Artikel-Schlagworte: „Pilgern“

Zwölf Frauen und Männer brechen auf. Elf mit dem Zug von Linz. Eine wartet in Spital am Pyhrn, wo wir um 10.30 Uhr am Bahnhof angekommen starten. Keine große Vorstellungsrunde, obwohl wir einander nicht kennen, sondern nur der Hinweis, dass wir mit einem „mentalen Gummiband“ im Gehen verbunden bleiben, also nicht auseinanderfallen. Niemand hat ein Handy oder Smartphone dabei. Das war ausgemacht. Nur zwei kleine alte Fotoapparate werden äußerst sparsam eingesetzt. Ich selber habe davon gar nichts dabei. Magdalena Holztrattner und ich haben diese Idee ausgeschrieben.  Von Innsbruck bis Wien haben sie die Leute angemeldet. Das Bedürfnis nach Offline ist groß. Auch bei mir. Es liegt in der Luft, dass wir nur dann Balance finden, wenn wir uns konsequente Distanz verschaffen (können). Zumindest zeitweise. Vier Tage in unserem Fall. Das ist unser Experiment. Vorweg: Es ist mehr als gelungen.

Der Benediktweg als Basis

Die Route ist schnell geschildert: Von Spital der Aufstieg bis zum Pyhrgas-Gatterl. Dort erwartet uns auf 1.300 m Schnee. Davon wird es am dritten Tag noch mehr geben. Es geht hinunter Richtung Hall. Wir halten oben noch inne: Atmen ist heute unser Grundimpuls. Atmen und schauen, ganz da sein im Hier und Jetzt. Das Wetter ist wunderschön. Beim Abstieg helfen wir einander durch den Schnee. Wir kommen ins Gespräch, in die Gespräche. Im Tal hinaus bis in das Stift Admont, wo wir um 17 Uhr eintreffen, schwingen wir zusammen. Erzählen, einfach zuhören, schweigen, gehen, Rucksack tragen. P. Ulrich vom Stift empfängt uns, führt uns zum Abendessen und gibt uns im „ZeitRaum der Stille“ die Zimmer. Wir gehen noch zum Teich und genau in diesem Moment geht die Sonne unter. Ein unglaubliches Panorama prägt sich ein, in den Kopf und das Herz, weil wir keine Fotos machen. Ausklang im nahen Gasthaus und wir spüren, dass wir schon zusammengehören. Die Abschlussrunde zeigt schon: Offline gehen geht und tut gut. Müde geht es zum Schlaf. Der erste Tag am Benediktweg liegt hinter uns. Er ist unsere „Wegbasis“ bis zum Ziel in der Abtei Seckau.

Auf und ab und ganz zurück

Das gute Frühstück erwartet uns um 7 Uhr. Wir starten mit unserem Einstieg in den Tagesweg in der Stiftskirche mit dem Gedanken „Mehr und Weniger“. Basis dafür sind die Quellen der Kraft, die ich für jede und jeden mitgenommen habe. Als Background für das, wohin wir uns öffnen, wenn wir nicht in den Online-Verstrickungen gefangen sind. Richtung Kaiserau gehen wir dem Bach entlang, der sich über hunderte Stufen ergießt. Wir haben Schweigen vereinbart. Das tut richtig gut. Atmen, schauen, staunen, bewegen, spüren, was es mehr und was es weniger braucht in meinem Leben. Rolf hat Augenprobleme. Er geht zum Arzt und wir sollen ruhig weitergehen. Das „Gummiband“ ist heute besonders gefordert. Es gibt keine Kommunikation außer „zusammenspüren“. In Trieben finden wir uns wieder. Es geht: Wir sind verbunden auch ohne diese technische Hilfestellung. Vielleicht geht uns dieses Vertrauen verloren, dass wir uns nicht verlieren, obwohl wir nicht digital kommunizieren (können). Im Tal geht es ganz nach hinten bis zur Bergerhube, einem Gasthaus und Landwirtschaft, wo wir um 18 Uhr ankommen. Da ist die Welt zu Ende. Ab hier geht nur mehr bergwärts. Das ist morgen. Die Wirtsleute machen uns ein tolles Abendessen, wir haben eine Menge Spaß, singen miteinander und spüren sehr früh: Das Gehen macht müde. Ab ins Bett. Ohne vorher diese vermeintliche Welt digital gecheckt zu haben.

