{"id":2099,"date":"2011-11-21T02:37:40","date_gmt":"2011-11-21T01:37:40","guid":{"rendered":"http:\/\/kaineder.wordpress.com\/?p=2099"},"modified":"2018-01-04T06:55:22","modified_gmt":"2018-01-04T05:55:22","slug":"gehort-die-stadt-den-autos-wird-sie-gesichtslos-wie-baton-rouge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/gehort-die-stadt-den-autos-wird-sie-gesichtslos-wie-baton-rouge\/","title":{"rendered":"Geh\u00f6rt die Stadt den Autos, wird sie gesichtslos wie Baton Rouge"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/routenola_batonrouge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2105\" title=\"RouteNOLA_BatonRouge\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/routenola_batonrouge.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"83\" \/><\/a>Schon der Ausspruch eines Freundes \u201eGeh nicht nach Amerika \u2013 geh nach New Orleans\u201c hat mich heute fr\u00fch veranlasst,\u00a0 die Stadt zu verlassen, um einen \u201eVergleich\u201c zu haben. Dar\u00fcber werden jetzt nat\u00fcrlich alle Amerikabegeisterten und Amerikarundreisenden herzhaft lachen.\u00a0 Da f\u00e4hrt er einen Tag in die Bundeshauptstadt von Lousiana, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Baton_Rouge\" target=\"_blank\">Baton Rouge<\/a>, und glaubt, etwas \u00fcber Amerika sagen zu k\u00f6nnen. Wir werden sehen.<\/p>\n<p><strong>Die S\u00fcmpfe charakterisieren diesen Bundesstaat<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07678.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2106\" title=\"autobahn in s\u00fcmpfen\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07678.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Die Fahrt mit dem \u201eSwift-Bus\u201c in die ca. 130 km (80 Meilen) entfernte Hauptstadt des Bundesstaates Baton Rouge ist beeindruckend. Geh\u00f6rt habe ich, dass der Amerikaner alles dem Auto \u201edarbringt\u201c, vor allem breite Stra\u00dfen. Wir fahren allerding sicher 1\/3 der Strecke auf Br\u00fccken \u00fcber die S\u00fcmpfe des Mississippi. Der Mensch hat sich hier den Sumpf konkret etwa 6 Meter untertan gemacht, damit er mit seinem Auto \u201efrei\u201c ist. Die S\u00fcmpfe sind wirklich beeindruckend. Darum ist \u201eSeafood\u201c das wirklich lokale \u2013 und schmeckt auch ausgezeichnet. Der Bus ist halbvoll und die Hin- und R\u00fcckfahrt kostet 10 $ &#8211; eigentlich ein Geschenk. Genutzt wird er eher von Schwarzen, von \u00c4lteren und \u00c4rmeren. Auch der Greyhound-Bus (so erz\u00e4hlen Mitbewohner) ist vorwiegend von \u201eVagabundierenden und \u00c4rmeren\u201c benutzt. <a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07646.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2107\" title=\"lake highway\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07646.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Die Identit\u00e4t einer amerikanischen Seele wird definitiv durch eine Auto und ein Flugticket bestimmt \u2013 entweder im Haben oder in der Sehnsucht danach.<\/p>\n<p><strong>Die gesichtslose Stadt Baton Rouge<\/strong><\/p>\n<p>Wer einen Tag Zeit hat, kann nat\u00fcrlich nicht durch die ganze Stadt wandern. Es geht schnurstracks ins Zentrum. Dort stehen riesige Geb\u00e4ude. Dazwischen sind breite Stra\u00dfen und unglaublich viel Parkplatz. Die unteren Etagen sind f\u00fcr das Auto bestimmt. Nirgends finde ich kleine Gesch\u00e4fte und erst im Shaw-Center hat ein Restaurant offen. In New Oleans undenkbar. <a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07615.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2108\" title=\"mitten in der stadt\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07615.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Dort geh\u00f6rt das Erdgeschoss den kleinen unz\u00e4hligen Cafes und Gesch\u00e4ften. \u00a0Christoph Chorherr hat in seinem Buch \u201eVer\u00e4ndert!\u201c das auch beschrieben. Wo das Erdgeschoss dem Auto geh\u00f6rt (Garagen etc.), \u00a0dort wird eine Stadt oder ein Stadtviertel \u201egesichtslos\u201c. Und genauso erlebe ich heute die Hauptstadt im Zentrum: ausgestorben und autofrei. Ich bin ganz fest \u00fcberzeugt, dass wir dem Auto wieder Platz und Rang ablaufen m\u00fcssen. Das Fahrrad ist eigentlich \u201edas\u201c Verkehrsmittel des urbanen Menschen und die F\u00fc\u00dfe sollten wir auch nicht untersch\u00e4tzen, wie weit und gesund sie uns tragen. Den Besucht gerettet hat die Aussicht\u00a0 (trotz Nebel) vom Regierungsgeb\u00e4ude, der Park und der Besuch des Gottesdienstes in der St. Joseph Church. Diese Kirche ist sein 50 Jahren<a href=\"http:\/\/www.diobr.org\/\" target=\"_blank\"> Bischofssitz<\/a>. <a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc075981.