{"id":196,"date":"2010-01-26T20:06:07","date_gmt":"2010-01-26T19:06:07","guid":{"rendered":"http:\/\/kaineder.wordpress.com\/?p=196"},"modified":"2018-01-04T07:09:59","modified_gmt":"2018-01-04T06:09:59","slug":"es-ist-nicht-leicht-bekanntes-neu-zu-sehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/es-ist-nicht-leicht-bekanntes-neu-zu-sehen\/","title":{"rendered":"Es ist nicht leicht, Bekanntes neu zu sehen"},"content":{"rendered":"<p>Eine Frau mit Einkaufstasche spricht mich am Weg von St. Theresia nach Leonding an. &#8222;Sie sind der Herr Kaineder.&#8220; &#8222;Ja, woher wissen sie das?, frage ich.\u00a0 &#8222;Aus der Zeitung wei\u00df ich das und\u00a0ich w\u00fcnsche ihnen alles Gute. Schauen sie, dass die Kirche am Boden bleibt. Mit unserer Pfarre bin ich eh sehr zufrieden&#8220;, gibt sie mir mit. Beim Hinaufgehen nach Leonding \u00fcber die Felder geht mir das immer wieder durch den Kopf: am Boden bleiben. Das erinnert mich an meine Intention: eintauchen.<\/p>\n<p><strong>Eine Kletterwand am Kirchturm<\/strong><\/p>\n<p>Mit dieser Idee ist der Pfarrer von St. Teresia nicht durchgekommen. Bevor die Sanierung des Kircheturmes begonnen hat, h\u00e4tte\u00a0er sich vorgestellt, dass ein Jahr lang Leute am Kirchturm &#8222;herumkraxeln&#8220;.\u00a0\u00a0Heute ist der Turm weithin eine Orientierungslinie am Horizont, auch f\u00fcr mich im R\u00fcckblick beim Weitergehen, um 470.00 Euro neu saniert. Es war h\u00f6chst notwendig. &#8222;Wir brauchen neue Zug\u00e4nge zu den Menschen&#8220;, ist der Pfarrer \u00fcberzeugt. Es freut ihn, dass in seiner Pfarre wahrscheinlich die gr\u00f6te SPIEGEL-Spielgruppengemeinschaft von Linz ist. Die Kirche ist ein Dom, ein gewaltiger Raum und wundersch\u00f6n, wie der Pfarrer im Gespr\u00e4ch beim aufgetischten Fr\u00fchst\u00fcck meint. &#8222;Und doch fehlen f\u00fcr heute die fundamentalen Voraussetzungen. Der Raum ist nicht beheizbar und akustisch sehr schwierig&#8220;, wei\u00df Manfred Wageneder. Wir reden vieles durch. Die Sekret\u00e4rin erinnert daran, dass der\u00a0kommende Pfarrpraktikant schon da ist.\u00a0 Auch die Pastoralassistentin\u00a0nimmt am Gespr\u00e4ch teil. Ich bedanke mich f\u00fcr die Gastfreundschaft und gehe meinen Weg \u00fcber die Felder nach Leonding St. Michael.<\/p>\n<p><strong>Das wird ein besonderes Ostern<\/strong><\/p>\n<p>Schon im Vorfeld habe ich erfahren, dass Dechant Kurt Pitterschatscher am vormittag ein Begr\u00e4bnis hat. Genau zu diesem Zeitpunkt komme ich am Friedhof an. Das Handy l\u00e4utet: &#8222;Wann wirst du da sein?&#8220;, fragt Christoph Freilinger aus dem Urbi. Ich habe den Tag verwechselt und so bin ich nicht beim einzigen Termin, den ich vereinbart habe. Beim Gehen durch die Pfarren bin ich nicht nach Kalender gegangen und so ist dieses Missgeschick passiert. Die Zeit bekommt im Gehen eine besondere Qualit\u00e4t, nur keine geregelte. Ich mache noch sch\u00f6ne Fotos in der alten und neuen Kirche, entz\u00fcnde das Licht und treffe kurz auf den Dechant. Er erz\u00e4hlt mir von Rufling und den seelsorglichen Aktivit\u00e4ten dort. Er freut sich schon auf die Osternacht heuer, wo eine ganze Familie aus der ehemaligen DDR stammend getauft wird. &#8222;Das wird ein besonderes Ostern um 5 Uhr fr\u00fch&#8220;, meint er freudig. Dann zeigt mir eine &#8222;Schneeschauflerin&#8220; noch das Michaelszentrum. Sie hat den Schl\u00fcssel daf\u00fcr im Auto. Eine wunderbare Location f\u00fcr Begegnungen und Veranstaltungen. Sie ist stolz darauf und\u00a0ich finde es\u00a0wichtig, dass sich viele mit den pfarrlichen M\u00f6glichkeiten identifizieren. Ich suche wieder den Weg am verschneiten Gehsteig Richtung St. Konrad. Mein Ziel ist es, nicht der Stra\u00dfe zu folgen, sondern querfeldein zu gehen. Es ist ein selten wunderbarer Wintertag in Linz.