Kaineder News

Morgen geht es los. Nein: Wir gehen los. Nochmals nein: Zuerst fahren wir mit dem Zug nach Budapest, dann mit dem Nachtzug nach Rumänien. Wir bleiben gut ökologisch am Boden, nehmen uns die Zeit, die unserer Seele zusteht. Von Targu Mures brechen wir zu Fuß  am Marienweg Richtung Osten auf. Eine Reise bewegt schon vor dem Start. Jeder Aufbruch hat eine Bewegung in sich. Ich spüre keine Nervosität, sondern ein feines achtsames Aufgeregt-Sein. Wer sind die 25 Frauen und Männer, die mitgehen? Wie wird uns das Land, die Menschen begegnen? Es waren diese Wochen des Gehens und Pilgerns bisher für mich immer nährende Zeiten. Dieses Gehen ist immer geprägt von einem wertschätzenden Umgang, einem Hineinspüren ins tiefe Leben, Gespräche und Rituale aus dem Weg und Unterwegs-Sein heraus und eine fein wachsende Zusammengehörigkeit. Immer achte ich darauf, dass dieses Band der im Gehen wachsenden Energie nicht auseinander reißt. Ziehen und gezogen werden im Auf und Ab des Weges finden eine Balance, die es vielen, allen leichter macht, loszulassen. Das Ich geht langsam, behutsam in das Wir hinein und wird, ist „befreit“. „Du schaffst es“ wird ergänzt durch „Wir schaffen es“.

Herausgerissen

In diese Atmosphäre des Aufbruchs hat sich gestern ein ganz anderer „Aufbruch“ gemischt. Derzeit reißt das Innenministerium nach vielen Jahren des Hier-Seins Flüchtlingsfamilien heraus. In Walding wurde eine armenische Mutter mit zwei Kindern „abgeholt“, zum Aufbruch gezwungen, deren Mann und Vater hier begraben ist. Gott sei Dank ging diese „Geschichte“ durch alle Medien, eine Welle der Solidarität und des Protestes erfüllte das Land. Gestern abends sind sie wieder nach Walding zurückgekehrt. Immer mehr solche „Fälle“ (es sind doch Menschen) werden in diesen Tagen bekannt. Es ist so schändlich, wenn jemand in so einer Situation, wo sie sich „eingewurzelt“ haben, zum Loslassen gezwungen wird. Dass derzeit die VP mit christlichen Wurzeln dieses „Treiben“ von der FP übernommen hat, ist aus meiner Sicht einfach schändlich. Machtgewinn auf Spaltung und Ausgrenzung aufbauen, ist für einen gerechten und solidarischen Staat hochgradiges Gift. Das sollten alle Österreicherinnen und Österreicher bei ihrem Aufbruch in die Wahlzelle überlegen: Mauern oder Brücken. Bei der Pfarrkirche in Ottensheim habe ich dieser Tage diesen Stein (siehe Foto) entdeckt. Zwei Daseinsweisen sind hier dargestellt: Eine Kugel ist eingesperrt und die andere zum Fliegen bereit. Jeder Aufbruch bewegt und durch das Loslassen setzen wir zum Fliegen an, sind wir befreit. Gerade wenn wir diese geflüchteten und gut integrierten Menschen von ihrem „Kerker daheim“ befreien, ihnen hier bei uns weiterhin Sicherheit geben, können sie mit uns Flügel ansetzen.

Ganz wenig geht

Zurück zum Rucksack, zum Aufbruch morgen. Jeder Aufbruch ist auch eine Bewegung in Richtung Weniger. Wer schon einmal vor seinem Rucksack gestanden ist, versteht die Frage besser: Wie geht Reduktion? Jedes Zuviel ist Ballast. Auch diese Bewegung in Richtung Weniger ist der tiefe Prozess des Loslassens. Im Endeffekt geht es darum, Gewohnheiten zu hinterfragen auf „Bewegungstauglichkeit“. Gerne erinnere ich mich noch daran, dass ein Jugendlicher vor „Jahrzehnten“ beim Aufstieg auf den Lasörling am Lasörling-Höhenweg in Osttirol auf dem Schneefeld gestürzt ist. Nichts passiert. Aber: Nach dem Sturz hat es aus dem Rucksack getropft. Wir mussten nachschauen, was da drinnen kaputt gegangen ist. Dem 14-jährigen Jugendlichen war es peinlich. Wir öffnen: 10 Jogurellabecher drinnen und einer ist geplatzt. Weiters ein Fön, alle möglichen Tuben. „Ich habe mir das eh gedacht, das  ich das alles nicht brauche“, stöhnte der Jugendliche. Es war einfach zu viel. Auch heute nicht einfach, wenn die ganze Gesellschaft schreit: mehr, größer, neuer. Der Rucksack lehrt mich immer wieder, dass es auch mit ganz wenig geht. Ballast abwerfen, zu Fuß in Bewegung kommen und gemeinsam „aufdanken„. Das machen wir. Von hier bis Rumänien und wieder zurück.