Die spanneste Etappe

Aufwachen. Sonnenschein. Wettermäßig sind wir Glückskinder. Eine kleine Spannung liegt in der Luft. Wie viel Schnee wird am Kettentörl (1.864m) sein und werden wir es schaffen? Magdalena stellt „Vertrauen und Glauben“ als Impuls in die Mitte. Wie passend. Dann gehen wir. Steil bergauf. Etwa 300 Höhenmeter unter dem Törl dann geschlossene Schneedecke. Es geht. Schritt für Schritt. Manchmal breche ich ein. Es wir immer steiler. Die Schritte langsamer. Der Schnee trägt. Nur manchmal ein Einbruch. Überglücklich sind wir alle da und blicken auf der anderen Seite in das weite Tal hinunter auf den Ingering-See, den wir über Schneefelder, auf einem Lawinenausläufer nach zwei Stunden erreichen. Dann eine späte Mittagsrast in der Sonne, neben der Kapelle in der Wiese liegend. Wir genießen. Einzelne gehen ins Wasser. „Sehr erfrischend.“ Dann der weite Weg hinaus nach Gaal über neun Kilometer am Forstweg und Güterweg. Der Asphalt zehrt an den Kräften. Ein Gasthaus baut uns wieder auf. Nochmals eineinhalb Stunden bis zur Abtei. Nach neun Gehstunden kommen wir um 19 Uhr dort an. Zwei von uns haben entschieden, die letzte Strecke mitzufahren und erwarten uns mit den Zimmerschlüsseln. Frater Benedikt und Pater Johannes, der Prior, erwarten uns in der sie auszeichnenden benediktinischen Gastfreundschaft. Alles ist sauber, hat Geschichte. Das erzählen die Stufen. Ein schöner Ort, wie eine Teilnehmerin meinte. Das Abendessen schmeckt uns. Drei Tage gehen. Über 60 km, über 3.000 Höhenmeter.  Die Abschluss

runde machen wir im Gasthaus neben der Abtei. Wir spüren: Alle genießen es, bei jeder und jedem hat „sich was getan“, berührt von der Ge[h]meinschaft, offline tut gut, so wunderbare Gespräche. Wir übernachten, bekommen noch ein schönes Frühstück, eine kurze Führung durch die Abtei, machen eine Abschlussrunde in der neu renovierten Kirche und werden zum Zug nach Knittelfeld gebracht. Der Heimweg beginnt. Noch schöne Gespräche im Zug und nach und nach „verlieren“ wir uns an den Bahnhöfen mit der Erkenntnis: Offline gehen geht! Persönlich bin ich überzeugt, dass gerade diese zeitweise „brutale Distanzierung zur Onlinewelt“ (Originalton) uns helfen kann, die Wahrnehmung und Prioritäten nicht zu verlieren, der Seele und den Beziehungen wieder Raum zu geben, das Spüren, Riechen, Schmecken und lieben nicht zu verlernen. Und das Singen.

Schriftliches Feedback via online von einzelnen TeilnehmerInnen

Reinhard K.:

„Manchmal springt einem ein Wort, ein Begriff beim Lesen von Emails ins Auge und für Sekunden bleibt MANN hängen – so war es auch bei der Ausschreibung zum „Offline-Pilgern“.

Drei wesentliche Gründe ließen mich nicht zweifeln, dass ich da dabei sein will: erstens die Leitung durch Ferdinand Kaineder als erprobter und langjähriger Pilger und Magdalena Holztrattner, zweitens die Landschaft und drittens der Benedikt-Weg mit den Stationen Stift Admont, Bergerhube und Abtei Seckau. Terminlich passte es auch gut in meine Planungen.

Die Erkenntnisse, nach 3 Tagen „Abstinenz“ von der elektronischen Verbundenheit mit der „ganzen Welt“ sind:

  • Ich habe Zeit zum Schauen.
  • Ich werde bei Gesprächen nicht abgelenkt.
  • Ich brauche keine schnellen Antworten und Entscheidungen treffen.
  • Ich bin einfach mehr bei mir.
  • Ich habe Zeit, um Informationstafeln zu lesen und kann die Landschaft intensiver erkunden.
  • Ich werde von der Gruppe bei „Durststrecken „ mitgetragen.
  • Ich nutze die Strecke, um mit vielen (vorher unbekannten Menschen) ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Pilgerreise gibt es nicht nur gute Bekanntschaften, sondern auch die Gewissheit, körperliche Herausforderungen bewältigt und das Ziel erreicht zu haben.“

Karin W.:

„Es geht, wenn man geht, auch OFFLINE. Gewohnheiten unterbrechen, I oder Smartphone´s zu Hause, keine Nachrichten, kein Blick ob wieder eine Botschaft, ein Anruf eingegangen sind, es gilt für alle in unserer 4tägigen Weg-Gemeinschaft. Wieder zurück mit einem Rucksack voller Erinnerungen mit all den besonderen Momenten der Wegerfahrungen. Kein Handyweckruf dafür Liedrufe und Gesänge von Magdalena, die uns in den Wach- und Aufstehmodus begleiten.

