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Archiv für die Kategorie „Out of the Box“

Diese Woche war ich in Salzburg einen Tag lang beim Treffen der Ordensschulverantwortlichen dabei. Sie haben sich mit „Resonanzpädagogik“ auseinandergesetzt. Wolfgang Endres war der Impulsgeber (siehe Video). Ich habe ihm einige Fragen gestellt, die meine neue Kollegin Magdalena in dieses Video zusammengepackt hat. Klar wurde: Bildung ist kein Echo-Vorgang, sondern ein Klangraum-, ein Resonanzraum-Geschehen. Oder es ist, so meine Ansicht, keine Bildung. Ich denke mit vielen anderen, dass wir zu viele „Echo-Prüfungen“ haben und zu wenig „Resonanzraum-Wahrnehmungen“. Pisa ist zum Beispiel ein einziges Echo-Geschehen.

 

Drei Dinge sind bei mir hängen geblieben, haben Raum, Klangraum, Resonanzraum genommen, sind in Schwingung gekommen, haben Assoziationen, Erfahrungen ausgelöst.

Zusammengeräumte Partituren

Nicht zusammengeräumt

Da ist erstens das Bild von der Partitur eines großen Musikwerkes. Wer ChorsängerIn ist, hat das Bild genau vor Augen. Noten anhand von Linien über eine Doppelseite „verstreut“, die beim Singen, Musizieren den Klang ergeben, den wir kennen, den wir sogar hören. Jetzt. Noten können aber auch als Noten gesehen werden. Nur Noten. Der Referent Endres hat dann ein Bild gezeigt, wo diese Noten der großen Partitur „zusammengeräumt“ sind. Auf kleinstem Platz haben die Halben-, Viertel- oder Achtelnoten Platz. Es sind diesselben Noten, keine ist verloren gegangen, und sie finden doch keinen Resonanzraum mehr. Ich habe mir vorgestellt, wir singen als Chor diese „zusammengeräumten“ Noten. Eine kurze und fade Angelegenheit. Meine Assoziation: Die Gesellschaft räumt gerade zusammen. In der Bildung, in der Medizin, in der Wirtschaft, vielleicht auch in den Diözesen bei den Pfarrzusammenlegungen. Resonanzen, Klänge, Räume verschwinden. Alles ist effizient ausgerichtet. Eben: zusammengeräumt.

Den Schulweg gehen

Das hat mich zweitens an meinen Schulweg erinnert. Wir mussten eine Stunde lang in die Schule gehen. Gehen. Bei jedem Wetter. Und genau das war unser Resonanzraum: die Natur. Begegnete sie uns freundlich, hat unser Heimweg oft lange gedauert, weil wir Platz genommen haben in ihr: der Natur. War damals ordentlich Winter, dann war das für uns auch oft der Raum des Scheiterns. Wir haben es nicht bis in die Schule geschafft. Wir haben gekämpft, ermutigt von den Älteren, und mussten doch entweder schon beim „Kapfer“ (erste große Schneeverwehungsfläche) oder auf der „Hoadaebn“ aufgeben. Es blieb uns aufgrund des Windes der Atem weg. Wir drehten um und gingen heimwärts. Da war aber niemand, der in Angst war, dass wir etwas versäumen. Wir durften scheitern. Der Naturraum hat uns unsere Grenzen gezeigt und wir sind gereift „in diesem Resonanzraum“. Dafür bin ich heute dankbar. Denn: Natur ist von sich aus Resonanzraum und nicht Echo. Das hätte uns die Schule niemals so intensiv, erlebnisorientiert und praktisch lernen können. Deshalb finde ich es schade, dass der Resonanzraum Natur für heutige SchülerInnen sich auf das Ein- und Aussteigen beim Schulbus beschränkt. Meine These: 45 Minuten Schulweg würde einen unglaublich wertvollen Resonanzraum eröffnen. Mehr am Land als in der Stadt. Aber selbst in der Stadt ist mehr möglich als vermutet.