Der Hauptbahnhof Wien ist in den letzten Jahren zu so etwas wie ein Brückenkopf meines vagabundierenden Lebens geworden. Ankommen, umsteigen. Hinaufgehen, wegfahren. Gestern habe ich den Bahnhof in einer neuen Facette erlebt. Er wurde für unsere 5vor12-Talks zum Paradigma. #FremdesBereichert haben wir am heißen und windigen Bahnsteig 8 besprochen. Da gibt es einen Kipp-Effekt. Fremdes löst Neugier aus, macht aufgeregt. Reisen ist der Luxus, sich von Fremden und vom Fremden „bereichern, inspirieren“ zu lassen. Jetzt ist diese Zeit. Wir kommen heim und können (hoffentlich) viel erzählen, weil wir fremde Menschen und fremdes Leben kennen lernen durften. Josef Buttinger meint: „Du musst rausgehen, damit du reingucken kannst. Du musst reingehen, damit du rausschauen kannst.“ Zu viele bleiben auch auf Reisen daheim, haben Hände und Koffer voll und sind damit behindert, Neues „aufzunehmen“. So haben wir das im Talk auch besprochen.

Der Schatz der persönlichen Begegnung

Da ist aber auch diese diffuse Angst vor dem Fremden, den Fremden. Manuela Ertl von Train of Hope hat das klar zum Ausdruck gebracht. Diese „Stimmung“ wird bewusst geschürt, Meinungsmacher transportieren diese Botschaft immer wieder,  obwohl die Fakten längst eine andere Sprache sprechen, und Medien fungieren als Verstärker. Die Angst ist zwar kein guter Ratgeber, aber bringt Leser, Stimmen, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar das Kanzleramt in jungen Jahren. Der wirkliche Schatz ist die persönliche Begegnung. Das war klar. Sr. Maria Irina Teiner setzt aber noch klar nach: Grenzen schließen bringt den Tod. Auch den eigenen.

Schaut doch mal rein in die Highlights. Diese Begegnungen machen mir Freude.

Um 8.15 Uhr kommt uns die Hüttenwirtin Silvia beim Aufstieg zum Großen Priel (2.515m) entgegen . Sie hat die Morgensonne schon am Gipfel genossen und geht wieder ans Werk. In der Welser-Hütte. Tags zuvor haben wir den Aufstieg vom Almtaler Haus (714m) in gut 3 Stunden geschafft. Dann die Hütte, die Einfachheit, das gute Essen, die wunderbare Aussicht und die Hüttenruhe genossen auf 1.740m Seehöhe. Der Traunstein „drüben“ ist heute niedriger. Die Kulisse des Großen Priel hinter uns mächtig. „Es ist ein wunderbares Platzerl“, meint die Wirtin im kurzen Gespräch. Und sie hat vollkommen recht. Nächsten Tag steigen wir zweieinhalb Stunden zum Gipfel auf und nach fünf Stunden sind wir wieder zurück auf der Hütte. Der Gipfel hat uns lange gehalten, weil es wunderbares, warmes Wetter gab und die Aussicht, der Blick uns gehalten haben. Wir genießen noch eine Stunde vor der Hütte und entdecken gegenüber einen „Kopf“. Nein, nicht die schlafende Griechin (Erla-Kogel).  Sie schläft weiter weg. Es ist ein Gesicht, das heute auf der Welt fast jede und jeder kennt.

