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Archiv für die Kategorie „Zukunft Upcoming“

Das Wetter ist heute wunderbar. Es regnet. Oft recht heftig. Was tut man da? Einen lang ins Auge gefassten Ausflug ins Green Belt Center nach Windhaag bei Freistadt machen und die Welt an einem Samstag einmal nicht von einem Berggipfel anschauen. Das grüne Band. 2012 war ich etwa 20 Tage lang zu Fuß unterwegs entlang dieses besonderen Naturbandes, dem ehemaligen eisernen Vorhanges. Der Mensch durfte Jahrzehnte dort nicht hin und deshalb hat die Natur sich dort „entfaltet“ in einer unglaublichen Vielfalt. Einzigartig und einfach beeindruckend.

Einen Hotspot  geschaffen

Die Windhaagerinnen und Windhaager bei Freistadt, bekannt für die Themenfelder Zukunft und Ökologie, gebündelt im Zukunftsforum Windhaag, haben diesem grünen Band ein eigenes Haus und damit verschiedene Zugänge geschaffen. Ganz oben auf der Aussichtsplattform bekomme ich einen Überblick über die Landschaft, den Ort und die Anmutung des Mühlviertels. Im zweiten Stock begegnet mir eine Geschichte, die mit 1945 zu tun hat. Grenze war Jahrzehnte eine bestimmende Erfahrung. Es wurde Rache geübt und an der Grenze haben sich grauenvolle Ereignisse abgespielt. Menschen wurden massakriert und ermordet. Ein Junge verliert so seine Eltern und seine Geschichte hängt an den Wänden. Auf derselben Ebene das „Werden des Mühlviertels“ ab dem Mittelalter. Die Stifte Schlägl, Wilhering, St. Florian, Baumgartenberg und Waldhausen spielen einen wesentliche Rolle bei der „Rodung und Besiedelung“. Orden waren zur damaligen Zeit so etwas wie Google und Apple heute. Die Zisterzienser haben 1.000 Klöster über Europa errichtet und so „Europa ganzheitlich neu formatiert“, einer neuen Nutzung zugeführt mit neuem Knowhow. So wie die Digitalisierung heute alles neu formatiert. Das ist den innovativen Kräften so inne. „Neu aufsetzen, neue Zusammenhänge schaffen und einen neuen Nutzen generieren“.  Einen Stock tiefer finden sich die Informationen zum mehr als 12.000 km langen „Grünen Band“. Beeindruckend auch hier. Und dieses Band geht durch Windhaag. Darunter im Erdgeschoss der „Zukunftsraum“. Klar ist: So wie wir heute Leben, geht sich das im Verbrauch nicht aus. Das wissen und daran arbeiten die Windhaager seit mehr als 20 Jahren. Es ist nur schade, dass dieses Zentrum keinen Besucheransturm erlebt. Wir fahren hinaus im Regen durch die Mühlviertler Landschaft und erleben: Weite und Vielfalt. Nahrung für die Seele.

Es war das besondere Abendessen an meinem Geburtstages. Ich habe durch Los Tisch 5 gezogen. Nichts ahnend gehe ich zusammen mit den etwa 70 anderen TeilnehmerInnen am Wirtschaftstag der Orden in den Speisesaal. Wir nehmen alle Platz. Erhöht sind Tisch 1 und die Tische 2. Von meinem Tisch aus gut zu sehen. Auf unserem Tisch liegen ein paar Schnitten Brot und stehen zwei Krüge Wasser. Wir schauen einander etwas verdutzt an. Es wurde uns angekündigt, dass wir heute ein besonderes Abendessen bekommen werden. Und: Wir sind eingeladen.

Die Ungerechtigkeit ist systemisch stark

Ich denke an mein Aschermittwoch-Frühstück im Petrinum als Erzieher, wo ich 80% der Semmel in den einen Speisesaal und 20% in den anderen. Die 15-Jährigen waren genau umgekehrt zugeteilt. Damals endete die „Übung“ in kriegsähnlichen Zuständen. Wie wird das heute? Der Film oben fasst das alles wunderbar zusammen. Es blieb ruhig. Fast alle Versuche zu teilen, wurden von der Spielleitung unterbunden. Wie in dieser Wirtschaftswelt. Der Zugang zur genau instruierten Küche wurde uns „Armen“ rigoros verwehrt. Wie in dieser Welt. Und ein paar Almosen (Reis) haben sich zu uns durchgeschlagen. Wie auf der Weltkugel. Ungerechtigkeit liegt im System und das System hat keine Lust, sich zu verändern. Nein, es zementiert sich mit jeder Stunde.