4Tage offline und die Idee es öfter zu wagen aus den Gewohnheiten auszusteigen, die geschenkte Zeit nützen um z.B. wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben zu verschicken. Deine Idee vom Offline gehen war gut Ferdinand, offline, aber online in den Begegnungen, den gemeinsamen wunderschönen, manchmal auch mit Mühen verbundenen Tage des Gehens in einer besonderen Landschaft, einem Himmel so blau und die Sonne unsere Wegbegleiterin von früh bis spät.  Das Kettentörl schaffen mit viel Schnee, mühsame Schritte von dir,  um den Weg für alle anderen zu bereiten und immer der Ohrwurm in mir: Geh mit uns, unseren Weg…. Danke fürs offline gehen und fürs online sein mit unseren WeggefährtInnen! OFFLINE gehen, geht!“

Klaus K.:

„Raus aus dem Alltag – rein ins nichts – und doch immer genug.
3 Tage reduziert auf das eigentliche: Das Sein.
Was ist das – das Sein?
Ein Augenblick.
Ein Moment.
Ein Schritt.
Ein Weg.
Mein Körper?
Mein Geist?
Den Körper spüren.
Sich selber durch den Körper spüren.
Alles ist so einzigartig und einmalig.
Respektiere deine Grenzen – stand da auf einmal mitten im Wald…. Ja versuche ich.
Es gelingt nicht immer – aber immer öfter so, dass ich es mir recht machen will, und sonst keinem anderen.
In Dankbarkeit, Geduld und Zufriedenheit bin ich im Jetzt.
Ich bin wieder näher bei mir.
Das möchte ich mir von dieser wunderbaren Reise mitnehmen.
Rein in den Alltag.“

Anna W:

„Offllinegehen ist
– kommunizieren, Gedanken austauschen, Geschichten erzählen und hören, gemeinsame Bilder wahrnehmen und Landschaft im Voll-Frühling genießen – mit den Menschen die DA sind, neben mir und mit mir unterwegs

– selber DA sein wo und wie ich jetzt bin, hören und spüren was gerade in mir ist

– darauf vertrauen, dass ich verbunden bin mit den Lieben daheim und mit der Welt , auch wenn ich keine News, SMS, Whatsapp-Nachrichten oder Telefonate erhalte und führe/sende“

Theresia S:

„Gedanken zum #OfflineGehen: Staunend, schauend, höhrend und fühlend – mit ganzem Herzen im hier und jetzt sein, die wunderschönen Momente einfach in mir aufnehmen, anstatt mit der Digitalkamera Fotos zu machen. Das war eine wertvolle Erfahrung, wenn`s mir, besonders am Beginn, auch schwer gefallen ist. Gemeinsam unterwegs sein, mit lieben Menschen plaudernd, schweigend, lachend, … ohne Ablenkung durch SMS oder WhatsApp- Nachrichten, ohne „muss schnell noch meinen versäumten Anruf beantworten“; das war für mich sehr entspannend. Ich möchte in Zukunft gerne mal einige Tage „offline“ sein und auch andere dazu ermutigen.“

Manuela T.:

„ONLINE sein ist nicht schwer  – zwischendurch mal OFFLINE sein … bereichert aber sehr!
Das ist meine persönliche Erfahrung nach 3 Tagen OFFLINE – Gehen auf mir unbekannten Etappen des Benediktweges in Gemeinschaft einer mir bis dahin unbekannten Gruppe mit 11 weiteren interessierten Frauen und Männern. Ohne Handy und Fotoapparat im Rucksack verspürte ich sehr bald eine Gelassenheit und innere Ruhe, um mich zu orientieren und die vielen Eindrücke mit meinen Sinnen intensiv aufzunehmen, festzuhalten und zu teilen – ohne Ablenkung durch die im Alltag zweifellos nützlichen, aber oft schon unentbehrlich scheinenden Geräte. Eine Motivation für mich, auch in diesem Bereich immer wieder mal inne zu halten und bewusst einfach zu leben. OFFLINE sein ist auch nicht schwer!“

Ich selber sage nur: Danke für die Ohren, die Schritte, die Stimmen, das Singen, das Lachen, das Schweigen, das Mitfühlen und Mitleiden, das Strahlen, die Rücksichten, das gegenseitige Stärken, das Vertrauen, das Mehr und Weniger, das gemeinsame Atmen. Wir waren bei den Quellen der Kraft. Wunderbar, was Offline alles freilegt.

[Danke für die Fotos an Rudi und Reinhard]

Jetzt ist es soweit. Alles ist abgeklärt. Assisi, wir kommen. Schon über längere Zeit wurde ich immer wieder „gedrängt“, doch den Assisiweg (Franzsikusweg) mit einer Gruppe von Weltanschauen zu gehen. Jetzt freue ich mich schon darauf, dass es von 27. Sept bis 7. Okt 2018 soweit ist.

Das Franziskusfest am 4. Okt

Für mich selber wird es, obwohl ich doch schon einige Male in Assisi war, auch eine Premiere geben. Wir werden zu Fuß von Valfabbrica kommend genau am Franziskustag in Assisi ankommen. Das wird wahrscheinlich ein Getümmel sein, aber nach dem Gehen werden wir das nicht nur gut aushalten, sondern offen sein für die Freude, die in der Luft liegen wird. Dann wird noch genügend Zeit sein, diese Friedensstadt der hl. Klara und des hl. Franziskus genauer unter die Füsse zu nehmen. Ich mache es kurz: Hier ist das genaue Programm mit allen Details. Weil heute schon wer aus Regensburg angerufen hat, hier auch die Seite über das Rucksack-Packen.
You are welcome!

