{"id":10490,"date":"2021-12-23T14:45:45","date_gmt":"2021-12-23T13:45:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/?p=10490"},"modified":"2021-12-23T14:52:00","modified_gmt":"2021-12-23T13:52:00","slug":"der-krisenmodus-lehrt-uns-das-hinhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/der-krisenmodus-lehrt-uns-das-hinhoeren\/","title":{"rendered":"Der Krisenmodus lehrt uns das genaue Hinh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-10492\" src=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-300x225.jpg\" alt=\"aufw\u00e4rts\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015-750x563.jpg 750w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/2021-12-19-weihnachten-015.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Otto Friedrich von der <a href=\"https:\/\/www.furche.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wochenzeitung Die Furche<\/a> stellt drei Mikrofone auf den Tisch, eine Fotografin ist auf der Suche nach Perspektiven und die Tontechnikerin lauscht mit Kopfh\u00f6rern. Unser Gespr\u00e4ch in den R\u00e4umlichkeiten der <a href=\"https:\/\/www.kaoe.at\/pages\/kaoe\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#kaoe in der Spiegelgasse<\/a> soll \u00fcber Gott und die Welt gehen, gelandet sind wir in einer feinsinnigen Wahrnehmung und Einsch\u00e4tzung von Gesellschaft und Kirche im Krisenmodus. Das Hinh\u00f6ren wird uns gut tun und mithelfen, dass wir die Zukunft gemeinsam neu aufstellen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Interview ist in der Furche-Ausgabe vom 23.12.2021 erschienen und\u00a0online frei zug\u00e4nglich unter <a href=\"http:\/\/www.furche.at\/religion\/gesellschaft-und-kirche-im-krisenmodus-7463181\">www.furche.at\/religion\/gesellschaft-und-kirche-im-krisenmodus-7463181<\/a>:<\/p>\n<p>Im Herbst wurde Ferdinand Kaineder zum Pr\u00e4sidenten der Katholischen Aktion \u00d6sterreich gew\u00e4hlt. Der langj\u00e4hrige kirchliche Organisations- und Kommunikationsprofi aus Ober\u00f6sterreich \u00fcbernimmt die Leitung der gr\u00f6\u00dften katholischen Laienorganisation in einer f\u00fcr Gesellschaft wie Kirche in allen Wortbedeutungen \u201espannenden\u201c Zeit. Bereits seit 2020 steht die Tirolerin Angelika Ritter-Grepl der Katholischen Frauenbewegung \u00d6sterreichs vor, der gr\u00f6\u00dften Frauenorganisation des Landes. Ein Interview von Otto Friedrich.<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Wir leben in einer sehr spannungsgeladenen Zeit. In Wien und anderen St\u00e4dten finden regelm\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Demonstrationen gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen statt. Ist das eine gef\u00e4hrliche Situation?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Angelika Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Sie ist sehr bedenklich. Wir sind in \u00d6sterreich demokratiepolitisch schon gefestigt, aber dieses Gesicht von Demokratie, das lauthals protestiert, aus einer Minderheitenmeinung heraus, und so den Zusammenhalt in der Gesellschaft gef\u00e4hrdet, ist etwas Neues.