Echoraum Handy

Ein Direktor einer Schule machte mich bei einem Gespräch, wo ich kritisch auf die digitalen Räume Bezug genommen habe, aufmerksam: bitte kein allgemeines Digital-Bashing. Stimmt. Wir nehmen viele Algorithmus basierte Vorteile in Anspruch. Die digitale Welt hat uns sehr dabei unterstützt, die Welt zu ordnen, aufzuräumen. Ich denke da noch gar nicht an die Partitur von oben. Es ist auch viel Schlamperei, Mutwilligkeit und Nicht-Kooperationswille da. Solche „Systeme“ helfen zum Beispiel in der Logistik, Dinge pünktlich und punktgenau voranzubringen. Und doch wehre ich mich gegen diese jetzige „Digitalisierungs-Offensive“ allerorts. Wir sind dabei, Klang- und Resonanzräume „aufzuräumen“. Die Wirtschaft geht in ihrer neoliberalen Haltung voran. Nutzen, was mir nutzt und Profit erhöht. Die Krankenpflegerin hat keine Zeit mehr zum Reden, zum Zuhören. Laptops und iPads sollen die SchülerInnen effizienter beim Lernen unterstützen. Das Handy hält mich dauernd – wenn ich will 24 Stunden – am Laufenden. Besser: am Laufen. Das alles zusammen verhindert derzeit das Aufmachen von „zweckfreien und herzlichen Räumen, Resonanzräumen, Klängen“. Ich weiß jederzeit alles und könnte zum Weltgeschehen ein tolles aktuelles Echo abliefern. Aber braucht es  noch mehr hallendes Echo basierend auf den Algorithmus der digitalen Möglichkeiten oder doch mehr Klangräume, Resonanzräume, Freiräume, einfach: haptische Lebensräume? – Und warum steht da jetzt ein Fragezeichen? Ist doch klar.

Es ist ja nicht so, dass mir der Lesestoff ausgeht. Aber dieser Tage ist mir das Buch von August Thalhamer wieder entgegengekommen. „Der Heilungsweg des Schamanen“ im Lichte westlicher Psychotherapie und christlicher Überlieferung. Bei Ennsthaler erschienen. Eine schöne Geschichte ist auf Seite 88 zur Wahrheit zu finden: „Gott und Teufel gehen spazieren. Da fällt dem lieben Gott ein Stückchen Wahrheit auf die Erde. Verwundert fragt Gott, ob er – der Teufel – denn nicht verhindern wolle, dass ein Mensch  das Stückchen Wahrheit finde. Darauf der Teufel: Nein, das lasse ich liegen. Denn der es aufhebt, wird es für die ganze Wahrheit halten und andere damit drangsalieren.“ Die Kirche selbst hat dieses Drangsalieren durch einen Wahrheits-Bischof über die Medien erleiden müssen. Der Hashtag wäre damals #Krenn gewesen. Und heute geht das in vielen gesellschaftlichen Bereichen weiter.