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2109\" title=\"foggy\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc075981.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Alles erinnert mich an die Zeit in der Dompfarre Linz, auch das Pfarrcafe. Die Kirche ist halbvoll und der Chor singt in liturgischen Gew\u00e4ndern. Es sind verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele junge Paare, die \u201everliebt\u201c in den B\u00e4nken sitzen und sehr aufmerksam mitfeiern. Die Di\u00f6zese Baton Rouge hat nach Katrina die Erzdi\u00f6zese New Orleans mit Infrastruktur und Personal tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Nebel und Nachdenklichkeit in New Orleans<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07610.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2110\" title=\"fingerlos\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07610.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Ich steige aus dem Bus am Abend wieder aus und ein schw\u00fcler Dunst schl\u00e4gt mir entgegen. Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thanksgiving\" target=\"_blank\">Thanksgiving-Beleuchtung<\/a> ist seit gestern schon \u00fcberall angebracht. Der feiner Nebel legt eine ganz bestimmte, nachdenkliche Stimmung \u00fcber die Stadt. Wie ich mit der Stra\u00dfenbahn zur\u00fcckfahre, muss ich an Canny denken. Es war damals im November noch kein Strom da und alles war finster. Das muss wirklich \u201eenterisch\u201c gewesen sein. \u00a0Ich selber bin ob meines bevorstehenden Abschieds auch ein wenig wehm\u00fctig, aber zugleich auch freudig auf Daheim. Dieses aufmerksame Vagabundendasein auf der unteren Stufe einer Stadt hat mich sehr verlangsamt, dem Wesentlichen angen\u00e4hert und dankbar gemacht. Wer sich mit gro\u00dfer Offenheit auf die Menschen und diese Stadt zubewegt, der wird gefunden \u2013 von der Stadt. <a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07685.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2111\" title=\"canal street\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07685.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Es ist etwas ganz anderes, einem Homeless ins Gesicht zu schauen, mit ihm zu reden und zu essen, als Studien, Statistiken und Berichte \u00fcber ihn zu machen. Jede Begegnung hat mich gen\u00e4hrt, ganz gleich mit wem. Ich bin heute schon dankbar f\u00fcr diese Zeit hier, weil sie mich sehr ehrlich und ungeschminkt in und hinter das hiesige Leben gef\u00fchrt hat. Auch f\u00fcr die Ideen und Anregungen, die ich nun mit nach Hause nehme und noch \u201eordnen und strukturieren\u201c werde, bin ich dankbar. Diese Stadt hat ein \u201eGesicht, hat viele Gesichter\u201c, die stolz sind auf ihre Stadt. Die Musik, die Kunst begr\u00fcnden eine gewisse \u201eAusgelassenheit\u201c. Diese Menschen denken das Leben trotz des harten Schicksalschlages \u201eleicht\u201c (easy), das strahlen sie aus und das bekommen sie wieder zur\u00fcck. <a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07626.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-2112\" title=\"geschlaucht\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2011\/11\/dsc07626.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a>Diese \u201eLeichtigkeit\u201c ist in einem tiefen Vertrauten und oft auch Glauben begr\u00fcndet und wird in den verschiedensten \u201eCommunities\u201c gepflegt. Sie nehmen nicht alles so ernst, legen nicht alles auf die Waagschale, rechnen auch damit, dass etwas schief gehen kann. Selbst die Rauferei (die erste, die ich erlebt habe) gestern in der Street Car war sofort bereinigt und ein Schwarzer hat schon wieder seinen Spa\u00df gemacht. Hier werden die Probleme nicht vertieft oder gepflegt, sondern das gute, leichte Leben in den Mittelpunkt gestellt. Take it easy \u2013 das nehme ich in jedem Fall mit. Und gibt es da nicht ohnehin eine Weisheit, das Unver\u00e4nderbare vom Ver\u00e4nderbaren zu unterscheiden? In den Lebensweisheiten wachsen.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon der Ausspruch eines Freundes \u201eGeh nicht nach Amerika \u2013 geh nach New Orleans\u201c hat mich heute fr\u00fch veranlasst,\u00a0 die Stadt zu verlassen, um einen \u201eVergleich\u201c zu haben. 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