Die Locke hat ihn verraten

Wir haben unseren Spaß bei dieser Beobachtung. Das menschliche Vorstellungsvermögen kann sich ja allerhand „zusammenknüpfen“. Und „Trump“ geistert fast täglich durch die Medien, oft kombiniert mit Schreckensmeldungen, hyperaktiv und unberechenbar. Hier liegt er. Er scheint zu schlafen, sich zu erholen im Toten Gebirge. Das verleitet fast zum Schmunzeln. Wir verraten anderen Gästen unseren „Blick“ und unsere Konnotation in unserer Beobachtung. Und sie geben uns recht. Ja, das könnte er sein, der Donald Trump. Die Hüttenwirtin bleibt ohnehin cool. Sie ist aufmerksam, hält nicht viel von denHotels in den Bergen. Sie setzt auf Einfachheit, Wertigkeit und Begegnung mit der Bergwelt. Die Rechnung ist handgeschrieben. Ich selber bin ebenfalls überzeugt, dass nicht der Berg in dieser Höhe von uns lernen muss, was eine Dusche ist. Wir lernen von der Bergwelt, wie wir gut leben können, wenn es ganz wenig Wasser wie im  Toten Gebirge gibt. Da ist eine „Luftdusche“ angesagt. Hinausstellen vor die Hütte und der Wind trägt alle vom Schweiß getriebenen Gerüche fort. Nach dem Abstieg ins Tal von insgesamt über 1.800 Höhenmeter sind wir uns trotz weicher Knie aber einig: Diese Welser-Hütte ist in jeder Hinsicht ein Geheimtipp. Und zeigt uns den angeblich mächtigsten Mann der Welt – beim Schlafen.

 

Das Pilgern hat es auch zum Tag geschafft. Der 25. Juli ist dem „Gehen im Angesichte Gottes“ zugewiesen. Wir denken heute an den älteren Jakobus und damit automatisch an den Jakobsweg. Wie oft wurde ich gefragt: „Du bist doch auch den Jakobsweg gegangen?“ Immer musste ich verneinen. Teils vehement. Nein, es war der Franziskusweg nach Assisi. „Ah, ist das nicht dasselbe?“, war sicher die Nachfrage. Für solche Leute habe ich es dabei belassen. Sie haben ohnehin eher das weite Gehen vor Augen gehabt, das mich persönlich bisher geprägt hat. 28 Tage von Bregenz nach Rust. Alleine. Weitgehen ist heilsam war die Erfahrung 2004. 54 Tage von der Haustür im Mühlviertel nach Assisi. Davon 40 Tage alleine. 14 Tage zusammen mit meiner Frau. „Ist pilgern alleine oder mit anderen zusammen besser?“, war bei meinen Vorträgen die meist gestellte Frage. „Besser, schlechter verlierst du beim Gehen. Es ist einfach anders“, war meine Antwort. Eine schwere seelische Kränkung habe ich 2009 „ausgegangen“. Dafür bin ich heute noch dankbar. Dann: 26 Tage von der Haustüre nach Thüringen ins Kloster Volkenroda. Alleine. Im März und April teilweise im Schnee. 2011 war ich beruflich falsch abgebogen. Am Weg 2012 wurde ich in meine heutige Aufgabe bei den Orden nach Wien gerufen. Wien war zwar nie mein Ziel, aber ich bin dort angekommen. Ich wollte auch beim Pilgern nach Wittenberg und angekommen bin ich in Volkenroda. Die Via Porta hat mich „verführt“. Das Gehen hat viel gelöst – bei mir. Und dass ich dann im November 2015 als Klimapilger 22 Tage von Wien bis Salzburg gegangen war, war sicher im „gemeinsamen Gehen, Pilgern mit einer starken Intention“ (Weltklimagipfel in Paris) verknüpft. Eine eigene Erfahrung, jeden Tag mit anderen Leuten unterwegs zu sein. Es hat mich fast überfordert.

