Kaineder News

Diese Beobachtung wird mir noch länger „in den Sinn kommen“. Ich war gestern mit der U6 unterwegs Richtung Kardinal König Haus. 25 Leitungsverantwortliche von Ordensgemeinschaften in Österreich, der Schweiz und Deutschland haben einen Tag „Medien-Workshop“ im Zuge ihres zweijährigen Leitungslehrganges. Ich durfte den Workshop gestalten. Da ging es nicht nur um das Was und Wie der Medien, sondern auch um das Why. Die Kernfrage der heutigen Zeit. Warum? Diesen Kern sollten aus meiner Sicht alle Bereiche der Gesellschaft viel stärker stellen: Why? Warum? Eben. In manchen Bereichen darf diese Frage gar nicht auf den Tisch kommen. Sie ist zu lästig, zu tief. Die U6 fährt in die Längenfeldgasse ein und ich steige dort in die U4 nach Hietzing um. Normalerweise ist das einfach ein Hinübergehen am Bahnsteig und die Fahrt geht weiter. U6 un U4 treffen dort punktgenau zusammen. Es fühlt sich dann an, als wäre man gar nicht umgestiegen. Heute ist das anders. Wir warten.

Warum zählt das Urbane so viel?

Warten ist immer eine gute Gelegenheit, die Augen aufzumachen. Nicht für das Smartphone, sondern für die Welt, das Rundherum. Gegenüber am Bahnsteig geht ein junger Vater mit seinem Kind. Es ist etwa so alt wie unser Enkerl, etwa 1 1/2 Jahre. Das Kind (ich weiß nicht, ob Mädchen oder Bub) hat bei seinem Vater viel Freiheit.  Es darf selber gehen. Es darf entdecken. Schauen. Angreifen. Es fährt mit der Hand der Eisenbank entlang. Die Säule wir angetastet. Beton. Der Vater hat Geduld. Schaut zu. Das tut dem Kind gut, selber die Welt zu entdecken. Das lerne ich ja auch von unserem Enkerl, wenn wir im Wald unterwegs sind. Das Schauen, Angreifen, Tasten, Probieren, Hinfallen, selber Aufstehen, Langsamkeit, still stehen. Die U4 lässt auf sich warten. Aber es gibt ja was zu sehen, zu schauen, für mich, für einen Opa. Das Kind dreht wieder um, sucht den Kontakt zum Vater. Er ist da. Die Entdeckungsreise geht weiter. Jetzt ist der Mistkübel dran. Die Hand fährt hinein. Noch zu wenig drinnen. Da, am Boden. Papier. Dieses bedruckte Papier (landläufig Gratiszeitung genannt) liegt oft massenweise herum. Das Kind bückt sich, nimmt es in die Hand, fährt zum Mund. Die U4 fährt ein und verstellt mir den Blick. Urbaner Schmutz vom Asphalt aufgehoben. Wie wird er dem Kind „schmecken“? Die U6 auf der anderen Seite fährt auch ein und ich kann nicht einmal den Vater beobachten, was er macht. Geduld? Doch „schmutzig“ sagen? Mit der Hand in die Hand greifen? Wir fahren ab. Richtung Leitungslehrgang. Warum – why – wollen alle Menschen in die Stadt? Weltweit. Im Dahinfahren kommen mir die Bilder, wie ich nach Assisi durch Städte gegangen bin und erlebt habe: Die Stadt raubt die meisten Kräfte, der Asphalt. Die 97-jährige Frau Molterer fällt mir ein, die zu den Firmlingen gemeint hat. „Ihr Stadtkinder habt es viel schwerer, weil ich nur Asphalt unter den Füssen habt.“ Das Kind geht mir nicht aus dem Sinn. Fast möchte ich hinüberrufen: Geh nicht in die Stadt.
(Es gibt dazu kein Bild, weil ich nur geschaut habe.)

1 Kommentar zu „Geh nicht in die Stadt“

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