{"id":9223,"date":"2020-04-11T09:08:44","date_gmt":"2020-04-11T08:08:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/?p=9223"},"modified":"2020-04-11T09:17:50","modified_gmt":"2020-04-11T08:17:50","slug":"ein-leben-sucht-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/ein-leben-sucht-das-leben\/","title":{"rendered":"Ein Leben sucht das Leben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-9225\" src=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.kaineder.at\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ostern2020-025-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Es ist 5.25 Uhr. Das Festnetz l\u00e4utet. Wenn dieses L\u00e4uten durch die Wohnung schallt, sei es zeitlich gelegen oder ungelegen, dann ist unsere 97-j\u00e4hrige Oma am anderen Ende. Seit mehr als einem Jahr ist sie im Seniorenheim, weil sich ihr Alleine-leben (wollen) nicht mehr ausgegangen ist. Sie ist wunderbar und liebevoll betreut. Und sie hatte immer viel Besuch. Sie hatte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit mehr als vier Wochen ist das Seniorenheim f\u00fcr Besuche wegen Corona richtiger Weise geschlossen. Ihr einziger \u201eAu\u00dfenkontakt\u201c ist das Telefon. Und genau dort liegt wieder eine gro\u00dfe H\u00fcrde, weil sie schwerh\u00f6rig geworden ist. Dazu kommen ihr manche Dinge durcheinander. Beispielsweise orientiert sich ihr Zeitgef\u00fchl nicht an der Uhr oder dem Tagesablauf. Anrufe kommen, wenn sie sie braucht, auch mitten in der Nacht, weil ihr Gedanken, Erinnerungen und Bef\u00fcrchtungen durch den Kopf gehen. \u201eK\u00f6nnt ihr bitte heute vorbeikommen. Ich brauche euch.\u201c Das ist immer ihr erstes Anliegen. Gerade jetzt um 5.25 Uhr. Es ist nicht einfach ihr zu erkl\u00e4ren, dass es kein \u201ezu ihr kommen\u201c gibt. Sie kann nicht verstehen, warum sie niemanden mehr sehen und sp\u00fcren kann. Mag sich die Pflege auch noch so redlich und liebevoll bem\u00fchen, es ist kein Ersatz f\u00fcr ihre \u201egewohnten famili\u00e4ren Menschen\u201c. Das tut ihr weh, darunter leidet sie, das kann sie schon gar nicht verstehen. Deshalb noch intensiver: \u201eIhr k\u00f6nnt doch einfach hereinkommen.\u201c Es ist f\u00fcr sie ein stiller, vierw\u00f6chiger Karsamstag geworden. Sie sp\u00fcrt, dass das Leben langsam stirbt und dass sie dabei in Isolation sein muss. Gerade ihre Schwerh\u00f6rigkeit macht es noch schwerer, den Kontakt mit Hilfe der Stimme aufrecht zu erhalten. Sie vermisst umso mehr das Schauen und Sp\u00fcren der Menschen in ihrem feinen Zimmer. Jedes Telefonat ist f\u00fcr sie ein Strohhalm, an dem sie sich in ihrer Isolation anh\u00e4lt. Bei Tag und bei Nacht.<\/p>\n<h3>Die N\u00e4he im Abstand<\/h3>\n<p>Wenn, wie letztens f\u00fcr eine Stunde, die Enkelkinder in unseren Garten kommen, dann halten wir Abstand. \u201eEine Kuhl\u00e4nge\u201c ist daf\u00fcr ein gutes Ma\u00df. Das k\u00f6nnen Kinder, die schon einmal eine reale Kuh gesehen haben, gut einsch\u00e4tzen. Selbst unsere J\u00fcngste mit eineinviertel Jahren h\u00e4lt sich daran. Ganz von selber und ohne dass wir sie daran erinnern m\u00fcssen. Sie sieht es bei den Eltern und Br\u00fcdern, dass es kein Umarmen, kein Liebkosen und kein Dr\u00fccken gibt. Und doch sind wir froh und happy, dass wir einander nicht nur digital t\u00e4glich beim Gute-Nacht-Geschichte-Vorlesen sehen, sondern real uns zulachen, plaudern, einander beobachten und so in besonderer Weise sp\u00fcren k\u00f6nnen. \u00a0Dieser Abstand ist so eine besondere N\u00e4he. Genau das vermisst unsere Oma. Sie ist noch viel mehr auf das intensive Dasein direkt neben ihr angewiesen, auf die Ber\u00fchrungen und das Schauen, das H\u00f6ren aus unmittelbarer N\u00e4he. Corona verwehrt ihr das. Ostern wird f\u00fcr sie erst dann sein (k\u00f6nnen), wenn wir wieder ganz neben ihr in ihrem Zimmer sein k\u00f6nnen. Bis dahin ist f\u00fcr \u00e4ltere Menschen der Schmerz der Trennung im Vordergrund, zehrt an ihrem Lebemswillen, l\u00e4sst ihre Lebendigkeit \u201eausrinnen\u201c. Das Virus bleibt zwar drau\u00dfen, aber das Leben ebenso. Deshalb ist der Griff nach dem Telefonh\u00f6rer ein Griff nach dem Rettungsring, um nicht in der Isolation und Einsamkeit zu ertrinken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist 5.25 Uhr. Das Festnetz l\u00e4utet. Wenn dieses L\u00e4uten durch die Wohnung schallt, sei es zeitlich gelegen oder ungelegen, dann ist unsere 97-j\u00e4hrige Oma am anderen Ende. 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