{"id":508,"date":"2010-04-20T09:39:21","date_gmt":"2010-04-20T08:39:21","guid":{"rendered":"http:\/\/kaineder.wordpress.com\/?p=508"},"modified":"2018-01-04T07:06:44","modified_gmt":"2018-01-04T06:06:44","slug":"selig-die-trauernden-oder-selig-die-vergesslichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/selig-die-trauernden-oder-selig-die-vergesslichen\/","title":{"rendered":"Selig, die Trauernden oder Selig, die Vergesslichen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist bis heute f\u00fcr mich, der ich 1981 die Diplomarbeit\u00a0 zur Theologie von J. B. Metz geschrieben habe, immer wieder eine tiefe Herausforderung, wenn Metz sich zu Wort meldet. Ich verdanke ihm seit damals den erz\u00e4hlenden Charakter der Theologie und bis heute ist er f\u00fcr mich der Mahner, dass wir nicht die S\u00fcnde als erstes sehen, sondern das Leid und die Leiden der Menschen wahrnehmen, erz\u00e4hlen und in die heilende Gemeinschaft mit\u00a0Gott bringen. Das hei\u00dft f\u00fcr uns pers\u00f6nlich die F\u00e4higkeit zur Compassion, zum leidenschaftlichen Mitleid\u00a0wachsen zu lassen.<a href=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/04\/metz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-513\" title=\"J. B. Metz\" src=\"http:\/\/kaineder.files.wordpress.com\/2010\/04\/metz.jpg?w=124\" alt=\"\" width=\"124\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Spur der Leidenden in der Menschheit nicht verlieren<\/strong><\/p>\n<p>In der &#8222;Zeit&#8220; ( <a href=\"http:\/\/bit.ly\/ak61Lh\">http:\/\/bit.ly\/ak61Lh<\/a> ) hat sich Metz nun wieder zu Wort gemeldet und benannt, worum es in der Nachfolge Jesu geht. Er stellt damit die entscheidenden Fragen an das derzeitige r\u00f6misch-klerikale Konstrukt von Kirche, wie es uns in diesen letzten Jahren begegnet: &#8222;Gott ist Liebe, betonte das erste gro\u00dfe Rundschreiben Benedikts XVI. Doch es gibt einen zweiten biblischen Gottesnamen, der auch in der neutestamentlichen Gottesbotschaft Widerhall und Best\u00e4tigung findet: Gott ist Gerechtigkeit. \u00bbDies wird sein Name sein\u2026 Der Herr unsere Gerechtigkeit\u00ab (Jeremias 23,6). Dieser Gottesname mag f\u00fcr die Rede von einem platonischen Ideengott vernachl\u00e4ssigbar erscheinen, unverzichtbar ist er aber f\u00fcr den biblisch bezeugten Geschichtsgott. Er setzt die biblisch fundierte Gottesrede den geschichtlichen Erfahrungen der Menschen aus. Deshalb muss diese Gottesrede eine zeitempfindliche Rede sein, die nicht nur erkl\u00e4rt und belehrt, sondern auch selber lernt. An der Wurzel dieses biblischen Gottesnamens schlummert immer auch eine unabgegoltene Gerechtigkeitsfrage, die Frage nach der Gerechtigkeit f\u00fcr die unschuldig und ungerecht leidenden Opfer unseres geschichtlichen Lebens.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Gegen die Neigung zur Verschleierung<\/strong><\/p>\n<p>Diese apokalyptischen Texte der Bibel sind n\u00e4mlich in ihrem Kern keineswegs Dokumente leichtsinniger oder zelotisch angesch\u00e4rfter Untergangsfantasien, sondern literarische Zeugnisse einer Weltwahrnehmung, die die Antlitze der Opfer \u00bbaufdecken\u00ab will, Zeugnisse einer Weltsicht, die das \u00bbenth\u00fcllt\u00ab, was wirklich \u00bbder Fall ist\u00ab gegen die in allen Weltanschauungen immer wieder auftauchende Neigung zur mythischen oder metaphysischen Verschleierung des himmelschreienden Ungl\u00fccks in der Welt und gegen jene kulturelle Amnesie, die heute auch die vergangenen Leidenden unsichtbar und ihre Schreie unh\u00f6rbar macht.