Das größte gemeinsame Vielfache

Wer heute Zeit für die #ZIB2 hatte, hat dort das Thema Kopftuchverbot des Sebastian Kurz miterlebt. Die Präsidentin der Frauenorden hat aus ihrer Erfahrung am Schulzentrum Friesgasse klar gesprochen. Nein, das Kopftuchverbot hält sie für falsch. Selbst Armin Wolf hat den Papst zitiert, der ebenso gegen ein Kopftuchverbot ist. Die Wahrheitsfrage ist hier nicht eine verbale, sondern eine der Lebenspraxis und Lebenshaltung. Warum fällt der ÖVP die Toleranz so schwer, die sie von Jesus als christlich-soziale Partei irgendwie mit auf den Weg bekommen hat? Es ist Kalkül für Wählerstimmen. Ich habe den Eindruck, dass sich Kurz als beliebterer Politiker ganz bewusst auf die FP „draufsetzt“, um denen die Stimmen abspenstig zu machen. In Bayern hat es unter Strauß geheißen: „Rechts von der CSU ist kein Milimeter frei.“ Dort steuert Kurz hin. Und ich lese im Buch weiter, um auf Seite 216 auf einen Absatz zu stoßen, der Gott, Teufel und Wahrheit neu aufmischt: „Die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte  wurden nicht von den ‚Bösen‘ verübt, sondern von den ‚Guten‘, die die Vollkommenheit vor Augen hatten und die Reinheit der Lehre, Rasse oder Ähnliches durchsetzen wollten. Der ‚Böse‘ ist da meist verständnisvoller, er weiß ja um die eigene Unvollkommenheit.“ Und C.G. Jung meinte: „Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, sondern der Vollständigkeit.“ Und genau deshalb gehören hier alle Formen und Wahrheiten des menschlichen Lebens und Ausdruckes her. Entscheidend ist die Liebe, die Toleranz auf Augenhöhe und der Friede. Jedes Zeichen ist willkommen, das Vielfalt und Frieden stiftet, Ausdruck von Gewaltfreiheit ist. Es geht um das „größte gemeinsame Vielfache“ in unserer Gesellschaft.

Der Bogen 2016 neigt sich zu Boden. 2017 deutet sich schon an. Der Zug heute am 28. Dezember nach Wien ist dünn besiedelt. Die Feiertage von Weihnachten sind vorüber. Das Wort Silvester lässt Hunde zusammenzucken. Menschen finden wir zwischen Besinnlichkeit und Knallerei. Zweiteres könnten wir leicht den Brotlosen als Brot servieren. Irgendwie sind Zwischenräume, Übergänge und Neuanfänge im Blickfeld. Die EU sucht europaweit die Wahrheit. SocialMedia haben ihre Unschuld verloren. Fakes sind nicht neu, werden digital allerdings uferlos, unbegrenzt, entgrenzt. Sie bombardieren das Vertrauen unter den Menschen ähnlich wie die Häuser in Alleppo. Der Mensch wird heimatlos, seelisch obdachlos, zittert vor seelischer Kälte. Wem vertrauen? Wem noch glauben? Was stimmt jetzt wirklich?

Der Mensch im Zwischenraum

Es wird – so meine Vorahnung – im Jahr 2017 noch viel öfter das Wort „Sicherheit“ fallen. Gestern habe ich vor meinem Gespräch mit Landeshauptmann Pühringer im Cafe Traxlmayr in Linz vom Bus am OK-Platz kommend über die Landstraße zur Promenade erstmals in Linz drei Polizisten mit Maschinengewehren auf Patroulle unter den Einkaufsmenschen gesehen. Dem Terror wird mit dem Maschinengewehr begegnet. Nein. Der Angst vor dem Terror wird mit militärischer Präsenz getrotzt. Scheinbar. Es ist eine Scheinsicherheit. Jetzt wissen wir, dass Sicherheitsfirmen unglaubliche Umsätze machen, damit Häuser und Wohnungen „gesichert“ werden. So werden die öffentlichen Flächen, die Zwischenräume immer dünner „besiedelt“. Die Angst treibt die Menschen in ihre Höhlen. Dort fühlen sie sich sicher und lassen sich allerdings drinnen über Medien – nicht alle – ihre „Angst vor draußen“ weiter vergrößern. Das leert die Zwischenräume weiter. Dabei sind genau diese Zwischenräume jene Räume, wo Neues entstehen, Platz finden kann. Ich finde es wunderbar, wie Menschen auf „Zusammenhelfen“ oder ähnlichen Plattformen schildern, was ihnen hier in der Flüchtlingsbegegnung Wertvolles und Neues entgegenkommt. Die Basis dafür ist Vertrauen. Und genau das erwarte ich mir von der Politik, dass diese Zwischenräume mit Vertrauen, mit Aufeinanderzugehen und Hinhören gefüllt werden. Das hilft wirklich. Polizisten (es waren drei Männer) brauchen bei uns keine Maschinengewehre tragen. Ihre Präsenz alleine gibt mir jene Sicherheit, die ich in öffentlichen Räumen bei uns in Österreich so schätze. Lasst Zwischenräume weiterhin offen, damit gemeinsames Leben in Vertrauen aufeinander wachsen kann. Das wünsche ich mir von 2017: Lasst uns vertrauensvoll in die Zwischenräume gehen und uns gegenseitig in Begegnungen für das Neue offen halten. Für das, was auf uns zukommt, und das, was wir mitgestalten.