Pilgerpfade

Unsere Pilgerungen „hinüber auf den Pöstlingberg“ seit unserer Kindheit kommen hoch. Einige Pilgereien nach Mariazell und die vielen Bergwochen haben mir erahnen lassen, wie es wäre, „wenn es einmal weit ginge“. Andere Pilgerziele wie Maria Taferl, der Benediktweg oder der Marienweg im Pinzgau fallen mir noch ein. Es waren spontane Erfahrungen. Dass ich bei einigen Pilgerpfaden mitwirken durfte, macht mich heute noch glücklich: Pilgerpfad entlang der Sakramente in Unterweißenbach, Johannesweg oder Barbaraweg in der Slowakei. Natürlich waren prägend auch die Begegnungen mit den Jerusalempilgern und anderen Menschen, „die die gehenden Seelenschwingungen mittragen“. Und wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder an Stefan Ernst, der gerade jetzt etwa 5 Monate von der Haustüre hier im Bergdorf 5.500 km zum Nordkap unterwegs ist. Im September ist er dort. Wenn ich seine Emails an Freunde (da darf ich auch dabei sein) lese, bricht meine Seele innerlich auf und sagt: „Es wird im Gehen gelöst“, „Das Leben kommt mir entgegen“ und „Im Gehen ist Jetzt“. Der Welt-Pilgertag möge viele Menschen daran erinnern, beitragen, dass Menschen sehen, erleben, spüren und sich darauf einlassen: Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele.

Das Wetter ist heute wunderbar. Es regnet. Oft recht heftig. Was tut man da? Einen lang ins Auge gefassten Ausflug ins Green Belt Center nach Windhaag bei Freistadt machen und die Welt an einem Samstag einmal nicht von einem Berggipfel anschauen. Das grüne Band. 2012 war ich etwa 20 Tage lang zu Fuß unterwegs entlang dieses besonderen Naturbandes, dem ehemaligen eisernen Vorhanges. Der Mensch durfte Jahrzehnte dort nicht hin und deshalb hat die Natur sich dort „entfaltet“ in einer unglaublichen Vielfalt. Einzigartig und einfach beeindruckend.

Einen Hotspot  geschaffen

Die Windhaagerinnen und Windhaager bei Freistadt, bekannt für die Themenfelder Zukunft und Ökologie, gebündelt im Zukunftsforum Windhaag, haben diesem grünen Band ein eigenes Haus und damit verschiedene Zugänge geschaffen. Ganz oben auf der Aussichtsplattform bekomme ich einen Überblick über die Landschaft, den Ort und die Anmutung des Mühlviertels. Im zweiten Stock begegnet mir eine Geschichte, die mit 1945 zu tun hat. Grenze war Jahrzehnte eine bestimmende Erfahrung. Es wurde Rache geübt und an der Grenze haben sich grauenvolle Ereignisse abgespielt. Menschen wurden massakriert und ermordet. Ein Junge verliert so seine Eltern und seine Geschichte hängt an den Wänden. Auf derselben Ebene das „Werden des Mühlviertels“ ab dem Mittelalter. Die Stifte Schlägl, Wilhering, St. Florian, Baumgartenberg und Waldhausen spielen einen wesentliche Rolle bei der „Rodung und Besiedelung“. Orden waren zur damaligen Zeit so etwas wie Google und Apple heute. Die Zisterzienser haben 1.000 Klöster über Europa errichtet und so „Europa ganzheitlich neu formatiert“, einer neuen Nutzung zugeführt mit neuem Knowhow. So wie die Digitalisierung heute alles neu formatiert. Das ist den innovativen Kräften so inne. „Neu aufsetzen, neue Zusammenhänge schaffen und einen neuen Nutzen generieren“.  Einen Stock tiefer finden sich die Informationen zum mehr als 12.000 km langen „Grünen Band“. Beeindruckend auch hier. Und dieses Band geht durch Windhaag. Darunter im Erdgeschoss der „Zukunftsraum“. Klar ist: So wie wir heute Leben, geht sich das im Verbrauch nicht aus. Das wissen und daran arbeiten die Windhaager seit mehr als 20 Jahren. Es ist nur schade, dass dieses Zentrum keinen Besucheransturm erlebt. Wir fahren hinaus im Regen durch die Mühlviertler Landschaft und erleben: Weite und Vielfalt. Nahrung für die Seele.

