und bewusster gemacht. Dafür bin ich dankbar.

„Bewusste Schöpfungszeit“ heißt nichts anderes, als bewusst in dieser Welt zu stehen, zu gehen, zu leben. Auf Facebook und Twitter melde ich mich in diese Richtung immer wieder zu Wort, weil es wichtig ist, den „Main- und Fake-Stream“ zumindest zu ergänzen durch andere Sichtweisen und Beispiele. Es gibt so viele Menschen – und vor allem junge -, die dieses neue Miteinander auf Basis der biotischen Prinzipien realisieren, leben. Und da gehören auch die Enkelkinder dazu, die uns sicher einmal fragen werden: Was war das damals 2018?

Bei einem Meeting hier in Wien bin ich heute zufällig mit der Klima- und Nachhaltigkeitsexpertin Helga Kromp-Kolb zusammengetroffen. Wir haben uns beide noch gut erinnert an das Gespräch im September 2015, das ich für den Bericht in den ON-Ordensnachrichten mit ihr geführt habe. „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ stand damals am Türschild. Die Meteorologin ist für mich eines der wichtigsten Gesichter für den Appell, endlich etwas zu tun für einen neuen Lebensstil, der uns gut und nachhaltig alle miteinander auf der Weltkugel nicht nur überleben, sondern inklusive Enkerl in die Zukunft hinein gut leben lässt. Aber: Es schaut nicht gut aus. Beim Meeting sind wir immer wieder zu dem Punkt gekommen, wer oder welche Maßnahmen oder Personen diesen Change kraftvoll anstoßen und betreiben können. #SystemChangeNotClimateChange haben wir damals – 2015 – zu Fuß als Klimapilger Richtung Weltklimagipfel in Paris getragen. Wir haben Projekte gesehen, die schon längst den Anfang gemacht haben. Sie werden nur (noch) nicht gehört von denen, die „steuern“, die „entscheiden“ oder durch ihre Entscheidung wirklich „ändern“ können. Wir wissen alle: So kann und darf es nicht weitergehen mit dem Raubbau an unserer „Mutter Erde“, die wir Christen als „Schöpfung Gottes“ sehen und niemals als menschlichen „Besitz“. Wir sind maximal Pächter und unser Auftrag ist, „das Erbe“ sorgsam weiterzugeben.

Ab 1. August auf Pump

Heute 30. Juli 2018 habe ich mir die Seiten 10/11 in der Krone kopiert. Ich gestehe: Sehr oft kommt das nicht vor. Aber heute war der Titel eine ganz klare Botschaft: „Der Erde als Sklavin unseres Lebensstils“. Am 1. August ist verbraucht, was uns zusteht durch das „Nachwachsen“. „Welterschöpfungstag“ – so wird dieser Change hinein in den Pump bezeichnet. Die Welt ist erschöpft und der Mensch gibt überall Gas. 93 Tage (drei Monate) würden wir gewinnen, wenn der CO2-Ausstoß um 50% verringert würde. Wir geben Gas und testen 140 km/h auf Autobahnen. Die Flieger am Himmel und auf Flughäfen haben nicht mehr genug Platz und immer mehr und billiger werden Menschen durch die Lüfte gekarrt. Wir wissen: Flugzeuge und das Auto sind die Hauptverursacher. Aber ist das alles noch zu ändern? Nein. Man sieht das auch in der angesprochenen Krone, wenn ein paar Seiten weiter ganzseitige Autowerbung und günstige Flüge angeboten werden. Spätestens dort giert er schon wieder nach dem „billigsten Angebot für noch mehr“. Und dann treffe ich Menschen, die den gottlosesten Satz aller Sätze sagen: „Auf mich kommt es eh nicht an. Des is wuarscht.“

