„Wir gehen in den goldenen Herbst“, meinte eine Mitgeherin auf die Frage einer Pilgerkollegin, wie denn das Wetter wird für die nächsten Tage am Wilheringer Weg. Über unserem sechstägigen Vorhaben im Oktober 2026 steht das Motto „Pilgern im Jetzt„.
Zwölf Frauen und Männer treffen pünktlich am vereinbarten Startpunkt „bei der Kirche in Ottensheim“ um 9 Uhr ein. Einige kennen einander, andere sind erstmals über Tage zu Fuß mit Rucksack unterwegs. Bei der Begrüßung ist die Stimmung schon aufgehellt, neugierig und mit einem tiefen Zug zum Gehen. Ein paar Eckpunkte wie „inneres Gummiringerl“, heutige Etappe und der Blick in die Kirche, die wir mit einem kurzen Text und einem Lied erfüllen, lässt uns frohen Mutes starten.
Ottensheim nach Eidenberg
„Geh mit uns“ klingt im Ohr noch nach. Es ist der innere Wunsch, dass wirgeöffnet, behütet, „geführt“ (so steht es neben der Kirche auf der Tafel) und gemeinschaftlich diesen Weg „meistern“, dem Leben auf dem Weg begegnen. Der Donau entlang sehen wir, dass das Wasser wärmer ist als die Außentemparatur, die Donau „dampft“. Nebelschwaden und Sonne begleiten uns nach Puchenau, direkt an der Donau entlang. Ab Puchenau geht es Richtung Pöstlingberg am Puchenauer Kreuzweg aufwärts, dann hinüber, wieder aufwärts, aufwärts und nochmals aufwärts bis zum Koglerau Spitz. Das Gummiringerl hält die mehr als 430 Höhenmeter, alle da. Mittagspause und Mittagsjause. Wir treffen andere, mit zum Teil derselben Idee vom Weg. Trotz Sonne ist es kühl. Das fördert den Wunsch zum Weitergehen über Neulichtenberg (Das Cafe Gust ist geöffnet) Richtung Gis, die wir auf halber Höhe rechts oben liegen lassen. Unser Wilheringer Weg führt hinüber und hinunter nach Eidenberg. Bevor es abwärts geht, ein Denkmal, das uns zu denken gibt. Drei 15-Jährige haben hier 1945 in ihrem „Nazi-Eifer“ nicht gehört, dass der Krieg aus ist. Sie haben immer noch gekämpft und wurden erschossen. Am Mahnmal steht: „Der Tod der Kindersoldaten aus Sachsen sei uns Mahnung vor Völkerhetzung und Fremdenfeindlichkeit“. Den Weg hinunter gehen wir nachdenklich, das Ziel Eidenberg vor Augen. Zuerst der Besuch in der Kirche, ein atmendes Ankommen und wie in jedem kirchlichen Resonanzraum ein Lied. Dann geht es in die Dusche in die Eidenberger’s Herberge. Nach 22 km und ca 800 Höhemeter gönnen wir uns ein feines Abendessen im Gasthaus daneben. Wir erfahren, dass auch die Pilgerzimmer im Pfarrhof schon fertig sind.
Eidenberg nach Bad Leonfelden
Das wunderbare Frühstück ist gegessen, die Rucksäcke wieder gepackt, die Regenausrüstung in Betrieb genommen. Es regnet, es nieselt, es geht gleich bergauf bis zur Schönangerkapelle mitten im Wald. „Das ist wirklich mystisch“, wird gemunkelt. Geht nur bei feuchtem Wetter. Beeindruckend. Wir reden über das „Plentern“ (Verjüngung) und den Wasserspeicher Wald bzw Trinkwasserquellen. Der Wald kann uns da etwas lehren, gerade auch der Kirche. Beim Blick auf Untergeng hat sich hinten am Horizont schon die Sonne eingemischt. Die Kirche in Untergeng ist etwas besonderes. Sie gehört über den „Kirchenbauverein“ direkt den Menschen in Untergeng, also nicht der Diözese und nicht dem Stift. Eine Frau macht heraußen gerade sauber, „unsere Kirche“, meint sie. Kirche sind die Getauften, also wir alle. Der Weg geht ein Stück auf der Bezirksstraße, dann ins Rodltal und hinauf Richtung Burg Lobenstein. Der Aufstieg kam „überraschend“, die Aussicht allerdings war toll. Nach Zwettl hinein geht es leicht bergab. Mittagsjause auf den Stufen zur Kirche, in der Sonne und mein Espresso kam vom „feinen Laden“ am Marktplatz rechts hinten ums Eck. Die Rucksäcke wieder aufgenommen geht es der Distel entlang rüber und rauf über Langzwett, Schönau und Dietrichschlag nach Bad Leonfelden. Das Gummiringerl ist schon sehr gedehnt. Die einen weit vorne und einige weiter hinten. Bei der Kapelle vor Bad Leonfelden sind wir wieder vereint. Gemeinsam mit etwas müdem Schritt nähern wir uns der Pfarrkirche ganz oben, „fallen in die Bänke“ und atmen einfach. Schauen. Stille. Geschafft. Der gesungene Kanon ist da und doch nicht so, wie er sich sonst anhört. Wir sehen keine Tafel mit dem Wort. Wir sind leider an der Bründl-Kirche (dort ist auch der Stempel) vorbeigegangen. Im Leonfeldnerhof warten unser Kopfpolster auf uns und das Abendessen. Der Rhythmus Frühstück, Kleinigkeit und Abendessen bewährt sich schon. Regen und Sonne, wunderbare Gegend, feine Gespräche untereinander und Begegnungen am Weg lassen uns im „hic et nunc“ (hier und jetzt) sein. Sauna und Schwimmbad nutzen noch einige von uns.