<\/p>\n<p><strong>Die Spur der Leidenden enth\u00fcllen<\/strong><\/p>\n<p>Die biblische Apokalyptik \u00bbenth\u00fcllt\u00ab die Spur der Leidenden in der Geschichte der Menschheit. Sie kann dazu anregen, jenes einzige gro\u00dfe Narrativ, jene einzige \u00bbGro\u00dferz\u00e4hlung\u00ab zu formulieren, die uns heute &#8211; nach der Religions- und Ideologiekritik der Aufkl\u00e4rung, nach Marxismus und nach Nietzsche und nach den postmodernen Fragmentierungen der Geschichte &#8211; \u00fcberhaupt noch geblieben ist: die Lesbarkeit der Welt als Passionsgeschichte der Menschen. \u00bbSelig, die Trauernden\u00ab, sagt Jesus in der Bergpredigt. \u00bbSelig, die Vergesslichen\u00ab, verk\u00fcndet Nietzsche als Prophet der Postmoderne. Was aber w\u00e4re, wenn sich die Menschen eines Tages nur noch mit der Waffe des Vergessens gegen das Ungl\u00fcck und die Leidenden in der Welt wehren k\u00f6nnten? Wenn sie ihr eigenes Gl\u00fcck nur auf das mitleidlose Vergessen der Opfer bauen k\u00f6nnten, also auf eine kulturelle Amnesie, in der eine als fristlos imaginierte Zeit alle Wunden heilen soll? Woraus k\u00f6nnte dann der Aufstand gegen unschuldig und ungerecht Leidende noch seine Kraft ziehen? Was w\u00fcrde dann \u00fcberhaupt noch zu einer gr\u00f6\u00dferen Gerechtigkeit, zum Ringen um eine \u00bbgemeinsame Augenh\u00f6he\u00ab der Menschen in der Einen Welt inspirieren? Und was w\u00e4re, wenn in unserer s\u00e4kularen Welt die Vision von einer letzten Gerechtigkeit endg\u00fcltig verl\u00f6schen w\u00fcrde?<\/p>\n<p><strong>Jesu erster Blick gilt nicht der S\u00fcnde sondern dem Leid<\/strong><\/p>\n<p>In den wuchernden Angeboten von \u00bbSpiritualit\u00e4ten\u00ab m\u00fcssten sich gerade Christen an den messianischen Grundzug ihres Christentums und seiner Spiritualit\u00e4t erinnern lassen. Jesu erster Blick ist ein messianischer Blick. Er gilt zun\u00e4chst nicht der S\u00fcnde der anderen, sondern ihrem Leid. Diese messianische Leidempfindlichkeit hat nichts zu tun mit Wehleidigkeit, mit einem unfrohen Leidenskult. Sie hat aber alles zu tun mit einer biblischen Mystik der Gerechtigkeit: Gottesleidenschaft als Mitleidenschaft, als praktische Mystik der Compassion. Ein Christentum, das sich an seiner biblischen Wurzel fasst, bekommt es immer wieder damit zu tun.<\/p>\n<p><strong>S\u00fcndenempfindlich oder leidempfindlich?<\/strong><\/p>\n<p>Haben sich die Christen von der urbiblischen Gerechtigkeitsfrage vielleicht zu schnell und zu fr\u00fch verabschiedet? Hat sich das Christentum im Lauf der Zeit\u00a0 zu ausschlie\u00dflich als eine s\u00fcndenempfindliche und zu wenig als eine leidempfindliche Religion interpretiert? Warum zum Beispiel tut sich die Kirche mit unschuldigen Opfern immer schwerer als mit schuldigen T\u00e4tern? Solche Fragen sind nicht rein spekulativ auszur\u00e4umen, auch nicht mit rein moralischen Appellen. Aber vielleicht mit einekirchlichen Rechtsverst\u00e4ndnis, das unter dem Primat einer rettenden Gerechtigkeit f\u00fcr die unschuldig leidenden Opfer steht.&#8220;<\/p>\n<p>(Quelle:\u00a0Zeit-Online <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\">http:\/\/www.zeit.de<\/a> ).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist bis heute f\u00fcr mich, der ich 1981 die Diplomarbeit\u00a0 zur Theologie von J. B. Metz geschrieben habe, immer wieder eine tiefe Herausforderung, wenn Metz sich zu Wort meldet. 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