Rota Vicentina, Fishermans Trail, Via Algarviana oder einfach Küstenpfad sind die Benennungen jener Küstenabschnitte in Portugal, die von Lissabon südlich „hinunter“ bis Cabo de São Vicente und östlich „hinüber“ bis Faro führen. 20 Gehtage durfte ich diesen Saum zwischen Atlantik und Festland begehen, bepilgern, bestaunen, bewundern und genießen, in der Zeit Ende Feber bis Mitte März 2026. Insgesamt etwa 400 Kilometer, davon insgesamt zwanzig (!) Minuten Regen. Sonst alles im Trockenen. Alles ein Geschenk.
Salopp habe ich Menschen, die mich gefragt haben, wohin es geht, gesagt: „Drei Wochen auf Kur nach Portugal.“ Die Wirkung des Weitgehens durfte ich schon mehrmals erleben. Immer wieder rate ich Menschen, wenn sie sich freimachen können, doch einfach drei Wochen lang täglich etwa 7-8 Stunden zu gehen. Das macht körperlich, mental und auch spirituell sehr viel. Viele haben die Vorstellung, dass man nach so einer Zeit müde, abgekämpft oder „fertig“ ausschaut. „Du schaust ja jünger aus“, meinte 2004 meine Mutter, als ich nach 28 Tagen von meiner Österreichdurchquerung (Bregenz – Rust) nach Hause gekommen bin. Meine Erfahrung ist: leichter, innerlich genährt und wirklich erfrischt. Mein fast chronischer Husten war diesmal mit am Weg, und ging verloren. Das stundenlange Gehen in der Meerluft ist heilsam.
Am späten Nachmittag bin ich in Lissabon angekommen. Der Rucksack war genau richtig. Gewogen habe ich ihn noch nie. Zahlen sind demotivierend. Das Bett habe ich vorher reserviert, in einem Hostel, sehr günstig. Am Tag darauf gehe ich los, am Ufer des Tajo-Flusses, der dort eine Bucht ausfüllt, Richtung Belem. Die weltberühmte Straßenbahn quere ich, den Praça do Comércio überquere ich, unter der Ponte 25 de Abril schlüpfe ich durch, auch wenn die Brückenpfeiler über 200 m hoch sind, Busse und Autos auf einer Ebene und auf der Ebene darunter die Züge, 3,2 km über das Wasser gespannt. Auf der anderen Seite „drüben“ die weit ausgebreiteten Arme des Cristo Rei in Almada. Schließlich komme ich zur Fähre, die mich ans andere Ufer nach Trafaria bringt. Der Blick zurück von der Fähre zeigt die Stadt Lissabon am Hügel entlang. Es ist mittag. „GR 11“ steht am Wegweiser und „Sesimbra“. Das schaut gut aus. Dieser Markierung folge ich den Rest des Tages. Ich kenne mein Ziel noch nicht, auch nicht meine Unterkunft. Ich bin vom tiefen Vertrauen getragen: Das Leben – und auch das Bett – kommt dir entgegen. Und so war es auch. Der späte Nachmittag hat mir angesagt, dass ich jetzt dann schauen sollte, nach einer Unterkunft. „Hier gibt es rundherum nichts, aber jetzt kommt dann der Bus, der fährt nach Costa da Caparica, dort gibt es jede Menge Unterkünfte“, ein auf den Bus wartender Mann. Der Translater hilft uns bei der Verständigung. Mein Bett war eines von acht in einem Surf-Hostel, mitten in der Stadt, fast direkt am Meer, einfach leiwand, auch die Mitbewohner:innen, aus Kanada, Deutschland, Holland und Polen. Am Abend die Frage: Wie weiter?
Alle Tage kann ich nicht so detailliert schildern wie meinen ersten. In jedem Fall hat sich Faro als Ziel meiner Pilgerei, meines Weltanschauens, meiner Reise, meiner Kur am ersten Tag voll und ganz im Kopf eingenistet. Das alles war noch vage in der Vorstellung, und offen für neue Entscheidungen. Die Strecke muss auch einhergehen mit der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Klar war, dass die ganze Strecke Lissabon – Faro „nicht geht“. Also fokussieren auf Abschnitte, war mein Zugang. Deshalb die Busfahrt nach Sesimbra, um in einer ausführlichen Tagestour vorbei am Nossa Senhora do Cabo Espichelo (ein aufgelassenes Kloster am westlichen Landzipfel), vorbei an den Fussabdrücken der Dinosaurer bis zum Solmeco Park zu kommen. Steilküsten, salziger Wind vom Meer her, unglaublich schön blühende Frühlingssträucher und Grasflächen, maximal für Weiden geeignet. Der Weg war weit, die Müdigkeit groß, das Zweitbetthäuschen „februar-kalt“, dort und da ein Mensch am Campingplatz. „VorVorSaison“. Das Bistro sperrt gleich zu, gibt mir aber noch eine Kleinigkeit zu essen. Der Hunger wird die nächsten Tage überhaupt weniger (aus Erfahrung), weil der Körper auf Reserven zurückgreifen will. Und genau dafür muss man bereit sein. Weniger schwächt nicht, sondern stärkt. Auch so eine Erfahrung beim Weitgehen.