Persönliche Entscheidungen

Heute früh im Bus vom Bergdorf zum Bahnhof unterhalte ich mich mit meinem Bruder (er ist Radon- und Licht-Spezialist) über die Situation rund um den Attersee an Wochenenden bei Schönwetter. Alles staut, nichts geht mehr, Gestank und Lärm neben und am „Erholungssee“. Was müsste passieren, dass die vergangenen „Sünden“ aufgehoben werden? Aus meiner Sicht ist es das Auto und das Privatbesitz-Denken. Die Menschen suchen mit dem falschen Verkehrsmittel (Auto) nicht den See, sondern ihr Grundstück. Fatal. Auto hat mit Autismus zu tun. Und Privatbesitz mit „abgesondert, für sich“. Und genau darin steckt die „Wurzel-Sünde“, die „verkehrte Sichtweise“. Die Erde ist das Gemeingut, das alle tragen, ernähren, schützen und Lebensfreude geben möchte. Aber: Einige glauben, dass die Erde ihnen gehört. Genauso der See, die Straße, das Wasser, die Luft. Wir sind aber dazu da, sie behutsam zu nutzen und sie nicht mit unserem Egoismus und der darin gründenden Bequemlichkeit „auszubeuten“. Jede Entscheidung zählt. Ich persönlich fliege nicht mehr, ich fahre mit meinen drei Jahreskarten fast ausschließlich mit Öffis und erlebe dabei eine ganz besondere Lebensqualität. Ich genieße den Naturgarten und ernte daraus für den Eigenbedarf. Ich kaufe lokal ein und habe noch nie etwas bei Amazon oder dergleichen bestellt. Meine kürzeren Alltagswege gehe ich zu Fuß und es gibt keinen Lift. Trinkwasser aus der Leitung bekommt der Garten keines. Und alles das erlebe ich nicht als Verzicht, sondern als besondere Lebensqualität. Wenn es jetzt sehr heiß ist, dann lese ich in LaudatoSi, dass genau Klimaanlagen Gift sind. Sie verbrauchen mittlerweile weltweit mehr Energie als die Heizungen. Ein bisschen Schwitzen einige Tage im Jahr sind „drinnen“. Es ist die kleine Versuchung Tag für Tag, auf Kosten der Anderen und auf Kosten von Mutter Erde zu leben. Laut einer aktuellen IMAS-Umfrage hält es ein Drittel der Bevölkerung für wichtig, „ein einfaches Leben zu führen“. Das Drittel wird auf Dauer zu wenig sein. Das werden Anreize nicht schaffen. Da wird die Politik mit Gesetzen schützend vor die Erde treten müssen. Die globalen Ausbeuter(-Mechanismen) müssen in die Schranken gewiesen werden. Und vielen „inneren Schweinehunden“ werden wir eine außerirdische Planetenbahn eröffnen, damit Mutter Erde nicht weiter Sklavin unseres Lebensstils ist.

Wir besuchen „Papst Franziskus“ im Kino. Ein Plakat vom Film sehen wir nicht. Wir sind gespannt, wie Wim Wenders „den Papst anlegt“. Schon nach ein paar Minuten ist uns klar, dass dieser Papst nicht „angelegt“ ist, sondern als Person in seinen theologischen und ganz praktischen Sichtweisen sein Amt füllt. Da kommen in keiner Minute irgendwelche hochgestochenen theologischen Konvolute daher, sondern immer in der Sprache der Menschen verständliche Anliegen. „Gut zuhören“ ist ihm ein besonderes Anliegen. Und „auf Augenhöhe“ mit den Menschen sein. Genau das schafft der Film.

Die Allerärmste ist die Welt

Ich werde hier den Film nicht nacherzählen. Geht nicht. Viele Stationen, die gezeigt werden, sind außerhalb Europas und immer am Rande. Dieser Papst ist dort daheim, wo andere Würdenträger nicht hingehen würden. So spüren wir im Film auch, dass er mit seiner Rede über die Krankheiten der Kurie in der Kurie selber argwöhnisch beobachtet wird und so selber im Innersten als „Randfigur“ gesehen wird. Berührend sein Aussagen, die er direkt in die Kamera und somit mit uns BesucherInnen teilt. Ich fühle mich direkt mitgenommen. Wenn er über Familie spricht, dann stellt er selber die für ihn zentrale Frage:  „Spielt ihr mit den Kindern?“. Und er faltet aus, dass wir Menschen Zeit brauchen, um nutzlose Zeit zu verbringen. „Wir leben am Gaspedal und das tut uns überhaupt nicht gut.“ Spielt, genießt die Welt, „die doch so schön ist“. Und dann die bohrend Frage: „Wer ist derzeit die aller Ärmste?“ – die Welt selber. Sie wird ausgebeutet, vergiftet und nur mehr für ökonomische Zwecke verbraucht. Hier zeigt der Film lange und einleuchtend sein „Vorbild“ nach Jesus: der hl. Franziskus. Es liegt an uns, diese Welt zu retten im Bewusstsein, dass wir im gemeinsamen Haus wohnen. Berührend auch die vielen Begegnungen. Tränen kommen mir, wie er mit Gefangenen spricht, Kranken die Hand auflegt, ihnen vorbehaltlos begegnet, ihnen Zuwendung, Liebe und Trost vermittelt. Er spricht das Sterben an, den persönlichen Tod. Und er lässt sich zu allen heißen Eisen fragen und gibt Antworten, die den Menschen aufrichten und nicht unter das Gesetz stellen. Der Film zeigt ihn als einen Mann des Wortes, der unmittelbaren Compassion und der eindeutigen Perspektive auf diese Welt: Es ist der vorbehaltlose Dienst an den Geringsten. Lächeln und Humor sind für ihn ganz wichtig. Ich kann nur ermutigen. Geht ins Kino.

