Andreas Geiger vom kbw der Diözese St. Pölten hat mir für das Magazin „Antenne“ einige Fragen zum Weitgehen, Pilgern und die Hoffnung für die Menschen in Europa gestellt. Er hat mir sehr gut zugehört. Deshalb möchte ich das Gespräch hier zugänglich machen.

 

Andreas Geiger: In unserer Diözese werden die Angebote fürs Pilgern immer mehr und sie werden auch sehr gut angenommen, die Teilnehmerzahlen steigen – man hat den Eindruck: „Pilgern boomt“. Woran liegt das?

Kaineder Ferdinand: Pilgern trifft auf eine Ursehnsucht des Menschen. Aus meiner Erfahrung macht „weit gehen“ etwas mit dem Menschen und zwar auf drei Ebenen: Erstens körperlich – der Körper darf das tun, wozu er gemacht ist – er darf sich bewegen. Das zweite ist eine mentale Ebene – die Menschen spüren, dass wir einerseits sehr stabil leben, fast wie in einem Gefängnis gleichzeitig fast uferlos in den digitalen Räumen. Beim Gehen kommen einem dagegen richtig nährende Bilder entgegen, die einen herausholen aus dem, was sich verfestigt hat. Wir Menschen leben eher elliptisch – kreisen immer irgendwie um zwei Brennpunkte. In diesem Fall das Feste, fast Kristalline und auf der anderen Seite das Fluide. Auf ein Ziel hingehen bewirkt mentale Zufriedenheit und Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele. Das alles bewirkt mentales Wohlbefinden. Die dritte Ebene, die eine Rolle spielt, ist die spirituelle Ebene. Das Pilgern, das Gehen öffnet den Menschen. Man steigt aus der Haltung des produktiven Tun und Machens aus und nimmt eine Haltung der Dankbarkeit für alles, das einem entgegenkommt, ein. Das ist ein zutiefst spiritueller Akt!

 

A: Bleiben wir gleich beim Spirituellen. Ist Pilgern eine Antwort auf das Bedürfnis nach Spiritualität, das durch traditionelle kirchliche Angebote oft nicht erfüllt werden kann?

K: Viele Menschen verbinden mit Kirche oft sehr negative Erfahrungen und Bilder. Sie verstehen sich oft auch als nicht religiöse Menschen. Hingegen klingt der Begriff „spirituell“ sehr viel mehr nach Freiheit und Offenheit. Hier liegt die Chance übers Pilgern mehr den Atem der Freiheit zu ermöglichen. Das gelingt nur, wenn sehr wenig „Programm“ gemacht wird, und dafür viel Raum zum „leer werden“ geboten wird.

 

A: Wodurch unterscheidet sich  Pilgern von Weitwandern, wo in erster Linie das Outdoorerlebnis ohne spirituellen Anspruch im Mittelpunkt steht?

K: Hier kommt es darauf an, wie man Spiritualität versteht. Das Anliegen des Papstes in „Laudato si“ ist kurz zusammen gefasst, dass wir von einem technokratischen zu einem sozial, ökologisch, spirituellen Menschenbild kommen. Das heißt, dass wir von einer viel größeren Dimension umgeben sind. Ich kenne „Hardcore-Wissenschafter“, die nach mehrwöchigem unterwegs sein, gesagt haben: Dieses technokratische Weltbild hat es mir am meisten zerbröselt. Und das ist die Voraussetzung, dass einem Gott wirklich begegnen kann. Das Fremde, das einem begegnet, ist der Nährboden für eine Gottesbeziehung.

 

A: Und da kommt es nur auf die Haltung an oder sollte ich da auch was dazu tun?

K: Das einfachste ist „nur gehen“ – ohne messen und ohne allzu viel planen. Ich verzichte nach Möglichkeit auf alle elektronischen Unterstützungshilfen. Das ist vor allem beim Alleine-Gehen möglich. Vieles kommt einem entgegen, wenn man geöffnet ist und wenn man sich bewegt – das gilt auch für Organisationen, die oft auf der Stelle treten.

 

A: Wo liegen die Unterschiede: Alleine oder mit anderen pilgern?

K: Ich kenne alle Varianten, allein, zu zweit oder in der Gruppe. Alleine ist sicher am anspruchvollsten. Ich bin voll auf mich zurück geworfen. „Wer bist du, wenn du mit dir alleine bist.“ So steht es auf einem Plakat, das in meinem Büro hängt. Zu zweit kommt es sehr auf das gegenseitig Abgleichen und Synchronisieren an. In der Gruppe ist mir wichtig, dass alle in ihrem Tempo unterwegs sind, dass uns aber ein unsichtbares Gummiband zusammenhält, dass zumeist ab dem dritten Tag richtig spürbar wird. Da öffnen sich die TeilnehmerInnen untereinander und wir sind in immer unterschiedlichen Kombinationen unterwegs.

 

A: Was ist förderlich beim Pilgern bzw. was sollte man vermeiden?