PS: Am DO 11. Jänner 2018 um 18 Uhr werde ich in Wien im Quo Vadis meinen Vortrag mit Bildern über meine Lebensweisheiten aus dem Weitgehen und Pilgern halten: „Pilgern befreit“.

Morgen geht es los. Nein: Wir gehen los. Nochmals nein: Zuerst fahren wir mit dem Zug nach Budapest, dann mit dem Nachtzug nach Rumänien. Wir bleiben gut ökologisch am Boden, nehmen uns die Zeit, die unserer Seele zusteht. Von Targu Mures brechen wir zu Fuß  am Marienweg Richtung Osten auf. Eine Reise bewegt schon vor dem Start. Jeder Aufbruch hat eine Bewegung in sich. Ich spüre keine Nervosität, sondern ein feines achtsames Aufgeregt-Sein. Wer sind die 25 Frauen und Männer, die mitgehen? Wie wird uns das Land, die Menschen begegnen? Es waren diese Wochen des Gehens und Pilgerns bisher für mich immer nährende Zeiten. Dieses Gehen ist immer geprägt von einem wertschätzenden Umgang, einem Hineinspüren ins tiefe Leben, Gespräche und Rituale aus dem Weg und Unterwegs-Sein heraus und eine fein wachsende Zusammengehörigkeit. Immer achte ich darauf, dass dieses Band der im Gehen wachsenden Energie nicht auseinander reißt. Ziehen und gezogen werden im Auf und Ab des Weges finden eine Balance, die es vielen, allen leichter macht, loszulassen. Das Ich geht langsam, behutsam in das Wir hinein und wird, ist „befreit“. „Du schaffst es“ wird ergänzt durch „Wir schaffen es“.

Herausgerissen

In diese Atmosphäre des Aufbruchs hat sich gestern ein ganz anderer „Aufbruch“ gemischt. Derzeit reißt das Innenministerium nach vielen Jahren des Hier-Seins Flüchtlingsfamilien heraus. In Walding wurde eine armenische Mutter mit zwei Kindern „abgeholt“, zum Aufbruch gezwungen, deren Mann und Vater hier begraben ist. Gott sei Dank ging diese „Geschichte“ durch alle Medien, eine Welle der Solidarität und des Protestes erfüllte das Land. Gestern abends sind sie wieder nach Walding zurückgekehrt. Immer mehr solche „Fälle“ (es sind doch Menschen) werden in diesen Tagen bekannt. Es ist so schändlich, wenn jemand in so einer Situation, wo sie sich „eingewurzelt“ haben, zum Loslassen gezwungen wird. Dass derzeit die VP mit christlichen Wurzeln dieses „Treiben“ von der FP übernommen hat, ist aus meiner Sicht einfach schändlich. Machtgewinn auf Spaltung und Ausgrenzung aufbauen, ist für einen gerechten und solidarischen Staat hochgradiges Gift. Das sollten alle Österreicherinnen und Österreicher bei ihrem Aufbruch in die Wahlzelle überlegen: Mauern oder Brücken. Bei der Pfarrkirche in Ottensheim habe ich dieser Tage diesen Stein (siehe Foto) entdeckt. Zwei Daseinsweisen sind hier dargestellt: Eine Kugel ist eingesperrt und die andere zum Fliegen bereit. Jeder Aufbruch bewegt und durch das Loslassen setzen wir zum Fliegen an, sind wir befreit. Gerade wenn wir diese geflüchteten und gut integrierten Menschen von ihrem „Kerker daheim“ befreien, ihnen hier bei uns weiterhin Sicherheit geben, können sie mit uns Flügel ansetzen.

Ganz wenig geht

Zurück zum Rucksack, zum Aufbruch morgen. Jeder Aufbruch ist auch eine Bewegung in Richtung Weniger. Wer schon einmal vor seinem Rucksack gestanden ist, versteht die Frage besser: Wie geht Reduktion? Jedes Zuviel ist Ballast. Auch diese Bewegung in Richtung Weniger ist der tiefe Prozess des Loslassens. Im Endeffekt geht es darum, Gewohnheiten zu hinterfragen auf „Bewegungstauglichkeit“. Gerne erinnere ich mich noch daran, dass ein Jugendlicher vor „Jahrzehnten“ beim Aufstieg auf den Lasörling am Lasörling-Höhenweg in Osttirol auf dem Schneefeld gestürzt ist. Nichts passiert. Aber: Nach dem Sturz hat es aus dem Rucksack getropft. Wir mussten nachschauen, was da drinnen kaputt gegangen ist. Dem 14-jährigen Jugendlichen war es peinlich. Wir öffnen: 10 Jogurellabecher drinnen und einer ist geplatzt. Weiters ein Fön, alle möglichen Tuben. „Ich habe mir das eh gedacht, das  ich das alles nicht brauche“, stöhnte der Jugendliche. Es war einfach zu viel. Auch heute nicht einfach, wenn die ganze Gesellschaft schreit: mehr, größer, neuer. Der Rucksack lehrt mich immer wieder, dass es auch mit ganz wenig geht. Ballast abwerfen, zu Fuß in Bewegung kommen und gemeinsam „aufdanken„. Das machen wir. Von hier bis Rumänien und wieder zurück.