unnamedMeine 24-tägige Offline-Zeit ist zu Ende. Das Smartphone lag abgeschaltet daheim zusammen mit dem Laptop. Das TV-Gerät im großzügigen Zimmer meines Kurhotels Bärenhof in Bad Gastein war der Bademantelhalter. Radio gab es keines. Wollte ich auch nicht. Über drei Wochen Null Internet. Ich habe es genossen. Es hat mich vertieft, wacher und wirklicher gemacht. Ich wurde reduziert in jeder Hinsicht. Und wesentlicher, ruhiger. „Ich würde das keine drei Tage aushalten. Schon nach einem Tag im Urlaub juckt es und ich muss nachschauen.“ So ein befreundeter Journalist am Telefon, nachdem ich die Rückrufe auf die Anrufe in Abwesenheit gestartet hatte. „Es war ein ganz großes Geschenk und genau zur richtigen Zeit“, meinte ich. Erzählt habe ich ihm, dass die SN und DIE ZEIT in der Druckausgabe meine einzigen „Medienpartner“ waren. Und natürlich einige Bücher und gezielte Zeitschriften, denen ich mich schon lange widmen wollte. In der dritten Woche hat DIE ZEIT in einer Beilage ganz groß über eine Doppelseite die Frage gestellt, meine Frage gefragt: „Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?“. Und genau diese Frage hat ihre Antworten bekommen, weil ich meine „digitalen Kochlöffel“ alle konsequent 100%ig weggelegt habe. Ich durfte mir „unabgelenkt“ begegnen. Tag für Tag.

Was ist entstanden?

Im Rückblick und nicht erst jetzt merke ich, dass ich mit einer neuen Wahrnehmung da bin. Ich wusste immer, dass Digital emotional kalt ist. Das kann die Seele nicht wärmen. Sie macht sie hungriger. Die tiefe Achtsamkeit und Empathie geht verloren, ist auch mir zum Teil verloren gegangen. Und doch verfallen so viele Menschen unkritisch diesem „Zug der Zeit“ und hängen an ihren Geräten. „Aufmerksamkeitszertäubung“ nennen das gute Beobachter. Und ein Geschäftsführer hat zu meinem Offline-Dasein gemeint: „Recht hast du. Wir halten das alle miteinander ohnehin nicht mehr lange aus.“  Und bei mir selber habe ich gespürt, wie Langsamkeit in mein Leben eingekehrt ist. Das hat mir ermöglicht, viel tiefer hinzuhören in Gesprächen, auch auf die Stille. Ich spürte auf einmal keine Getriebenheit mehr, sondern konnte selbst die zeitweise Langeweile in meinem Zimmer genießen. Langeweile ist ja ein Fremdwort geworden, ein Unwort der „Bespassungsgesellschaft“. Gerade in diesen Zeiten haben meine Gedanken-Gänge unglaublich viel Freiraum vorgefunden und neue Facetten aufgemacht. Und beim Gehen in den Gasteiner Bergen nahmen die Augen die Natur, das wunderschöne Panorama auf, weil ich keine Kamera zücken konnte, die im Smartphone daheim integriert lag. Einfach da sein, schauen, wahrnehmen, hinhören auf die Stille der Natur, den Berggipfel jetzt genießen und nicht erst später am Foto. Ich bin da. Jetzt. Genau auf diesem Quadratmeter Erde, eingespannt und getragen zwischen Welt und Himmel.

