Der Fussballplatz hört alle möglichen Sprachen

„Im Sommer hört unser Fussballplatz alle möglichen Sprachen, ganz selten deutsch“, meint Pfarrer Karl Bleibtreu von der Pfarre Don Bosco und läßt viel Wohlwollen und Offenheit mitschwingen. Die Problematik der Migration und eines hohen „Ausländeranteils“ begleitet mich seit einigen Pfarren – Ebelsberg, St. Franziskus, Traun, St. Peter, Don Bosco und jetzt hier in  Herz Jesu.  In der benachbarten Volksschule ist in zwei Klassen einer Schulstufe ein katholisches Kind.

Das Herz in diesen Kirchenraum hängen

Heute habe ich verschlafen. Der Wecker ist nicht abgegangen uns so bin ich um 8.30 Uhr losgestartet Richtung St. Michael am Bindermichl. In einer Bäckerei habe ich das Frühstück und die Gespräche genossen. Beim Betreten der Kirche wird mir wieder bewußt: ein besonderer Kirchenraum. Große schön gestaltete Info-Tafeln im Eingangsbereich stimmen auf die Entstehung der Kirche und Pfarre ein. In einer „Ahnentafel“ lese ich nicht nur Priester, sondern auch Pastoralassistenten. Das tut wohl, wenn die gemeinsame Verantwortung in der Seelsorge so dokumentiert wird. Der Bindermichl hat gewonnen und ich kann nur empfehlen, die Autobahnunterführung einmal zu verlassen und das eigene Herz in diesen Kirchenraum zu hängen. Es wird ihm gut tun – dem Herz. Im pfarrlichen Gasthaus Platane werde ich witzig begrüßt. Die Pfarrsekretärin geht offen auf Menschen zu und so bleibt unsere Unterhaltung eher kurz, weil die nächste schon an der Reihe ist. Das Modell Pfarre mit Gasthaus funktioniert hier gut.

Offen für die feiernden Berufsschüler

Das Gebet beim Entzünden der Kerze in St. Peter  in der Kirche spricht mich an und ich werde es „mitnehmen“. Im Pfarrheim treffe ich die Reinigungsfrau und später die Sekretärin. Nach kurzer Zeit kommt eine Klasse Berunfsschüler (Installateure) mit ihrem Religionlehrer Daniel N zum Abschluss ihrer 10-wöchigen Ausbildung. Sie haben vier Jahre hinter sich und werden jetzt fertig. Sie kommen aus ganz Oberösterreich. Die Offenheit der Pfarre und „dass wir hier sein dürfen“ taugt ihnen. Daniel sitzt mitten drunter. „Wir haben Gott sei Dank viele Ehrenamtliche, die viel Arbeit machen. Der Pfarrer und ich sind nämlich sonst alleine“, meint die Sekretärin.  Im Weggehen rufen mir einige Schüler nach: „Dass die holt net verrennst.“ Hoffe ich nicht, denn jetzt folgt die „interreligiöse Meile“.

Interreligiöse Meile

Der Weg führt auf den nächsten zwei Kilomentern vorbei an: Volkshilfezentrum, Mosche und Königreichssaal sind unmittelbare Nachbarn, Pfarre St. Antonius, Methodistenkirche und Petrusbruderschaft Mauer an Mauer,  die koptischen Christen, Diakonie und Promente. In der Mosche wurde ich freundlich begrüßt und Pastor Markus Fellinger von den Methodistenh steigt gerade aus dem Auto, wie ich des Weges komme. Wir reden kurz, weil er jemanden zum Gespräch. „Bleiben wir in Verbindung“, ist sein Wunsch. Meiner auch. Gut, denke ich, dass sich „bei uns“ jemand um die ökumenischen Kontakte kümmert.  In der Pfarre St. Antonius ist der Montag frei und deshalb auch niemand zu erreichen. Das erfahre ich beim Kaplan in Herz Jesu, der auch teilweise in Antonius mithilft. Ich halte inne, wo mich der hl. Antonius so weite Wegstrecken nach Assisi begleitet hat.

Es geht um 3 cm

Stellvertretend für alle kategorialen Seelsorgeeinrichtungen gehe ich in die vöest-Gemeinde. Ich möchte die Baustelle sehen. Es wird betoniert und wie es so ist, geht es beim Rohbau immer um Zentimeter. Der Polier arbeitet sich gerade daran ab, dass die Türen wieder versetzt werden sollen: „Es geht um 3 cm.“  Er lächelt dabei und mir kommt das auch bekannt vor. Bauen ist heute ein super-komplexes Gebilde. Im Ausweichquartier für Mensch und Arbeit bekomme ich einen Kaffee und eine warme Stube. Rupert Granegger zeigt mir das Model und ich sage spontan: „Geil, das wird ein super Seelsorgezentrum.“ Nicht ganz eine Stunde wandere ich dann durch die vöestalpine herauf nach Don Bosco.

