Vom Fall zur Quelle

Ende Oktober 2019. Es braucht ein paar Tage, bis die Buchstaben in diesen Blog hineinpurzeln zu diesem Beitrag. Eine unglaublich schöne Erfahrung und heute nährende Erinnerungen begleiten mich in der Phase des Neubeginns.  Nach sechs Tagen und 125 Kilometern zum Meditieren und Assoziieren komme ich am Lechweg von Füssen an der deutsch-österreichischen Grenze kommend bei der Lech-Quelle oberhalb von Zug bei Lech an. In Vorarlberg von Deutschland kommend durch Tirol. Wieder einmal bestätigt sich: Alles fängt ganz klein zu fließen an. #gehschenkteZeit ist mein Hashtag, wenn ich gehend der Natur als größte Lehrmeisterin in diesem naturbelassenen Tal begegnen darf. Der Lechfluß im Lechtal in Tirol ist einer der ganz wenigen frei fließenden Wild- und Gebirgsflüsse in Europa. Das ist ein kleines Wunder. Natürlich haben in den 60er, 70er bis hinein in die 80er-Jahre die Strom-Produzenten die Giga-Watt an elektrischer Energie hinunterfließen sehen. Bis dahin haben sich die Menschen des Tals nur „gewehrt“ gegen das Wasser mit Dämmen oder Querbauten. Die Strom-Freaks wollten Staumauern errichten, das Wasser einfangen und durch Turbinen ins Tal jagen. Der damalige massive Widerstand aller Umweltorganisationen und weiter Teile der Bevölkerung war heftig und ausdauernd. „Do muas da Bluatschink her“, hat beispielsweise der Liedermacher und Sänger Toni Knittel gegen die „Strom- und Gigawatt-Technokraten“ hunderte Male von der Bühne gesungen. Der Bluatschink ist ein Geist, ein Ungeheuer, das im Lech lebt und sich seines natürlichen Lebensraumes erwehrt. Toni ist Lechtaler. Mit seiner Frau Margit habe ich ihn, der mir vor mehr als 20 Jahren vom Lechtal vorgeschwärmt hat, in Holzgau vor ihrem Kinderkonzert getroffen. Auch er hat sich für den Erhalt des Lech als natürlich fließenden Gebirgsfluss eingesetzt. Der Widerstand hat sich ausgezahlt. Jetzt stürzt, fließt, sucht, mäandert, steht das Wasser, ist aber nie angestaut. Der Weg ist eine einzige wunderbare Meditation mit dem aufkeimenden und heilsamen Gedanken: Es wird im Gehen und am fließenden Wasser geheilt.

Um das 450-fache anwachsen

Heute bekommt der Fluss sogar Land zurück, damit sich das Wasser in aller Weite und Breite ins Tal fallen lassen kann. Natura 2000 steht dahinter. Immer wieder, wenn der Weg direkt am Fluss geht, ist schön zu beobachten, wie sich das Wasser Ufer-Land zurückholt, vor allem in Zeiten von „Hoch-Wasser“, das bis auf das 450-fache Quantum anwachsen kann. Unglaublich und unvorstellbar, welche Kraft und Dynamik in so einem Fall (2005) das ganze Tal erfasst. Wenn ich die Lech-Sümpfe bei Pflach von einem fast 20 Meter hohen frei stehenden Aussichtsturm sehe oder zwischen Weißenbach und Stanzach die Weite der Schotterbänke betrachte, dann ist viel Platz für Wasser und für Tiere der unterschiedlichsten Art. Schautafeln am Weg zeigen gut anschaulich, wie vielfältig die Flora und Fauna sich hier gestaltet und entfalten darf. „Flussheiligtum Tiroler Lech“ steht richtigerweise auf der Tafel. #LaudatoSi ist ganz da, wo Papst Franziskus uns die Mitwelt als heiliges Geschöpf näher bringt. Die Amazonien-Synode macht wieder deutlich aufmerksam, dass die „Profit-, Gier- und Wachstums-Manufaktur“ dort die Lebensgrundlage nicht nur der Indigenen, sondern der ganzen Weltkugel zerstört.

