Bischof Maximilian Aichern war und bleibt mit uns

In aller Frühe im Zug zum KMB-Männertag lese ich am 31. Jänner 2026 auf meinem Smartphone diese Zeilen: „Um 4 Uhr früh ist er nach Hause gegangen.“ Mir fällt das Kunswerk von Eva Weber ein: „Atmen.  Atmen. Amen.“ In mir der Gedanke: Jetzt hat er es geschafft. Ich kehre um. In den letzten Monaten habe ich Bischof Aichern öfter besucht, bei seinem Schreibtisch sitzend, trotz Schmerzen ein hellwaches Gesicht mir gegenüber. Beim Weggehen immer: „Und grüß mir deine Family, alle.“ Diese oder ähnliche Aussagen haben ganz viele Menschen aus den Begegnungen mit dem verstorbenen Bischof Maximilian Aichern mitgenommen.

Beim letzten Besuch – ohne zu wissen, dass es der letzte sein wird – habe ich gemeint: Beten wir für die Welt, für jene Menschen,  die es nicht leicht haben, und für dich – ein Vater unser. Er darauf: Ja, das machen wir. Und wir haben gebetet. Er hat mit dem Segensgebet noch ganz breit ausgeholt. Die massiven Rückenschmerzen haben ihn wieder daran erinnert, dass die Zeit kommen wird. Die fürsorgliche Haushälterin hat die Salbe geholt. Wir haben einander noch gesegnet und tief beglückt – ja, so war es – bin ich wieder in den Lebensalltag aufgebrochen. Begleitet haben mich die Erinnerungen und Erfahrungen, dass das Gespräch in früheren Tagen immer auch schon das Gebet war, das hellwache Zuhören und Austauschen.

Ein paar Tage davor hat er am Abend angerufen, hat mir noch von einer Begebenheit erzählt. Das hat er mit vielen Menschen gemacht. Aus dem KA-Umfeld habe ich das immer wieder gehört: Er hat angerufen. Am Ende des Telefonates meinte er: Ferdinand, betet für mich. Unser vielfältiges Miteinander war zu seiner Amtszeit „per Sie“.  Als Pastoralassistent am Dom von 1982 -1992 habe ich natürlich immer wieder Berührungsflächen gehabt, war unsere Pfarrkirche auch Bischofskirche. Als Ausbildungsleiter, Kommunikationsleiter und Mediensprecher der Diözese war mein Büro im Bischofshof in unmittelbarer Nähe zum Bischof bis zu seinem von Wien her geforderten Rücktritt 2005.

2009 hat er mich mehrmals auf meinem Fussweg nach Assisi angerufen. Ich erinnere mich noch an ein Telefonat in Padua: Wo bist du gerade? Dass du so weit gehen magst und dass das deine Füße aushalten. Er hat immer eine unglaublich empathische Tonalität in Telefonaten und Gesprächen gehabt. Es hat meiner damals gekränkten Seele unglaublich gut getan, war er doch der einzige aus der oberen Ebene, der auf persönliche Weise Anteil an meinem, unserem Schicksal genommen hat. Er hat auch meine Frau daheim angerufen, wie es ihr geht in unserer Situation. Nicht nur einmal. Es war immer etwas Aufrichtendes, Heilendes und Ermutigendes in seinem Zuhören und seinen einfachen Worten. Das hat uns auch auf persönliche Weise zusammengeführt. Und so sind wir ins – „per Du“ – hineingestolpert. Ich habe allerdings das „per Sie“ auch in einer sehr persönlichen und respecktvollen Art erlebt. Das „Sie“ war eine besondere Art der gegenseitigen Wertschätzung. Jetzt könnte der Eindruck entstehen, wir wären immer einer Meinung gewesen. Wir haben unterschiedliche Wahrnehmungen, Sichtweisen und Projektvorhaben schon öfter „diskutieren“ müssen, immer in Respekt voreinander und eingebettet in jene „kritische Loylität“, die uns alle miteinander verbunden hat. Eine „fremde Meinung und Wahrnehmung“ war ihm  – so mein Eindruck – immer heilig. Wenn ich heute öfter bei Vorträgen oder Gesprächen sage, wir müssen wieder lernen, „das Fremde zu lieben“, dann hat das hier auch eine Quelle.

Im Zug zurück nach Linz war ich froh, dass ich schon am Vortag begonnen habe, nicht nur persönlich sondern auch als Präsident der Katholischen Aktion Österreich Worte zufinden. „Grüß dich, Herr Präsident“, war ja immer das Erste, was er zu mir gesagt hat. Und dann: „Ferdinand, nimm Platz da“ und er deutete auf den Sessel neben ihm. Beim vorletzten Besuch musste ich in sein Gästebuch einen Eintrag machen, die Haushältein hat ein Foto von uns beiden gemacht. Ich zeige es manchmal her, aber nicht öffentlich. Er war schon gezeichnet, wie man sagt, aber ganz da. In Absprache mit dem Präsident:innen-Team der KAÖ haben wir am Vormittag diesen Text an die Medien übermittelt und auf die Website gestellt als gemeinsamen Nachruf der KAÖ mit den Gliederungen.

