{"id":410,"date":"2010-03-17T10:15:51","date_gmt":"2010-03-17T09:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/kaineder.wordpress.com\/?p=410"},"modified":"2018-01-04T07:07:54","modified_gmt":"2018-01-04T06:07:54","slug":"der-fall-der-mauer-ein-kommentar-vom-em-betriebspfarrer-hans-gruber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/der-fall-der-mauer-ein-kommentar-vom-em-betriebspfarrer-hans-gruber\/","title":{"rendered":"Der Fall der Mauer. Ein Kommentar vom em. Betriebspfarrer Hans Gruber"},"content":{"rendered":"<p>Welch eine Woche f\u00fcr die Katholische Kirche im deutschsprachigen Rau. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Die KommentatorInnen ringen um Ausdr\u00fccke, die die Lage der Kirche beschreiben: Erdbeben, Tsunami, usw<a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/03\/hansgruber.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-413\" title=\"hansgruber\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/03\/hansgruber.jpg?w=116\" alt=\"\" width=\"116\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Vatikanischer Granit<\/strong><\/p>\n<p>Neben Schreck und Eckel bewegen mich alten Pfarrer noch einige andere Gedanken. Aus der katholischen Jugendbewegung sch\u00f6pfte ich den Mut als Schmiedegeselle Priester zu werden. Das Konzil der 60er Jahre best\u00e4tigte meine Hoffnungen, dass die Kirche keine alte unbewegliche Dame sei. So war ich mein ganzes Berufsleben bem\u00fcht, diese meine Kirche etwas nach vorne zu bewegen. 1966 war ich Gr\u00fcndungsmitglied der \u201ePriestergewerkschaft SOG\u201c. Neben liturgischer und disziplin\u00e4rer Modernisierung agitierten wir an der Lockerung des Pflichtz\u00f6libats f\u00fcr Weltpriester. Wir k\u00e4mpften um menschliche Behandlung heiratswilliger Kollegen. An der Regierungszeit des Papstes Johannes Pauls des II. wurde sichtbar, dass wir mit unseren Zielen auf vatikanischen Granit bissen.<\/p>\n<p><strong>Nur zwei Beschl\u00fcsse aus dem Dialog umgesetzt<\/strong><\/p>\n<p>1995 kam wieder Bewegung in die Sache. In \u00d6sterreichs Kirche brach der erste Missbrauchsfall ganz oben aus: der \u201eFall\u201c Groer. Am daraus entstandenen \u201eKirchenvolksbegehren\u201c war ich aktiv beteiligt. 500.000 Unterschriften, dachte wir Akteure, k\u00f6nnte die Kirche nicht \u00fcbersehen. Wir hatten uns get\u00e4uscht. Wenn nicht Bischof Weber gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte die Bischofskonferenz die Sache einfach ohne Reaktion ausgesessen. Weber rief 1998 den Dialog f\u00fcr \u00d6sterreich zusammen. Von den 60 einstimmigen Beschl\u00fcssen der 300 Delegierten wurden zwei umgesetzt &#8211; durch Bischof Aichern. Alle anderen Reformvorschl\u00e4ge wurden in Schweigen und Unt\u00e4tigkeit erstickt. Oft wurde uns \u201eModernisierern\u201c gesagt: \u201eIhr liegt ja nicht so falsch, aber das kann nur gesamtkirchlich geregelt werden.&#8220; Dieser Verweis hie\u00df in der Regel: Lasst alle Hoffnung auf Ver\u00e4nderung fahren. Ein Wort von Bischof Erwin Kr\u00e4utler kam uns jedes Mal in Erinnerung: \u201eBrasilien hat riesige Probleme. F\u00fcr Brasilien gibt es jedoch Hoffnung. F\u00fcr den Vatikan aber nicht.\u201c<\/p>\n<p><strong>20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer<\/strong><\/p>\n<p>Das \u201eWunder\u201c des Mauerfalls n\u00e4hrte bei mir die Hoffnung, dass auch der Fels Petri irgendwann ersch\u00fcttert werden k\u00f6nnte. In der Soziologie habe ich gelernt, dass eine etablierte Institution solange unver\u00e4ndert agieren kann, als ihre Mittel zur Regulierung und Disziplinierung wirksam sind. Ich hege die Hoffnung, dass die Kirche vor einem Mauerfall steht. Die DDR scheiterte an der \u00d6konomie und an der Ideologie. Es gibt gegenw\u00e4rtig f\u00fcr beides Parallelen zur r\u00f6misch-katholischen Kirche. Erstens gibt es gewaltige finanzielle Ausf\u00e4lle f\u00fcr den Vatikan. Viele ehemals reiche nordamerikanische Di\u00f6zesen, die f\u00fcr den Vatikan spendeten, sind pleite. \u00c4hnlichres l\u00e4uft in der Bundesrepublik Deutschland. Tiefgreifender ist die \u201eideologische Krise\u201c. J\u00e4hrliche Umfragen liefern stetig zu Tage, dass die Gl\u00e4ubigen um Welten von dem Abweichen, was der Vatikan als Lebenslinie vorgibt. Als Beispiel sehe ich die Differenz der offiziellen Sexualmoral zu dem, was heute gelebt wird &#8211; auch von KatholikInnen- schlicht desastr\u00f6s. Erdbebenartig wurde nun in diesen Wochen bewusst, was ohnehin schon allgemein bekannt war, dass sie selbst nicht halten, was sie predigen. Die Auswirkungen sind katastrophal. Erneut wird sich ein Teil des Kirchenvolkes von der Amtskirche abwenden. In erster Linie nicht deshalb, weil die Priester \u201eS\u00fcnder\u201c sind, sondern deshalb, weil sie das System verlogen finden. Dem als Dechant gew\u00e4hlte Pfarrer von Freistadt wird vom Bischof die Best\u00e4tigung verweigert, weil er mit einer Partnerin lebt. Andererseits wurden Kindersch\u00e4nder weiter im Dienst behalten. Unglaublich.