Den Schlaf begrenze ich mit dem Wecker, weil ich bald zum Bus nach Aldeia do Meco gehe, um weiter nach Süden zu kommen. Nach Aldeia do Meco, Santana, São Lourenço, Setúbal erreiche ich Sinnes nach drei Mal umsteigen. Die hügelige Landschaft macht mir ein wenig Wehmut, weil natürlich das Gehen hier sehr fein sein müsste. Das Zeitfenster spricht dagegen. Für den Rede-Expressos-Bus habe ich keine Fahrkarte gelöst, weil nicht wissen was wo wie. Der junge Fahrer nimmt mich trotzdem mit in Richtung Algarve, lässt mich aussteigen, wünscht mir einfach gutes Gehen. Das macht paff. Danke. In Sinnes bin ich sozusagen auf „meinem Pfad“, durchgehend bis Faro. Aus der Stadt geht es kilometerweit hinaus an Öltanks und Industrieanlagen am Meer gelegen vorbei. Soche Strecken gehören dazu, zum Weitgehen. Ich erinner mich, dass eine Frau gemeint hat, dass in Porto Covo die schönste Etappe beginnt. Gut, genau dort liegt mein Tagesziel. Ab mittag dann kein Asphalt mehr unter den Füssen, auch dort, wo ich ihn gebraucht hätte über den größeren Bach. Der massive Regen in Portugal mit Überschwemmungen die Tage davon hat meine zweispurige Straße einfach weggespült. Ich sehe: Viel Sand unter allem, wenn keine Felsen da sind. Sand, ein Wort, eine Materie, die mir im Vorfeld beim Recherchieren untergekommen ist. Die Küstenpfade am Sand, der etwa 20 % der Energie „absaugt“, Schritt für Schritt. Der Wind trägt die salzige Luft in meinen Atem, der ob der sandigen Schritte etwas beschleunigt ist. Der späte Nachmittag zeigt mir meinen Zielort und meine Unterkunft, die wie fast alle in der ersten Hälfte meiner Tour vom Winter noch etwas unterkühlt sind. Decken, Decken, und es geht, das Schlafen. Abends noch ein wenig durch das Dorf schlendern, in den Sonnenuntergang schauen, Tagebuch schreiben. Ja, das Tagebuch war leer und am Ende wird es zu wenig Seiten haben.
Die Küste und der Weg lassen die Erinnerungen hochkommen vom Coast Path in Cornwall. Ich ertappe mich dabei, sie zu vergleichen und kurz war die Frage da: Welcher Weg ist schöner? Dann stellte das alte Sprichwort die Stopp-Tafel auf: Vergleiche und das Unglück beginnt. Der Weg dort ist anders. Dauernd diese Rankings, dieses Vergleichen in unserer Gesellschaft. Das Buch von Daniel Schreiber – LIEBE! EIN AUFRUF – wurde ein wunderbarer Weggefährte auf dem Weg. Netanjahu und Trump haben den Irankrieg entfesselt. Social Media entfaltet immer sichtbarer die grausamen Seiten, das Unsoziale an sich und das Potential zur Sucht. Rechtspopulistische Propaganda überflutet den Erdkreis. Schreiber analysiert ungeschminkt, wunderbar treffend und gleichzeitig hoffnungsvoll, wenn er das Prinzip Liebe wieder als politisches Prinzip zur Grundlage erklärt. Das Buch wurde mir zusammen mit dem Tagebuch eine feine tägliche „Gesprächsrunde“. Ich war alleine unterwegs. So ein Weitgehen, ein „Pilgern im Jetzt“, wie ich es mir als inneren Duktus ausgedacht habe, kann nur fragmentarisch hier durch Buchstaben, Worte und Bilder zum Ausdruck gebracht werden. Selbst die Route hat sich so ergeben, wie sie sich täglich gezeigt hat.
Was sich für mich auch gezeigt hat, war die für mich doch relativ neue Art, täglich ein Quartier zu finden. Wenn ich alleine unterwegs bin, habe ich bisher immer ein Bett aufgetrieben, indem ich in den Ort gekommen bin, dort Leute gefragt habe, wo man übernachten kann. Die Menschen waren immer hilfsbereit, immer wurde mir Gastfreundschaft zuteil. Aber auch hier bestätigt sich, was ich in den letzten Jahren überall feststelle: Es sind immer weniger Menschen draußen anzutreffen, oft überhaupt niemand. Meine Unterkünfte hier am Küstenweg habe ich deshalb über Airbnb und Booking am Tag davor oder beim Weggehen morgens gesucht und gefunden (von 22.- bis 36,- EUR, einmal 45.- und 55.-). Bei der Hälfte der Unterkünfte habe ich kein Gastgebergesicht gesehen, weil ich mit Tür-Code und Beschreibung ausgestattet wurde. Die Hostels und einfachen Zimmer waren immer sauber und gut gepflegt. An der Westküste ist der Tourismus kleiner und individueller, an der Südküste von Sagres bis Faro sind es teilweise Massentourismus-Hochburgen. Städte wachsen von 4.000 Personen normalerweise auf 70.000 Personen im Sommer an. Leise denke ich: Gut, dass ich jetzt hier bin. Im Sommer für mich unvorstellbar. Aber der Küstenweg unglaublich vielfältig. Und ich habe auch die Städte irgendwie genießen gelernt.
