Distanzzeiten sind gute Zeiten für tiefe Selbstreflexionen

Irgendwie komme ich mit dem Lesen gar nicht nach. Seit vorgestern habe ich in meinen Timelines auf Twitter, Facebook und Instagram neben den „Achtung-Geschichten“ zu COVID19 und den zum Teil absurden Reaktionen vieler Bevölkerungsteile (Hamster) wunderbare und feine „Solidaritäts- und Ermutigungs-Geschichten“. Es erinnert mich an 2015. Die einen verfielen in Ohnmacht und Panik und andere nutzten die Herausforderung für das neue Einüben von Solidarität, neuen Beziehungen und eine Lebensvertiefung mit der Folge von Verlebendigung.

Leere Zeiten sind volle Zeiten

„Jetzt bunkere ich mich ein“, schrieb gestern auf Twitter ein mir bekannter PR-Fuzzi, der auf dem Bild seinen vollen Einkaufswagen vor sich herschob. Wer gesund ist, sollte sich in diesen Tagen nicht einbunkern, abkapseln von der Welt und den Menschen. Vielmehr haben wir die Chance (ich, wenn ich wieder ganz gesund bin), in dieser „leeren Zeit“ eine tiefe Selbstreflexion durchzuführen. Bei mir hängt seit 1999  im Arbeitsraum eine „Wortreihe“, die mir immer wieder hilft, gesund und vital in der lebendigen Spur zu bleiben. Manchmal sitze ich davor und reflektiere, fliege wie mit einem Hubschrauber über mein Leben und schaue, was gut ausgeprägt ist und wo etwas fehlt. Was sind die Erfordernisse für ein gesundes und lebendiges Leben?

Fünf Basics

Sauerstoff, Wasser, Ernährung, Information, Lebensfreude.
Fünf ganz einfache Worte. Wir brauchen Sauerstoff heißt Fenster auf, raus in die Natur, Bewegung. Wasser trinken ist heute selbstverständlich geworden und bei der Ernährung ist weniger mit regionaler Qualität besser. Das selber Kochen ist heute eine Königsdisziplin, gerade wenn Kinder mitessen. Jetzt ist Zeit für neue Rezepte und für Experimente. Genau jetzt. Information ist so etwas wie Seelennahrung. Gerade Social Media beinhalten die Gefahr, dass wir uns „überfressen“ und mit falschen Dingen ernähren. Da gibt es Informationen, die zehren, schüren Angst, lösen ein seelisches Erschaudern aus und ziehen hinab. Dann gibt es Informationen, die nähren, die weicken Hoffnung, ermutigen, stärken seelisch und richten auf. Welche Informationen isst du täglich? Gerade in diesen Tagen? Und Lebensfreude. Sie kommt daher, dass wir die schönen Seiten des Jetzt, des Augenblicks sehen. Eh wissen: Alles geht den Berg hinunter. Lebensfrust. Schaut einmal, welch wunderbare Menschen es gibt auf dieser Weltkugel. Lebensfreude keimt auf.

Fünf Ansätze

Energie tanken, Sinn und Ziele, Du schaffst es, Veränderung, Potentiale, Stärken einsetzen.
So steht es am Plakat abwärts aufgelistet. Energie kommt von Bewegung. Laufen, gehen in frischer Luft beleben die Energiebahnen. Gerade das Gehen (sorry, das ist meins) öffnet mich für Ziele und meinen Lebenssinn. Geht es steil bergan oder ist der Weg weit, höre ich eine innere Stimme sagen: Du schaffst den Weg. In jeder Situation können wir uns das sagen, nicht billig, sondern hoffnungsvoll. Auch wenn es viele nicht glauben: Es geht. Genauso tut Veränderung gut. Ein anderer Kontext, eine neue Umgebung, andere Menschen, „contrario“ zum Gegebenen. Das lässt aufleben, das Gewöhnliche in neuem Licht erscheinen. Das Gewöhnliche verliert das Gewöhnliche, wenn wir die Gewöhnung ablegen. Neue Potentiale oder verschüttete werden sichtbar. Ich kann doch singen. Und warum mache ich es nicht? Der Mensch tendiert dazu, seine Schwächen zu bearbeiten. Derweil ist es so, dass er, wenn er seine Stärken einsetzt, seine Schwächen „verliert“, zumindest aus den Augen und als lebensbestimmend. Was kann ich wirklich gut? Für wen kann ich das zum Einsatz bringen? Fünf Ansätze.

