Artikel-Schlagworte: „Ordensgemeinschaften“

Zwölf Frauen und Männer brechen auf. Elf mit dem Zug von Linz. Eine wartet in Spital am Pyhrn, wo wir um 10.30 Uhr am Bahnhof angekommen starten. Keine große Vorstellungsrunde, obwohl wir einander nicht kennen, sondern nur der Hinweis, dass wir mit einem „mentalen Gummiband“ im Gehen verbunden bleiben, also nicht auseinanderfallen. Niemand hat ein Handy oder Smartphone dabei. Das war ausgemacht. Nur zwei kleine alte Fotoapparate werden äußerst sparsam eingesetzt. Ich selber habe davon gar nichts dabei. Magdalena Holztrattner und ich haben diese Idee ausgeschrieben.  Von Innsbruck bis Wien haben sie die Leute angemeldet. Das Bedürfnis nach Offline ist groß. Auch bei mir. Es liegt in der Luft, dass wir nur dann Balance finden, wenn wir uns konsequente Distanz verschaffen (können). Zumindest zeitweise. Vier Tage in unserem Fall. Das ist unser Experiment. Vorweg: Es ist mehr als gelungen.

Der Benediktweg als Basis

Die Route ist schnell geschildert: Von Spital der Aufstieg bis zum Pyhrgas-Gatterl. Dort erwartet uns auf 1.300 m Schnee. Davon wird es am dritten Tag noch mehr geben. Es geht hinunter Richtung Hall. Wir halten oben noch inne: Atmen ist heute unser Grundimpuls. Atmen und schauen, ganz da sein im Hier und Jetzt. Das Wetter ist wunderschön. Beim Abstieg helfen wir einander durch den Schnee. Wir kommen ins Gespräch, in die Gespräche. Im Tal hinaus bis in das Stift Admont, wo wir um 17 Uhr eintreffen, schwingen wir zusammen. Erzählen, einfach zuhören, schweigen, gehen, Rucksack tragen. P. Ulrich vom Stift empfängt uns, führt uns zum Abendessen und gibt uns im „ZeitRaum der Stille“ die Zimmer. Wir gehen noch zum Teich und genau in diesem Moment geht die Sonne unter. Ein unglaubliches Panorama prägt sich ein, in den Kopf und das Herz, weil wir keine Fotos machen. Ausklang im nahen Gasthaus und wir spüren, dass wir schon zusammengehören. Die Abschlussrunde zeigt schon: Offline gehen geht und tut gut. Müde geht es zum Schlaf. Der erste Tag am Benediktweg liegt hinter uns. Er ist unsere „Wegbasis“ bis zum Ziel in der Abtei Seckau.

Auf und ab und ganz zurück

Das gute Frühstück erwartet uns um 7 Uhr. Wir starten mit unserem Einstieg in den Tagesweg in der Stiftskirche mit dem Gedanken „Mehr und Weniger“. Basis dafür sind die Quellen der Kraft, die ich für jede und jeden mitgenommen habe. Als Background für das, wohin wir uns öffnen, wenn wir nicht in den Online-Verstrickungen gefangen sind. Richtung Kaiserau gehen wir dem Bach entlang, der sich über hunderte Stufen ergießt. Wir haben Schweigen vereinbart. Das tut richtig gut. Atmen, schauen, staunen, bewegen, spüren, was es mehr und was es weniger braucht in meinem Leben. Rolf hat Augenprobleme. Er geht zum Arzt und wir sollen ruhig weitergehen. Das „Gummiband“ ist heute besonders gefordert. Es gibt keine Kommunikation außer „zusammenspüren“. In Trieben finden wir uns wieder. Es geht: Wir sind verbunden auch ohne diese technische Hilfestellung. Vielleicht geht uns dieses Vertrauen verloren, dass wir uns nicht verlieren, obwohl wir nicht digital kommunizieren (können). Im Tal geht es ganz nach hinten bis zur Bergerhube, einem Gasthaus und Landwirtschaft, wo wir um 18 Uhr ankommen. Da ist die Welt zu Ende. Ab hier geht nur mehr bergwärts. Das ist morgen. Die Wirtsleute machen uns ein tolles Abendessen, wir haben eine Menge Spaß, singen miteinander und spüren sehr früh: Das Gehen macht müde. Ab ins Bett. Ohne vorher diese vermeintliche Welt digital gecheckt zu haben.

Die spanneste Etappe

Aufwachen. Sonnenschein. Wettermäßig sind wir Glückskinder. Eine kleine Spannung liegt in der Luft. Wie viel Schnee wird am Kettentörl (1.864m) sein und werden wir es schaffen? Magdalena stellt „Vertrauen und Glauben“ als Impuls in die Mitte. Wie passend. Dann gehen wir. Steil bergauf. Etwa 300 Höhenmeter unter dem Törl dann geschlossene Schneedecke. Es geht. Schritt für Schritt. Manchmal breche ich ein. Es wir immer steiler. Die Schritte langsamer. Der Schnee trägt. Nur manchmal ein Einbruch. Überglücklich sind wir alle da und blicken auf der anderen Seite in das weite Tal hinunter auf den Ingering-See, den wir über Schneefelder, auf einem Lawinenausläufer nach zwei Stunden erreichen. Dann eine späte Mittagsrast in der Sonne, neben der Kapelle in der Wiese liegend. Wir genießen. Einzelne gehen ins Wasser. „Sehr erfrischend.“ Dann der weite Weg hinaus nach Gaal über neun Kilometer am Forstweg und Güterweg. Der Asphalt zehrt an den Kräften. Ein Gasthaus baut uns wieder auf. Nochmals eineinhalb Stunden bis zur Abtei. Nach neun Gehstunden kommen wir um 19 Uhr dort an. Zwei von uns haben entschieden, die letzte Strecke mitzufahren und erwarten uns mit den Zimmerschlüsseln. Frater Benedikt und Pater Johannes, der Prior, erwarten uns in der sie auszeichnenden benediktinischen Gastfreundschaft. Alles ist sauber, hat Geschichte. Das erzählen die Stufen. Ein schöner Ort, wie eine Teilnehmerin meinte. Das Abendessen schmeckt uns. Drei Tage gehen. Über 60 km, über 3.000 Höhenmeter.  Die Abschluss