„Mit Bischof Maximilian Aichern verlieren wir einen Menschen, der breite Menschlichkeit gelebt hat, auf menschliche und empathische Weise auf alle zugegangen ist und allen ein offenes Ohr geliehen hat. Er hat sich persönlich anrühren lassen von den jeweiligen Lebenssituationen und alle beim Namen genannt. Immer wieder haben wir erlebt, wie er sich erkundigt hat, wie es den Kindern geht oder Grüße an die Familien ausgerichtet hat. Seine wertschätzende und hellwache Haltung hat viele Menschen angesprochen, imponiert und aufgerichtet. Immer war seine besondere Hinwendung zu den Schwächeren im Vordergrund. Dankbarkeit hat er ausgestrahlt und eine aufrichtende dankbare Lebenshaltung bei vielen gestiftet.

Mit Bischof Maximilian verlieren wir einen besonderen Mitchristen der Tat. Soziale Gerechtigkeit und grenzenlose Zusammengehörigkeit und Solidarität hat er als besonderen Auftrag für sich aus dem Evangelium abgeleitet. Er ist aufgestanden, wo es eine starke Stimme für die Benachteiligten gebraucht hat. „Höre“ ist das erste Wort in der Benediktus-Regel und das hat er ganz und gar gelebt. Er war immer umringt von Menschen, die sich an ihm wärmen konnten. „Coraggio“ hat er den Menschen und Mitchristen immer wieder ermutigend zugerufen. Das Gespräch war sein „Heilungsinstrument“. Buchstaben und Worte können dieses Christenleben der Tat nicht einfangen.

Mit Bischof Maximilian verlieren wir einen Hirten mit und unter uns, der unter den Menschen Vertrauen und Zutrauen geschürt hat. Er hat sich als Diener in der vielfältigen Einheit verstanden und trotz Anfeindungen gelebt. Synodal gefasste Entscheidungen hat er als seinen Arbeitsauftrag geduldig und auch gegen Widerstände von oben abgearbeitet. Als Brückenbauer hat er immer das vielfältige Gemeinsame gestärkt. Anfeindungen hat er stets direkt besprochen und auch geduldig ertragen. Die auf ihn zurückgehenden Einrichtungen, Initiativen und Organisationen sind nicht alle hier aufzählbar. Wir behalten ihn als Solidaritätsanstifter und in allem bescheidenen Bischof in Erinnerung.

Von 1982 bis 2005, also seine ganze bischöfliche Amtszeit in Linz, war Bischof Maximilian auf Österreichebene als Referatsbischof für die Katholische Aktion mit ihren Gliederungen zuständig. Er hat sich 23 Jahre lang für alle Hauptversammlungen und viele Präsidiumssitzungen Zeit genommen, hat viel zugehört, Anregungen gegeben und dabei nicht nur die Organisation, sondern die vielen meist ehrenamtlich Engagierten gestärkt und ermutigt. Das Laienapostolat im Sinne der Katholischen Aktion war für ihn aus der Katholischen Arbeiterjugendkommend wesentlich für eine jesuanisch-christliche Weltgestaltung als Kirche in der Jetztzeit. Bis zuletzt hat er sich persönlich eingesetzt für eine entsprechende Ausstattung der KA, damit sie ihre vielfältigen Aufgaben in der Kirche und Welt erfüllen konnte. Eine faire Arbeitswelt, ein arbeitsfreier Sonntag, ein Wirtschaften um der Menschen willen, globale Gerechtigkeit, eine ehrliche geschlechtergerechte Kirche mit den Frauen in allen Ämtern, ein nachhaltig sozial-ökologisch-spirituelle Welt, ein Dagegenstemmen gegen die wachsende Ungleichheit sind nur fragmentarisch in Erinnerung gerufene Themen, für die er gelebt hat. Persönlich und als Katholische Aktion verneigen wir uns in tiefer Dankbarkeit vor diesem Menschen, diesem Christen und diesem Bischof. Ferdinand Kaineder, Katharina Renner, Thomas Immervoll“

Nach dem Teilen dieser Nachricht im Laufe des Tages hat sich in mir eine tiefe Traurigkeit breit gemacht. Immer wieder sind Menschen in meinen Gedanken, in meinem Inneren aufgetaucht, die mir viel bedeuten und schon verstorben sind. Natürlich kommen zuerst die Eltern daher, mein jüngerer Bruder und familiennahe Personen. Seit unserer Dompfarrzeit, wo wir zehn Jahre  im Dompfarrhof in einem quasi „CoHousing“ gewohnt haben, wissen wir auch ganz praktisch, dass es eine „erweiterte Familie“ gibt, die aus der „Seelenverwandtheit“ kommt,  wie Johann Bergsmann oder später Josef Ahammer. Sie waren wie Aichern weitherzige „Ermöglicher und Ermutiger“.  Wenn ich in den nächsten Tagen viel Zeit damit verbringe,  an den verschiedenen Begräbnisritualen wie Beten, Requiem in Linz und Beisetzung in St. Lambrecht teilzunehmen, dann wird sich zeigen: Wir bleiben in tiefer Verbundenheit gemeinsam unterwegs.
Pace e bene. RIP.