<\/p>\n<p><b>Ferdinand Kaineder:<\/b>\u00a0Ich denke ans Buch von Byung-Chul Han, \u201eDie Austreibung des Anderen\u201c, wo es hei\u00dft, jedes Fremde, alles Andere wird ausgetrieben und hinmodelliert auf das immer Gleiche. Die letzten Jahrzehnte waren dem ausgeliefert. Gleichzeitig bringt die digitale Entwicklung etwas hervor, was immer schon geschlummert hat. Ich finde das nicht demokratiegef\u00e4hrdend, hoffe sogar, dass es demokratiest\u00e4rkend ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Was ist anders gegen\u00fcber fr\u00fcheren Protestbewegungen? Auch in der Bewegung gegen AKWs oder gegen die Fl\u00fcchtlingspolitik hat eine Minderheit gegen die Mehrheit protestiert.<\/i><\/b><br \/>\n<b>Kaineder:<\/b>\u00a0So viel anders ist es nicht. Was in den letzten Jahren gewachsen ist, ist eine unglaubliche Selbstbezogenheit. Es wird die Freiheit individuell f\u00fcr sich selbst bedacht. Jetzt verb\u00fcnden sich Einzelpersonen, die sagen: Es geht allein um mich. Das sollte zu gro\u00dfer Nachdenklichkeit f\u00fchren. Denn das Zusammenleben in der Gesellschaft braucht das Verbindende. Freiheit k\u00f6nnen wir nur alle miteinander schaffen und nicht nur als Individuen.<\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Eine gro\u00dfe Polarisierung ist entstanden zwischen der Mehrheit der \u00d6sterreicher(innen), die impfpositiv eingestellt ist und ihre ethische Verpflichtung gegen\u00fcber der Gesellschaft wahrnimmt, und der Minderheit, die sich dem verweigert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Unmittelbar vor der Pandemie gab es die gro\u00dfen Klimademonstrationen.<\/i><br \/>\nKaineder:\u00a0<\/b>Bei den Klimademonstrationen ging es um diese Erde, auf der wir leben und auf die wir achten m\u00fcssen. Da ist ein unglaubliches Bewusstsein daf\u00fcr entstanden, dass das unsere gemeinsame Anstrengung sein muss. Neu ist jetzt, dass da etwas Unsichtbares ist \u2013 das Virus, welches vieles in Frage stellt, was wir f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich gehalten haben. Ich glaube, dass\u00a0<a href=\"https:\/\/www.furche.at\/gesellschaft\/gemeinwohl-in-der-pandemie-dringender-denn-je-7235992\">die globale Liberalisierung aller Bereiche durch die Pandemie massiv hinterfragt ist.<\/a><\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Was anders ist, ist auch die Vereinfachung. Die \u00f6kologischen Fragen sind sehr komplex, die L\u00f6sungsans\u00e4tze brauchen unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft. Dagegen scheint die Impfgegner(innen)schaft in der Pandemie nur ein einziges Thema zu sein. Menschen, die in der Pandemie zur\u00fcckgelassen wurden, finden da einen Angriffspunkt und k\u00f6nnen sich nun artikulieren \u00fcber diese scheinbar einfache Frage: Impfen \u2013 Ja oder Nein?<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Was ist da jetzt zu tun?<\/i><br \/>\nKaineder:<\/b>\u00a0Es gibt kein Patentrezept. In dieser Gereiztheit w\u00fcrde ich Besinnung in die Stille hinein vorschlagen, \u00f6fters auch das Schweigen zu praktizieren. Es geht einmal darum, innezuhalten, zu stoppen, nicht einander Vorhaltungen zu machen, sondern hinzuh\u00f6ren. Die Kernfrage ist: Wie k\u00f6nnen wir gemeinsam aus dieser Bedrohung durch das Virus herauskommen? Also nicht noch mehr Aktivit\u00e4ten, sondern zur Ruhe kommen?<\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>F\u00fcr mich gibt es zwei M\u00f6glichkeiten, zu agieren: Das eine ist auf der pers\u00f6nlichen Ebene, wo ich die Katholische Frauenbewegung als sehr stark erlebe. Wir leben von Begegnungen, gerade in der Pandemie waren es die katholischen Frauen, die in ihrer Nachbarschaft, in ihren Pfarren Begegnungen zwischen den Menschen aufrechterhalten haben. Ich bin mir aber bewusst, dass pers\u00f6nliche Begegnung zu wenig ist. Da habe ich den Anspruch an den Staat, dass mehr investiert wird in ein positives Zugehen auf die Impfbereitschaft. Das vermisse ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Zur Ruhe kommen, mag richtig sein. Aber ist in der Pandemiebek\u00e4mpfung nicht gerade rasches Agieren notwendig? Man darf keine Zeit verlieren, um etwa auf die Omikron-Mutation zu reagieren.