runde machen wir im Gasthaus neben der Abtei. Wir spüren: Alle genießen es, bei jeder und jedem hat „sich was getan“, berührt von der Ge[h]meinschaft, offline tut gut, so wunderbare Gespräche. Wir übernachten, bekommen noch ein schönes Frühstück, eine kurze Führung durch die Abtei, machen eine Abschlussrunde in der neu renovierten Kirche und werden zum Zug nach Knittelfeld gebracht. Der Heimweg beginnt. Noch schöne Gespräche im Zug und nach und nach „verlieren“ wir uns an den Bahnhöfen mit der Erkenntnis: Offline gehen geht! Persönlich bin ich überzeugt, dass gerade diese zeitweise „brutale Distanzierung zur Onlinewelt“ (Originalton) uns helfen kann, die Wahrnehmung und Prioritäten nicht zu verlieren, der Seele und den Beziehungen wieder Raum zu geben, das Spüren, Riechen, Schmecken und lieben nicht zu verlernen. Und das Singen.

Schriftliches Feedback via online von einzelnen TeilnehmerInnen

Reinhard K.:

„Manchmal springt einem ein Wort, ein Begriff beim Lesen von Emails ins Auge und für Sekunden bleibt MANN hängen – so war es auch bei der Ausschreibung zum „Offline-Pilgern“.

Drei wesentliche Gründe ließen mich nicht zweifeln, dass ich da dabei sein will: erstens die Leitung durch Ferdinand Kaineder als erprobter und langjähriger Pilger und Magdalena Holztrattner, zweitens die Landschaft und drittens der Benedikt-Weg mit den Stationen Stift Admont, Bergerhube und Abtei Seckau. Terminlich passte es auch gut in meine Planungen.

Die Erkenntnisse, nach 3 Tagen „Abstinenz“ von der elektronischen Verbundenheit mit der „ganzen Welt“ sind:

  • Ich habe Zeit zum Schauen.
  • Ich werde bei Gesprächen nicht abgelenkt.
  • Ich brauche keine schnellen Antworten und Entscheidungen treffen.
  • Ich bin einfach mehr bei mir.
  • Ich habe Zeit, um Informationstafeln zu lesen und kann die Landschaft intensiver erkunden.
  • Ich werde von der Gruppe bei „Durststrecken „ mitgetragen.
  • Ich nutze die Strecke, um mit vielen (vorher unbekannten Menschen) ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Pilgerreise gibt es nicht nur gute Bekanntschaften, sondern auch die Gewissheit, körperliche Herausforderungen bewältigt und das Ziel erreicht zu haben.“

Karin W.:

„Es geht, wenn man geht, auch OFFLINE. Gewohnheiten unterbrechen, I oder Smartphone´s zu Hause, keine Nachrichten, kein Blick ob wieder eine Botschaft, ein Anruf eingegangen sind, es gilt für alle in unserer 4tägigen Weg-Gemeinschaft. Wieder zurück mit einem Rucksack voller Erinnerungen mit all den besonderen Momenten der Wegerfahrungen. Kein Handyweckruf dafür Liedrufe und Gesänge von Magdalena, die uns in den Wach- und Aufstehmodus begleiten.

4Tage offline und die Idee es öfter zu wagen aus den Gewohnheiten auszusteigen, die geschenkte Zeit nützen um z.B. wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben zu verschicken. Deine Idee vom Offline gehen war gut Ferdinand, offline, aber online in den Begegnungen, den gemeinsamen wunderschönen, manchmal auch mit Mühen verbundenen Tage des Gehens in einer besonderen Landschaft, einem Himmel so blau und die Sonne unsere Wegbegleiterin von früh bis spät.  Das Kettentörl schaffen mit viel Schnee, mühsame Schritte von dir,  um den Weg für alle anderen zu bereiten und immer der Ohrwurm in mir: Geh mit uns, unseren Weg…. Danke fürs offline gehen und fürs online sein mit unseren WeggefährtInnen! OFFLINE gehen, geht!“

Klaus K.:

„Raus aus dem Alltag – rein ins nichts – und doch immer genug.
3 Tage reduziert auf das eigentliche: Das Sein.
Was ist das – das Sein?
Ein Augenblick.
Ein Moment.
Ein Schritt.
Ein Weg.
Mein Körper?
Mein Geist?
Den Körper spüren.
Sich selber durch den Körper spüren.
Alles ist so einzigartig und einmalig.
Respektiere deine Grenzen – stand da auf einmal mitten im Wald…. Ja versuche ich.
Es gelingt nicht immer – aber immer öfter so, dass ich es mir recht machen will, und sonst keinem anderen.
In Dankbarkeit, Geduld und Zufriedenheit bin ich im Jetzt.
Ich bin wieder näher bei mir.
Das möchte ich mir von dieser wunderbaren Reise mitnehmen.
Rein in den Alltag.“

Anna W:

„Offllinegehen ist
– kommunizieren, Gedanken austauschen, Geschichten erzählen und hören, gemeinsame Bilder wahrnehmen und Landschaft im Voll-Frühling genießen – mit den Menschen die DA sind, neben mir und mit mir unterwegs

– selber DA sein wo und wie ich jetzt bin, hören und spüren was gerade in mir ist

– darauf vertrauen, dass ich verbunden bin mit den Lieben daheim und mit der Welt , auch wenn ich keine News, SMS, Whatsapp-Nachrichten oder Telefonate erhalte und führe/sende“

Theresia S:

„Gedanken zum #OfflineGehen: Staunend, schauend, höhrend und fühlend – mit ganzem Herzen im hier und jetzt sein, die wunderschönen Momente einfach in mir aufnehmen, anstatt mit der Digitalkamera Fotos zu machen. Das war eine wertvolle Erfahrung, wenn`s mir, besonders am Beginn, auch schwer gefallen ist. Gemeinsam unterwegs sein, mit lieben Menschen plaudernd, schweigend, lachend, … ohne Ablenkung durch SMS oder WhatsApp- Nachrichten, ohne „muss schnell noch meinen versäumten Anruf beantworten“; das war für mich sehr entspannend. Ich möchte in Zukunft gerne mal einige Tage „offline“ sein und auch andere dazu ermutigen.“