Und wie weiter?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Beitrag von Richard David Precht in der ZEIT vom 22. September 2016 gelesen: „Unsere gereizten Seelen“. Precht schreibt dort, dass Europa keine User und Konsumenten braucht, sonder StaatsbürgerInnen. Gerade die digitale Welt deformiert uns Menschen dazu, „nur mehr über Geld nachzudenken, Preise zu vergleichen und auf Kosten anderer zu profitieren“. Nicht der zufriedene Mensch ist das Ziel, sondern der immer wieder neu unzufriedene. Ein kurzfristiger „Hyperkonsumismus“ wird in den Mittelpunkt des Seins gestellt auf Kosten langfristigen Denkens. Eine „zittrige Seele“, wie wir sie heute so oft vorfinden, findet keine Ruhe in sich selber, findet auch das Du nicht mehr. Die Seelen, so sie nicht ohnehin verschüttet sind, werden durch Werbung, digitale Medien und das ständige Mehr immer neu „gereizt“. Dieser ständige Reiz von außen macht sie selber wieder zittrig. Und genau diese kollektive Nervosität erleben wir unter dem Anschein von „digitalen Freundschaften und Followern“. Bisher hat meine Offline-Zeit noch niemand in Frage gestellt, sondern auf verschiedenen Ebenen haben mir Menschen dazu gratuliert, sind neugierig geworden. Was gibt es Schöneres, als auf das Wesentliche reduziert Beziehungen, Familie und Freundschaften img_2479analog zu leben. Auch wenn sich der Mainstream beschleunigt, so werde ich langsamer leben. Meine Arbeitskollegin hat mir auf mein erstes Email zurückgeschrieben: „WELCOME BACK! (in reality – ehm – virtuality)“. Das ist der Punkt. Reality nicht mit Virtuality verwechseln. Smartphone weglegen und einfach offline gehen. Einmal am Tag ins digitale Gasthaus „Facebook“ schauen. Whatsapp ausschließlich für Familie verwenden. Sonntag ausschließlich haptisch gestalten und das Festnetz wieder mehr betätigen. Außerdem: Die Abende gehören dem Gespräch und der tatsächlichen Begegnung – ohne „Geräte“. Außerdem sind alle meine handschriftlichen Briefe bisher als „Sensation, Seltenes“ empfunden. Und diese Rückmeldungen kamen auch handschriftlich. Als Karte oder Brief. Die digitale Welt hat viele Menschen „übernommen“, dabei sind diese Erfindungen nur Hilfsmittel. Deshalb raus aus dem Mittelpunkt damit. Das heißt: Sich nicht dauernd stören lassen und die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen, hinausgehen aus der digitalen Küche und Mensch und Natur direkt begegnen.

 

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

1000_kirche_IMG_0904Wenn ein Mensch überraschend stirbt, folgen daraus immer besondere Momente. In jeder Hinsicht. In den letzten Tagen durfte ich etwas näher am Abschiednehmen von Susanne Schießer, die bei allen die „Susi“ war, teilhaben. Mit der Familie gestalteten wir das „Nachtwachen“ am Vortag des Begräbnisses am 13. August 2016 in Kirchschlag. Susi war in jeder Hinsicht eine beeindruckende, schillernde, empathische und immer ermutigende Frau, Mutter, Oma und vor allem Hebamme. Sie war begnadet darin, dem Leben ins Leben zu helfen. Deshalb waren beim Begräbnis auch so viele verschiedene Menschen. Es war Vielfalt, lebendiges Leben, Behutsamkeit und Tiefe. Neues und Gewohntes.