<\/i><br \/>\nKaineder:\u00a0<\/b>Das Angebot der Wissenschaft soll nicht zur Ruhe kommen. Ich sehe die Wissenschaft als eine Gabe Gottes an uns Menschen. Ich verstehe nicht, warum das jemand nicht annehmen will. Was ich meine, ist die Gereiztheit, die Vielfalt an Botschaften, die in den Echokammern herumschwirren. Auch die Geschwindigkeit, mit der man Fake-News verbreiten kann: Da w\u00e4re ein St\u00fcck Geschwindigkeit herauszunehmen. Wir sollten ganz klar benennen, wer diesen Prozess treibt und wer etwas von diesem Durcheinander hat. Ich finde es \u00e4u\u00dferst bedenklich, dass eine im Parlament vertretene Partei gegen das, was uns Wissenschafter und Wissenschafterinnen empfehlen, agitiert.<\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Wir befinden uns in einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zeit. Wir erleben eine Pandemie in unserer Generation ja zum ersten Mal und haben keine fertigen L\u00f6sungen. Und die L\u00f6sungen, die erarbeitet werden, sind voller Spannungen. Die Frage ist: Wie gelingt es uns, positiv damit umzugehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Wie beurteilen Sie die Performance der Kirche dabei?<\/i><br \/>\nRitter-Grepl:\u00a0<\/b>Die Kirche hat sich sehr bem\u00fcht, in einer Situation, in der niemand Antworten hat, weiter an den Menschen zu bleiben. Nat\u00fcrlich besteht die Kirche aus unterschiedlichen Ebenen; da kann man drauf schauen, wem dies besser und wem es schlechter gelungen ist. Da komme ich wieder auf die lokale Ebene der Katholischen Frauenbewegung, wo ganz viele Frauen in ihrer Umgebung Menschen mitgenommen haben, die Pandemie besser zu bew\u00e4ltigen. Manchmal hat sich die Kirche versteckt, aber sie hat daraus gelernt. Wenn die Pandemie einmal zu Ende sein wird, wird das gesellschaftliche Leben inklusive der Kirche anders sein.<\/p>\n<p><b>Kaineder:\u00a0<\/b>Ich habe die Kirche am Anfang der Pandemie in Schockstarre erlebt. Einige Priester waren da in einer Art Fluchtreflex auch verschwunden. Es gab aber viele Frauen und M\u00e4nner, die dann wieder angekn\u00fcpft haben. Ich erinnere mich an eine Frauengruppe einer Pfarre in Ober\u00f6sterreich, die an alle Mitglieder ihrer Gruppe einen Brief geschrieben hat, weil sich niemand um diese gek\u00fcmmert hat. Allm\u00e4hlich lernt man in der Kirche, dass auch das digitale Zusammensein seinen Wert hat. Es gibt aber eine ganz gro\u00dfe Sehnsucht, physisch beisammen zu sein. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Krux \u2013 weil die Kirche ein gemeinschaftliches Unternehmen ist. Da war es schon sehr irritierend, wenn man lange Zeit nicht in einer \u201ehaptischen\u201c Form leben konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>In den ersten Pandemie-Monaten gab es die Feststellung, Kirche sei nicht systemrelevant. Systemrelevant waren dagegen die Spit\u00e4ler oder die Menschen, die das t\u00e4gliche Leben organisiert haben.