Wo die einen starten, kommen die anderen an

Zurück zum Fall. Beim stürzenden Wasser in Füssen ist das große geschwungene weiße L als Markierung gleich gut zu erkennen. Normalerweise sind die Lechweg-GeherInnen nach 6, 7 oder 8 Tagen hier am Ziel. Ich fange an. Der Weg führt die nächsten sechs Tage nicht immer direkt am Lech entlang, sondern mäandert im Tal hinein, hinauf und hinunter, um immer wieder neue Perspektiven auf das fließende Wasser frei zu geben. Einen ersten besonderen Ausblick ermöglicht der Kalvarienberg mit Blick auf Füssen hinaus in den Allgäu. Die Kreuzgruppe ist neu. Beim Hinaufschauen auf den gekreuzigten Jesus, der mir als „Helfender“ begegnet, fliegt ein Flieger am Himmel seinen Weg. Was heißt das gerade jetzt, hier, am Start? Mein Weg führt hinüber zum Alpsee. Die Frage geht weiter mit. Dort habe ich Blickkontakt mit dem Schloss Neuschwanstein. 2004 bin ich bei meinem ersten „Weitgehen“ durch Österreich von Bregenz nach Rust 28 Tage lang genau hier vorbeigekommen.  Wieder die Erinnerungen, die seit 15 Jahren fest mitgehen. Der Seeuferweg im Oktober zeigt die schönsten Herbstfarben, die man sich nur ausmalen und vorstellen kann. Der Oktober ist der Farbenmischer. Ihm gehend zu begegnen ist wirklich heilsam. Deshalb dieses tiefe Gefühl der „gehschenkten Zeit“. #gehschenkteZeit

Hinübergehen ist nicht immer leicht

Pflach, Wängle, Höfen, Weißenbach, Forchach, Stanzach, Elmen, Häselgehr, Elbigenalp und Bach sind die Ortsnamen bis Holzgau. Dort erwartet mich ein besonderer Übergang, die 200 Meter lange Seilhängebrücke Holzgau über das mehr als 100 Meter darunter liegende Höhenbachtal. Ich kenne die Brücke von den Dreharbeiten zu „viel mehr wesentlich weniger“ mit Toni Knittel. Damals war keine Zeit zum Drübergehen. Ein Schweizer Ehepaar geht mit mir auf die Brücke zu. Vor einer Holzhütte haben wir gemeinsam in der Mittagssonne Halt gemacht und sind ins Plaudern gekommen. Vor der Brücke stehend meint die Frau: Da gehe ich nie und nimmer drüber. Der Mann geht mutig los. Er ist schon in Tibet über solche Hängebrücken gegangen. Diese Brücke mit ihren Tragseilen und Gittern zum Gehen hat selbst 23 Tonnen. „Schaukeln, spielen, fahren und rennen über die Brücke ist strengstens verboten.“ Diese Ansage flößt Respekt ein, mit dem ich die Brücke begehe. Sie schwingt etwas unter meinen Schritten. Der Blick geht vorsichtig hinunter ins Tal. 105 m über dem Wasser, den Fahrweg, die Häuser. Schon ein mulmiges Gefühl. Beim Ankommen drüben Erleichterung und der Gedanke: Übergänge sind immer irgendwie mit Mut und Vertrauen verbunden. Mehr oder weniger. Und mit dem ersten Schritt ins irgendwie „Wackelige“. Aber in diesem Fall ganz „Sichere“. Sage ich mir vor.

