Zweihundert Zehen sind in Wanderschuhe gepackt. Zwanzig Rucksäcke suchen von Jesenice nach Kranjska Gora im übervollen Öffi-Bus auch noch ihren Platz. Es geht. Der Sonntagnachmittag lässt im August viele Junge in das Schidorf aufbrechen. Als Weltanschauen-Gruppe mögen wir dieses Reisen in Vielfalt zusammen mit anderen. Der „Friedensweg“ (Pot Miru, Walk of Peace) von Slowenien nach Italien liegt als Landkarte in unseren Köpfen. Hier ein paar Eindrücke von unseren acht gemeinsamen Tagen.
Der Bahnhof Villach war als Treffpunkt für alle Teilnehmenden aus ganz Österreich auserkoren. „Alle da“, war zum vereinbarten Zeitpunkt die wesentliche Ansage. Der Zug nach Jesenice wird bestiegen. Wiedersehensfreude zusammen mit der Neugierde der Neuen beginnt sich bereits hier zu mischen. Umsteigen in den Öffi-Bus heißt, sich in der Wartezeit auf das Wetter und Klima in der Region einzustellen. „Es ist heiß“, hört man nicht zum letzten Mal in dieser Woche. Das Hotel erwartet uns mit einem Drink und später mit einem feinen Abendessen. Es ist noch Zeit, in das Wander- und Winterdorf hineinzuschnüffeln. Aber bald heißt es „Gute Nacht“, weil achthundert Höhenmeter hinauf und über eintausend Meter hinunter eine Ahnung von „anstrengend“ vermitteln.
Kranjska Gora nach Trenta
Der Blick aus dem Fenster vermittelt ganz klar: Schönwetter, blauer Himmel, die Bergwelt wartet auf uns. Mein Zugang zu einem Gehtag ist, dass für Frühstück und Abendessen immer genug Zeit sein muss. Das Essen wird so zur körperlichen, mentalen und spirituellen Nahrung. Hic et nunc. Hier und jetzt. Mit dieser Haltung berühren die gehenden Füsse den Boden, wandern entlang der Pisnica aufwärts, immer steiler ansteigend. Bei der „Russischen Kapelle“ machen wir einen tieferen Halt. Erstmals sehen und spüren wir hautnahe, dass unser Friedensweg von 1915-1918 eine „brutale Kriegsgegend“ war. „Isonzo-Front“ kenne ich von klein auf, weil mein Großvater zwar selber in Rußland war, aber doch auch davon – selten – gesprochen hat. Der Aufstieg zum Vršič-Pass (1.611 m) großteils im Wald, immer ansteigender und wegen der „überwarmen Temparaturen“ kein Spaziergang. Wieder: Alle da. Am Pass gibt es eine alpine Hütte, wo wir unsere Mittagsrast einlegen. „Von nun an ging’s bergab“, war das Motto bis hinunter zum Eingang zur Soca-Quelle. Der Weg war sehr fein, weil er die meiste Zeit den ganz alten Wegen des Bergbaues und der Bewirtschaftung folgte, sozusagen „Eselsteig“. Aber eintausend Meter hinunter bringen wie beim Aufstieg Schweißperlen ins Gesicht. Die Soca-Quelle war ausgetrocknet. Kein Wasser. Staubtrocken. Unglaublich. Wenn man jemand gefragt hat, dann war immer das Wort „Klimawandel“ dabei. In der Gruppe ist Betroffenheit in Anbetracht der Offensichtlichkeit der Auswirkungen unseres fossilen Lebensstiles da. Genauso ist Enttäuschung im „Raum“, dass die fossilen Strippenzieher der Jetzt-Zeit nicht kappieren, dass wir uns mit „fossil“ gerade die Lebensgrundlage zerstören. Wir hören sie alle: „Ein warmer Sommer, ein besonderes Wetter, halt ein trockener Sommer. “ Leute, das Wasser ist hier nicht mehr da. Weltanschauen heißt, ungeschminkt hinschauen und die Schlüsse daraus ziehen, nämlich ein konsequentes nachhaltiges Leben zu führen und Klimagesetze zu beschließen, die den fossilen Unsinn beenden. Der Tag soll in Trenta ans Ziel kommen. Daher geht es weiter entlang der Soca, die dort aus zwei Zuflüssen ein wenig Wasser führt. Angekommen am Biobauernhof Pri Plajerju beziehen wir die originellen Unterkünfte. Was uns als Abendessen serviert wird, lässt sich nicht in Worte fassen: einfach fantastisch. Nicht übertrieben. Und alles aus dem eigenen Hof bzw lokalen ökologischen Partner-Betrieben. Die Seele ruft ganz laut: Genau so geht Mitweltgerechtigkeit und ökologische Umkehr.