<\/i><br \/>\nRitter-Grepl:\u00a0<\/b>Da widerspreche ich. Gerade in der Zeit waren die Kirchen nicht leer. Ich habe immer wieder Menschen getroffen, die die Kirchen als spirituellen Kraftort gebraucht haben. Nat\u00fcrlich ist das eine andere Situation, als wenn wir \u00fcber die Systemrelevanz der Organisation Kirche reden. Aber auch das Zurverf\u00fcgungstellung der Kirchen ist systemrelevant.<\/p>\n<p><b>Kaineder:\u00a0<\/b>Ich sehe das nicht nur von den R\u00e4umen her, sondern vor allem von den Menschen. Das mit der Systemrelevanz war eine schr\u00e4ge Diskussion: Es ist alles relevant, was den Menschen wieder aufrichtet. Wenn ich an Jesus denke, dann war ihm die Begegnung mit und das Aufrichten von Menschen wichtig. Wo Menschen in diesem Sinn Kirche bilden, ist sie auf jeden Fall systemrelevant. Wo Kirche mit sich selber besch\u00e4ftigt ist, dort kann man sich die Frage stellen, ob dies f\u00fcr das System notwendig ist. Wenn man die Kirche als Gemeinschaft der Getauften versteht, ist sie eine Hilfe, damit die Menschen aufrecht durch die Welt gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #808080;\">Neu ist jetzt, dass da etwas Unsichtbares ist \u2013 das Virus, welches vieles in Frage stellt. Ich glaube, dass die globale Liberalisierung aller Bereiche durch die Pandemie massiv hinterfragt ist.<br \/>\n<\/span><span style=\"color: #808080;\"><b>Ferdinand Kaineder<\/b><\/span><\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Die katholische Kirche hat schon rosigere Zeiten erlebt. Die Missbrauchsskandale \u2013 weswegen es ja auch die synodalen Wege gibt \u2013 sind nicht in der Pandemie entstanden, und es gibt einen Reformstau. Kann aber eine Organisation, die sich darob mit sich selbst besch\u00e4ftigen muss, in der Pandemie-Situation \u00fcberhaupt agieren?<\/i><br \/>\nKaineder:<\/b>\u00a0Eine Kirche, die sich mit sich selbst besch\u00e4ftigt, ist zum Scheitern verurteilt. Es geht ja um die Menschen. Viele \u00e4u\u00dfere Zeichen \u2013 sprachliche, Rituale \u2013 sind nicht mehr in der Zeit. Manches wie der Missbrauch ist \u00fcber die Kirche hergefallen wie Borkenk\u00e4fer \u00fcber den Wald. Da gibt es das Beispiel des Bayerischen Walds, wo 2005 ein Sturm und dazu Borkenk\u00e4fer alles vernichtet haben, und man bald wusste: Man kann das nicht mehr so aufr\u00e4umen, dass der Wald wird wie fr\u00fcher. So hat man gesagt: Hier im Bayerischen Wald erfindet sich die Urkraft der Natur neu. Nach 15 Jahren sind die Betriebe, die sich auf diese Sichtweise eingelassen haben, Musterbetriebe im Tourismus. Wenn man in der Kirche nach dem Desaster des Missbrauchs mit der Situation \u00e4hnlich umgeht, dann kommt auch die Urkraft der Liebe f\u00fcr den Menschen wieder. Es wird sich manches am Erscheinungsbild der Kirche \u00e4ndern m\u00fcssen, etwa an der Rolle der Frauen. Dieser Verfassungsfehler muss schleunigst behoben werden. Das Alte wird gehen, und die Kraft des Neuen wird zum Wachstum dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Wir befinden uns zurzeit in einer Situation zwischen Schon-da und Noch-nicht. Wir haben viele Aufbr\u00fcche, die sind sehr divers. Die andere Frage ist, ob dieses Neue schon mit \u201ep\u00e4pstlichem Segen\u201c da ist, oder ob etwas Neues aufbricht, das erst zum Durchbruch kommen muss. Wir stehen auch vor der Frage: Wie kann sich das Neue verfestigen, was braucht es, damit dieses Neue sich auch gesch\u00fctzt gut entwickeln kann? Da bin ich sehr hoffnungsfroh im vom Papst angesto\u00dfenen synodalen Prozess, wo man miteinander ins Gespr\u00e4ch kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>In Deutschland gibt es ja den Synodalen Weg \u2013 der als erstes so genannt wurde. Ist das ein Beispiel f\u00fcr \u00d6sterreich?