Kommen sie und helfen sie uns stricken

Als Pastoralassistent der Dompfarre war ich damals (1982-1992) mehrmals in Don Bosco. Ich war überrascht, wie das angebaute Pfarrzentrum alles luftiger und einladender gemacht hat. Eine Runde von strickenden Frauen hat mich gleich eingeladen, zum Stricken und Kaffee.  „Ich kann zwar häkeln, aber ohne Faden“, ist meine spontane Reaktion. Der Pfarrer setzt sich zu mir und sprüht vor Energie und Begeisterung für diese Pfarre. Er war vor 50 Jahren als „Assi“ (Assistent) hier und die älteren nennen ihn heute noch so. Er hat ein ganz dichtes Netz von Beziehungen geknüpft, geht in aller Frühe selber zu den Geburtstagsgratulationen und steht bis 21 Uhr im Sommer am Fussballplatz, wenn er nicht gerade mit einer Gruppe musiziert. Es kann ihm nicht belebt genug sein im Haus. Er kennt alle Häuser und weiß deshalb, dass es noch viele Substandardwohnungen gibt, die von ausländischen Mitbewohnern begehrt sind. „Es dauert nur wenige Tage, wenn jamnd stirbt, und die Wohnung ist schon wieder vergeben“, weiß er. Heute hört „sein Fussballplatz“ kaum noch deutsch. Er hat sich aber „seine Jugendlichen“ schon abgerichtet. „Wenn ich heute um 21 Uhr pfeife, dann wird sauber  zusammengeräumt und alle gehen nach Hause. Das war vorher anders. Er sieht aber gerade in der Betreuung und Vermittlung unter den Volksstämmen eine Berufung ihres Ordens.  Auch die Stadt Linz ist um diese Arbeit und diesen Pfarrer froh: „Wie ich in den Jugendbeirat des Stadtteiles dazugestoßen bin, haben alle geklatscht: der Pfarrer ist da.“ Ein zweites Licht habe ich in der warmen Kirche für alle jene Menschen heute angezündet, die schwer eine Wohnung finden. Als Zvildiener bei der Heilsarmee (B37) habe ich 1982 mehrmals jemand hierher übersiedeln geholfen – auch als Pastoralassistent in der Dompfarre.

Der Kindergarten ist eine finanzielle Last

Irgendwie bin ich heute nachdenklich und meiner Einschätzung nach langsamer unterwegs. Eine Frau mit einem Kind redet mich in einer Bahnunterführung herauf nach Herz Jesu an. Sie hat von mir gelesen und wünscht mir alles Gute: „Schauen sie, dass die Kirche am Boden bleibt.“ Ich betrete die Herz Jesu Kirche und zünde ein Licht an. Neben mir auch eine junge Frau. Ich frage sie nichts. Sie tut es in einer sehr innigen Weise und ich spüre, dass sie eine Last zu tragen hat. Im Pfarrhof sind die Türen offen und so gehe ich in den ersten Stock, sehe dort Licht durch eine Tür scheinen. Ich klopfe, öffne und es brüten drei Personen über einem Tisch. Viel Zettel mit Zahlen sehe ich. „Es geht um den Kindergarten und da treten finanzielle Belastungen auf, die wir kaum tragen können“, meint einer. Die Stimmung ist gedämpft. Die Frau ruft mit ihrem Handy den Pfarrer. Er erwartet mich einen Stock tiefer: „Darf ich bei euch übernachten?“, ist meine Frage ohne Vorwarnung. „Natürlich“, ist die Reaktion: „aber das Zimmer ist jetzt noch nicht geheizt.“ Pfarrer und Kaplan schauen, dass ich alles habe und um 18.15 Uhr sitzen wir beim gemeinsamen Abendessen. Es ist ein Kennenlernen und wir reden auch nicht lange herum, was die „mediale und kollegiale Begleitmusik“ zur Besetzung der Pfarre betrifft. Ich bin froh um diese doppelte Offenheit, im Gespräch und für das Gästezimmer.

Welche Spannung bleibt?

Die Stadt Linz hat Substandardwohnung minimiert und neuen Wohnraum geschaffen, der in bestimmten Stadtteilen vorwiegend an ausländische Mitbürger vergeben wird. Welche „mission“ haben hier die Pfarren und Orden in solchen Gegenden? Die Katholiken sammeln und stärken in ihrer offenen Identität und/oder die offene Klammer, Plattform für das Gemeinwesen  rundherum? Ich meine: Wer mit Begeisterung katholischer Christ ist, wird ein guter Partner / eine gute Partnerin sein für alle anderen Menschen! Wer selber nicht weiß, wer er ist, wird in dieser Verunsicherung immer die anderen „verdächtigen“.

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