Manuela T.:

„ONLINE sein ist nicht schwer  – zwischendurch mal OFFLINE sein … bereichert aber sehr!
Das ist meine persönliche Erfahrung nach 3 Tagen OFFLINE – Gehen auf mir unbekannten Etappen des Benediktweges in Gemeinschaft einer mir bis dahin unbekannten Gruppe mit 11 weiteren interessierten Frauen und Männern. Ohne Handy und Fotoapparat im Rucksack verspürte ich sehr bald eine Gelassenheit und innere Ruhe, um mich zu orientieren und die vielen Eindrücke mit meinen Sinnen intensiv aufzunehmen, festzuhalten und zu teilen – ohne Ablenkung durch die im Alltag zweifellos nützlichen, aber oft schon unentbehrlich scheinenden Geräte. Eine Motivation für mich, auch in diesem Bereich immer wieder mal inne zu halten und bewusst einfach zu leben. OFFLINE sein ist auch nicht schwer!“

Ich selber sage nur: Danke für die Ohren, die Schritte, die Stimmen, das Singen, das Lachen, das Schweigen, das Mitfühlen und Mitleiden, das Strahlen, die Rücksichten, das gegenseitige Stärken, das Vertrauen, das Mehr und Weniger, das gemeinsame Atmen. Wir waren bei den Quellen der Kraft. Wunderbar, was Offline alles freilegt.

[Danke für die Fotos an Rudi und Reinhard]

„Die digitalen Köchlöffel gezielt weglegen“ habe ich 2016 nach meiner dreiwöchigen totalen Digitalabstinenz in Bad Gastein meinen Blogbeitrag getitelt. Es hat einfach gut getan, keinerlei Lebensvollzüge auf Basis eines Algorithmus, eines digitalen Geräts gelebt zu haben. Digitale Distanz ist nicht einfach und hilft doch, die Dinge des Lebens, des Arbeitens und der Lebenszeit in ein gutes, lebensförderliches „Verhältnis“ zu bringen. Nimm Abstand und es geht wieder. Das Gehen, die Bewegung in der Natur hilft, diese Distanz zusammen mit anderen zu wagen. Einfach #offline gehen.

Wir gehen drei Tage lang OHNE jegliches digitales Gerät.  

DO 19. April 2018 bis SO 22 April 2018

TeilnehmerInnen: Max 12 Personen

Für drei Übernachtungen mit Halbpension (F/AE) ist ein Betrag von 190.- EUR bei der Anmeldung einzuzahlen.
Dieses „Experiment“ ist als Prototyp ansonsten „kostenlos“.

Ingering-See

Wie und wo wir gehen?

  • DO 19. April starten wir um 10.30 Uhr am Bahnhof Spital / Pyhrn. Individuelle Anreise mit dem Zug (Linz: 9.14 Uhr, Graz: 7:45 Uhr, Salzburg und Wien via Linz). Durch die Vogelgesang-Klamm über das Pyhrgas-Gatterl (1.308m) geht es hinüber und hinunter in das Ennstal in das Stift Admont, wo wir im Gästehaus übernachten.
  • FR 20. April starten wir von Admont aus durch das Tal hinauf in die Kaiserau und von dort wieder hinunter nach Trieben. Es geht weiter bis ans Ende des Triebentales,  wo wir im Tal im Gasthaus Bergerhube (1.198m) einfach nächtigen.
  • SA 21. April steigen wir auf das Kettentörl (1,864m) und wandern durch die wunderschöne Gegend hinaus – vorbei am malerischen Ingeringsee – bis nach Gaal und vor dort „hinüber“ in die Abtei Seckau zum gemeinsamen Abendessen und Abschluss. Dort nächtigen wir ein letztes Mal. Wir vermissen die „Geräte“ nicht mehr.
  • SO 22. April nach dem Frühstück fährt um 8.24 Uhr der Bus (Ankunft in Wien-Meidling 11.28 Uhr, Linz 12.44 Uhr, Salzburg 13.48 Uhr, Graz 10.33 Uhr).

Das gemeinsame #OfflineGehen wird von Dr.in Magdalena Holztrattner, Direktorin der KSÖ und Mag. Ferdinand Kaineder, Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften, begleitet. Das Gehen und die Natur selber sind die besonderen Lehrmeister. Gemeinsam verweilen, kurze Impulse und das gemeinsame Essen und Austauschen werden eine anregende Verbundenheit schaffen. „Quellen der Kraft“ liegen auch in der tiefen und weiten Spiritualität. Dieser Dimension des Lebens wollen wir uns ebenso öffnen. Hier eine Zusammenfassung, was in einen Rucksack gehören könnte.

Wir laden Sie / Dich herzlich ein zu diesem „Prototypen am Benediktweg“.

Magdalena Holztrattner und Ferdinand Kaineder

Anmeldung bis DI 20. Feber 2018: ferdinand.kaineder[at]gmail.com oder +43 699 1503 2847 (@fkaineder)

Ein Bericht in den Salzburger Nachrichten vom 15. Feber 2018.

Vorschau: 

Von DO 6. Sept bis SO 9. Sept 2018 ist ein #OfflineGehen im Mühlviertel am Johannesweg geplant. Voranmeldungen möglich.

