In ein versöhntes Leben gehen

Es ist ein goldener Spalt, der zwei Räume verbindet. Auf der einen Seite der spirituelle Raum der St. Anna Kirche und auf der anderen die Community-Räume des Pfarrzentrums. Durch den etwa einen Meter breiten Spalt fällt das durch die Messingplatten vergoldete Licht des Himmels hinunter in die Aufbahrung. Leben, Licht, Strahlen begegnet dem Sterben, dem Abschiednehmen, dem Vergänglichen. Die Emmausgeschichte und die „Versöhnung“ prägen den Zwischenraum.

Platz der VersöhnungVor mehr als 30 Jahren habe ich in der Hauptschule in Linz Religion unterrichtet. Mit einer dritten Klasse bin ich zur Osterbeichte zu P. Lorenz Zweng gegangen. Er war ein junger, sehr empathischer und hellhöriger, liebevoller Salesianer. Das wollte ich den Jugendlichen gönnen. Ein Gespräch, eine Begegnung mit ihm, um den Aspekt des versöhnten Lebens bei ihnen zu wecken. Alle kamen von dem Einzelgespräch zurück und tuschelten. Es war eine Art Erleichterung zu spüren und gleichzeitig noch so etwas wie eine vergleichende Neugierde im gemeinsamen Raum der Kirche, wo wir aufeinander warteten. „Hast du dich getraut?“, fragte ein Schüler einen anderen etwas lauter. Jetzt wusste ich die Neugierde aneinander. Was war es? Am Ende habe ich in die Klasse hineingefragt: Habt ihr euch getraut? Sie blickten mich an, erstaunt und dort und da auch ein etwas erschrockenes Gesicht. „Nein“, war die spontane Antwort einzelner. „Was habt ihr euch nicht getraut?“, fragte ich vorsichtig nach. Nach einem prickelnden Schweigen fasste der größte Schüler der Klasse Mut: „Wir haben im Kaufhaus alle etwas gestohlen und wer das Wertvollste gestohlen hatte, war der Beste.“ Die Blicke der Mitschüler und Mitschülerinnen durchbohrten mein Gesicht. Was wird er sagen?

Versöhnt leben und sterben ist ein Glück

„Wollen wir das gemeinsam versöhnen und wieder gut machen?“, fragte ich ruhig in die Runde. Wir stellten uns gemeinsam rund um den Altar, gaben einander die Hände, blickten in die brennende Kerze, legten die Vergebungsbitte auf den Altar und sangen trotz Pubertät ein Lied. Es klang fest und irgendwie schön, zumindest erleichtert. Wir verneigten uns voreinander und gingen in die Schule zurück. Es klingt kitschig, aber bei manchen hatte ich das Gefühl, dass sie nicht nur innerlich tanzten. Sie waren erleichtert, versöhnt und das eine oder andere wurde auch wieder zurückgegeben. Versöhnt leben, erleichtert, offen und vertrauensvoll leben können ist ein Glück. Genau daran erinnert die „Versöhnung“ in der St. Anna Kirche in Kirchschlag. Bewusst haben wir den Beichstuhl als „Gesprächsplatz“ gestaltet, wo zwei nach vorne schauend miteinander reden können. Es ist mehr ein symbolischer Platz geblieben, eine manifestierte Erinnerung an das Bemühen, im Gespräch der Versöhnung nachzugehen. Umgeben wird der Ort von der Emmausgeschichte, die uns damals Stefan Teufel gestaltet hat. Wir kennen die für mich schönste Geschichte in der Bibel aus dem Leben Jesu. Zwei gehen frustriert, in sich isoliert, in Trauer gefangen nach Emmaus. Da gesellt sich einer zu ihnen. Redet mit ihnen. Erklärt manche Vorgänge. Gibt dem Geschehenen einen neuen Rahmen. Sie verstehen langsam und finden Versöhnung in dieser „besch-eidenen“ Situation. Bleib bei uns. Es ist Abend geworden. Er nimmt das Brot, segnet es und bricht es. Geistesblitz, Mauern fallen, Schuppen von den Augen, ein Aufatmen, eine Begeisterung. „Er ist hier bei uns, mit uns.“ Emmaus ist in die Geschichte eingegangen als Ort, auf den wir zugehen, wo sich auf dem Weg dorthin jemand zu uns gesellen kann, wo sich Versöhnung ereignen kann, wo Hoffnung und neue Begeisterung wachsen können, wo der Tod das neue Leben gefunden hat, finden kann. Der goldene Spalt erinnert daran. Der Platz der Versöhnung krackt in den Spalt hinein, macht dort einen „Buckel“, springt in die Symetrie. Bei allen Koordinaten des Lebens ereignet sich im Gehen sehr oft  in den damit verbundenen Zwischenräumen das wunderbare Geschenk der Versöhnung.

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