Trenta nach Bovec
Die Sonne zeichnet vom Triglav her kommend strahlende Felsen vor unsere Augen. Der Körper ist ob der ausgiebigen Tour gestern noch etwas „zach“. Auf geht’s. Das Frühstück wieder toll nachhaltig und deshalb geschmackvoll. Allen wird klar, wir müssen aufbrechen. „Bovec“ heißt das Ziel. Entlang der Soca auf Wiesen- und Waldwegen geht es dahin, auf und ab, hin und her, Hängebrücke um Hängebrücke. Wieder erschütternd: Die erste Stunde ist das Flußbett leer, wasserleer. Direkt beängstigend. Aber langsam kommt es wieder, das Wasser. Also. Schuhe ab, Badehose raus und rein. Maximal zehn Grad Wassertemperatur. Es braucht nicht lange, sind wir erfrischt und „on the path“. Das Wasser zwängt sich durch Schluchten, zieht über Schottergeröll dahin. Berührend heute der Kunstort von August Ipavec, den wir 2019 noch persönlich getroffen haben und der 2023 verstorben ist. Sein Schaffen: Friede und Versöhnung im Dreiländereck mit allen künstlerischen Mitteln. Die Hauskapelle ist ein besonders mystischer Ort, frei zugänglich. Wir singen: „Ubi caritas, deus ibi est“. Wo Liebe, da Gott. So irgendwie. Der Blick zurück zeigt eindrucksvoll: Hier lebte ein friedliebender Mensch. Der Weg schlägelt sich weiter. Ein letztes Bad vor dem Aufstieg zum Hotel in Bovec. Vom Wasser erfrischt, setzen sich trotzdem gleich wieder Schweißperlen ins Gesicht, nein, überallhin. Ein Schwimmteich beim Hotel lässt uns im Kreis sitzen, die Füsse im Wasser und den vergangenen und den morgigen Tag in den Blick nehmen.
Bovec nach Kobarid
„Bovec – Kal-Koritnica – Drežnica – Kobarid“ steht auf unserem Tagesplan: „1.200 Höhenmeter rauf und wieder runter, 24 km“. Die Wettervorhersage spricht von 34 Grad. Alle sind wir einig: Geht sich nicht aus. Wir nehmen die Variante entlang der Soca über Cezsoca bis Srepenica. Dort war übrigens auch der Kaiser. Neben uns befahren verschiedenste Boote trotz des Niederwassers die Soca. Bei der Brücke schwimmen wir noch ein wenig, kühlen uns ab, scherzen mit den vorbeikommenden Wassergefährten. Von Srepenica nimmt uns der Öffi-Bus bis Kobarid auf. Alle sitzen. Der Besuch des privaten Museums und die Führung zeigen uns, warum dieses Haus und das Besucherzentrum diese Überschrift tragen: „Ein Museum, das dem Menschen und seinem Leid gewidmet ist“. Der Weg zeigt uns immer wieder, wie aufgerissen diese Gegend von Gewalt, Krieg und Machtansprüchen war. Wir machen uns wieder klar: Wir gehen den Frieden, die Versöhnung, die Menschenwürde, die Gewaltfreiheit, die Kooperation, den Weg zum Frieden. Das Hostel Kobarid gibt uns Platz zum Ausruhen, zum kurzen Schlafen. Auch hier begegnet uns wieder wunderbare Gastfreundschaft.
Kobarid zum Kolovrat
Die angesagte Hitze bei Tag lässt uns um 5 Uhr aufbrechen zum Kolovrat. Diese spontane gemeinsame Entscheidung hat die Goldmedaille verdient. In der relativen Kühle des Morgens gehen wir hinauf bis Livek, dort ein steile Abkürzung durch den Laubwald weiter nacht Livske Ravne und kommen auf den Bergrücken des Kolovrat. Stellungen, Schützengräben, Tunnels zeugen vom unsinnigen Krieg. Ein Peace of Walk-Container versorgt uns mit dem Nötigsten und im Schatten der Bäume rasten wir. Den frühen Vogel überkommt die Müdigkeit. Wir schauen dieses Mahnmal, besteigen noch den letzten Hügel, nehmen einen letzten Blick in die julischen Berge und steigen steil ab zur Hütte auf italienischer Seite der Grenze. Refugio Solarie wird uns in Erinnerung bleiben: Wir feiern einen 70-er, spielen Boggia, genießen das gute Essen, schlafen wie beim Jungscharlager in Stockbetten, haben dabei eine „Mordsgaudi“ und in der Nacht wirbelt ein Sturm alles durcheinander.