Das Pilgern hat es auch zum Tag geschafft. Der 25. Juli ist dem „Gehen im Angesichte Gottes“ zugewiesen. Wir denken heute an den älteren Jakobus und damit automatisch an den Jakobsweg. Wie oft wurde ich gefragt: „Du bist doch auch den Jakobsweg gegangen?“ Immer musste ich verneinen. Teils vehement. Nein, es war der Franziskusweg nach Assisi. „Ah, ist das nicht dasselbe?“, war sicher die Nachfrage. Für solche Leute habe ich es dabei belassen. Sie haben ohnehin eher das weite Gehen vor Augen gehabt, das mich persönlich bisher geprägt hat. 28 Tage von Bregenz nach Rust. Alleine. Weitgehen ist heilsam war die Erfahrung 2004. 54 Tage von der Haustür im Mühlviertel nach Assisi. Davon 40 Tage alleine. 14 Tage zusammen mit meiner Frau. „Ist pilgern alleine oder mit anderen zusammen besser?“, war bei meinen Vorträgen die meist gestellte Frage. „Besser, schlechter verlierst du beim Gehen. Es ist einfach anders“, war meine Antwort. Eine schwere seelische Kränkung habe ich 2009 „ausgegangen“. Dafür bin ich heute noch dankbar. Dann: 26 Tage von der Haustüre nach Thüringen ins Kloster Volkenroda. Alleine. Im März und April teilweise im Schnee. 2011 war ich beruflich falsch abgebogen. Am Weg 2012 wurde ich in meine heutige Aufgabe bei den Orden nach Wien gerufen. Wien war zwar nie mein Ziel, aber ich bin dort angekommen. Ich wollte auch beim Pilgern nach Wittenberg und angekommen bin ich in Volkenroda. Die Via Porta hat mich „verführt“. Das Gehen hat viel gelöst – bei mir. Und dass ich dann im November 2015 als Klimapilger 22 Tage von Wien bis Salzburg gegangen war, war sicher im „gemeinsamen Gehen, Pilgern mit einer starken Intention“ (Weltklimagipfel in Paris) verknüpft. Eine eigene Erfahrung, jeden Tag mit anderen Leuten unterwegs zu sein. Es hat mich fast überfordert.

Pilgerpfade

Unsere Pilgerungen „hinüber auf den Pöstlingberg“ seit unserer Kindheit kommen hoch. Einige Pilgereien nach Mariazell und die vielen Bergwochen haben mir erahnen lassen, wie es wäre, „wenn es einmal weit ginge“. Andere Pilgerziele wie Maria Taferl, der Benediktweg oder der Marienweg im Pinzgau fallen mir noch ein. Es waren spontane Erfahrungen. Dass ich bei einigen Pilgerpfaden mitwirken durfte, macht mich heute noch glücklich: Pilgerpfad entlang der Sakramente in Unterweißenbach, Johannesweg oder Barbaraweg in der Slowakei. Natürlich waren prägend auch die Begegnungen mit den Jerusalempilgern und anderen Menschen, „die die gehenden Seelenschwingungen mittragen“. Und wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder an Stefan Ernst, der gerade jetzt etwa 5 Monate von der Haustüre hier im Bergdorf 5.500 km zum Nordkap unterwegs ist. Im September ist er dort. Wenn ich seine Emails an Freunde (da darf ich auch dabei sein) lese, bricht meine Seele innerlich auf und sagt: „Es wird im Gehen gelöst“, „Das Leben kommt mir entgegen“ und „Im Gehen ist Jetzt“. Der Welt-Pilgertag möge viele Menschen daran erinnern, beitragen, dass Menschen sehen, erleben, spüren und sich darauf einlassen: Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele.

Stuhlfelden

„Mogst mitfoan?“ „Na, i geh eh gern.“ Gleich nach dem Start in Stuhlfelden bleibt beim langen stetigen Anstieg über etwa 1.000 Höhenmeter auf die Bürglhütte (1.700m) ein voller Jeep mit vielen Faire Milch Pickerl drauf stehen. Es ist eine Versuchung, weil die Nachmittagssonne „brennt“ und der Weg weit ist. Aber Pilgern heißt für mich gehen. Und außerdem bin ich ohnehin 4 1/2 Stunden im Zug vom Bergdorf und Linz her gesessen. Ich erlebe es immer als besondere Lebensqualität mit Chauffeur zu fahren. Da gehe ich dann wirklich gerne. Auch wenn es schon später ist. Mein Tagesziel ist Lengau im Hinterglemmtal. In 2 1/2  Stunden bin ich auf der Hütte im Tal „hinten“, wie mir ein Bauer den Standort charakterisierte. Ich bleibe eine halbe Stunde sitzen, trinke etwas und schaue dem Treiben der Kinder und Familien zu, die mit dem Auto hierher gekommen sind.