Das Brot allein schmeckt wunderbar

Während über dem Speisesaal die „systemische Ungerechtigkeit“ schwebt, beginnen wir in Stille, im Schweigen das Brot zu essen. Langsam. Der wunderbare Geschmack breitet sich im Mund aus. „Es schmeckt gut“, wurde doch in die Stille hineingesagt. Und das Wasser dazu. Es war halt wenig, aber gut. Nur der Blick auf Tisch 1 hat uns unruhig gemacht. Ich stellte mir vor: Mit den TV-Geräten werden den Tischen 5 dieser Welt dauernd die „Tische 1 Geschichten“ erzählt und vor die Nase gehalten. Reich, schön, viel, Karriere, Geld,…. Das gibt dem Wenigen den unersättlichen „Zu wenig Geschmack“. Und Tisch 1 und Tisch 2 kämpfen. In jeder Hinsicht. Das aber jetzt nicht falsch verstehen: Es ist ein himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie auf der Welt die Güter verteilt sind. Und der Hunger tut weh. Aber ich schmecke heute im „Weniger“ mehr vom Brot. Jetzt. An meinem Geburtstag. Und manche werden jetzt denken, dass nachher das Buffet gewartet hat. Nein, das war das (ungerechte) Abendessen. Es wird mir immer in Erinnerung, eine Mahnung und Ermutigung bleiben.

Mehr als eine Milliarde Menschen ist in Indien bereits digital erfasst und eingescannt. Jedem Individuum wurde ein 12-stelliger Nummerncode zugewiesen und datenmäßig mit dem Iris-Scan der Augen und den Abdrücken der zehn Finger verknüpft. Diese biometrische Erfassung der Menschen hin auf die „totale Digitalisierung“ schreitet mit enormer Geschwindigkeit und beängstigender Selbstverständlichkeit voran.

Szenenwechsel. Wie überall im Netz hinterlassen wir auch bei Banküberweisungen charakteristische Spuren. Weil unsere digitalen Systeme immer öfter durch Hacker, Schwindler und Kriminelle ausgehebelt werden, beginnen Firmen uns zu „schützen“, ohne dass wir es wissen und überhaupt wahrnehmen. Die israelische Firma BioCatch kann aufgrund der Mausbewegung erkennen, ob es der Besitzer oder die Besitzerin des Bankkontos ist oder ein „digitaler Bankräuber oder Betrüger“. Diese Firma „weiß“ durch digitale Analyse, wie lange der Unterarm, wie beweglich die Hand, wie dick der Daumen, wie groß das Smartphone ist, ob ein Linkshänder mit starken Muskeln des Unterarmes die Maus bedient und wie geschickt und schnell auf Herausforderungen reagiert wird. 600 Faktoren hat diese Firma bei der Überwachung „berücksichtigt“. Das digitale Netz weiß mehr über uns als wir selber.

Daher: Ich verwende StartPage (www.startpage.com), um im Internet bei Suchanfragen keine Spuren zu hinterlassen. Außerdem bezahle ich wieder konsequenter mit Bargeld.

Das Wetter meint es gut. Die Sonne hat schon um 10 Uhr vormittags die volle Kraft entfaltet. Es ist Dreifaltigkeitssonntag und ich bin in Linz-Urfahr „im Heiligen Geist“.  So sagen die Leute, wenn sie in die Pfarre Heiliger Geist gehen. Etwa 700 Frauen, Männer, Familien und Kinder finden sich zum Dekanatsfest am Platz zwischen Kirche und Glockenturm ein. Einmal im Jahr. Das Bild ist bunt. Es werden „flotte“ Lieder gesungen. Die Jugendkirche bringt mit ihrer Musik zum Mitsingen Schwung und es wird getanzt. Am Beginn und zum Dank. Die Predigt wird vom Pfarrassistenten und der Dekanatsjugendleiterin im Duo gestaltet. Ansprechende Bilder für „Dreifaltigkeit“. Dreifaltig ist Verbundenheit, stark und tragend. Ganz praktisch, auch wenn sich große Theologen darüber den Kopf  fast „zerbrochen“ haben. Mir kommt das Bild in den Sinn, das schon Sonntag früh auf Facebook gekreist ist. Eine Künstlerin hat diese tiefe und wesentliche Betrachtung gestaltet (siehe Bild). Der oder die Arme ist dreifach gehalten. Wir sind am Boden der Realität. Gott ist hier, da, unter uns, damit wir einander „tragen, aufrichten, helfen, ermutigen“. Das ist der Spirit unseres „Gottesdienstes“.