Kolovrat nach Smartno
Zwölf Kilometer stehen heute am „Plan“. Refugio nach Kambresko. Bergkamm, Straße und Bergkamm. Die Straße gehört uns. Da fährt niemand, also nur „hie und da“. Da sind feine Gespräche möglich. Eine Weisheit steht auf einem verlassenen Jugend- und Familienhaus am Waldkamm ganz allein: „Wo die Stille flüstert und der Frieden seine Flügel gewinnt.“ Ich muss ehrlich sein, die Übersetzer-App hat es mir so ausgeworfen. Ein ganz schöner Grundgedanke, sind wir doch auch streckenweise schweigend gegangen, um ganz im „Hier und Jetzt“ zu sein, die friedensstiftenden Quellen zu erschließen. Welt anschauen, aufmerksam und für alles geöffnet, was uns am Weg zufallen und begegnen wird und kann. Angekommen im kleinen Dorf warten wir im Schatten auf den Shuttle-Bus. Mit uns tun das Radfahrer aus Frankreich und Italien. Sie „fahren“ den Frieden, den wir „gehen“ wollen. Als uns der Busfahrer in Smartno aussteigen lässt, sind wir in einer ganz anderen Welt: Weinbau, mediterran pur, italienisch, obwohl slowenisch. Wir verkriechen uns vor der Hitze am Nachmittag in den architektonisch-künstlerischen „Art Rooms“ (Appartments). Gegen Abend – also typisch italienisch (in Slowenien) – werden wir aktiv, machen den Rundgang in dem mittelalterlichen Befestigungsdorf und widmen uns der „Abendsättigung“. Die Kirche ist nicht immer geöffnet, aber wenn, dann ist sie ein sehenswerter Ort. Als Gruppe wird spürbar, dass wir schon sehr gut mit herausfordernden Dingen, mit Überraschungen umgehen können.
Smartno nach Gorizia
Eine Weinverkostungs-Bar wird unser Frühstücksraum. Auch ein „Art Room“ in diesem Befestigungsdorf. Letzte frühmorgendliche Stärkung für den Kammweg hinüber auf den „Sabotin“, von dort steil hinunter nach Gorizia. Dieser „Friedenspfad“ ist anspruchsvoll, für Nichttrittfeste eben wackelig und für Nichtschwindelfreie vielleicht sogar beängstigend. Immer wieder sehen wir: Da hat der brutale menschenfeindliche Krieg stattgefunden, Menschenleben um Menschenleben. Zu den Schweißperlen können sich Tränen gesellen. Temporeduziert gehen wir unsere Weg am letzten Tag. Nicht alle bringen die gleiche Konstitution mit und doch wollen wir den gleichen Weg gehen. Das Gummiringerl hält uns zusammen. Links von uns ganz weit unten der Soca-Fluss und auf gleicher Höhe gegenüber immer in unserem Blickfeld Sveta Gora, der heilige Berg, ein bedeutender Wallfahrtsort für Slowenien, Italien und – Österreich. Die Aussicht einfach toll, im Krieg hier als Übersicht gebraucht. Bis 1947 hat es gebraucht, bis die slowenisch-italienische Grenze hier mit Grenzsteinen festgelegt wurde. Territorial umkämpft durch die Zeit. Unten angekommen stärken wir uns im „Kajak-Zentrum“. Das Hineingehen in die Stadt entlang der Grenze (Eiserner Vorhang) macht die Trennung nochmals markant sichtbar. Die Transparente der europäischen Kulturhauptstadt mit dem Slogan „GO!BORDERLESS“ sind die „Auflösung“. Wir spüren und sind dankbar, dass wir in dieser Zeit hic et nunc – leben dürfen. Die Stadtführung gegen Abend hat nochmals gezeigt: Da sind Wunden, Kränkungen und ganz viele Narben aus der Geschichte, die seit dem ersten Weltkrieg als Trennungsgeschichte war. Erst der Beitritt zur EU hat die Grenze „aufgehoben“ in das größere Gemeinsame. Die Stadtführerin erzählt, dass vor 1914 in den Familien meist vier – nochmals: vier – Sprachen gesprochen wurden: Friaulisch, Italienisch, Slowenisch und Deutsch. Und so hat man einander verstanden, bis Trennung, Herrschaft, Krieg und Teilung kamen.
Heimwärts
Der letzte Tag am Friedensweg hat noch Zeit zum Schlendern in der Stadt. Kirchenbesuch, älteste Synagoge der Monarchie, Friedensplatz, Burg, Cafe, Parks sind nur einiges Worte, die am Treffpunkt zur Heimfahrt gefallen sind. Eine Abschlussrunde gibt jeder und jedem die Möglichkeit auszusprechen, was am Gehen, am Bleiben, am Gemeinsamen mit nach Hause geht. Wir sind an und über unsere Grenzen gegangen, haben das Leben verkostet und sind ein tiefest gemeinschaftliches Wir erlebt. Die Temperaturen haben uns genauso gefordert wie die kleinen und großen Mahnmale der Verirrungen Verantwortlichen in den Krieg, in die Trennung und in das Hass-Schüren hinein. Klar ist: Der Friede braucht uns täglich auf der schiefen Ebene zum Hass hin, zur Spaltung und Trennung. „Niemals wieder“ pickt auf meinem Smartphone auf der Rückseite. Im Zug von Gorizia nach Udine, weiter nach Villach spüren wir unsere Müdigkeit, unsere wertschätzende Zusammengehörigkeit und die nährenden Tage. Nach der Verabschiedung verlieren wir uns wieder über Österreich und wissen doch: Wir bleiben verbunden.
(Texte am Friedensweg aus dem Buch von Daniel Schreiber, Liebe. Ein Aufruf!)
Pace e bene!





















Das Anpacken-Buch