Bürglhütte

Und Wanderer kommen an, um hier zu übernachten. Ich breche wieder auf, um hinüber zu kommen. Es geht nochmals mehr als zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Murnauer-Scharte (1.959m). Dort zeigten zwar die Schilder in alle möglichen Richtungen, aber ich war mir sicher: Da unten liegt mein Tal, auch wenn mir das Schild etwas anderes sagen will. Der Abstieg ist zuerst etwas steil, aber nie gefährlich. Dann gehe ich hinaus durch den Vogelalmgraben. Zwei Ehepaare haben mich auf ihrer Hütte auf der Grundlalm noch auf ein Getränk eingeladen. Es war so eine Begegnung aus heiterem Himmel. Solche mag ich sehr gerne. Es ist bald 21.00 Uhr und ich finde im Jugendgästehaus Vorderlengau sofort Aufnahme. Unangemeldet. Sehr zuvorkommend. Kurz vor 22 Uhr beginnt es zu regnen. Gut angekommen. Etwa 1.300 Höhenmeter hinauf und 800 hinunter. Es war ein guter Tag.

Hinüber und wieder hinüber

Vorderlengau

Der Blick aus dem Fenster heißt heute nichts Erfreuliches. Pilgern ist das ganze Leben, auch das mit den Schattenseiten. Und so wird es heute. Der Regen – bislang in starker Form – begleiten mich zumindest hinaus durch Hinterglemm nach Saalbach. Die Gedanken sind mehr bei mir selber als in der Umgebung. Der Regen weicht auf, er macht liquid, er lässt fließen. Das spürst du dann an manchen Stellen bis tief hinein. Es begegnet dir das „angeregnete Leben“. Und der Regen gehört auf einmal zu dir. Das erleichtert das Gehen ungemein, wenn der Regen einfach dazugehören darf, heute. Um die Mittagszeit klart es etwas auf, aber richtig trocken wird es erst hinein nach Hochfilzen. „Musst halt schauen, dass du hinüber und drüben auch hinüber kommst“, meinte ein gut aufgelegter Passant, der in der Bushaltestelle wartet. Der Aufstieg zum

Magnesitbahn

Spielberghaus (1.319m) geht leicht und vor dort geht es hinunter Richtung Fieberbrunn vorbei am „Magnesitberg“, wo noch die Fördergondeln über einem schweben. Heute stehen sie still. In einem leichten Bogen geht es in der Talsohle (860m) hinüber nach Hochfilzen (972m), dem Biathlon-Hotspot in Österreich. Die Kirche hat eine besondere Weihnachtskrippe auf Lager. Die Erfahrung des „fairHotel“ habe ich mir nicht entgehen lassen. Es ist das erste „Passivhaushotel“ in Tirol, aus Holz gebaut. Heute  bin ich einmal herüben. In Tirol. Etwa sechs Gehstunden.

Das Ziel erst am Ziel vor Augen

Vorderkaserklamm

Das Frühstück war wie das Haus aus der Region. Wunderbar gestärkt geht es Richtung Römersattel (1.202m). Es ist und bleibt trocken. Über eine Stunde führt der Weg durch den Truppenübungsplatz, vorbei am Biathlon-Stadion. „Tragtiergehege“ stand auf einem Schild und ich hatte dazu noch kein Bild. Erst als ich eine ganze Menge Haflinger und dazu noch Esel vor die Augen bekomme, leuchtete es mir ein. Pferde und Esel im militärischen Einsatz. Morgen werden etwa 20 Haflinger genau den Weg nach Maria Kirchental zur Perdewallfahrt gehen, den ich heute gehe. Das erzählt mir der Standler am Ziel. Vorher geht es nach dem unspektakulären Aufstieg zum Römersattel allerdings 550 Höhenmeter die  Vorderkaserklamm hinunter zur Naturbadeanlage Vorderkaser. Ich habe aus Neugierde das rechte Ufer genommen und musste die Schuhe ausziehen,

Überquerung

Maria Kirchental

um durch das erfrischende Wasser wieder auf die „richtige“ Seite zu kommen. Es tut einfach gut, einmal vom Weg abzukommen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen. Auf dem Radweg geht es etwa eine Stunde hinunter nach St. Martin und von dort hinauf nach Maria Kirchental, mein Ziel. Ich war schon mehrmals da, auch zu Fuß von der anderen Seite, dem Wechsel. Du siehst die Kirche und das Ensemble erst im allerletzten Moment. Aber dann bin ich wieder einmal überwältigt. Die Bergkulisse und mitten drinnen dieses Juwel der Kirche und des Hauses der Besinnung. In der Kirche spielt eine Harfe. Danke. Angekommen nach drei Tagen. Heute etwa sechs Stunden gehen. „Eine Schale möchte ich sein“ war diese drei Tage am Pinzgauer Marienweg mein innerer Gedanke. Dankbar für das, was bisher war und dankbar offen für das, was in meinem Leben kommen wird. Und heute ist nach dem Abstieg zum Bus und Zug noch etwas ganz Besonderes gekommen.