 

Lesestoff gibt es genug. Zeit zum Lesen ist eher rar. Heute ist das Publik-Forum EXTRA mit dem Thema „Wandlungen“ dran. Schmetterlinge in Pink, ist ein Artikel, der aber nichts mit dem heutigen Rücktritt des sehr lebendigen und leidenschaftlichen Matthias Strolz zu tun hat. „Mittendrin im Wandel“ schildert die drei Ebenen, wie sich der Wandel ankündigt, sich den Weg sucht: die Ebene des Widerstandes (1), die Ebene der nüchternen Analyse der Fehlentwicklungen und der Alternativen (2) und die Ebene des Paradigmenwechsels von der „mechanischen Zahnrad-Welt“ zu einem organischen Ganzen  (3). Dabei denke ich an LaudatoSi, obwohl es nicht ausdrücklich da steht. Diese Ebene ist die kraftvollste, weil sie überraschende Wendungen bringen kann wie den Atomausstieg Deutschlands entlang von überraschenden Einsichten. Grundparadigma ist die Transformation von der Raupe zum Schmetterling mit den „Imago-Zellen“. Spannend. Das passiert nicht geplant, sondern überall zugleich, auch wenn wir sie nicht sehen können, die Inseln der „Zukunftsmodelle“. Das Neue kann nicht mehr gefressen werden, sondern schließt sich eben zum neuen „Programm“ (Schmetterling) zusammen. Und mir fällt der Film „Zeit für Utopien“ ein, der gerade in den guten Kinos läuft. Das Neue ist unter uns, auch wenn es zugeschüttet und nicht „erzählt“ werde will und darf.

Und was tun Social Media da?

In einem Gespräch mit der Medienethikerin Johanna Haberer stellt sich sehr bald heraus: Die neuen Medien bringen keine Reflexion, sondern Reflexe hervor. Wir sind durchschaut. Und ob wir wieder zurück zur Natur sollen? „Ja, und weg von diesem Kommunikations-Hopping.“ Ich denke: Unsere und meine Offline-Zeiten sind am Pfad in die Zukunft angesiedelt. Abschalten. Virtuelle und reale Welt kennen keinen Unterschied mehr. Mithilfe der „kleinen Geräte“ verbinden sich die Welten, „aber die Leiblichkeit und die Sinnlichkeit leiden darunter“. Die früher unmöglich geglaubte Bilokation ist heute Alltag: Sie sitzen beim Essen und schnabulieren die sinnentleertesten Videos oder WhatsApp-Unterhaltungen. Ich esse ohne Handy und deshalb kann ich das oft sehen. „Die Frage nach den Folgen stellen wir uns nicht. Es gibt diese unschlagbare Evidenz des Nutzens, der diese Technologie gibt. Hildegard von Bingen wusste allerdings schon: Die Engel fliegen in Spiralen, der Teufel immer geradeaus. Der schnelle Weg des Pragmatismus führt eben nicht immer zum Himmel.“ Diese Dinger sind „teuflisch“, weil so geradeaus in den alltäglichen Nutzen.  Augustinus hat die Ursünden beschrieben, darunter die allerschlimmste, die „acedia“, die Gleichgültigkeit, die Faulheit, die Bequemlichkeit, die „Wurschtigkeit“.

Der aufgeklärte Mensch ist in Gefahr

Deshalb sagt Haberer: „Der digitale Wandel bedroht den aufgeklärten Menschen.“ Er hat ihn noch nicht gefressen, aber er bedroht ihn. Es ist etwas zu tun gegen diese „Vernutzung des Menschen“, die in der Aufklärung abgestellt wurde. Alles ist verrechnet, das System weiß mehr über mich als ich selber und es gibt nichts Intransparenteres als die gesammelten Information dieser Netzwerke. Alles liegt offen und doch sind die Zusammenhänge, die Algorithmen absolut verborgen. Was sollten wir lernen? Einen alltagstauglichen Umgang mit dieser Technologie, die auf unsere Liebe, auf unsere Freunde, auf das ganze Leben abzielt, auf unseren Geist. „Wir müssen lernen, wegzulassen.“ Das heißt gerade auch für Kinder, eine Lebensnavigation mit diesen Technologien zu lernen, ohne größeren Schaden zu nehmen. Und wenn Schaden entsteht, heißt es ihn ungeschminkt benennen. Aus meiner Sicht: Bei sogenannten Laptop-Klassen kann man den Schaden schon ausmachen. Aber es gibt schon Protest: Die Datenschutzverordnung ist die richtige Richtung, Facebook wird verlassen oder bewusster genutzt, Offline-Region und -Zeiten entstehen, die Natur wird wieder entdeckt und die Acedia wird als die Verführerin erkannt, gesehen, gemieden. Die Bequemlichkeit führt zwar gerade aus. Aber: Die Engel ziehen Spiralen und nur der Teufel fliegt geradeaus. Wer Ohren hat, der höre. Und wer Hände hat, der lege immer öfter weg.

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