Bad Leonfelden nach Vyssi Brod
„Schwedenschanze“ haben wir schon öfter gelesen. Heute überschreiten wir dort die EU-Grenze nach Tschechien oder wie man früher richtigerweise sagte: Böhmen. Hier bei Bad Leonfelden sind viele nach dem schrecklichen Krieg bis zur mörderischen Abdichtung der Grenze mit dem Eisernen Vorhang „über die Grenze gegangen“. Auch meine Schwiegermutter. Der Weg bis zur Grenze geht über die europäische Wasserscheide. Nach der Grenze eine ganz andere Gegend, wirklich ganz anders. Wir sehen zwei Stunden lang kein Haus oder keine Siedlung, sozusagen „Zersiedelungsentzug“. Wir sehen die Tafeln von den getöteten Geflüchteten und die Hinweise auf zwei Dörfer, die geschliffen wurden. Der Weg bis ins Kloster Vyssi Brod geht lange hinüber bis zum Tal der „kleinen Moldau“, die sich über Steine, den kleinen „Wolfgang-Wasserfall“ (da darf man nicht an die Wasserfälle in Osttirol denken) hinunterschlängelt ins Dorf. Der Pilgerweg geht entlang des Wasserkanals zum Stift. Dort werden wir empfangen, in unsere einfachen sehr sauberen Pilgerzimmer gebracht. Dusche wieder als „Himmelsahnung“. Unterhalb des Klosters sehen wir ein Schild mit „Restaurant“. Individuell schauen wir die Stiftskirche, das Cafe Convento, die fast ganz verfallene Brauerei und verschiedene Perlen. Für eine Führung sind wir zu spät dran. Aber wahrscheinlich hätte die Müdigkeit die Aufmerksamkeit bei der Führung ohnehin geschlagen.
Vyssi Brod nach Traberg
Das Refektorium (Konvent-Speisesaal) empfängt uns zum Frühstück mit allem, was man sich wünschen kann. Die Rucksäcke stehen bereit für „zurück oder heimwärts“. Wir verlassen den nördlichsten Punkt des Pilgerweges und wissen: Heute wird es weiter und höher. Etwa 1.050 Höhenmeter und 27 km warten auf uns. Der Nebel hat sich verzogen. Der Aufstieg auf „Maria Rast am Stein“ ist kontinuierlich und wirklich im „Gold des Herbstes“ eingefasst. Wir genießen die Übersicht, fassen Gedanken und lassen ein Lied erklingen. Der weitere Weg ist kurz geschildert. Hinunter, hinüber und wirklich ansteigend hinauf auf den Sternstein (1.125 m). „gerufen“ und „gehalten“ sind die Worte, die unserem Tag die Klammer geben. Der Abstieg über das „1.000m-Platzl“ nach Vorderweißenbach geht direkt fliegend, leichten Fusses. In Vorderweißenbach betreiben zwei junge Menschen in der alten Fleichhauerei eine Konditorei „feine Sache“. Da nehmen wir am späten Frühnachmittag Platz, um Kräfte und Motivation für die weitere wunderbare Strecke durch den Brunnwald zu sammeln. Diese Strecke lässt einem durch die verschiedenen Perspektiven nicht einfach dahingehen. Wir kommen aus dem Wald und sehen einen Kirchturm. Ja, Traberg steht vor uns. Wir nehmen noch einen Schluck und gehen diesen Tag zu Ende. Im Annahof haben sie sechs Doppelzimmer, die uns aufnehmen. Vorbei am lebendigen Stammtisch wartet im Extrastüberl unser Abendessen. Ein guter Platz, ein feines Haus für die Vielen. Wir fühlen uns „gehalten“.