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Das sagte Roger Willemsen bevor er 2016 starb. Er wollte ein Buch schreiben mit dem Titel „Wer wir waren“. Es wäre ein Plädoyer für die Abspaltung, ein Herausnehmen aus der Rasanz der Zeit geworden. Es ist unbestritten, dass die Zeitwahrnehmung eine Beschleunigung erfahren hat. „Haltet die Zeit auf“, rufen manche. Dabei müsste diese Botschaft an uns selbst gerichtet werden: „Steigt aus dieser Zeitmaschine aus.“

Aussteigen ist ein Einsteigen

Ordensleute und darüber hinaus viele Christinnen und Christen tun das immer wieder, wenn sie beten, innehalten, meditieren. Heraussteigen und einsteigen in das „Stundengebet“. Dieses Innehalten ist aber kein „Zeit aufhalten“, sondern ein sich bewusst in das Hier, das Jetzt und dieses Heute stellen. Es ist eine andere Wahrnehmung: bereit werden für das Engegenkommende, von Gott, von Menschen. Es ist ein Dank an Gott, der Leben fließen lässt. Nicht langsam oder schnell, sondern aus der Quelle der Liebe, die Jesus in besonderer Weise freigelegt hat. Erst diese Tiefe, diese Hinwendung und Offenheit dieser Quelle der Liebe gegenüber lässt Verstehen, Erkennen, Wissen und Erfahrung wachsen. „Zeit“ ist ein Totschlagargument geworden. Sich selbst und vor allem auch den Mitmenschen gegenüber. „Ich habe keine Zeit“ schlägt alles. Vor allem das Hier und Jetzt.  Darum: Halten wir uns auf.

Es war eine kurze Frage, die uns damals vor mehr als 15 Jahren in der „Bergdorf-Pfarre“ Kirchschlag nahe gegangen ist: „Wollen wir, dass in 50 Jahren der christliche Glaube das Leben hier im Bergdorf mitprägt?“. Wir hatten keinen Pfarrer am Ort. Wir wurden „mitbetreut“ und der kirchenrechtliche „Provisor“ hat Wohlwollen und Freiraum hereingebracht: „Tut.“ Ich durfte als PGR-Obmann und Theologe mitwirken. Bei der damaligen Pfarrgemeinderatsklausur fragten wir reihum und direkt von jeder und jedem ausgesprochen kamen 16 „Ja sicher“ und ein „Bin mir nicht sicher“. Das war der Samen für die Entwicklung, die die Pfarrgemeinschaft genommen hat. Sichtbarer Ausdruck ist ein neues Pfarrzentrum, das 2008 eröffnet und das heute von mehr als 100 Schlüssel „verwaltet“ wird. Nein, gestaltet und mitgetragen. Noch nie hat es „etwas gegeben“, wie so viele vermuten. Schlüssel ist Verantwortung. Seit ich in Wien bin, bin ich nicht mehr dabei. Die Grundüberzeugung war: Wenn Pfarre lebendig sein will, dann müssen wir Getauften in unserer Verantwortung aufstehen, gestalten, lebendig halten. Wir können nicht auf den Klerus warten, den uns niemand schicken kann. Und klar war: Es gab dafür breiteste Zustimmung. Aber 100 % waren es nicht.

Katastrophale Situation

Heute lese ich in der Kathpress vom Präsidenten der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg diese Aussagen. Ganz klar, deutlich, zukunftsweisend, ungeschminkt.“ Wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“ Es sei nötig, vom Versorgungsmodell wegzukommen. Es werde darauf ankommen, „dass Laien selbstbewusst und eigenständig ihre Dinge in die Hand nehmen“. Man solle sich hüten „davon auszugehen, dass die Kirche nur dann Kirche ist, wenn die Gemeinschaft auch voll und ganz in allen Positionen theologisch gebildet, liturgisch gebildet auf der Höchstform der Religiosität steht“.  Anlass von Sternbergs Äußerungen ist das in diesen Tagen erscheinende Buch „Aus, Amen, Ende?“ des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings, dessen Schritt ins Kloster für Schlagzeilen gesorgt hatte. Er wollte sich eine Auszeit nehmen, nachdem er die Service-Erwartungen an seine Person als zu hoch und die Kontakte in der Großpfarre als zu unpersönlich empfunden hatte. Seit September 2016 lebt der 56-Jährige als sogenannter Postulant im Kloster. Frings: „Wir haben einen Nachwuchsmangel, der so eklatant geworden ist, dass selbst dieses ganze fusionierte Modell der Diözese so schon nicht mehr funktionieren wird.“ Er spricht vom Klerus und glaubt, dass es allein auf ihn ankomme. Aber: Es kommt auf die Getauften an, die einen ganz besonderen und lokal verorteten Magnetismus auslösen können. Wenn man ihnen so wie uns im Bergdorf auch die Ressourcen dafür „zurückgibt“. Der Kirchenbeitrag wurde gut angelegt. Zukunftsträchtig. Denn: „Die Kirche gehört den Getauften vor Ort.“

Trägerinnen und Träger einer „einfachen, gemeinschaftlichen und wachen Lebenshaltung“

Aber: Frings hat etwas erkannt, was viele ohnehin wissen. Das „versorgende Klerus-System“ ist alt, brüchig und deshalb oft weit weg von den Menschen. Der Personal-Strudelteig wird mittels „Diözesanprozessen“ noch gezogen. Löcher werden zugedeckt, weil Menschen Kirche mit diesem Klerus identifizieren. Schein vor Sein. Pfarre ist der Pfarrer. Für mich war und ist Pfarre immer die Pfarrgemeinschaft. Aus dieser Pfarrgemeinschaft lebend habe ich Menschen begleitet, Zusammenhalt gestiftet, den Rand als Ort Gottes zugänglich gehalten, das Gerücht von einem liebenden Gott immer wieder erzählt, angedeutet. Aus diesem Grunde habe ich Gottesdienste gefeiert, Kinder getauft, Menschen auf den Friedhof geleitet oder Verliebte gesegnet in ihrer Hoffnung auf Treue hin. Immer habe ich andere Menschen ermutigt und gesagt, dass sie das auch genauso können, sollen. Ich habe auch immer gespürt, dass Jesus im Brot in unserer Mitte ist, uns begleitet, als Stärkung sich geben will. Auch in den Wortgottesdiensten mit Kommunionfeier. Das alles war auf Stärkung angelegt oder sollten „Quellen der Kraft“ sein. Bei den Orden haben wir Themenflächen als „Wahrnehmungsflächen“ ausgemacht. Die tragende Idee dazu ist das Modell Leben im Orden. Und das bedeutet: einfach. gemeinsam. wach. Das ist der „Input heute in diese Gesellschaft. Das einfache, gemeinsame und hellwache Leben. Das deckt sich aus meiner Sicht auf weiten Fläche mit der Bereitschaft zur PGR-Wahl: ICH BIN DA.FÜR. Dieser Partizipations- und Involvierungsvorgang der PGR-Wahl am 19. März ist doch nichts anderes als die Ermutigung: Ja, wir tun es. Beauftragt, „gewählt“ vom Volk Gottes. Und ich bin ganz fest überzeugt: Jesus hat eine Freude mit solchen Christinnen und Christen, die tun. Und so wird für die Menschen sichtbar, spürbar, erlebbar: Pfarre sind wir, bin ich. Ich sehe eine gute Zukunft darin, die einfach, gemeinsam und hellwach gestaltet wird. Im Sinne Jesu.