Wer sich in dieser Gegend des Fischermans Trail bzw Rota Vicentina in Portugal auf den Weg macht, wird ab Sinnes bzw. Porto Covo folgende Ortsnamen mit guten Unterkunftmöglichkeiten begegnen: Porto Covo (gut als Startpunkt geeignet), Vila Nova de Milfontes (kleiner Umweg über die Brücke), Almograve (einsames Dorf), Zamujeira do Mar (wunderbarer Ort an der Steilküste, Beach) , Odeceixe (wunderbarer Ortskern mit stilvoller Herberge), Aljezur (Landesinnere), Arrifana, Carrapateira, Vila do Bispo, Sagres (ab da wird es die Südküste ostwärts), Salema, Luz, Lagos, Alvor (der Weg führt durch die Sümpfe), Carvoeiro, Armacao, Albufeira, Quarteira und Faro. Jeder Ort oder jede Stadt hat eine eigene Aura. Sagres ist beispielsweise schon zu dieser Zeit ein Surf-Paradies. Meine Zehen sage allerdings: Wasser noch sehr kalt. Aber was ist kalt mit Neopren-Anzug? Hier gehen die Leute nicht schwimmen, sondern mit dem Surfbrett ans Wasser spielen. So meine Einschätzung. Morgens immer wieder die Frage: Wo ist jenes Cafe, wo mein kleines Frühstück auf mich wartet. Bewährt haben sich Espresso mit Croissant. Das Investment in Faro dafür war beispielsweise 2,75 EUR. Kein Tippfehler. Es braucht nicht viel. Und Trinkwasser. Im Süden nicht mehr aus der Leitung trinkbar. Aber es gibt überall die kleinen Märkte. Wasser ist vor allem im Sommer Mangelware.
Wenn ich heute im vollgeschriebenen Tagebuch blättere und lese, wird mir immer bewusster, welch wunderbare Zeit es war, alleine in der wunderbaren Natur Schritt für Schritt dem Leben entgegenzugehen. Ganz eigene Gedankengänge gesellen sich dazu, zum Gehen, beispielsweise über die alten Männer, die derzeit die Welt mit ihren Macht- und Giergelüsten traktieren. Die Bestimmung des Menschen ist doch Compassion, Liebe, Empathie, Achtsamkeit und Nächstenhilfe, oder? Menschen gehen mir durch den Kopf und die Frage daneben: Tut er oder sie das aus Eigennutz oder für das Gemeinwohl. Eine der tiefsten Fragen, ob uns Demokratie gelingt oder nicht. Selbst das Wort Demokratie (das Volk regiert, also der Mensch) wird beim Gehen in „Biokratie“ gewandelt. Es geht doch um alle Lebewesen auf dieser Erdkruste. Der Mensch als Krone der Schöpfung ist doch längst entlarvt. Alles Leben möge leben und das in Fülle, also „biotische Demokratie“. Hier sieht man, was Schritte hervorbringen, im Kopf und auch im Herzen. Im Musical Hostel in Albufeira (im Sommer DIE Partystadt) schreibe ich in mein Tagebuch: „Nicht, was ich gesehen habe, sondern wie ich wieder sehen lernte und wofür, für Liebe, Compassion und Gewaltfreiheit, bin ich dankbar.“
In Quarteira gehe ich in einen kleinen Mercado, um mir mein Abendessen zu besorgen. An der Kassa bin ich sprachlos. 2 Bananen, 2 große Tomaten, 2 Brote, 100g Schinken, eine Sardinendose, Wasser. Am Kassazettel: 4,41 EUR. Ja, wieder kein Tippfehler. Deshalb begegnen mir um diese Zeit auch viele „Ältere“ aus England, Holland und Deutschland. „Ja, Winter hier und Sommer dort“, hat ein Deutscher gemeint auf meine Frage, was ihn hierher führt. An der Südküste entlang habe ich von Tag zu Tag beobachten können, wie geputzt, repariert und die Gastronomie angeworfen wurde. Am jeweiligen Paria (Strand) hat man schon viele Menschen spazieren gesehen. Die Algarve ist ein begehrenswerter Landstrich im Portugal, wo Menschen Entspannung finden und Abwechslung suchen. Der Atlantik kühlt angeblich die Sommerhitze. Aber dazu kann ich nur Vermutungen anstellen. Jetzt geniße ich Faro. So wunderbare Pflasterungen in den Straßen und Ornamentik an den Häusern. Die Mauren, die brutal vertrieben wurden, haben Spuren hinterlassen, Spuren der Schönheit und Liebe zum Detail. Schweren Herzens auf der einen Seite und mit einer drängenden Vorfreude auf daheim nehmen wir Abschied, mein Rucksack and me.


















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