Traberg nach Neußerling
Wie immer bisher ist das Frühstück so, dass der Tag kommen kann. Von Tragberg geht es kurz runter und dann auf den „Gegenberg“ hinauf. Mir ist dieser Weg in Erinnerung, weil ich ihn 2012 nach Volkenroda so gegangen bin. Einige Augen der Gruppe sehen Schwammerl in größeren Mengen. „Da muss ich nochmals herkommen“, hören meien Ohren. Nach dem Aufstieg geht es hinüber und hinunter nach Waxenberg zur Trink- und ein wenig Schaupause. „geliebt“ ist hier das Wort unter den mächtigen Linden. Alle zusammen waren wir etwas unaufmerksam und haben statt des Wilheringer Weges den Mittellandweg 150 „erwischt“ nach Oberneukirchen. Es hat uns intuitiv hinunter gezogen und der Weg geht in Waxenberg wieder bergauf. Gut, Oberneukirchen haben wir erreicht. Der Kirchenraum innen hat uns durch die Neugestaltung fasziniert. Das Cafe am Platz war offen für den Espresso, die Sonne hat den Gastgarten gewärmt. Durchatmen. Rucksack zur Seite. Füsse austrecken. Die Nachmittagsetappe über den Oberneukirchner Berg hinüber nach Neußerling ist körperlich-mental-spirituell gut vorbereitet. Los geht es wieder über die unglaublich schönen „Weiten des Mühlviertels“ bis zum Gasthaus Mitten in der Welt. So fühlen wir uns, mitten in mir, bei uns, in der Welt. Am Ende war es doch mehr Asphalt als gewohnt. Hätte es geregnet, wäre das ein Vorteil. Die Kirche von Neußerling ist auch wieder so ein Ding. Erbaut auf Initiative des Schuldirektors 1947 gegen den Willen der Diözese und des Stiftes. Bei der Grundsteinlegung war allerdings der Wilheringer Abt dabei. Ein Kräutergarten umfasst die Kirche. Nach dem Abendessen sitzen wir noch in der Gaststube, die ganz gefüllt war. Schließlich ein tiefes „gute Nacht“ vor dem letzten Tag.
Neußerling nach Ottensheim und Wilhering
Eine Pilgerkollegin hat ihre Blasen wieder in den Griff bekommen. Wir sind immer um 9 Uhr gestartet, heute um 8:30 Uhr. Alle da, alle ausgeruht, alle bereit, „den letzten Tag zu gehen“. Sehr wenig erzähle ich von Gesprächen am Weg, die wir hatten, beispielsweise zum „Beichtomat“ an einer Hausmauer oder beim geschlossenen, etwas herunter gekommen Gasthauses. Überall das Thema Wasser und Trockenheit. Ein riesiger neuer Stall für 150 Kühe und das Wasser aus der „Ringwasserleitung“. Wir spüren: Das Wasser ist und wird ein unglaubliches Thema. Bei mir geht immer mit: Wie geht Reduktion? Wie geht weniger? Es rollt heute dahin, Schritt für Schritt, die Blicke schweifen in die Ferne, bis wir hintergehen ins Rodltal. Auf der Jahresstiege (365 Stufen) gehen, wackeln wir mit unseren Rucksäcken hinauf, genießen den Überblick, die Kirchturmspitze schon sichtbar. 1110 wurde die erste Kirche in Gramastetten gebaut. Schon eine lange Zeit, die uns da entgegenkommt. Das Verweilen in den Kirchenräumen erlebe ich immer als „Schutz und Oase des Gemeinsamen“. Gut, dass auch der Kirchenwirt am Platz ein paar Sessel und kleine Tische stehen hatte. Wir haben unsere letzte gemeinsame Mittagspause genossen, die „gefundenen Äpfel“ noch verzehrt. Der Weg hinüber und hinunter durch das Blaicherbachtal an die Donau bei Ottensheim ist direkt in einer „fröhlichen Wachheit“ begangen worden. „gefüllt“ war das Wort in Gramastetten und so haben wir uns auch gefühlt, von schönen Eindrücken und Erfahrungen, von Anstrengung und Schweißperlen. Die Überfuhr nach Wilhering muss ich nachholen, bei Gelegenheit und dort den letzten Stempel ins analoge Tagebuch einstempeln, wegen des begleitenden Wortes. Es waren nämlich feine „Worte“ am Weg, die uns ein wenig geholfen haben, uns zu ordnen, zu verorten und in die Tiefe zu gehen. Wie meinte beim Abschied eine Mitpilgerin? „Ich möchte euch alle umarmen.“ Und sie hat es getan.
Pace e bene!
Post scriptum
- Website vom Wilheringer Weg inkl Etappen, Unterkünfte und Gastronomie
- Mit am Weg:
_ Robert Misik, Erziehung zur Grausamkeit, edition suhrkamp
_ John von Düffel, Das Wenige und das Wesentliche, Ein Stundenbuch, Dumont
_ Daniel Schreiber, Liebe! Ein Aufruf, Hanser Berlin
_ Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung, Wider die Gesellschaft der Angst, ullstein - Ein (leeres ) Tagebuch zum Mitschreiben der Erfahrungen und Gedanken habe ich immer dabei
- In jeder Kirche liegt das Gotteslob auf
- Hier im Blog weniger Bilder, damit die Phantasie und Vorfreude „weit offen bleibt“
- Kartenzahlung überall möglich genauso wie Barzahlung
- Hilfe und Unterstützung bekommst du beim Tourismusbüro Mühlviertel (in Bad Leonfelden)














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