Auf der Einladung steht: Aufbrechen – wohin? mit wem?. Der Zug hat mich hierher gebracht, nach Weiz. Die Kunsthalle ist die Location.  Wir sitzen im Halbkreis im Saal des modernen und neuen Gebäudes. Way of Hope hat eingeladen zum „Wisdom Council“. Schon das Eröffnungslied bringt und in Schwingung. Klang hat viel mit dem Thema zu tun. Das Einschwingen in einen gemeinsamen Klangkörper. Ich gerate in die erste Reihe, weil es wie in der Kirche ist: sie ist frei. Neben mir sitzt mein Facebook-Freund Tarafa Baghajati. Er ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. Wir stellen fest: es ist schön, sich analog zu sehen. Daneben der Dozent für Psychologie in Jerusalem und Lehrer jüdischer Mystik Gabriel Strenger. Er wird als erster das Wort ergreifen. Mit großem Brustkreuz daneben der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdcic aus Belgrad. Seine Mutter aus Deutschland gebürtig sitzt neben ihm und deshalb spricht er ausgezeichnet deutsch.

Aufbruch aus der Sicht eines Juden

„Der Mensch hat immer Angst vor der Unsicherheit“, stellt Gabriel Strenger fest: „Wer die Angst aushält, kann den ersten Schritt zum Aufbruch wagen.“ Er fragt, was Glaube eigentlich bedeutet: „Für einen Juden bedeutet der Glaube an die Schöpfung Gottes glauben und dass sie gut ist. Der Drang zum Sein wir das Haben besiegen  und der Mut die Angst. Wir glauben an die innere Kraft der Seele.“ Wie erkenne ich die Stimme Gottes? „Der Teufel macht Angst und Gott macht Mut. Wenn mich Mut erfasst, spricht Gott zu mir.“ Strenger geht einzelnen Wortbedeutungen nach. „Auf-Bruch“ hießt los und vorwärts und Bruch ist öffnen, das oft mit brechen verbunden ist. „Das Zerstören der Götzen ist immer Teil des Aufbruchs, weil Götzen versteinertes Lebens sind“, erläutert Strenger. Aus seiner Sicht bedeutet Krise, „dass das Alte gestorben ist und das Neue nicht geboren werden kann oder darf.“ Am Beispiel Abrahams erläutert Strenger, was es heißt, dem Ruf Gottes zu folgen und aufzubrechen: „Gehe weg von dir zu dir. Verlasse das Ego, damit du das Selbst finden kannst.“  Voraussetzung ist das Gehen: „Du bist das Gehen. Das ist die Dynamik des Lebens.“  Wer glaubt, er ist angekommen, hat schon verloren: „Der Gott von gestern wird sehr schnell zum Götzen von morgen.“ Strenger sieht im Hören Abrahams den tiefsten Grund für den Aufbruch: „Hören und gehen. Gott möge uns helfen, seine Stimme zu hören und gebe uns die Kraft immer neu aufzubrechen.“

Aufbrechen aus der Sicht des Muslim

„Mohamed hat in einer Zeit des Stammesdenkens und Rassismus einen Aufbruch gesetzt“, führt Tarafa Baghajati aus. Neben Sklaverei, Menschenbesitz und Götzendienst gab es zur Zeit Mohameds auch Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Mohamed will genau diese vorhandenen guten Tugenden stärken. Die Gleichwertigkeit der Menschen ist seine Botschaft. Alles sind Menschen und Kinder Gottes. „Oben steht. Ihr Menschen und nicht ihr Muslime“, führt Baghajati aus. Aufbruch, Auswanderung, Migration ist wegen der Erinnerung an die Gefährten Mohameds, die nach Äthiopien auszogen, nicht negativ, sondern positiv bewertet. Auch dass Mohamend in Medina aufgenommen wurde, zeigt bis heute noch tiefe Spuren. Die Hälfte des Besitzes ist für Migranten oder Asylsuchende. „Deshalb ist bis heute die Atmosphäre in Medina gelassen, locker und fröhlich“, weiß Baghajati. Mit Mohamed ist Aufbruchstimmung verbunden. Das Zinsverbot bringt verfahrene Ungerechtigkeiten in Bewegung. Wasser, Luft, Weide und Feuer (heute Energie) muss frei sein für alle. Ein Flucht aus der Verantwortung darf es nicht geben.

Aufbrechen aus der Sicht des Orthodoxen

„Die Einfachheit des Geistes ist die eigentliche spirituelle Kraft“, führt Bischof Andrej Cilerdcic aus Belgrad aus. Er erörtert vor allem die ökumenischen Bemühungen und Aktivitäten. Er sieht in der Anerkennung der Pluralität einen wichtigen Aufbruch zueinander: „Manche Kirchen tun sich schwer, die Inhalte und Ergebnisse von Dialogprozessen an und aufzunehmen.“ Als Folge sieht er Ratlosikeit. Dabei hat die ökumenische Bewegung unglaublich viel Know How in der Konfliktbewältigung angesammelt. Das verleitet ihn zur Forderung: „Das braucht mehr Wahrnehmung der ökumenischen Aufbrüche und Bemühungen.“

Der erste Abend wird mit vielen Gesprächen weitergeführt. Es fällt leicht, mit den anwesenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist ein gutes Zeichen. In jedem Fall steigt bei mir die „Spannung“, was die Methode des Wisdom Council betrifft. Spannender Beginn.

 

 

 

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