Es war das besondere Abendessen an meinem Geburtstages. Ich habe durch Los Tisch 5 gezogen. Nichts ahnend gehe ich zusammen mit den etwa 70 anderen TeilnehmerInnen am Wirtschaftstag der Orden in den Speisesaal. Wir nehmen alle Platz. Erhöht sind Tisch 1 und die Tische 2. Von meinem Tisch aus gut zu sehen. Auf unserem Tisch liegen ein paar Schnitten Brot und stehen zwei Krüge Wasser. Wir schauen einander etwas verdutzt an. Es wurde uns angekündigt, dass wir heute ein besonderes Abendessen bekommen werden. Und: Wir sind eingeladen.

Die Ungerechtigkeit ist systemisch stark

Ich denke an mein Aschermittwoch-Frühstück im Petrinum als Erzieher, wo ich 80% der Semmel in den einen Speisesaal und 20% in den anderen. Die 15-Jährigen waren genau umgekehrt zugeteilt. Damals endete die „Übung“ in kriegsähnlichen Zuständen. Wie wird das heute? Der Film oben fasst das alles wunderbar zusammen. Es blieb ruhig. Fast alle Versuche zu teilen, wurden von der Spielleitung unterbunden. Wie in dieser Wirtschaftswelt. Der Zugang zur genau instruierten Küche wurde uns „Armen“ rigoros verwehrt. Wie in dieser Welt. Und ein paar Almosen (Reis) haben sich zu uns durchgeschlagen. Wie auf der Weltkugel. Ungerechtigkeit liegt im System und das System hat keine Lust, sich zu verändern. Nein, es zementiert sich mit jeder Stunde.

Das Brot allein schmeckt wunderbar

Während über dem Speisesaal die „systemische Ungerechtigkeit“ schwebt, beginnen wir in Stille, im Schweigen das Brot zu essen. Langsam. Der wunderbare Geschmack breitet sich im Mund aus. „Es schmeckt gut“, wurde doch in die Stille hineingesagt. Und das Wasser dazu. Es war halt wenig, aber gut. Nur der Blick auf Tisch 1 hat uns unruhig gemacht. Ich stellte mir vor: Mit den TV-Geräten werden den Tischen 5 dieser Welt dauernd die „Tische 1 Geschichten“ erzählt und vor die Nase gehalten. Reich, schön, viel, Karriere, Geld,…. Das gibt dem Wenigen den unersättlichen „Zu wenig Geschmack“. Und Tisch 1 und Tisch 2 kämpfen. In jeder Hinsicht. Das aber jetzt nicht falsch verstehen: Es ist ein himmelschreiende Ungerechtigkeit, wie auf der Welt die Güter verteilt sind. Und der Hunger tut weh. Aber ich schmecke heute im „Weniger“ mehr vom Brot. Jetzt. An meinem Geburtstag. Und manche werden jetzt denken, dass nachher das Buffet gewartet hat. Nein, das war das (ungerechte) Abendessen. Es wird mir immer in Erinnerung, eine Mahnung und Ermutigung bleiben.

Stuhlfelden

„Mogst mitfoan?“ „Na, i geh eh gern.“ Gleich nach dem Start in Stuhlfelden bleibt beim langen stetigen Anstieg über etwa 1.000 Höhenmeter auf die Bürglhütte (1.700m) ein voller Jeep mit vielen Faire Milch Pickerl drauf stehen. Es ist eine Versuchung, weil die Nachmittagssonne „brennt“ und der Weg weit ist. Aber Pilgern heißt für mich gehen. Und außerdem bin ich ohnehin 4 1/2 Stunden im Zug vom Bergdorf und Linz her gesessen. Ich erlebe es immer als besondere Lebensqualität mit Chauffeur zu fahren. Da gehe ich dann wirklich gerne. Auch wenn es schon später ist. Mein Tagesziel ist Lengau im Hinterglemmtal. In 2 1/2  Stunden bin ich auf der Hütte im Tal „hinten“, wie mir ein Bauer den Standort charakterisierte. Ich bleibe eine halbe Stunde sitzen, trinke etwas und schaue dem Treiben der Kinder und Familien zu, die mit dem Auto hierher gekommen sind.