<\/i><br \/>\nRitter-Grepl:\u00a0<\/b>Nat\u00fcrlich kann das ein Beispiel f\u00fcr \u00d6sterreich sein. Die Papiere, die dort erarbeitet werden, sind erstklassig. Die Frauenfrage ist f\u00fcr die Kirche dabei zentral. Sie ist nicht ein mitteleurop\u00e4isches Problem, sondern sie wird in allen Kontinenten gestellt. Wir sind das erste Mal in der Geschichte der katholischen Kirche dabei, weltweit zusammenzuschauen, wie in verschiedenen Kontinenten die Frauenfrage bearbeitet wird \u2013 nicht aus der Sicht der kirchlichen Hierarchie, sondern aus der Praxis der Frauen. Das ist sehr spannend und auch herausfordernd, weil das Thema der Frauenfrage auch eine kulturelle Konnotation hat.<\/p>\n<p><b>Kaineder:<\/b>\u00a0Ich unterstelle, dass der Papst den synodalen Prozess angesto\u00dfen hat, weil er sp\u00fcrt, dass die Fokussierung auf eine rein hierarchische Kirche weltweit nicht mehr funktioniert. Manche bewundern die Organisationsstruktur, dass da einer oben an der Spitze steht. Aber de facto braucht die Kirche eine Besinnung auf das Prinzip des Partizipativen und Synodalen, das es ja immer gegeben hat. Kirche ist so als Netz zu betrachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:\u00a0<i>Und das ist jetzt anzugehen.<\/i><br \/>\nKaineder:\u00a0<\/b>Wenn ich den Papst richtig verstehe, dann m\u00f6chte er diesen Wechsel von der m\u00e4nnerzentrierten hierarchischen Kirche in dieses Netz kirchlicher Pr\u00e4senz auf der ganzen Welt. Das hei\u00dft, dass sich dementsprechend auch die K\u00f6rpersprache der Kirche entwickeln muss. Das geht nicht anders, als dass M\u00e4nner und Frauen selbstverst\u00e4ndlich in allen \u00c4mtern und Diensten wirken, denn es muss eine Kongruenz geben zwischen dem, was in der Sozialgestalt dasteht, und dem, was man predigt. Der heilige Franziskus hat einmal gesagt: Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt.<\/p>\n<p><b>Ritter-Grepl:\u00a0<\/b>Gerade wir Frauen haben zurzeit weltweite Veranstaltungen \u2013 ausgehend vom Vatikan zum synodalen Prozess. Die Verantwortliche, Sr. Nathalie Becquart, sitzt in Rom und macht Veranstaltungen f\u00fcr Frauen in der ganzen Welt. Das ist eine komplett neue Situation. Und da h\u00f6re ich T\u00f6ne, wo ich als Frau sage: Jetzt kommen sie endlich aus dem Vatikan! Die Botschaft lautet immer auch: Wir im Vatikan k\u00f6nnen es allein nicht machen, es muss vor Ort in den Auseinandersetzungen passieren. Das motiviert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:<i>\u00a0Viele der Themen, um die es da geht, sind seit 50 Jahren auf der Agenda. 1997 wurde das zuletzt \u00f6sterreichweit diskutiert im \u201eDialog f\u00fcr \u00d6sterreich\u201c. Was damals angesprochen wurde \u2013 Frau in der Kirche, Z\u00f6libat der Priester, Umgang mit Sexualit\u00e4t, mit Geschiedenen, Homosexuellen etc. ist fast 1:1 auch beim Synodalen Weg in Deutschland 2021 weiter Thema. Sch\u00f6n, wenn sich Rom nun zu bewegen beginnt. Aber in Mitteleuropa k\u00f6nnte es schon zu sp\u00e4t sein \u2013 gerade Engagierte verlassen die Kirche oder ziehen sich zur\u00fcck.