Die Taufe als Basis

Und keine Wolke verstellt die Sonne. Das Presbyterium – ich meine die Personen – vor dem Glockenturm ist voll beleuchtet, während ich mich in den nahen Baumschatten flüchte. Mein Blick geht immer wieder nach vorne zu den Frauen und Männern in weißen liturgischen Kleidern. Geschmückt sind sie mit Stolen und Tüchern. Priester, Diakone  und Pastoralassistentinnen und –assistenten füllen das „Freiluft-Presbyterium“ (siehe Bild). Diese Vielfalt, diese Buntheit an Gesichtern, an Stimmen und Bewegungen tun mir gut. Hier ist es selbstverständlich. Das Dekanat hat darin schon jahrelange Erfahrung in diesem neuen Miteinander. Nichts ist zu spüren von einer klerikalen Männerkirche, sondern der bunte Hauch der vielen Begabungen, Aufgaben und Zuständigkeiten schwebt über  uns allen.

Buntheit als Schlüssel für die Zukunft

18 Priesterweihen werden heuer in ganz Österreich gefeiert. Es gibt über 3.500 Pfarren. Nehmen wir 20 Jahre lang diese Zahl, dann sind es 360 Priester für ganz Österreich. Das wird sich alles nicht ausgehen. Heute treten die Bischöfe in Mariazell zusammen. Ich lege den Bischöfen diese konkreten Bilder des Dekanatsfestes sehr ans Herz, damit in ihnen der Mut wachsen kann, dass genau diese „gemeinsame Buntheit in den Ämtern und Diensten auf Augenhöhe“ in den Berufungen nicht die Ausnahme ist, sondern überall zur Verlebendigung der Pfarrgemeinschaften beiträgt. Ich halte aber klar fest: Das Reden hilft weniger als das ganz konkrete Tun und Ermöglichen. Und: Geduld hilft dem Niedergang und Relevanzverlust. Die Stimmung beim Fest war anhaltend, nachhaltig, fröhlich und zuversichtlich. Eben gemeinsam bunt. Und während des Gottesdienstes haben wir alle im Rahmen der Predigt dreistimmig gesungen: „Gott ist bunt“. Und das hat gut geklungen.

Vor ein paar Tagen hat mich der Film „Free Lunch Society“ mit dem Themenfeld Grundeinkommen ins Kino gezogen. „Arbeit ist unbezahlbar“ ist eine der wesentlichen Aussagen. Dass die USA vor Ronald Reagan kurz vor der Einführung des Grundeinkommens stand, war mir so nicht bewusst, obwohl mit das Thema seit 1978 immer wieder beschäftigt. Die soziale Lage in den USA war so dramatisch, dass dies der einzige Ausweg schien. Aber dann schlug der Neoliberalismus zu mit seinen „privatisierten sozialen Programmen, die für wenige ein wunderbares Geschäft wurden“. Wir kennen die weltweite Entwicklung seither. Der Staat wurde zum Konzern umgemodelt, der Sozialstaat als Last dargestellt. Tragende soziale Netze werden seit dem desavouiert. Sozialschmarotzer wurden erfunden. Der Zusammenhalt bestand in der Ausgrenzung der Armen, der Marginalisierten, der Prekären. Nur das, was selbst im „Sozialen“ Profit abwirft, wird weiterentwickelt. Selbst Sozialeinrichtungen sind als Firmen an der Börse zu finden. Am Markt. Der Staat wurde zum Wedel der Großkonzerne entwickelt, Lobbying und Think Tanks steuern die Politik. In Österreich wird die Mindestsicherung gekürzt und die reichen Eliten werden still und heimlich um ein vielfaches reicher. Täglich. Stündlich.