Extra umgedreht

St. Martin bei Lofer

Die Heimfahrt mit Bus und Zug war im ÖBB-Scotty so ausgewiesen: 17.48 St. Martin bei Lofer, 19.15 Zell am See, 21.08 Salzburg und Ankunft im Bergdorf mit dem Bus um 23.25 Uhr. Ich warte bei der Haltestelle,  aber der Bus um 17.48 in St. Martin ist nicht gekommen. Was tun? Der Daumen für das Autostoppen funktioniert noch. Nur: Dort fahren die Autos schnell vorbei. Nach zehn Minuten wendet allerdings von der Gegenfahrbahn ein Auto auf meine Seite und lässt mich einsteigen. „Ich konnte nicht so schnell bremsen und habe deshalb umgekehrt.“ Rucksack rein und ab geht es Richtung Saalfelden, weil Paul Lang unterwegs ist nach Leogang mit seinem Mountainbike im Auto. Wir plaudern über unser Leben, unsere Aktivitäten und Hobbys und unsere Berufe. Er hat einen Meisterbetrieb für Radsport in Ebersberg in Bayern und fährt ins Mekka der Mountainbiker nach Leogang-Saalbach. Ich bestätige ihm, dass ich viele Radfahrer und auch Radfahrerinnen gesehen habe. Wieder eine Bremsung. Am Autorand steht ein Wanderer. Junger Mann, der etwa fünf Kilometer zurück zu seinem Auto muss. Paul nimmt auch ihn mit. Ich schaue am Scotty, ob mein Zug in Saalfelden ist. Ja. Paul bringt mich zum Bahnhof, wünscht mir eine gute Heimreise und ich ihm einen wunderbaren Sporttag mit seinen Freunden, die schon in Leogang sind. Wir tauschen noch schnell unsere Visitenkarten aus (deshalb die Links). Solche unkomplizierte und mitnehmende Menschen kann ich einfach nicht vergessen. War es vor drei Tagen noch anders, so war ich um die Frage heute froh: „Mogst mitfoan?“ „Ja bitte.“ #Danke.

Gestern hat mich in Linz vor der Uraufführung der Passion von Peter Androsch auf der Straße ein Mann angesprochen, „wo es im Sommer wieder hin-geht.“ Er sieht mich immer gehend, pilgernd, unterwegs – hat er gemeint. Gut, ich habe es verraten, was ohnehin bei Weltanschauen oder in Welt der Frau unter dem Titel „Einfach Pilgern in der Natur Siebenbürgens“ nachzulesen ist. Es geht nach Rumänien. DO 24. August bis SA 2. September. Er hat auch gleich begeistert davon erzählt, dass er weiß und schätzt, dass die Reisen ökologisch ablaufen. „Also fahren sie mit dem Zug.“ „Ja“. Ich empfinde es immer als besondere Wertschätzung, dass ich mit dem Thema Gehen und Pilgern in Verbindung gebracht werde. Er war aber weiter neugierig: „Und wie weit geht ihr da so am Tag?“. Ich: „23, 25, 26, 22 oder auch einmal 27 km am Tag.“ „Ist das nicht viel?“ „Nein, das ist nicht weit. Wir haben ja einen ganzen Tag Zeit. Und wer gehend unterwegs ist, dem genügt das Gehen, das Schauen, Staunen, die Selbstwahrnehmung, das Atmen, die Last spüren und vor allem: das Gemeinsame, die Gespräche. Diese tragende, ziehende und schiebende Wirkung der Gemeinschaft unterschätzen viele.“

Es geht dahin

Ich kann mich noch gut erinnern an unser Pilgern und Gehen auf der Via Porta. Es hat geregnet, die Tagesstrecke war annähernd 25 km. Am späten Nachmittag kurz vor dem Ziel hat eine Frau zu mir gemeint: „Unglaublich, es geht einfach dahin.“ Die Sonne ist wieder herausgekommen. Alle haben es geschafft, waren ein wenig geschafft aber irgendwie glücklich. Das Abendessen hat geschmeckt und nächsten Tag hat wer beim Frühstück gemeint: „Seit langem habe ich wieder einmal geschlafen wir ein Murmeltier.“ Das sind aus meiner Sicht jene Momente, wo sich anstrengen lohnt. Aber das Dahingehen ist ja nicht wirklich anstrengend, weil es ja einfach dahingeht. Aber wie ist das konkret? Auch ganz einfach. Wenn der Weg länger ist, dann starten wir mit dem Frühstück um 7 Uhr, 8 Uhr Abgang. Das sind vier Stunden am Vormittag. Mittagspause. Herunterkommen. In die Wiese legen. Nicht viel essen, weil es sonst nicht so leicht weitergeht. Und nachmittags wieder vier Stunden. So legen wir ca. 25 km zurück und sind gegen 17 Uhr spätestens am Ziel. Gut duschen, gut essen, Begegnungen und – auch das geht fast von alleine – bald schlafen gehen. Bis jetzt habe ich es immer so erlebt, dass genau dieser Rhythmus mit dieser „Anstrengung“ über 7 Tage wirklich heilsam ist. Für Rumänien bin ich mir wieder sicher: Es geht einfach dahin.

