999IMG_6247Die Sonne scheint vom Himmel. Schnee überall. Der Unterricht im Bergdorf ist an diesem Freitag beendet. Nach dem genialen Wecker-Konzert gestern in Schrems ist Homeoffice angesagt. Die Sonne lockt mich vor die Haustür. Durchatmen. Die Bergluft genießen. Und eine unglaubliche Anzahl von Autos vor der Schule und dem Kindergarten beobachten. Einfach nur schauen.

Lasst die Kinder gehen

Eine Mutter trägt dem Kind die Schultasche zum Auto. Das Kind wirkt getrieben. Dort drüben sucht ein großer Audi einen Halteplatz. Alle Parkplätze sind ausgebucht. Fast mitten auf der Straße bleibt er stehen. Heute sind auch Väter zu sehen, die sich am Freitag die Arbeit einteilen (können). Autotür auf und rein mit den zwei Kindern. Dort vier Kinder, die mit dem Schnee spielen. Eine Mutter: „Komm, wir haben es eilig.“ Die Lautstärke war so, dass ich es bis zur Haustüre höre. Wehmütig lässt das Kind den Schneeball fallen. Ich hätte ihn aus meiner Sicht zumindest der Mutter zugeschossen, damit sie ihre Strenge verliert. Das Kind weiß aber, warum sie das nicht tut. Autotüren zu und ab. Arme Kinder. Sie müssen jetzt fahren. Wir mussten (heute sage ich durften) eine Stunde in die Schule gehen. Bei jedem Wetter. Manchmal hat uns das Wetter daheim gelassen. Vor allem im Winter.
Aber: Da kommen zwei Buben bei mir vorbei. „Grüß dich“, rufen sie mir zu. Ich mache ein Foto, weil ich das Handy gerade dabei habe. „Wie geht es euch?“, frage ich die mir nicht Unbekannten. „Gut“ und sie lächeln dabei. Das verstehe ich. In ihrer Siedlung gehen die Kinder. Sie haben jetzt 1 1/2 Kilometer Heimweg vor sich. Gut gekennzeichnet sind sie. Mit listigen Augen fragen sie: „Dürfen wir uns die Eiszapfen von deinem Dach herunterschießen?“ „Ich breche sie euch herunter, damit sie ganz und lang bleiben.“ Ich mache es und gebe ihnen zwei wirklich große Eiszapfen. „Danke, das finden wir sehr nett.“ Das ist O-Ton. Eigenohrig gehört. Genauso gesagt. Sie gehen damit weiter. Einer schießt schon damit wie mit einem Gewehr, der andere probiert einen Stock zum Gehen. Spielerisch tänzelnd gehen sie die Straße hinauf – immer wieder von Autos gestört.
Liebe Eltern, die ihr mit den Autos kommt, die Schultaschen tragt: Glaubt ihr nicht, dass ihr mit eurer Überfürsorge den Kindern viel Leben wegnehmt? Lasst die Kinder gehen!

 

 

1 Kommentar zu „Gehen dürfen oder fahren müssen“

  • Reinhold says:

    Großartig! Ich habe es oft bedauert, wenn Kinder den Spaß des Schulweges vorenthalten bekommen. Es mag im modernen Straßenverkehr manche Gefahren geben. Aber dem entgegen steht der Reichtum der „Schulweg-Erfahrungen“!

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