Christlich geht anders

Selbst christlich-soziale sowie sozial-demokratische Parteien schütteln ohne mit der Wimper zu zucken ihre so entscheidenden Adjektive ab: sozial – christlich – demokratisch. Erfolgreiche Siegerstraßen sind die einzigen Fortbewegungsflächen geworden. Leid, Not oder Fragmentarisches riecht nicht gut. Kommt daher nicht mehr vor. Da heißt es dagegen halten. Der Sozialstaat ist die Basis für die Zukunft. Erfolge und Leid dürfen nicht getrennt werden. Weder individuell und schon gar nicht als Gemeinwesen. Daher gibt es die Initiative „christlich geht anders„. Es sind diese Ansagen, die heute Kraft für Morgen bekommen sollen, ja müssen:

  • Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe steht im Zentrum des christlichen Glaubens. Sie wird gelebt durch den Einsatz für Mitmenschen und für Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Wer sich auf den christlichen Gott beruft und dabei auf den Nächsten vergisst, verkehrt die christliche Botschaft in ihr Gegenteil.
  • Christlicher Glaube macht Mut und Hoffnung. Wer Ängste schürt und Menschen gegeneinander ausspielt, zerstört den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
  • ChristInnen sind solidarisch mit den Schwachen. Die Liebe zu Gott ist untrennbar mit der Sorge um die Armen verbunden. Wie wir den Geringsten einer Gesellschaft begegnen, so begegnen wir Gott selbst (Mt. 25,40). Wer Arme bekämpft, bekämpft das Christentum.
  • Kirchen fordern einen aktiven Sozialstaat. Ein Sozialstaat ist organisierte Solidarität. Gegenseitig schützen wir uns so vor den Grundrisiken des Lebens: Erwerbslosigkeit, Prekarisierung, Armut und Not. Angriffe auf den Sozialstaat sind immer auch Angriffe auf uns alle, verstärkt aber auf jene, die einen starken Sozialstaat besonders brauchen.
  • Ein gerechtes und soziales Steuersystem ist im Sinne der Kirchen. Wir lehnen daher eine Steuerpolitik ab, die viele übermäßig belastet, Vermögen und hohe Einkommen aber schont.
  • Als ChristInnen fordern wir angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen ein Gutes Leben für alle in Frieden und sozialer Gerechtigkeit.
    Dafür bilden wir ein wachsendes Bündnis von engagierten ChristInnen gemeinsam mit anderen, gerade auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Deshalb meine heutige Bitte: Bitte hier unterschreiben! Danke.
http://www.christlichgehtanders.at/unterschreiben/ 

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Das sagte Roger Willemsen bevor er 2016 starb. Er wollte ein Buch schreiben mit dem Titel „Wer wir waren“. Es wäre ein Plädoyer für die Abspaltung, ein Herausnehmen aus der Rasanz der Zeit geworden. Es ist unbestritten, dass die Zeitwahrnehmung eine Beschleunigung erfahren hat. „Haltet die Zeit auf“, rufen manche. Dabei müsste diese Botschaft an uns selbst gerichtet werden: „Steigt aus dieser Zeitmaschine aus.“

Aussteigen ist ein Einsteigen

Ordensleute und darüber hinaus viele Christinnen und Christen tun das immer wieder, wenn sie beten, innehalten, meditieren. Heraussteigen und einsteigen in das „Stundengebet“. Dieses Innehalten ist aber kein „Zeit aufhalten“, sondern ein sich bewusst in das Hier, das Jetzt und dieses Heute stellen. Es ist eine andere Wahrnehmung: bereit werden für das Engegenkommende, von Gott, von Menschen. Es ist ein Dank an Gott, der Leben fließen lässt. Nicht langsam oder schnell, sondern aus der Quelle der Liebe, die Jesus in besonderer Weise freigelegt hat. Erst diese Tiefe, diese Hinwendung und Offenheit dieser Quelle der Liebe gegenüber lässt Verstehen, Erkennen, Wissen und Erfahrung wachsen. „Zeit“ ist ein Totschlagargument geworden. Sich selbst und vor allem auch den Mitmenschen gegenüber. „Ich habe keine Zeit“ schlägt alles. Vor allem das Hier und Jetzt.  Darum: Halten wir uns auf.

Diese Woche durfte ich an der mehrtägigen Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck teilnehmen. Im Studienteil ging es um „Krise“ und was diese Krise noch verschärft: Die Verweigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher meine immerwährende Empfehlung: Ungeschminkt hinschauen. Wir wissen die Schlagworte: Überalterung, Nachwuchsmangel, Relevanzverlust und schwindende Vitalität. Papst Franziskus spricht die Situation immer wieder direkt an. Wir haben es bei den meisten Ordensgemeinschaften nicht mit Start-Ups zu tun, sondern mit verantwortungsvollen Trägerinnen und Träger großer sozialer und spiritueller Ideen aus der Vergangenheit, die sich ins Jetzt, Heute und Morgen transformieren und bewähren müssen. Da sind Werke wie Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen, Kultur- und Wirtschaftsbetriebe herausgewachsen, die tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung, sinnvolle Beschäftigung und eine Zugehörigkeit geben. Arbeit mit Lebenssinn. Gelingt das nicht, stirbt viel. Wer die Geschichte des Mönchtums und der Orden etwas nachschauen will, dem empfehle ich dieses „leichte und kurze Video“.