900_PaloschiGreenpeace postet dieser Tage: „1,2 Millionen Menschen haben weltweit gegen den Bau eines Megastaudammes im Amazonasgebiet im Olympialand Brasilien unterschrieben und nun stoppt die brasilianische Umweltbehörde den Genehmigungsprozess. Mit dem Staudamm wäre ein Stausee fast doppelt so groß wie Wien entstanden. Etwa 2.600 km² Regenwald wären durch direkte und indirekte Waldrodungen verloren gewesen. Außerdem hätten viele Munduruku ihre Heimat verloren und über 1.000 Tierarten, die am Tapajós-Fluss leben, wären vom zerstörerischen Vorhaben bedroht.“ Das ist erfreulich, wenn ich mit meiner winzig kleinen Unterschrift etwas beitragen durfte. Erzbischof Paloschi aus Brasilien hat ebenfalls auf die enorme Bedrohung der indigenen Völker hingewiesen. Er hat die Probleme beim Namen genannt und gleichzeitig die Problemlöser: die indigenen Völker selber. Ihre Lebenspraxis zeigt den Lebensstil der Zukunft: naturverbunden, einfach, achtsam, gemeinschaftlich. Morgen ist der 9. August, der Tag der indigenen Völker und ebenso der Gedenktag an Franz Jägerstätter.

Widerstand

900_JägerstätterAngleichen, mitmachen, ruhig bleiben,  Gott ergeben sind Haltungen, die Christinnen und Christen über lange Zeit geprägt haben. Kirchliche Pädagogik war „Ergebenheit und Hingabe“. Gemeint war dabei oft das etablierte Herrschaftssystem, das bis Gott hin verlängert wurde. „Wer sich nicht anpasst, geht unter“, sagen auch Genetiker. Anpassungsfähigkeit ist eine Lebensvoraussetzung. Glaube wurde oft als Anpassungsmaßnahme an bestehende Verhältnisse gesehen, gebraucht. Die Mächtigen halten sich die Kirche als „Stabilisator“. Siehe Österreich. Und anderswo. Anders in Brasilien, wo Bischof Erwin Kräutler und jetzt sein Nachfolger Roque Paloschi Paloschisich durch Widerstand „auszeichnen“. Sie sind Ermutigier zum Widerstand. Sie organisieren Widerstand mit. Widerstand gegen ein politisches und wirtschaftliches System, „das ausbeutet und mordet“. Dass der Gedenktag der indigenen Völker und der Gedenktag an Franz Jägerstätter zusammenfallen, ist ein schöner „Zufall“. Christenleben ist ein Leben in Gottverbundenheit, das uns freispielt, tiefgreifenden Widerstand zu leisten gegen das Tödliche, das Vernichtende, das Verachtende, das Nivellierende, das Gewalttätige. Der Staudamm in Brasilien ist ein gutes Beispiel, wie Widerstandskraft und Einsatz für das Leben „zusammengehen“. Möge der Widerstand gegen den Damm langfristig von Erfolg gekrönt sein und kein Menschenleben fordern. Dem dreifachen Familienvater Franz Jägerstätter wurde 1943 wegen seiner Gewissensentscheidung, dem Menschen verachtenden NS-System nicht dienen zu wollen, der Kopf abgeschlagen. Dasselbe Schicksal erleiden Menschen in Amazonien. Die Rücknahme des Staudammbaues lässt Hoffnung aufkommen. Es braucht auch unseren Widerstand.

23_Itzling_IMG_5309Gute Frage. Es fällt schwer. Nach drei Wochen gehen ist es nicht einfach, wieder Platz zu nehmen. Der Schreibtisch war geduldig und hat gewartet. Mit viel analoger Post und Dingen, die mich am Weg nicht erreichen konnten. Natürlich ist es gut, beim Gehen nach einer Stunde anzuhalten, zu trinken, einander anzuschauen und zu fragen: Geht es? Sind alle da? Tut etwas weh? Noch schöner erlebe ich das Hinsetzen um die Mittagszeit, eine Kleinigkeit essen und trinken. Dieses Sitzen ist aber ein anderes Sitzen als das vor dem Bildschirm und am Schreibtisch. Darum haben mich seit vorgestern einige gefragt: Wie machst du das, wenn du wieder sitzen musst? Ich weiß es noch nicht. Es wird gehen. Und nach einem Tag sehe ich auch, dass es geht. Es sind ja noch so viele Gedanken der Bewegung im Kopf, die mich bewegen, obwohl ich sitze, im Zug, im Büro, bei der Besprechung, beim Essen, beim Telefonieren. Ich gestehe, dass ich öfter aufstehe und herumgehe. Es ist wieder ein Prozess, diese tägliche kontinuierliche Bewegung vom #Klimapilgern über fast 400 km von Wien nach Salzburg umzuwandeln in den „Bleibe-Modus“. Auch diesmal spüre ich, dass es nicht einfach wird. Jetzt sitze ich, um ein kleines Zwischen-Resümee anzudeuten. Es geht ja Ende November nach Paris. #COP21.