L wie…

„Leben, lachen, lieben, leuchten, leiden, leidenschaftlich, leise, lernen, lehren, lesen, leicht.“ Diese Assoziationsworte habe ich mir in mein Tagebuch notiert angesichts der immer wiederkehrenden Anschauung des großen geschwungenen L als Wegmarkierung. Der Weg ist in beide Richtungen gut markiert. Anders als am Benediktweg in den drei Wochen davor zusammen mit meiner Frau. Das L an Bäumen, auf Tafeln, Verkehrszeichen, Felsen oder direkt am Boden lässt immer wieder diese schönen Assoziationen aufkommen. Alleine gehen bringt mit sich, dass Gedanken und Wahrnehmung in einem dauernden Wechselspiel sind. Die Seele ist dafür der Resonanzraum. Das L gibt Sicherheit und Orientierung. Das Wasser lässt alle Kräfte fließen, die Häuser und Ortschaften atmen die Geschichte der Menschen und ihre Lebensart heute. Berge, Wiesen und Wälder lassen erahnen, in welchen Wechselspielen die Natur in den vier Jahreszeiten hier aktiv ist. Und immer wieder die vom Menschen angebrachten Sicherheiten wie Lawinenverbauungen, Dämme hin zum Wasser oder Straßenverbauten. Der Geh-Weg macht viele Sichten frei, die ein Autofahrer nie und nimmer zu Gesicht bekommen kann. Zu schnell und zu oft in Tunnels. Alleine die Sicht auf Lechleiten, Warth und schon ein wenig hinüber nach Lech im oberen Teil des Weges am vorletzten Tag zeigt von der Herausforderung des Menschen, die Kraft der Natur mit seinem eigenen Gestaltungswillen irgendwie zu synchronisieren. Manches ist dem Menschen in letzter Zeit zu gigantisch passiert. Ich frage mich auch, ob der Ressourcenaufwand dem Genutzt-Werden entspricht. Häuser für vier Monate im Jahre. „Aber das zieht sich durch den Alpenhauptkamm“, rechtfertigt ein Einheimischer, mit dem ich ins Gespräch komme. Wenn die nötigen Habseligkeiten für diese sechs Tage im Rucksack Platz haben, dann kommen einem manche Nobel-Hotels deplatziert vor. „Die Reichen werden mehr und davon profitieren wir hier“, meint recht kurzsichtig eine Frau am Friedhof. Dabei verstärkt sich der Gedanke Schritt für Schritt: Sich fallen lassen und loslassen gehört als wesentlicher Impuls der Natur ins heutige Leben.

Ganz klein begint der Lech zu fließen

Ende Oktober ist es nicht mehr so leicht, ein Quartier zu bekommen. Mit dem Schild „Betriebsruhe“ weisen die Gastronomen auf ihre Erholungszeit in Hinsicht auf den kommenden Winterbetrieb hin. Auch in Lech. Die Schneekanonen sind auf der grünen Wiese bereits in Stellung gebracht. Also: Es kann nicht mehr lange dauern.  Im B&B Hasenfluh macht mir der Bergführer und Wirt beim Eintreffen gleich einen Kaffee, weil ich einen „lädierten Eindruck“ mache. Am Weg von Steeg achthundert Höhenmeter hinauf nach Lechleiten hinüber nach Warth bin ich „umgeböckelt“ und gestürzt. Mein linker Knöchel ist heilfroh, in Lech zu sein. Der Schmerz ging mit. 15 Kilometer morgen zur Quelle. Manche sagen: Die schönste Strecke. Und das stimmt. Deshalb will ich es bis zur Quelle schaffen. Und es ist gegangen. Die Ortschaft Zug, das Älpele, der Zusammenfluß von Formarinbach und Spullerbach sind die markanten „Punkte“. Wunderschön, der Weg. Unter dem Formarinsee beginnt ganz klein im Bachbett das Wasser zwischen den Steinen zu fließen. Hier bin ich, etwas geschafft von den Schmerzen im Knöchel, aber zutiefst andächtig. Lange sitze ich da. Die Gedanken wandern in Blitzgeschwindigkeit vom Fall in Füssen und der Menge Wasser dort hierher zur Quelle, den Beginn eines wunderbaren Wild-Flusses. Irgendwie fühle ich mich neu geboren. Mit einem Ritual verabschiede ich mich. Zurück in Lech besteige ich den Postbus nach St. Anton und weiter den Zug. Nach fünf Stunden bin ich in Linz. Auch die Anreise klappte wunderbar mit Zug und Bus nach Füssen. Gerade das Öffi-Fahren ist ein besonderes Dahinfließen und der erste Schritt zur Entschleunigung. Ich fahre mit Chauffeur. Wann werden die Leute draufkommen, dass das wirkliche,  nachhaltige und ökologische Lebensqualität ist. Die Zeit wird fließend und nimmt sich heraus aus dem „Produktionsmodus“. Das alleine ist heilsam für die heutige Seele.