<\/p>\n<p><strong>Es geht immer noch mehr<\/strong><\/p>\n<p>Ich klopfe bei einer Stra\u00dfenkreuzung\u00a0den Schnee vom Transparent der Pfarre, das den Pfarrball &#8222;Flowerpower&#8220; am 6. 2. ank\u00fcndigt. Die Kirche ist Bruder Konrad geweiht und ein wunderbarer Raum, neu gestaltet von der K\u00fcnstlerin Maria Moser. Ich mache einige Fotos und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich um 13 Uhr bei &#8222;Pfarrkanzlei&#8220; l\u00e4ute. Es wird sofort ge\u00f6ffnet. Drinnen schauen Prof. Zinnhobler, Pfarrsekret\u00e4rin, Pfarrhaush\u00e4lterin und der Pfarrer\u00a0die Fotos von der gestrigen \u00f6kumenischen Vesper in der Kirche und von der Begegnung nachher, sozusagen als mitt\u00e4gliche Nachspeise.\u00a0 Pfarrer Wimmer trinkt mit mir noch einen Kaffee und wir plaudern alle m\u00f6glichen Themen durch. Er erz\u00e4hlt vom Ballteam der letzten Jahre. Sie haben nach ca. 15 Jahren um &#8222;Entpflichtung&#8220; gebeten und er hat schwarz gesehen, dass sich hier noch jemand findet, aber: &#8222;Es haben sie wieder Familien gefunden und man hat den Eindruck, es geht immer noch mehr.&#8220; Ich bin mir bewu\u00dft, dass ich ihm das &#8222;Mittagsrasterl&#8220; gestohlen habe. So sind eben Pilger. Kommen und gehen, wann sie wollen. Der neue Vorplatz begeistert mich, diese Offenheit. Ein starkes St\u00fcck Offenheit und Zukunft am Froschberg, denke ich beim Hinuntergehen zum Bahnhof und weiter in die Hl. Familie.<\/p>\n<p><strong>Ein ganz intimes Platzerl im Sommer<\/strong><\/p>\n<p>Die Gesch\u00e4fte haben sich wieder ge\u00e4ndert. Das Neustadtviertel ist bekannt f\u00fcr den hohen Anteil an ausl\u00e4ndischen MitbewohnerInnen. Es liegt eine angenehme Ruhe in den Stra\u00dfen. Der Schnee bremst und deckt zu. Die Pfarrkirche der Hl. Familie wurde kurz nach der Jahrhundertwende bi 1912 gebaut. Bischof Hittmayr, der sich beim Krankenbesuch an Lazarettkranken\u00a0infiziert hatte, hat die Kirche eingeweiht. Er ist mir in seinem konkreten sozialen Einsatz ein sehr sympatischer Linzer Bischof. Die Zeit meines Kommens ist ung\u00fcnstig. In der Kirche bin ich nicht der Einzige. Eine Frau z\u00fcndet auch ihr Licht an und betet. Das Bild der hl. Familie ist hier vollst\u00e4ndig &#8211; mit Josef. Josef fehlt bei uns in Kirchschlag in der Annakirche. Ich gehe rundherum und entdecke hinter der Kirche ein blaues Schild verkehrt liegen mit &#8222;Praterstern&#8220;. Bin ich da in Wien? Wahrscheinlich ein Scherz. Ein ganz lauschiges Platzerl hier im Sommer, denke ich und gehe hin\u00fcber ins AKH.<\/p>\n<p><strong>Krankheiten \u00f6ffnen Menschen<\/strong><\/p>\n<p>Gestern habe ich erfahren, dass eine Pfarrgemeinder\u00e4tin von Kirchschlag im Krankenhaus liegt. Ich schlie\u00dfe &#8211; ohne es zu wissen &#8211; auf das AKH. Bei der Pforte wurde mir die Anwesenheit best\u00e4tigt.\u00a0Zuerst gehe ich in die Kapelle, z\u00fcnde mein Licht an und lasse\u00a0meinen Rucksack bei der Seelsorge. \u00dcberraschte Gesichter mir gegen\u00fcber, als ich dort eintrete. Der Besuch bei der Kranken baut mich auf, weil es nichts Lebensbedrohliches ist. Es geht\u00a0&#8222;nur&#8220; um das Loslassen. &#8222;Nur&#8220; ist hier falsch, denn loslassen ist eins der schwierigsten Kapitel im Leben. Wir reden in der Seelsorge beim Abholen des Rucksackes \u00fcber die heilsame Wirkung des GEHENs und ich mache mich auf den Weg nach St. Severin. Mir ist klar, dass die Krankenhausseelsorge ein ganz wichtiger Dienst der Kirche ist.