Bürglhütte

Und Wanderer kommen an, um hier zu übernachten. Ich breche wieder auf, um hinüber zu kommen. Es geht nochmals mehr als zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Murnauer-Scharte (1.959m). Dort zeigten zwar die Schilder in alle möglichen Richtungen, aber ich war mir sicher: Da unten liegt mein Tal, auch wenn mir das Schild etwas anderes sagen will. Der Abstieg ist zuerst etwas steil, aber nie gefährlich. Dann gehe ich hinaus durch den Vogelalmgraben. Zwei Ehepaare haben mich auf ihrer Hütte auf der Grundlalm noch auf ein Getränk eingeladen. Es war so eine Begegnung aus heiterem Himmel. Solche mag ich sehr gerne. Es ist bald 21.00 Uhr und ich finde im Jugendgästehaus Vorderlengau sofort Aufnahme. Unangemeldet. Sehr zuvorkommend. Kurz vor 22 Uhr beginnt es zu regnen. Gut angekommen. Etwa 1.300 Höhenmeter hinauf und 800 hinunter. Es war ein guter Tag.

Hinüber und wieder hinüber

Vorderlengau

Der Blick aus dem Fenster heißt heute nichts Erfreuliches. Pilgern ist das ganze Leben, auch das mit den Schattenseiten. Und so wird es heute. Der Regen – bislang in starker Form – begleiten mich zumindest hinaus durch Hinterglemm nach Saalbach. Die Gedanken sind mehr bei mir selber als in der Umgebung. Der Regen weicht auf, er macht liquid, er lässt fließen. Das spürst du dann an manchen Stellen bis tief hinein. Es begegnet dir das „angeregnete Leben“. Und der Regen gehört auf einmal zu dir. Das erleichtert das Gehen ungemein, wenn der Regen einfach dazugehören darf, heute. Um die Mittagszeit klart es etwas auf, aber richtig trocken wird es erst hinein nach Hochfilzen. „Musst halt schauen, dass du hinüber und drüben auch hinüber kommst“, meinte ein gut aufgelegter Passant, der in der Bushaltestelle wartet. Der Aufstieg zum

Magnesitbahn

Spielberghaus (1.319m) geht leicht und vor dort geht es hinunter Richtung Fieberbrunn vorbei am „Magnesitberg“, wo noch die Fördergondeln über einem schweben. Heute stehen sie still. In einem leichten Bogen geht es in der Talsohle (860m) hinüber nach Hochfilzen (972m), dem Biathlon-Hotspot in Österreich. Die Kirche hat eine besondere Weihnachtskrippe auf Lager. Die Erfahrung des „fairHotel“ habe ich mir nicht entgehen lassen. Es ist das erste „Passivhaushotel“ in Tirol, aus Holz gebaut. Heute  bin ich einmal herüben. In Tirol. Etwa sechs Gehstunden.

Das Ziel erst am Ziel vor Augen

Vorderkaserklamm

Das Frühstück war wie das Haus aus der Region. Wunderbar gestärkt geht es Richtung Römersattel (1.202m). Es ist und bleibt trocken. Über eine Stunde führt der Weg durch den Truppenübungsplatz, vorbei am Biathlon-Stadion. „Tragtiergehege“ stand auf einem Schild und ich hatte dazu noch kein Bild. Erst als ich eine ganze Menge Haflinger und dazu noch Esel vor die Augen bekomme, leuchtete es mir ein. Pferde und Esel im militärischen Einsatz. Morgen werden etwa 20 Haflinger genau den Weg nach Maria Kirchental zur Perdewallfahrt gehen, den ich heute gehe. Das erzählt mir der Standler am Ziel. Vorher geht es nach dem unspektakulären Aufstieg zum Römersattel allerdings 550 Höhenmeter die  Vorderkaserklamm hinunter zur Naturbadeanlage Vorderkaser. Ich habe aus Neugierde das rechte Ufer genommen und musste die Schuhe ausziehen,

Überquerung

Maria Kirchental

um durch das erfrischende Wasser wieder auf die „richtige“ Seite zu kommen. Es tut einfach gut, einmal vom Weg abzukommen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen. Auf dem Radweg geht es etwa eine Stunde hinunter nach St. Martin und von dort hinauf nach Maria Kirchental, mein Ziel. Ich war schon mehrmals da, auch zu Fuß von der anderen Seite, dem Wechsel. Du siehst die Kirche und das Ensemble erst im allerletzten Moment. Aber dann bin ich wieder einmal überwältigt. Die Bergkulisse und mitten drinnen dieses Juwel der Kirche und des Hauses der Besinnung. In der Kirche spielt eine Harfe. Danke. Angekommen nach drei Tagen. Heute etwa sechs Stunden gehen. „Eine Schale möchte ich sein“ war diese drei Tage am Pinzgauer Marienweg mein innerer Gedanke. Dankbar für das, was bisher war und dankbar offen für das, was in meinem Leben kommen wird. Und heute ist nach dem Abstieg zum Bus und Zug noch etwas ganz Besonderes gekommen.