<a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/03\/dscn3542.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-414\" title=\"einsame spuren\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/03\/dscn3542.jpg?w=150\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"112\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Der Skandal hat den Papst pers\u00f6nlich erreicht<\/strong><\/p>\n<p>Noch bem\u00fchen sich die \u201eOberen\u201c um Schadensbegrenzung. Ich hoffe es gelingt ihnen nicht. Den Medien sei Dank,dass jetzt die ganze Welt wei\u00df, was fr\u00fcher mit und hinter dicken Mauern verheimlicht werden konnte. Meine Hoffnung auf Ver\u00e4nderung st\u00fctzt sich nicht zuletzt darauf, dass der Skandal nun auch den Papst selber erreicht hat.<br \/>\nErstens hat er als Erzbischof in M\u00fcnchen einen Priester der wegen Kindesmissbrauch eine Norddeutsche Di\u00f6zese verlassen musste in M\u00fcnchen wieder in Dienst genommen. Er wurde erneut straff\u00e4llig. Nun bem\u00fcht man sich, den Papst rein zu waschen, indem man die Wiederbesch\u00e4ftigung dem M\u00fcnchner Generalvikar in die Schuhe schiebt. Als alter Gefangenenpfarrer h\u00f6r ich da die Nachtigall singen: &#8222;Ich habe \u00f6fter als einmal den Prokuristen anstatt des Chefs im H\u00e4fen sitzen sehen!&#8220; Zweitens hat Papst Benedikt als Chef der Glaubenskongregation an die 3000 Bisch\u00f6fe der Welt erst 2001 einen Brief geschrieben, indem er befahl, mit Missbrauchf\u00e4llen h\u00f6chst diskret und geheim umzugehen. Er setzte damals noch den Tupfen drauf, in dem er auftrug, das Schreiben selbst unter Strafandrohung geheim zu halten.<\/p>\n<p><strong>Auf einem kochenden Topf ist nicht gut sitzen<\/strong><\/p>\n<p>Nun gibt sich der Papst \u201eersch\u00fcttert\u201c. Das glaub ich ihm. Auf einem kochenden Topf ist nicht gut sitzen. Gott gebe, dass es nicht nur den Papst ersch\u00fcttert, sondern das ganze System. Allerdings berichtet der Vatikanexperte Andreas Englisch schon wieder von einem geistigen Schlupfloch f\u00fcr die p\u00e4pstliche Verantwortung. Der Papst reagiere mit Verst\u00e4ndnis auf Kirchenaustritte, weil er die Theorie der \u201eKleinen Herde\u201c vertrete. Er sagt: \u201eEs ist besser eine kleine Herde zu haben\u201c. Das macht mich als langj\u00e4hrigen Betriebspfarrer w\u00fctend. Jesus zielte doch nicht auf einen kleinen, elit\u00e4ren, konservativen Haufen. Er hat uns in die ganze Welt hinausgeschickt.<\/p>\n<p><strong>Frauenfrage als Angelpunkt f\u00fcr M\u00e4nnerkirche<\/strong><\/p>\n<p>Als junger Kaplan hatte ich \u00fcber meinem Schreibtisch zwei Fotos h\u00e4ngen: ein Gruppenbild von 20 Kardin\u00e4len und ein Gruppenfoto des Obersten Sowjet. Der Vergleich war erstaunlich. Erstens glichen sich erstaunlich ihre ernsten, humorlosen Gesichter und zweitens gab es keine Frau unter ihnen. Mir war damals schon klar: autorit\u00e4re Systeme werden immer nur von alten M\u00e4nnern geleitet. Deshalb glaube ich, dass die Frauenfrage der Angelpunkt der Kirchenreform ist.<\/p>\n<p><em>Hans Gruber ist nach wie vor ehrenamtlich in verschiedensten Seelsorgefeldern t\u00e4tig und begleitet als Priester viele Frauen und M\u00e4nner in der Arbeitswelt. Erreichbar ist er \u00fcber das <a href=\"mailto:Urbi@Orbi\">Urbi@Orbi<\/a>\u00a0( <a href=\"mailto:urbi.orbi@dioezese-linz.at\">urbi.orbi@dioezese-linz.at<\/a> ), wo er auch ehrenamtlich t\u00e4tig ist.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welch eine Woche f\u00fcr die Katholische Kirche im deutschsprachigen Rau. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Die KommentatorInnen ringen um Ausdr\u00fccke, die die Lage der Kirche beschreiben: Erdbeben, Tsunami, usw Vatikanischer Granit Neben Schreck und Eckel bewegen mich alten Pfarrer noch einige andere Gedanken. 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