<\/p>\n<p><strong>Vor 14 Tagen bezogen<\/strong><\/p>\n<p>Ich wundere mich, dass Licht in den neu errichteten H\u00e4usern am Gel\u00e4nde der ehemaligen Frauneklinik ist. Vor 14 Tagen sind die Leute eingezogen. In dieser Gegend ist die Pfarre Linz St. Severin. Franz Stauber wei\u00df ich genau zuzuordnen. Zwei M\u00e4dchen weisen mir den Weg und meinen: &#8222;Dort gehst du\u00a0 links, du siehst\u00a0das Licht und da sind noch einige beim Kartenspielen.&#8220; So war es auch. Pfarrer Parteder hat mit einigen Damen noch einen Schnapser gespielt. Ein neues Pfarrcafe wurde vor 2 Jahren zwischen Kirche und Kindergarten gebaut. Einladend und gem\u00fctlich. Der Pfarrer geht mit mir noch in die dunkle Kirche, macht Licht, erz\u00e4hlt von der Totenwache heute abends\u00a0und der Messe nachher. Die Kirche ist im Grundriss eine Elipse, so wie sie f\u00fcr alles auch in meinem Kopf ist. Die Frauen haben noch einen Kaffee gemacht und wir sitzen\u00a0gem\u00fctlich zusammen. \u00dcber die neuen MitbewohnerInnen in der Pfarre k\u00f6nnen sie noch nichts sagen. Beim Weggehen sehe ich, dass der sch\u00f6ne Kirchenraum au\u00dfen im Finstern steht. Mein n\u00e4chstes Ziel ist die Stadtpfarre.<\/p>\n<p><strong>Eine zweite Messe kann nie schaden<\/strong><\/p>\n<p>Um 8 Uhr fr\u00fch habe ich in Herz Jesu die Messe mitgefeiert. Nun n\u00e4here ich mich der Ur-Pfarre von Linz, der Stadtpfarre. Der Platz ist sch\u00f6n beleuchtet und ich muss an die ganzen Troubles wegen der Tiefgarage denken. Die Kirche ist schon geschlossen und mein Blick auf den Turm zeigt mir, dass die Turmmusik auch nicht mehr spielen wird. Mein Weg f\u00fchrt in den Pfarrhof, wo gerade der Provisor Reinhold Kern jemand verabschiedet, mich dann begr\u00fc\u00dft und meint: &#8222;Ich habe jetzt eine Messe.&#8220; &#8222;Da k\u00f6nnte ich mitgehen&#8220;, meine ich. Er sagt spontan: &#8222;Eine Messe hat noch nie geschadet.&#8220; Ich gehe zur zweiten Messe heute in den kleinen Saal. Gut geheizt. Der Organist, so stellt sich nachher heraus, war schon mindestens 35 Mal in Assisi, &#8222;nicht zu Fuss&#8220;, wie er betonte, aber immer in den Semesterferien.\u00a0 Ich stelle fest: Mein Aufmerksamkeitspotential ist heute ersch\u00f6pft und ich gehe in den Domherrrenhof schlafen. Eine wunderbare Suppe, den Nachtslalom im Fersehen und den Laptop am Tisch &#8211; so geht der Tag zu Ende.\u00a0 Es waren heute f\u00fcr mich recht bekannte Orte und Pfarren. Das Gehen erm\u00f6glicht doch am ehesten einen neuen Zugang.<\/p>\n<p><strong>Welche Frage bleibt?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4chspartner meint: Sollten wir als Kirche nicht ganz neue Wege gehen? Wer wei\u00df. Und dann entdecke ich an mir selber, dass es nicht leicht ist, aus fr\u00fcheren Zeiten &#8222;Bekanntes&#8220; neu zu sehen. Und doch ist die Voraussetzung f\u00fcr ein neues Sehen die eigene Einstellung und der eigene Zugang. Es liegt an der Kirche selber, an den Verantwortlichen, sich eine neue Sicht anzueignen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Frau mit Einkaufstasche spricht mich am Weg von St. Theresia nach Leonding an. &#8222;Sie sind der Herr Kaineder.&#8220; &#8222;Ja, woher wissen sie das?, frage ich.\u00a0 &#8222;Aus der Zeitung wei\u00df ich das und\u00a0ich w\u00fcnsche ihnen alles Gute. Schauen sie, dass die Kirche am Boden bleibt. 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