Balance finden

Entspannung, Abwechslung, Verzeihen, Loslassen, Schlaf.
So stehen sie da. Das Leben besteht aus Einzelteilen. Das Leben ist aber wesentlich mehr als die Einzelteile. Ob sich dieses Mehr zeigt, gut anfühlt, hängt damit zusammen, welches „Vorzeichen“ wir allem geben. Denkst du die Dinge positiv, wird das Leben heller. Sind die verschiedenen Lebenskomponenten „in Balance“, fällt das Atmen und das Lachen um vieles leichter. „Balance finden“ ist zentral. Das braucht Zeit. Gerade „leere Zeiten“ sind die Zeit für ein gutes Verhältnis von Spannung und Entspannung, wenn die Lebensgrundlagen einigermaßen gesichert sind. Einfach atmen, schauen, staunen, hören, da sein. Der uns täglich eingeimpfte „Produktions-Modus“ (Du musst etwas produzieren) erlahmt. Auch hier die Abwechslung, die andere Perspektive, der andere Zugang, der Kopfstand mit dem Blick auf die Welt. Anders ist gut. Dann: Ungeschminkt hinschauen, begegnen und dem Verzeihen, der Versöhnung Platz geben. Das bedeutet loslassen. Das ist wahrscheinlich die schwierigste Übung, das Loslassen, bis hin zum Sterben. Loslassen befreit und geht mir doch nicht so locker von der Hand. Und genau dieses Leben mündet täglich in den Schlaf. Wer gut schlafen kann, ist in der Balance daheim. Zu viele Menschen beachten heute nicht, dass der Schlaf wie ein Liebhaber kommt. Er kommt und wir lassen ihn ein. Rituale und Regelmäßigkeit sind hilfreich.  Den Moment des Schlafes übersehen heute viele vor dem Fernseher oder PC. Andere haben überhaupt den Schlaf mit Tabletten „eingetaktet“ wie bei einer Maschine. Das nimmt jeden Resonanz- und Klangraum für ein spirituell tiefes Leben, ein Leben in Verbundenheit.

Die Folgen der Leerzeiten der Gesellschaft

Was individuell gilt, ist auch für die Gesellschaft, das Gemeinwesen wichtig. Gerade jetzt, wo alles still steht, die äußeren Kontakte ganz wenig stattfinden, hat die Gesellschaft und Politik die Aufgabe, für die Zeit danach gut zu sorgen. Barbara Toth hat im heutigen FALTER.maily#165 recht treffend auf die Zukunft unserer gesellschaftlichen Entwicklung mit ihren Chancen aber auch Gefahren geschaut: „Die Corona-Krise schärft den Blick für soziale Ungleichheiten. Wer kann sich aufs Land zurückziehen, wer muss in der Enge der Stadt leiben? Wer kann seinen Job remote erledigen, wer muss präsent bleiben? Wer ist angestellt, wer selbständig? Wer ist zu zweit oder mehrt, wer alleinerziehend? Wie sehr bauen wir unser Leben auf all die unbezahlte Care-Arbeit auf, die vor allem Frauen, all die Omas, leisten? Und vor allem: Wird sich daran etwas ändern, wenn alles vorbei ist? Der Soziologe Oliver Nachtwey („Die Abstiegsgesellschaft“) regt an, in den nächsten Tagen, wenn das öffentliche Leben dicht macht, darüber nachzudenken, was das alles mit dem Kapitalismus zu tun hat. Für Nachtwey sind paradoxerweise die „Instrumente des demokratischen Sozialismus“ ein Mittel gegen die Krise: „Ökonomische und gesellschaftliche Planung, Vergesellschaftung von Risiken, solidarisches Miteinander, eine andere Organisierung der Arbeit.“ Die Krise zeige auch, wie sehr sich „gesellschaftliche Ressourcen im großen Stil mobilisieren lassen“, wenn die herrschende Politik es will. Und wofür sie es nicht will. Für Flüchtlinge etwa. Weniges wird bleiben, wie es war. Vor allem müssen wir aufpassen, dass die staatlichen Interventionen nicht zu einer Verstetigung eines autoritären Etatismus führen, der die Freiheitsrechte der Bürger auf Dauer einschränkt. Für Österreich gilt das ganz besonders.“
Gerade diese Krise zeigt uns, wie wichtig und hilfreich ein „Grundeinkommen für alle“ wäre. Meine ich.

 

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