Dann hören sie halt schneller zu

Am Sonntag durch den Wald spazieren gehört zu den schönsten und nährensten Momenten im Leben. Die Sonne blinzelt durch das Geäst, eine leichtes Herbstlüfterl frischt den Atem auf und andere Menschen kommen dir entgegen. Ein „Servus“ ist immer mit am Weg. Gedanken gehen mit. Das aktuelle Büchlein „Kapitalismus und Todestrieb“ von Byung-Chul Han hat in mir irgendwie Platz genommen, inspiriert mich, lässt die gesellschaftliche Wirklichkeit, meine Wahrnehmung dazu „Aufstellung nehmen“. Das Jugendtheater „Talismann online“ hier im Bergdorf bringt alles nochmals in ein grelleres Licht. Zeit und Identität sind auf der Werkbank.

Aus Mangel an Ruhe

„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine  neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“ Friedrich Nitzsche hat das festgestellt und Han führt das in die heutige Zeit, wenn er im Kapitel „Alles eilt“ schreibt: „Alle narrativen Vorgänge, zu denen auch Rituale und Zeremonien gehören, haben ihre eigene Zeit. Im Gegensatz zum Zählen lässt das Erzählen keine Beschleunigung zu.“ Die Geschwindigkeit eines Prozessors lässt sich beliebig erhöhen. Und was haben wir in den letzten Jahr(zehnt)en diese „Beschleunigung der digitalen Geräte“ genossen.  286er, 386er, 486er usw. Dabei sind wir diesen tiefer liegenden, rein additiven Vorgängen „erlegen“. Schneller war immer besser. Ältere Menschen bedauern, dass die Jungen bei ihren Ritualen, Festen und auch Gottesdiensten nicht mehr mitmachen. Han: „Heute werden Rituale und Zeremonien abgeschafft, weil sie hinderlich sind für die Beschleunigung der Kreisläufe der Information, der Kommunikation und des Kapitals. So werden alle Zeitformen beseitigt, die nicht der Logik der Effizienz gehorchen.“ Nicht die Jungen wollen nicht, sondern das prägende zugrundeliegende System. Selbst die „Entschleunigungsaktivitäten“ sind der Beschleunigung geschuldet. Han redet von der „Ich-Zeit“, die heute regiert. Alles dreht sich um „meine Zeit“.  Dahinter liegt die neoliberale Zeitpolitik. „Im Gegensatz zur Ich-Zeit, die uns isoliert und vereinzelt, stiftet die Zeit des Anderen die Gemeinschaft, die gemeinsame gute Zeit“. Wie beispielsweise im Fest, einer Feier, einem gemeinsamen Theaterstück der Jungen.

Die Flucht aus der Excel-Zelle

Servus sage ich gestern zu drei vorbeigehenden Leuten auf meiner Waldrunde. Unsere Blicke haben sich schon getroffen. Von hinten höre ich den Mann vorsichtig „Ferdl“ mit einer fragenden Tonalität sagen. Ich drehe mich um. Die Schulzeit ist da. Das Gesicht kam mir bekannt vor. Es ist doch so, dass die nachfolgenden „jüngeren“ Klassen nicht so präsent sind wie die älteren. Wir kommen ins Gespräch. Was ich jetzt mache. Was sie beruflich machen. Beide sind irgendwie im Gesundheitswesen angedockt. Und wir reden über die dort herrschenden Zahlen, ja die Magie der Zahlen. Ich erzähle von meiner alten Aufforderung, dass uns die Flucht aus der Excel-Zelle gelingen muss. Wenn nicht, gehen uns alle „Zwischentöne des Lebens“ verloren. Gerade im Spitalswesen hat die Magie der Zahl und Effizienz die „narrative Zeit“ vertrieben. Dass wir in den Ordenspitälern seit Jahren sagen, – „Beziehung heilt“ – finden sie hervorragend, weil das in den anderen Spitälern gerade verloren geht, sagen sie. Dann erzähle ich von einem Schlüsselmoment, das Jahre zurückliegt. Ein Experte aus Deutschland hat vor GeschäftsführerInnen und Primarii diesen „Trend zum Messen und Zählen“ wunderbar auf den Punkt gebracht. Er hat erzählt, wie ein Geschäftsführer den pflegenden Mitarbeitern geraten hat, in der Kommunikation noch einiges zu verbessern, um die Effizienz zu steigern, „Zeit zu sparen“. Eine Mitarbeiterin hat vorgebracht, dass die Leute reden, erzählen wollen und wir ihnen zuhören sollten. Darauf der Krankenhausmanager recht eindringlich: „Dann hören sie halt schneller zu.“ Es wurde ganz still im Raum. Diese Logik hat ihr Ende gesehen.

 

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