Anmeldung bei Weltanschauen

 

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

Die letzte Annäherung an Assisi in den letzen Tagen war eine ganz besondere für meine Frau und mich. Ein Kamerateam von „Feierabend“ hat uns begleitet. Nach fast vier Jahren gehen wir den „Cammino Assisi“ von Dovadola südlich von Forli. La Verna hat uns mit einer ganz besonderen Witterung aufgewartet. Schneefall, Nebel, Wind und Regen in Hülle und Fülle. Genau diese Stimmung lässt uns den besonderen Ort des hl. Franziskus auf ganz neue Weise erleben.

Baue an der Baustelle Kirche

Bruder ThomasWieder einmal hat uns Bruder Thomas vom Convento in der Basilika von Assisi eine „Privatführung“ durch die berühmten Fresken gemacht. Es ist immer wieder beeindruckend, wie er es versteht, „hinter die Bilder zu schauen und die (theologischen) Ideen des Künstlers offen zu legen“. Er erklärt uns die drei Darstellung übereinander, die von oben herab vom Künstler so konzipiert worden sind. Das oberste Bild zeigt die Erschaffung des Menschen. Gott hat nicht das Gesicht eines Mannes, sondern das Gesicht Christi. Darunter ist Abraham in seinem Gehorsam Gott gegenüber dargestellt. Das große Bild unten zeigt Franziskus, wie er in der Kapelle von San Damiano Gott auf Augenhöhe begegnet. Nach der Begegnung mit den Aussätzigen geht er nach San Damiano und hört vom Kreuz her die Stimme: „Baue meine Kirche wieder auf“. Das Gesicht des Franziskus und das Kreuz begegnen einander auf Augenhöhe. Franziskus ist zuerst den Ärmsten in den Aussätzigen und Bettlern begegnet, hat sich ganz für sie geöffnet und in dieser Haltung der Offenheit für die Armen und die Armut spricht Gott zu ihm auf der „Baustelle Kirche“. Franziskus wird klar: Gott spricht mit ihm von den Armen her und die Kirche ist eine Baustelle, die seinen Beitrag braucht. So beginnt die Erneuerung. Er bringt seine tiefe Berufung zur Armut in die Baustelle Kirche ein.

Das Gesicht der Armen ist das Gesicht Gottes
Fresko: Baue meine Kirche aufHeute lese ich, dass der neue Papst Franziskus am Gründonnerstag den Petersdom verlässt und im Gefängnis das letzte Abendmahl feiert und Gefangenen die Füsse wäscht. Ich empfinde eine tiefe innere Freude darüber. Der Papst bleibt nicht in der „Groß-Kirche“, sondern geht hin zu den Armen, Gefangenen, Kranken usw, denen das Evangelium Jesu gilt: Ihr sollt befreit werden, weil uns in euch Gott anschaut. Das ist das Sakrament, das Zeichen für die Nähe Gottes. Wer diesen grundsätzlichen „Gedanken- und Glaubensgang“ nicht verstanden hat oder verstehen will, der wird sich mit diesem Pontifikat schwer tun. Das ist ganz und gar franziskansich. Möge hier Franziskus in Franziskus „durchschlagen“. Gerade der Vatikan braucht das dringend. Wie damals bei Franziskus. In Assisi haben wir gehört, dass für die liturgischen Dienste Franziskaner gerufen wurden. Wir haben auch gehört, dass die Schweizer Garde ziemlich nervös und verstört ist, „weil dieser Papst aus ihrer Sicht tut, was er will“. Da muss auch einiges in Bewegung kommen. Darin darf er nicht müde werden, auf seine innere Stimme zu hören.

Assisi-Pilger werden mehr
PortiunkulaHeute haben mich aus Innsbruck und aus Gmunden Pilger angerufen, die zu Fuß nach Assisi gehen werden. Sie wollten einige Ratschläge von mir einholen. Es gibt da eine Wegstrecke, die nicht nur mir damals etwas Angst gemacht hat, die Po-Ebene. Wie komme ich da von den Alpen „hinüber“ zum Apennin? Solche Gespräche und Anfragen mache ich gerne und ich freue mich mit jedem und jeder, der oder die sich öffnet für das Geschenk des weiten Gehens und Pilgerns. Ich selber bin gespannt, wie „Regie, Kamera und Ton“ unser Gehen nach Assisi über den Apennin  eingefangen haben.
Am Ostersonntag nach der ZIB wird das beim „Feierabend“ zu sehen sein.
Wir sind auch schon gespannt.
Auf den Spuren von Franziskus ist die Chance, das Leben zu treffen, wirklich sehr groß. Auch für einen Papst.

 

 

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