Ein Leben sucht das Leben

Es ist 5.25 Uhr. Das Festnetz läutet. Wenn dieses Läuten durch die Wohnung schallt, sei es zeitlich gelegen oder ungelegen, dann ist unsere 97-jährige Oma am anderen Ende. Seit mehr als einem Jahr ist sie im Seniorenheim, weil sich ihr Alleine-leben (wollen) nicht mehr ausgegangen ist. Sie ist wunderbar und liebevoll betreut. Und sie hatte immer viel Besuch. Sie hatte.

Seit mehr als vier Wochen ist das Seniorenheim für Besuche wegen Corona richtiger Weise geschlossen. Ihr einziger „Außenkontakt“ ist das Telefon. Und genau dort liegt wieder eine große Hürde, weil sie schwerhörig geworden ist. Dazu kommen ihr manche Dinge durcheinander. Beispielsweise orientiert sich ihr Zeitgefühl nicht an der Uhr oder dem Tagesablauf. Anrufe kommen, wenn sie sie braucht, auch mitten in der Nacht, weil ihr Gedanken, Erinnerungen und Befürchtungen durch den Kopf gehen. „Könnt ihr bitte heute vorbeikommen. Ich brauche euch.“ Das ist immer ihr erstes Anliegen. Gerade jetzt um 5.25 Uhr. Es ist nicht einfach ihr zu erklären, dass es kein „zu ihr kommen“ gibt. Sie kann nicht verstehen, warum sie niemanden mehr sehen und spüren kann. Mag sich die Pflege auch noch so redlich und liebevoll bemühen, es ist kein Ersatz für ihre „gewohnten familiären Menschen“. Das tut ihr weh, darunter leidet sie, das kann sie schon gar nicht verstehen. Deshalb noch intensiver: „Ihr könnt doch einfach hereinkommen.“ Es ist für sie ein stiller, vierwöchiger Karsamstag geworden. Sie spürt, dass das Leben langsam stirbt und dass sie dabei in Isolation sein muss. Gerade ihre Schwerhörigkeit macht es noch schwerer, den Kontakt mit Hilfe der Stimme aufrecht zu erhalten. Sie vermisst umso mehr das Schauen und Spüren der Menschen in ihrem feinen Zimmer. Jedes Telefonat ist für sie ein Strohhalm, an dem sie sich in ihrer Isolation anhält. Bei Tag und bei Nacht.

Die Nähe im Abstand

Wenn, wie letztens für eine Stunde, die Enkelkinder in unseren Garten kommen, dann halten wir Abstand. „Eine Kuhlänge“ ist dafür ein gutes Maß. Das können Kinder, die schon einmal eine reale Kuh gesehen haben, gut einschätzen. Selbst unsere Jüngste mit eineinviertel Jahren hält sich daran. Ganz von selber und ohne dass wir sie daran erinnern müssen. Sie sieht es bei den Eltern und Brüdern, dass es kein Umarmen, kein Liebkosen und kein Drücken gibt. Und doch sind wir froh und happy, dass wir einander nicht nur digital täglich beim Gute-Nacht-Geschichte-Vorlesen sehen, sondern real uns zulachen, plaudern, einander beobachten und so in besonderer Weise spüren können.  Dieser Abstand ist so eine besondere Nähe. Genau das vermisst unsere Oma. Sie ist noch viel mehr auf das intensive Dasein direkt neben ihr angewiesen, auf die Berührungen und das Schauen, das Hören aus unmittelbarer Nähe. Corona verwehrt ihr das. Ostern wird für sie erst dann sein (können), wenn wir wieder ganz neben ihr in ihrem Zimmer sein können. Bis dahin ist für ältere Menschen der Schmerz der Trennung im Vordergrund, zehrt an ihrem Lebemswillen, lässt ihre Lebendigkeit „ausrinnen“. Das Virus bleibt zwar draußen, aber das Leben ebenso. Deshalb ist der Griff nach dem Telefonhörer ein Griff nach dem Rettungsring, um nicht in der Isolation und Einsamkeit zu ertrinken.

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