Die Welt offen halten für die Ohnmacht

Heute lese ich auf FB bei der VP OÖ aus Freude über die neuesten positiven Umfragen: „Gekommen um Vollgas zu geben …“ und „Es kann nur eine Nummer 1 geben“. Das sind Ansagen, die mögen ihre Wirkung im politischen Bereich entfalten. Diese „Sieger-Spreche“ ist motivierend, aber genauso entlarvend. Wer Vollgas fährt, kann keine Kurve mehr machen. Geschweige denn umdrehen, wenn es etwa in die falsche Richtung geht. Vollgas heißt, linear beschleunigen wollen. Und Geschwindigkeit nimmt das größte Stück Wirklichkeit aus dem „Rennen“. Jene Wirklichkeit, die kein Rennen, keine Meisterschaft, keine Sieger, kein Fortkommen kennt: die Ohnmacht. Die Wirklichkeit der Orden ist auch in gewisser Weise ein Stück Ohnmacht. Der Beitrag „Ohnmachtserfahrungen als provokante Antwort“ hat mir selbst in der Erstellung ein Stück „Ohnmachtserfahrung“ eingebracht. Wie diese tiefe Erfahrung von Ohnmacht zur Sprache bringen in einer Welt des dahinrasenden Stillstands?

Gott ist in der Ohnmacht

Ein Kranker, eine Arbeitslose oder ein Bettlägriger kann mit Vollgas tatsächlich wenig anfangen. Es ist das tiefe Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins oder der Nutzlosigkeit. Der einzige Wunsch, der solche Menschen begleitet: Macht die Welt ein Stück langsamer, aufmerksamer für die Wirklichkeit, dass dann und wann jemand mit mir ein Stück meines schweren Weges gehen kann, ohne dass er oder sie den Anschluss zu verlieren. Es hat mich wieder erinnert, dass der Dienst der (Ordens-)Christinnen und -christen nicht an den Siegerstraßen gefragt ist, sondern in den Ohnmachtsgegenden. Dort haben die Orden begonnen. Von dort weg ist natürlich die Stimme zu erheben gegen die strukturelle Sünde der Sieger. Im Gespräch miteinander wird man sich klarer, worauf es ankommt: Dieses Aushalten in der Liebe in den Ohnmachtssituationen mit den Menschen ist die Kreuzerfahrung. Das Kreuz, die Ohnmacht ist so unsere Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit braucht ihren Platz, ihre Wahrnehmung, den Respekt und jede „Aufrichtung“. Christsein heißt daher nicht, sich mit Gott einzurichten, sondern sich an Gott auszurichten. Und Gott selbst war in der Ohnmacht – am Kreuz. Die Fastenzeit kann uns das bewusster machen. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Liebe in diesen Gegenden. Den Verzicht ist keine Tugend an sich, sondern die Folge der Liebe.

Es war eine kurze Frage, die uns damals vor mehr als 15 Jahren in der „Bergdorf-Pfarre“ Kirchschlag nahe gegangen ist: „Wollen wir, dass in 50 Jahren der christliche Glaube das Leben hier im Bergdorf mitprägt?“. Wir hatten keinen Pfarrer am Ort. Wir wurden „mitbetreut“ und der kirchenrechtliche „Provisor“ hat Wohlwollen und Freiraum hereingebracht: „Tut.“ Ich durfte als PGR-Obmann und Theologe mitwirken. Bei der damaligen Pfarrgemeinderatsklausur fragten wir reihum und direkt von jeder und jedem ausgesprochen kamen 16 „Ja sicher“ und ein „Bin mir nicht sicher“. Das war der Samen für die Entwicklung, die die Pfarrgemeinschaft genommen hat. Sichtbarer Ausdruck ist ein neues Pfarrzentrum, das 2008 eröffnet und das heute von mehr als 100 Schlüssel „verwaltet“ wird. Nein, gestaltet und mitgetragen. Noch nie hat es „etwas gegeben“, wie so viele vermuten. Schlüssel ist Verantwortung. Seit ich in Wien bin, bin ich nicht mehr dabei. Die Grundüberzeugung war: Wenn Pfarre lebendig sein will, dann müssen wir Getauften in unserer Verantwortung aufstehen, gestalten, lebendig halten. Wir können nicht auf den Klerus warten, den uns niemand schicken kann. Und klar war: Es gab dafür breiteste Zustimmung. Aber 100 % waren es nicht.