<\/i><br \/>\nRitter-Grepl:<\/b>\u00a0Die Gefahr besteht, aber ich kann dennoch die H\u00e4nde nicht in den Scho\u00df legen. Ich muss trotzdem schauen, Ver\u00e4nderung m\u00f6glich zu machen. Wir k\u00f6nnen nicht sagen: Weil wir entt\u00e4uscht worden sind, setzen wir uns nicht mehr f\u00fcr die Zukunft ein \u2013 das ist keine Option.<\/p>\n<p><b>Kaineder:<\/b>\u00a0Es gibt wohl eine gewisse Themenm\u00fcdigkeit, das stellen auch wir fest. Neu ist jedoch, dass der Papst wartet, dass vor Ort Erfahrungen gemacht werden. Da liegt es auch an den Bisch\u00f6fen, dass sie vor Ort solche Erfahrungen erm\u00f6glichen. Derzeit warten sie, ohne dass sie die M\u00f6glichkeiten, die das Kirchenrecht bietet, wirklich aussch\u00f6pfen. Wozu die Bisch\u00f6fe M\u00e4nner und Frauen gleichberechtigt beauftragen k\u00f6nnen, das ist nicht ausgelotet. Es w\u00e4re der Augenblick, auch als Bischof zu sagen: Jetzt kann ich mutig sein, der Papst w\u00fcnscht sich mutige Bisch\u00f6fe. Dieses \u201eWarten auf Rom\u201c, genau das meint der Papst nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:<i>\u00a0In Deutschland haben sich da eine Reihe von Bisch\u00f6fen mit auf den Weg gemacht hat, sie reden ganz anders als noch vor wenigen Jahren \u2013 von \u00c4mtern f\u00fcr Frauen bis zum Segen f\u00fcr homosexuelle Paare. In \u00d6sterreich h\u00f6rt man da wenig.<br \/>\nRitter-Grepl:\u00a0<\/i><\/b><i>In Deutschland hat die Situation<\/i>\u00a0aufgrund der Missbrauchsskandale eine ganz andere Aktualit\u00e4t als bei uns. Das gibt uns aber auch die M\u00f6glichkeit, bestimmte Dinge leiser anzugehen. Aber ich w\u00fcnsche mir von der Bischofskonferenz schon, dass zum Thema synodaler Prozess in \u00d6sterreich Signale kommen, die uns mehr ermutigen.<\/p>\n<p><b>Kaineder:\u00a0<\/b>Ich nehme bei den Bisch\u00f6fen, mit denen wir im Gespr\u00e4ch sind, schon wahr, dass es ein ehrliches Hinh\u00f6ren gibt. Es braucht dann aber f\u00fcr den synodalen Prozess mutige Bisch\u00f6fe, die alles tun, den Laien das Pouvoir zu geben, ihr Christsein in der F\u00fclle zu leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>DIE FURCHE:<i>\u00a0Abschlie\u00dfend: Welche konkrete Hoffnung sehen Sie an der Schwelle des Jahres 2022?<\/i><br \/>\nRitter-Grepl:<\/b>\u00a0Dass uns nicht die Geduld ausgeht \u2013 mit uns selber und mit der Situation. Und dass wir unsere Hoffnung nicht verlieren, dass wir aus der Pandemie herauskommen und die Sch\u00e4den daraus menschlich bearbeitbar sind.<\/p>\n<p><b>Kaineder:\u00a0<\/b>Mich ergreift an der Bibel, dass Gott immer im Fremden gekommen ist \u2013 nicht in der Gewohnheit. Die eine Hoffnung ist, dass die Liebe zum Fremden wieder mehr Platz bekommt. Und die zweite ist, dass der Mensch seine Beheimatung in der Familie oder in der Freundschaft erleben kann. Und dass die Menschen hinausgehen. Denn auch die Hirten von Bethlehem haben die Botschaft in Gemeinschaft und drau\u00dfen erfahren.<\/p>\n<h3>Podcast-Beitrag der Furche<\/h3>\n<p><span style=\"color: #1f497d;\">Ein ebenfalls frei zug\u00e4nglicher\u00a0podcast ist abrufbar\u00a0unter:<br \/>\n<\/span><a href=\"http:\/\/www.furche.at\/podcast\/kirche-und-gesellschaft-im-krisenmodus-or-weiter-denken-26-7455418\">www.furche.at\/podcast\/kirche-und-gesellschaft-im-krisenmodus-or-weiter-denken-26-7455418<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Otto Friedrich von der Wochenzeitung Die Furche stellt drei Mikrofone auf den Tisch, eine Fotografin ist auf der Suche nach Perspektiven und die Tontechnikerin lauscht mit Kopfh\u00f6rern. 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