Dieser Tage habe ich einem Arzt gelauscht, der über Risikofaktoren des Lebens wie Rauchen, Übergewicht oder hoher Blutdruck gesprochen hat. Er hat einige ganz markante Werte und Zahlen an die Wand geworfen. Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass jeder Mensch einzigartig ist, kein „Normwesen“, ein Original. Er betonte es mehrmals. Dazu auch sein Ausspruch: „Der beste Arzt für sich selber sind sie selber. Sie spüren, sie merken, sie nehmen wahr. Und sie spüren auch intuitiv die Lösung, den Heilungsansatz.“ Und dann erklärte er kurz und bündig, wie es zu den Standards in der Medizin gekommen ist. „Die Standards sind in der Notfallmedizin bei Bewusstlosigkeit eingeführt worden. Wenn ein Mensch nicht mehr ansprechbar, nicht mehr kommunikationsfähig war, hat man auf die Standards wie Puls oder Blutdruck zurückgegriffen, um das Leben irgendwie einzuschätzen.“ Und er führte weiter aus, dass etwa 14 Billionen Zellen im Körper miteinander kommunizieren.  Dann erläuterte er, dass viel Wirklichkeit in den Zwischenräumen, also zwischen den Zellen passiert. „Stellen sie sich vor, sie sind die Zelle. Was alles noch zwischen ihnen hier im Raum ist, ist ja auch nicht nichts. Alles kommuniziert mit allem.“ Ich denke sofort an Papst Franziskus und an die Enzyklika Laudato si: „Alles ist mit allem verbunden.“ Und der Arzt betont nochmals: Standards sind gut bei Bewusstlosigkeit und wo keine Kommunikation stattfinden kann und sind ein Orientierung aus der Erfahrung heraus.

Es ist umgekehrt: Standards machen bewusstlos

Natürlich ist das ein „Bild“ für das Leben. Jesus hat vom Leib gesprochen, in dem alle Teile  zusammenwirken müssen, damit es dem Menschen gut geht. Das „Bild“ nahm er für das Reich Gottes. Vielfalt, Verschiedenheit, gute Kommunikation untereinander, Zusammengehörigkeit machen den Leib aus. Derzeit erleben wir allerdings den umgekehrten Weg. Mit Standards wird in allen Bereichen versucht, das Leben zu „gestalten“. In der Bildung denke ich an PISA und die Zentralmatura. Wenn Standards in der Medizin aus der Notfallmedizin bei Bewusstlosigkeit entstanden sind, dann schaffen Standards in der Bildung gerade Bewusstlosigkeit. Wenn Standards bei Versagen der Kommunikation in der Vielfalt der 14 Billionen Zellen mit ihren Zwischenräumen helfen, die Lebensfunktionen zu schützen, dann verhindern Standards in der Bildung gerade die Kommunikation in der Vielfalt des menschlichen Lebens. Standards haben bis zu einem gewissen Grad geholfen. Jetzt bekommen sie ein Eigenleben, setzen sich so wie der Mammon in der Wirtschaft in die Mitte allen Tuns. Zwei Männer reden neben mir von ihren Firmen und führen aus, dass die jungen Techniker „mit ihrem Laptop, den sie an die Maschine anstecken“, zwar die Abweichung vom Standard feststellen („Das Gerät hat nicht funktioniert.“), aber keine Idee haben, wie man das einfach repariert. Beide Männer waren frustriert von der „jungen ideenlosen Hilflosigkeit“. Mit Standards und den technischen Geräten wird die Kreativität und Eigeninitiative ausgetrieben. In Laudato si heißt es, daß wir vom technisch-technologischen Weltbild in das sozial-ökologisch-spirituelle Paradigma des Lebens wechseln sollen. Im ersten herrschen Standardisierung und im anderen Kommunikation in Vielfalt inklusive Zwischenräume. Hier entstehen die Kopien und dort kommunizieren Originale. Mehr denn je bin ich überzeugt: Vielfalt stärkt. Das stärkt ein hellwaches Bewusstsein.

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