K: Wenig einpacken, sehr einfach und funktionell. Wenn ein technisches Gerät mit ist (z.B. Handy), dann nur als Sicherheit. Sonst ausschalten und wegpacken. Ganz wahrnehmen, was ist ohne Ablenkung. Nicht alles planen. Alles was Druck erzeugt vermeiden. Singen ist immer förderlich – entweder allein oder in der Gruppe. Sein Tempo gehen. Man braucht Ziele aber der Gedanke an Leistung ist schädlich. Wenn möglich: mindestens drei Wochen am Stück unterwegs sein. Ein Tag ist besser als nichts. Mehrere Tage braucht der Körper für die Umstellung, nach 10-14 Tagen beginnt sich auch mental etwas zu verändern.

 

A: Worauf sollte man achten, wenn man mit einer Gruppe als PilgerbegleiterIn unterwegs ist.

K: Dass man weiß, wo der Weg ist! (lacht) – ist mir erst letztes Mal mit einer Gruppe zweimal passiert, dass wir kurz den Weg verfehlt haben.

A: Das kann ein Bergführer auch – wo ist der Unterschied zwischen PilgerbegleiterIn und BergführerIn?

K: Kein wesentlicher. Als Begleiter sehe ich mich als „Hebamme“. Die größte Gefahr ist ein Zuviel – auch bei spirituellen Punkten. Das „Gummiband“ ist etwas Wesentliches. Gemeinsame Pausen und dazwischen gehen. Gemeinsam essen. Ich lese keine Texte mehr vor. Eventuell nehme ich einen Begriff für den Tag, den ich in den Raum stelle, mitgebe. Bewusstes innehalten ist etwas zutiefst Menschliches. Am Abend einen gemeinsamen Abschluss, wo je nach Situation ein Austausch Platz hat oder auch gemeinsames Singen. Schweigen. Hohe Qualität hat, wenn gemeinschaftliches Erleben spürbar wird und wenn TeilnehmerInnen eine tiefe Zufriedenheit spüren können.

 

A: Was waren nachhaltige Erlebnisse beim Pilgern

K: Man hat als Pilger offensichtlich eine Aura um sich, die auf andere wirkt. Ich war in Padua in der Messe. Schon während der Messe hat mich ein Mann immer wieder angesehen. Nach der Messe geht er auf mich zu und umarmt mich. Er erzählt mir, dass er seine Frau verloren hat und keinen Sinn für sein Leben findet. Ich hab ihm versprochen sein Anliegen mit nach Assisi zu nehmen.
2012 kam ich auf dem Weg nach Volkenroda dort ins evangelisch-ökumenische Kloster, das um 1989 halb verfallen war. Mein Ziel. Es war Ostermontag und es wurde gerade Gottesdienst gefeiert. Ich betrat die Kirche unter lautem Quietschen der Tür. Alle Blicke waren auf mich gerichtet – und dann begann Chor und Orchester mit wunderschöner Musik. Tränen über meine Wangen.

 

A: Was kann ich vom Pilgern ins Leben mitnehmen?

K: Ich habe mir vor allem die tiefe Haltung der Dankbarkeit und Gelassenheit mitgenommen. Die Aufmerksamkeit dafür, dass mir Lösungen oft entgegenkommen und ich nicht immer tun und machen muss. Und ganz wesentlich ist, das Ziel zu imaginieren – auch wenn es noch weit weg ist wie die 52 Tage nach Assisi. Und die Orientierungsfähigkeit – wieder nicht nur fürs Gehen, sondern das „Mapping“, das heißt die Dinge des Alltags in größeren Zusammenhängen sehen. Ich bin nicht nur der kleine Steineklopfer, sondern der Mitbauer an der Kathedrale.

 

A: Für unsere Jahrestagung haben wir als Thema geplant:  Hoffnungen für die Menschen in Europa  – hat Pilgern nur persönliche Relevanz oder liegt da auch eine Chance für die Gesellschaft drin?

K: Ich nehme wieder das Bild der Ellipse her: Gesellschaftlich liegt der Focus sehr auf den (eigenen) Wurzeln. Dabei wird der Anschluss an Anderes, das verbindende Denken, die Synapsen vernachlässigt. Durchs Pilgern wird die Anschlussfähigkeit gestärkt und man lernt den Reichtum des Fremden neu zu schätzen. Insofern sind diese Pilgerwege eine einzige Einladung für das „Aufeinander zugehen“. Und natürlich haben diese Wege auch einen christlichen Hintergrund. Und im Christentum ist immer im Fokus, dass es um das möglichst gute Leben für ALLE und nicht nur für einige wenige geht. Ich kenne niemand, der unterwegs war, der nicht von vielen positiven Erfahrungen berichten kann. Ich kenne aber viele, die Haus gebaut haben, am liebsten einen meterhohen Zaun um ihr Leben errichten wollen und erfüllt sind von Angst vor allem Fremden. Ich erlebe beim Gehen sehr oft eine enge Verbindung mit Menschen, die gar nicht körperlich anwesend sind. Ich schreibe dann oft am Ende eines Tages Briefe an Menschen, die mich im Geist an diesem Tag begleitet haben.

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