Es war ein besonderes Weitgehen

23_vier_IMG_5293Fehlen wird mir nach dem guten gemeinsamen Frühstück und dem Einpacken der Kreis am Morgen. Immer um 9 Uhr haben wir uns zusammen mit den immer neu dazugekommenen TagespilgerInnen im Kreis aufgestellt. Wer ist da? Was hat mich hergeführt? „Ich bin Silvia aus Mühlbach am Hochkönig. Ich bin dort Pfarrgemeinderat und ich gehe heim.“ So kurz. „Ich bin Rembert – nochmals: Rembert – aus der Steiermark und wohne in Wien. Ich arbeite für das Netzwerk Pilgrim. Also Klima-Pilgrim.“ Dazwischen immer wieder Frauen und Männer, die dazugekommen sind. „Ich bin Anja aus Wien und Generalsekretärin der kfb in Österreich und gehe bis Salzburg.“ Ob es nun Bischof Andrej, die kfb-Frauenvorsitzenden von St. Pölten, Linz oder Salzburg waren, die Direktorin der KSÖ, ein Generalsekretär der KA St. Pölten oder zwei Flüchtlingskinder waren, immer war eine tiefe Motivation zu spüren. „Ich bin Ferdinand aus Kirchschlag und Wien und arbeite für die Ordensgemeinschaften Österreich im Medienbüro.“ So habe ich mich selber oft gehört. Sie werden mir fehlen, die „Kern-Pilger-KollegInnen“. Darüber hinaus die vielen insgesamt auch annähernd 350 Personen, die mit uns am Weg waren. Ich bin schon drei Mal alleine weit gegangen (durch Österreich 2004, nach Assisi 2009 und nach Thüringen 2012). Diesmal war es in der dauernd wechselnden Gruppe eine neue Erfahrung für mich. Die Übernachtungen waren vorbereitet, nicht aber der Weg. Den mussten wir gemeinsam suchen und finden. Öfters mussten wir feststellen: Es geht uns wie der Weltpolitik. Wer weiß den Weg? Wer geht voran? Wer schaut, dass alle mitkommen? Wie geht das mit den Schnellen und Langsameren? Es waren spannende Tage durch Österreich. Als ich heute früh mit dem Zug nach Wien gefahren bin, haben Orte wie Melk, Maria Taferl oder St. Pölten einen besonderen Klang gehabt. Alles gegangen.

Was nehmen wir mit?

11_alternative_IMG_4336In jedem Fall wurde der „Rucksack der Alternativen“ toll angefüllt. Digital wird das noch nachgeholt. Wir Vier haben uns am letzten Tag hingesetzt und die Projekte, Haltungen oder Personen favorisiert. Wenn die ZIB1 gefragt hätte, dann hätten wir diese drei Projekte vorgebracht:

Cradle to Cradle von Gugler
Traditionell Europäische Medizin der Marienschwestern
Streuobstschokolade aus der Community Ottensheim für Vielfalt und Zusammenhalt.

„Aus ist aus“: saisonal und regional kochen/essen (SPITZWIRTin, Alkoven)
Ausbildung der Jugend: Umwelt und Wirtschaft verknüpfen (HLUW Yspertal)
Ökologische Bauweise bzw. Rückgriff auf lokale Energieversorgung (MIVA, Michelbeuren, Pfarre Sindelburg, EZA und Pfarre Mauthausen)
Negativ“projekt“: Zersiedelung und Versiegelung als österreichweiter schlechte Trend

Kirchenasyl in St. Georgen a.d. Gusen
Flüchtlingsbetreuungsprojekte (St. Georgen, Ottensheim)
„Gehen belebt“ – Bewegung
„Natur als Lebensmeisterin
#LaudatoSi als Basisverständnis im Wandel vom technokratischen Paradigma hin zum Menschenbild der ökologische Spiritualität

Diese 12 Projekte nehmen wir aus unserem Rucksack heraus, ohne die vielen anderen, die noch drinnen sind, zu vergessen. Es sind die Begegnungen mit den Schulen oder unsere Unterkünfte in den Ordenshäusern, beim Privatpersonen oder einfachen Herbergen. Dafür danken wir herzlich.

Mein persönliches Resümee

23_rk_IMG_5201Auf ein Blatt habe ich geschrieben: „Von den 21 Tagen gehen nehme ich eine große Weite mit. Ich bin „für und mit allen Menschen“ gegangen, die unter den Schieflagen unserer Gesellschaft und den ausbeuterischen Systemen unseres Wirtschaften leiden oder gar zu Tode kommen. In besonderer Weise sind es heute die Flüchtlinge und indigenen Völker, denen Technokraten und Geld-Ökonomen die Lebensgrundlage entziehen. Die Natur strahlt so viel Frieden aus und der Mensch führt Krieg gegen sie. Das Gehen hat mich versöhnter gemacht und gleichzeitig radikaler gegenüber unseren gesellschaftlichen Eliten.“ Dort steht auf die Frage, was mir ans Herz gewachsen ist: „Das Schlechte nicht weniger schlecht machen, sondern es muss von Beginn an gut sein.“ Leben wir so, dass wir das Ende unserer Lebensprozesse (Einkauf, Arbeit, Mobilität, Produktion,…) in die Wiege der nächsten Generation legen können? Meine zwei Grundfragen zum Leben sind noch weiter gewachsen in ihrer Bedeutung: Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt? Viele Projekte, die wir gesehen haben, Menschen, denen wir begegnet sind, Landschaften, die wir bewundert haben, haben dann eine „Schönheit“ entfaltet, wenn sie aus der tiefen Quelle der Spiritualität gespeist waren. Es waren immer Menschen, die nicht zufrieden waren im Gefängnis der jetzigen Plausibilitäten und oft Unerhörtes gewagt haben. Alleine auf der schmalen Spur dieser fast 400 km durch Österreich haben wir das Aufkeimen einer neuen Welt, die Transformationen hin zu einer neuen Wirtschaft erlebt. Die Medien sind zum Großteil Gefangene des laufenden Systems und entwickeln 23_über_IMG_4738keine Kritik mehr. Auch die redaktionellen Wahrnehmungen sind eingeschränkt auf „Gängiges“ oder Skuriles. Das Welt- und Menschenbild in der Enzyklika #LaudatoSi von Papst Franziskus kann das neue Fundament einer neuen Welt werden. Das Gehen und Pilgern hat mich darin bestärkt, das technisierte Menschenbild sehr kritisch zu sehen und durch das spirituelle und ökölogische Menschenbild noch konsequenter zu ersetzen. Wer geht, wird fast automatisch dorthin geöffnet. Vom Weltklimagipfel #COP21 erwarte ich mir einen radikalen Bruch mit dem gängigen Wachstumsparadigma. Solidarische Ökonomie soll das neue Paradigma werden.“ Und abschließend: „Eine besondere Erfahrung war, dass wir so wunderbar zusammen gesungen haben, obwohl wir uns untereinander vorher nicht gekannt haben. Der gemeinsame Weg hat in vielen Gesprächen, im Schweigen, im Hinhören Ideen und eine Pilgergemeinschaft „entfaltet“.  Eine tiefe Dankbarkeit hat mich von Tag zu Tag mehr erfüllt. Die Natur ist die beste Lehrmeisterin des Lebens.“ Jetzt geht es Ende November nach Paris zum #COP21. Zuvor aber werde ich mit dem Ordenstag mit P. Martin Werlen „Jetzt im Blick“ noch einen besonderen Höhepunkt erleben.