Loslasssen können

1000_freidhof_grIMG_0914Florian hat beim Nachtwachen die Gitarre gespielt. Wir haben gesungen. Trauer und Fröhlichkeit lagen ganz nebeneinander. Susi hatte immer Humor. Gleichzeitig hat sie ganz tief in die Seelen hinein gesehen, gespürt und dort Hoffnung geschürt, ungewohntes Denken eingepflanzt, schräge Perspektiven eröffnet, Gewohntes relativiert, Scheitern zugelassen, Neues immer freudig begrüßt. Das war auch der Grund, warum sie mit großer Freude die Vernetzung via Facebook genutzt hat. Sie war mir auch darin eine anregende Freundin. Bei ihr war das Oben auf einmal unten und die, die sich ganz unten fühlten, hat sie aufgehoben, mental und wirklich aufgerichtet. Sie war für mich eine begnadete Frau, die eine Meisterin des Loslassens war. Florian hat den Text gelesen, der mich selber in dieser Situation tief erfasst hat:

„Es geht darum, loslassen zu können.
Geburt ist loslassen können.
Wachsen ist loslassen können.
Altwerden ist loslassen können.
Sterben ist loslassen können.
Leben ist loslassen können.
Lieben heißt loslassen können.“

1000_fliessen_IMG_0903Susi war nicht perfekt. Das wollte sie auch nie. Wer in Zeiten des Festhaltens, der Berechnungen lebt, hat es nie leicht. Susi wurde von ihren Hebammenkolleginnen als Querdenkerin geschildert. Man sah in der vollen Kirche, dass hier alle äußerlich und innerlich nickten. Auch in ihrem Lebenslauf kam heraus, dass nicht alles gelang. Aber sie hat es versucht, mit Energie und ihrer ganzen Existenz. Sie hat selbst ihr Leben „losgelassen“, damit andere zum Leben kommen. Berechnungen und Kalkül waren ihr komplett fremd. Da ich selber auch überzeugt bin, dass wir in gewisser Weise gefangen sind in der „Excel-Zelle“, hat sie auch das gemieden. Loslassen kann nicht festhalten. Loslassen kann nicht berechnen. Loslassen lässt sein. Wir haben das Mantra „Fließen fließen“ gesungen, gesummt, gehört. Liebe geht hinein ins Mehr.

Seifenblasen statt Böller

1000_friedhof_IMG_0910Als wir am Waldfriedhof angekommen sind, begleitet von der „Schwere“ der bei einem Begräbnis üblichen Musik, kramten viele in ihren Taschen. Die Familie hat eingeladen, Seifenblasen mitzunehmen. Der ebenfalls streng gebetete und schwere Ritus am Grab hat den hinuntergelassen Sarg begleitet. Doch. Die Menschen haben in diesem Moment die Seifenblasen abgeschickt in Richtung Himmel. Am und über dem Friedhof lag in diesem Moment auf einmal eine „Leichtigkeit“, direkt Fröhlichkeit. Die Gesichter – auch die der Töchter – richteten sich zum Himmel. Auferstehung ist doch aufstehen, hinaufsteigen, hinübergleiten, ankommen im „Mehr“. Ich erinnere mich in diesem Moment an die Böllerschüsse als Kind. Damals war es Angst einflößend. Und wenn die Rede war vom „Nächsten, der aus unseren Reihen heimgerufen wird“, dann spürte ich Beklemmung und am Boden festgenagelte Trauer. Bei diesem Begräbnis war das anders. Ganz anders. Nicht theoretisch, sondern  ganz praktisch. In diesem Moment. Da war ein Lächeln in den Gesichtern, Freude, Hoffnung und ein Stück Zuversicht, dass mit der Geburt (sprich in diesem Fall Tod) nicht alles aus ist, sondern sich das Leben in ganz neue Dimensionen ergießt, erfüllt, vollendet, neu beginnt. Die Seifenblasen haben uns das „gezeigt“. Seifenblasen werden nicht bei jedem Verstorbenen passen, aber ich sehe darin den Anfang eines neuen Rituals, um die Auferstehung spürbar zu machen. Danke Susi. Und: Maria Himmelfahrt ist irgendwie auch so gemeint: ganz aufgenommen.