Extra umgedreht

St. Martin bei Lofer

Die Heimfahrt mit Bus und Zug war im ÖBB-Scotty so ausgewiesen: 17.48 St. Martin bei Lofer, 19.15 Zell am See, 21.08 Salzburg und Ankunft im Bergdorf mit dem Bus um 23.25 Uhr. Ich warte bei der Haltestelle,  aber der Bus um 17.48 in St. Martin ist nicht gekommen. Was tun? Der Daumen für das Autostoppen funktioniert noch. Nur: Dort fahren die Autos schnell vorbei. Nach zehn Minuten wendet allerdings von der Gegenfahrbahn ein Auto auf meine Seite und lässt mich einsteigen. „Ich konnte nicht so schnell bremsen und habe deshalb umgekehrt.“ Rucksack rein und ab geht es Richtung Saalfelden, weil Paul Lang unterwegs ist nach Leogang mit seinem Mountainbike im Auto. Wir plaudern über unser Leben, unsere Aktivitäten und Hobbys und unsere Berufe. Er hat einen Meisterbetrieb für Radsport in Ebersberg in Bayern und fährt ins Mekka der Mountainbiker nach Leogang-Saalbach. Ich bestätige ihm, dass ich viele Radfahrer und auch Radfahrerinnen gesehen habe. Wieder eine Bremsung. Am Autorand steht ein Wanderer. Junger Mann, der etwa fünf Kilometer zurück zu seinem Auto muss. Paul nimmt auch ihn mit. Ich schaue am Scotty, ob mein Zug in Saalfelden ist. Ja. Paul bringt mich zum Bahnhof, wünscht mir eine gute Heimreise und ich ihm einen wunderbaren Sporttag mit seinen Freunden, die schon in Leogang sind. Wir tauschen noch schnell unsere Visitenkarten aus (deshalb die Links). Solche unkomplizierte und mitnehmende Menschen kann ich einfach nicht vergessen. War es vor drei Tagen noch anders, so war ich um die Frage heute froh: „Mogst mitfoan?“ „Ja bitte.“ #Danke.

Mehr als eine Milliarde Menschen ist in Indien bereits digital erfasst und eingescannt. Jedem Individuum wurde ein 12-stelliger Nummerncode zugewiesen und datenmäßig mit dem Iris-Scan der Augen und den Abdrücken der zehn Finger verknüpft. Diese biometrische Erfassung der Menschen hin auf die „totale Digitalisierung“ schreitet mit enormer Geschwindigkeit und beängstigender Selbstverständlichkeit voran.

Szenenwechsel. Wie überall im Netz hinterlassen wir auch bei Banküberweisungen charakteristische Spuren. Weil unsere digitalen Systeme immer öfter durch Hacker, Schwindler und Kriminelle ausgehebelt werden, beginnen Firmen uns zu „schützen“, ohne dass wir es wissen und überhaupt wahrnehmen. Die israelische Firma BioCatch kann aufgrund der Mausbewegung erkennen, ob es der Besitzer oder die Besitzerin des Bankkontos ist oder ein „digitaler Bankräuber oder Betrüger“. Diese Firma „weiß“ durch digitale Analyse, wie lange der Unterarm, wie beweglich die Hand, wie dick der Daumen, wie groß das Smartphone ist, ob ein Linkshänder mit starken Muskeln des Unterarmes die Maus bedient und wie geschickt und schnell auf Herausforderungen reagiert wird. 600 Faktoren hat diese Firma bei der Überwachung „berücksichtigt“. Das digitale Netz weiß mehr über uns als wir selber.

Daher: Ich verwende StartPage (www.startpage.com), um im Internet bei Suchanfragen keine Spuren zu hinterlassen. Außerdem bezahle ich wieder konsequenter mit Bargeld.

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