22_regen_IMG_5209#Klimapilgern kommt an. Nachdem wir auf dem Biohof Girlinggut gut gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg zur Pfarrkirche Elixhausen. Dort starten wir mit einem Impuls. Das Wort, das uns Anja als Tagesverantwortliche für den letzten Tag mitgibt, ist: Perspektive. Gehen verändert Perspektiven, unsere Welt braucht Perspektive und für unsere Kinder und Enkelkinder wünschen wir uns eine Perspektive. Wir alle sind in diesem Augenblick nahe an den Tränen, weil uns der Gedanke an die Zukunft dieser Welt wirklich nahe geht, weil wir ihm tagelang nahe gegangen sind. Wir spüren, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir aus dem Wasserhahn trinken, in Sicherheit leben, eine „Perspektive haben“. Wir singen, denn das lässt uns zusammenfühlen und „zusammenstimmen“. Es hat leicht zu regnen begonnen. Fast haben wir es vergessen, weil wir in diesen 22 Tagen nur ein Mal für zwei Stunden „gewaschen“ wurden. Und das war am dritten Tag in Herzogenburg. Weit zurück. Sonst immer trocken und oft die Sonne. Wir nehmen es als kleinen Wink, die Dankbarkeit nicht zu vergessen.

Das war einmal die Bundesstraße

22_bundesstrasse_IMG_5213Unser Ziel ist heute ein zweifaches. Wir gehen hinunter nach Bergheim. „Das war die alte Bundesstraße von Salzburg nach Mattsee bis 1962.“ Ein Oldtimer-Fan erzählt mir von früher. Neben dem Bach schlängelt sich eine Straße, die so breit ist wie ein Radweg. Weiter oben hören wir die Bundesstraße. Ein Auto um das andere. Viele sehen darin eine besondere Entwicklung. Wachstum. Wohlstand. Freiheit. Mir kommt darob kein Jubel über die Lippen. Durch Auseinanderfallen von Wohnen, Arbeiten und Freizeit inklusive Einkaufen braucht es Mobilität. Das Auto hat sich bei vielen als Status-Symbol etabliert. Wer heute mit dem Bus fährt, hat entweder den „Schein“ abgeben müssen, ist ein Schüler oder Pensionist. Ein fast leerer Postbus fährt an uns vorbei. Und Autos hinterher. Ich weiß: Nicht alle können auf das Auto verzichten, aber viele bräuchten nur im Kopf einen Schalter umlegen. Öffi vor Auto. Nicht zuerst an das Auto denken, sondern das Mobilitätserfordernis klären. Da wäre viel drinnen.

An die Grenze gehen

22_grenze_IMG_5269Wir erreichen die Salzach. Der Regen hat längst aufgehört. Unser Ziel ist die Brücke bei Freilassing an der Salach. Hinter dem Messegelände schlängeln wir uns durch den Wald. Fast wie die Flüchtlinge vertrauen wir darauf, richtig anzukommen. Es ist uns gelungen. Wir wollen bayrische Erde in unser Glasrohr dazugeben. Ukraine, Rumänien, Ungarn, Wien, NÖ, OÖ, Salzburg und Bayern. Das sind jene Länder, wo dieses Glasrohr, das wir als Zeichen der inneren Verbundenheit nach Paris mitnehmen, überall war. Dann wissen wir, dass hier viele Flüchtlinge auf den Grenzübertritt warten. Noch einmal nehmen wir den etwa 8 km „Umweg“ unter die Füsse, um unsere tiefe Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Wir gehen, sind in Bewegung und hier sehen, erleben wir wieder, wie Menschen zum Warten gezwungen sind. Ich bin unruhig. Genügt es, immer wieder zu spenden und für und mit diesen Menschen den Pilgerweg der Gerechtigkeit zu gehen? Wir stehen 22_flüchlinge_IMG_5287an der Grenze. Machen Fotos. Tiefe Dankbarkeit für den Weg und ein fast radikaler Auftrag, hier nicht stehen zu bleiben. Wir gehen zurück in die Stadt. Es zieht uns in die kleine Kirche der Universitätsklinik. Ich lege unser Transparent über den Altar. Wir sagen einander und Gott ein Danke und singen den Sonnengesang. Umarmungen.

Sehnsucht nach daheim

In einem SMS an ein paar Menschen schreibe ich: „Nach fast 400 km zu Fuss pilgernd von Wien nach Salzburg sind wir „angekommen“. Klimagerechtigkeit ist unsere Intention und soziale Gerechtigkeit ist die Zwillingsschwester dazu. Mögen die Entscheider begreifen, das die Welt sich selbst (oder Gott) gehört und die KonsumentInnen wach und kritisch werden gegenüber allem „Wertlosen“. Es genügt nicht, Schlechtes besser zu machen.  Von Beginn an muss es gut sein. Danke für das Mitpilgern. So und so.“ 22_altar_IMG_5296Ingrid, Hannah, Jakob, Karin und wir Vier sitzen noch um einen Tisch im Gasthaus. Ankommen und Aufbruch liegen ganz nahe beieinander. Anjas Familie ist da und sie verlassen uns. Anja hat mit ihrem Impuls in den Morgenstunden eine wunderbare „Zusammenfassung“ geschrieben. Rembert, Silvia und ich bleiben noch in Salzburg, um morgen um 15.30 Uhr in Itzling an der ökumenischen Sendungsfeier „Richtung Paris“ teilzunehmen. Ich gestehe: Die Sehnsucht nach „daheim“ ist wirklich groß. Ich sehe das Warten hier als Chance, zur Ruhe zu kommen, Resümee zu ziehen, nach den vielen Gesprächen am Weg zu schweigen, durchzuatmen, das Danke groß aufsteigen zu lassen.