Katastrophale Situation

Heute lese ich in der Kathpress vom Präsidenten der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg diese Aussagen. Ganz klar, deutlich, zukunftsweisend, ungeschminkt.“ Wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“ Es sei nötig, vom Versorgungsmodell wegzukommen. Es werde darauf ankommen, „dass Laien selbstbewusst und eigenständig ihre Dinge in die Hand nehmen“. Man solle sich hüten „davon auszugehen, dass die Kirche nur dann Kirche ist, wenn die Gemeinschaft auch voll und ganz in allen Positionen theologisch gebildet, liturgisch gebildet auf der Höchstform der Religiosität steht“.  Anlass von Sternbergs Äußerungen ist das in diesen Tagen erscheinende Buch „Aus, Amen, Ende?“ des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings, dessen Schritt ins Kloster für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er wollte sich eine Auszeit nehmen, nachdem er die Service-Erwartungen an seine Person als zu hoch und die Kontakte in der Großpfarre als zu unpersönlich empfunden hatte. Seit September 2016 lebt der 56-Jährige als sogenannter Postulant im Kloster. Frings: „Wir haben einen Nachwuchsmangel, der so eklatant geworden ist, dass selbst dieses ganze fusionierte Modell der Diözese so schon nicht mehr funktionieren wird.“ Er spricht vom Klerus und glaubt, dass es allein auf ihn ankomme. Aber: Es kommt auf die Getauften an, die einen ganz besonderen und lokal verorteten Magnetismus auslösen können. Wenn man ihnen so wie uns im Bergdorf auch die Ressourcen dafür „zurückgibt“. Der Kirchenbeitrag wurde gut angelegt. Zukunftsträchtig. Denn: „Die Kirche gehört den Getauften vor Ort.“

Trägerinnen und Träger einer „einfachen, gemeinschaftlichen und wachen Lebenshaltung“

Aber: Frings hat etwas erkannt, was viele ohnehin wissen. Das „versorgende Klerus-System“ ist alt, brüchig und deshalb oft weit weg von den Menschen. Der Personal-Strudelteig wird mittels „Diözesanprozessen“ noch gezogen. Löcher werden zugedeckt, weil Menschen Kirche mit diesem Klerus identifizieren. Schein vor Sein. Pfarre ist der Pfarrer. Für mich war und ist Pfarre immer die Pfarrgemeinschaft. Aus dieser Pfarrgemeinschaft lebend habe ich Menschen begleitet, Zusammenhalt gestiftet, den Rand als Ort Gottes zugänglich gehalten, das Gerücht von einem liebenden Gott immer wieder erzählt, angedeutet. Aus diesem Grunde habe ich Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Menschen auf den Friedhof geleitet oder Verliebte gesegnet in ihrer Hoffnung auf Treue hin. Immer habe ich andere Menschen ermutigt und gesagt, dass sie das auch genauso können, sollen. Ich habe auch immer gespürt, dass Jesus im Brot in unserer Mitte ist, uns begleitet, als Stärkung sich geben will. Auch in den Wortgottesdiensten mit Kommunionfeier. Das alles war auf Stärkung angelegt oder sollten „Quellen der Kraft“ sein. Bei den Orden haben wir Themenflächen als „Wahrnehmungsflächen“ ausgemacht. Die tragende Idee dazu ist das Modell Leben im Orden. Und das bedeutet: einfach. gemeinsam. wach. Das ist der „Input heute in diese Gesellschaft. Das einfache, gemeinsame und hellwache Leben. Das deckt sich aus meiner Sicht auf weiten Fläche mit der Bereitschaft zur PGR-Wahl: ICH BIN DA.FÜR. Dieser Partizipations- und Involvierungsvorgang der PGR-Wahl am 19. März ist doch nichts anderes als die Ermutigung: Ja, wir tun es. Beauftragt, „gewählt“ vom Volk Gottes. Und ich bin ganz fest überzeugt: Jesus hat eine Freude mit solchen Christinnen und Christen, die tun. Und so wird für die Menschen sichtbar, spürbar, erlebbar: Pfarre sind wir, bin ich. Ich sehe eine gute Zukunft darin, die einfach, gemeinsam und hellwach gestaltet wird. Im Sinne Jesu.

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