 

13566960_10205191490065667_1004887474450508558_nViel zu selten nehme ich mir Zeit, mit meinem befreundeten Asylwerber „Kami“ Zeit zu verbringen, hochdeutsch einander Geschichten zu erzählen, dort und da unter die Arme zu greifen, Mut zuzusprechen. Da soll einer – was ohnehin die meisten wissen aber nicht wahrhaben wollen – mit 165.- EUR auskommen. Da ist dann das Busticket mit 77.- EUR, dort der Kursbeitrag, da eine ärztliche Bestätigung, dort die Anerkennung des persischen Führerscheins inklusive der vorgeschriebenen Fahrschulstunden mit 520.- EUR. Diesen Betrag werde ich jetzt „zusammensuchen“. Ich frage mich da immer: Wäre Kami als Tourist gekommen und hätte ein Leihauto genommen, wäre doch sein persischer Führerschein akzeptiert worden, oder? Und bei all dem bleibt er im Grunde positiv gestimmt, obwohl er Vater, Mutter und Schwester in Teheran sehr vermisst. Wir verabschieden einander. In diesem Moment kommt sein Freund und Zimmerkollege dazu. Er steigt mit mir in den Bus ein. Wir fahren gemeinsame sieben Minuten „hinüber ins Bergdorf“ – er bis nach Linz. Auch er kommt aus Persien und sein Frau mit den beiden Kindern, zwei und sechs Jahre, sind noch dort. Er nimmt sein Smartphone heraus und zeigt mir die Kinder. Seine Hand geht zum Herz und klopft drauf. Er schaut sie fest an und irgendwie werden sein Augen nass. Der ausgebildete Tischler hat sie mehr als ein Jahr nicht mehr gespürt, umarmt, geherzt. Ich werde auch ganz still und es ist, wie wenn es mir das Herz zerreißt. Er erzählt in gutem Deutsch, das er innerhalb eines Jahres gelernt hat, von seiner Familie. Ich könnte laut schreien. Er hilft mir, indem er in seinen Fotos „weiterblättert“. Er zeigt mir seine Tischlerarbeiten, die er in Persien gemacht hat. Wunderschön. Ich muss aussteigen. Sieben Minuten vergehen schnell und ich spüre, dass sie mit dem Aussteigen nicht zu Ende sind.

_900_010Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, trifft viele hart. Auch mich. Aber: Die Entscheidung ist genauso hart, wie sich auch die EU hart der Lernfähigkeit verschließt. Es gibt neben der Trauer und Wut über den Austritt oder dem Gejohle der Rechten noch einen Weg in die Zukunft. Es wird ein neuer Aufbruch sein müssen. Der Austritt hat bedrohlichen Charakter. Diese Bedrohung sollten die Bürokraten aber nicht zur Selbstverteidigung ihrer Pfründe nutzen, sondern zum Aufbruch hinein in die Zukunft. Bei vielen Gesprächen ist die EU als Friedensprojekt grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Ich würde das aber heute so formulieren: „Nach der Brexit‬ Entscheidung der Briten heißt es, die ‪‎EU‬ neu denken und gestalten: Sozialer, respektvoller dem Kleinen gegenüber und lokaler in den Vollzügen. Weniger Standardisierungen und dafür die Vielfalt‬ neu auf Augenhöhe verknüpfen‬. Klar am Gemeinwohl und den Lebensräumen der Menschen orientiert und klar ökologisch‬ ausgerichtet.“ Persönlich überzeugt bin ich, dass das Studium und die Orientierung an der Enzyklika ‪#‎LaudatoSi‬ sehr viel helfen wird (können). PolitikerInnen aller Fraktionen mögen diese Signale zu einem Neuaufbruch hören: Nicht hinein in den Schrebergarten, sondern in eine neue EU der Vielfalt verknüpft auf Augenhöhe.

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