 

21_quer_IMG_514021_querfeldein_IMG_5127#Klimapilgern landet heute nach einer Direttissima durch Wiesen und Wald in der Familienpolitik. Der Bürgermeister höchstpersönlich ist uns bis zur Ortstafel entgegengegangen. Wir sind aber aus dem Wald über die Wiesen kommend direkter in den Ort gekommen. Per Telefon haben wir sofort zusammengefunden. Josef Guggenberger führt uns auf den Platz vor den beiden Kirchen und dem Jungscharhaus. Flüchtlinge bieten uns sofort Tee an. Zuerst wollen wir etwas über die Gemeinde erfahren. 1.650 EinwohnerInnen. Das Leben – so der Bürgermeister – wird nach den Regeln des Marktes ausgerichtet. Es hat nur mehr die Wirtschaft etwas zu sagen. Alles wir monetarisiert. Mit unserem Klimapilgern fühlt er sich zutiefst verbunden. Die 1.000 km VIA NOVA, wo er im Vorstand ist, ist er auch schon selber gegangen.
Der Mann hat eine sympatische Einschätzung und Analyse des Ortes und der Gesellschaft geliefert. Zu hoher Ressourcenverbrauch bei uns entzieht den Menschen „dort“ ihre Grundlage. Jetzt kommen sie und holen sich, was wir ihnen genommen haben. Dass wir hier helfen müssen, ist selbstverständlich. Ein kleines schwarzes Mädchen macht die ersten Fahrradfahrversuche neben uns. Die Mutter sitz21_guggenb_IMG_5156t am Bankerl. Dann kommt das „Berndorfer Modell“ zur Sprache. Kurz: Eltern, die ihre Kinder daheim bis zum 3. Lebensjahr betreuen, bekommen eine Unterstützung von der Gemeinde. Die Gemeinde hat aber auch eine Krabbelstube. Es besteht Wahlfreiheit. Die Diskussion ist eröffnet und geht beim Tee im Flüchtlingshaus intensiv weiter. Er will, dass auch Private von dem Steuergeld bekommen, das sonst nur in die Betreuungsplätze der öffentlichen Hand fließen. Die familiären Strukturen festigen. Ich denke und bringe ein, dass es ein starkes und intensives Comm21_guggenbe_IMG_5162unity-Leben braucht, damit Mütter oder Väter nicht in der Einzelfamilie verkommen. Der ganze Ort ist gefragt, sich vor Ort neu zu vernetzen. Spannend. Die Diskussion zieht sich hin über die nächsten Stunden beim Gehen. Ich nehme auch mit, mit welcher Selbtverständlichkeit hier Flüchtlinge aufgenommen werden.

Seeblicke, Autolärm und querfeldein

21_salzburgerInnen_IMG_5173Die Sonne war heute wieder unsere Begleiterin. Die Tagespilgerinnen, darunter das kfb-Team der Erzdiözese mit der Vorsitzenden Roswitha Hörl-Gaßner, Jakob von der Dreikönigsaktion oder Ingrid aus Bad Goisern, sind flotten Fusses unterwegs mit uns. Weil die Natur, der Blick auf die Seen so schön war, haben wir fast etwas gedrödelt. Nach der Mittagssuppe ging es dafür flotten Schrittes am Fußweg neben den Autos von Seeham nach Obertrum. Dort weiter über Güterwege und querfeldein nach Elixhausen. Es war fast finster, als wir die Haustür zu unserer Herberge um 17.20 Uhr durchschreiten. Davor machen wir den Ankommenskreis, sagen einander, wie wir den Tag erlebt haben und schließen mit einem Lied ab. Obwohl wir müde sind, geht es noch nach Seekirchen zur Veranstaltung von „Klimabündnis“. Nach der Veranstaltung sitzen wir bei Prof. Günter Virt im „Stift“. Das Thema wäre aber jetzt zu ausladend, wenn ich das „Stift in Seekirchen“ genauer erklären müsste. In jedem Fall – so Viert – waren „die Seekirchner immer sehr Rom treu und haben getan, was sie wollten. Auch Stifte gestiftet ohne römische Erlaubnis.“ Aber jetzt zurück zum Morgen.

1985 die erste Hackschnitzelanlage im Bundesland Salzburg

21_morgen_IMG_510821_michlb_IMG_5086Abt Johannes hat sich Zeit zum Frühstück mit uns genommen. Dort hat er erzählt, was mein Kollege Robert in eine Presseaussendung verpackt hat. Die Abtei war ein Pionier in der Abkehr von fossilem Brennstoff. Biogas wird in der eigenen Landwirtschaft aus Abfällen erzeugt. Photovoltaik gehört auch dazu. „Wir sind eine energie-autonome Abtei. Nicht autark, weil wir einspeisend und manchmal abnehmend am Netz hängen. Wir liefern aber mehr hinaus.“ Diese Abtei packen wir in den Rucksack der Alternativen. Wir machen ein Foto mit den morgendlich Angereisten und wir sind wieder 12. Der Abt zeigt uns noch „den Einstieg“ in die Direttissima durch das Tal und den kommenden Wald nach Berndorf. Unseren spirituellen Start machen wir mit einer Männergruppe rund um Andreas Pumberger von den Kreuzschwestern, die einen Tag gemeinsam unterwegs sein werden. Schön, wenn sich Wege treffen. Das war der schöne anschlußfähige Tagesbeginn.

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