Geht ins Schweigen

Sr. Christiane hat uns beim Klimapilgern 2015 zum Weitergehen von Bad Kreuzen einen besonderen und direkten Tipp mitgegeben: „Geht im Schweigen, eine Stunde zumindest.“ Es war die klösterliche Erfahrung dahinter, dass Stille und Schweigen zu den wesentlichen Dimensionen des Lebens führen. Wir haben es ab dem Zeitpunkt trotz der sich immer wieder verändernden Gruppe probiert. Das ist nicht leicht.

Es ist uns auch nicht immer gelungen. Wir sind es gewohnt zu reden, zu erzählen, zu diskutieren, zu albern, zu lachen, zu sudern oder gar zu schimpfen. Fast immer und überall „geht das Mundwerk“.

Eintauchen in die Stille

Drei Tage „Stille in Wien“. Die Jesuiten haben im Kardinal König Haus vor zehn Jahren einen eigenen Bereich geschaffen, wo ich mich für drei Tage zurückgezogen habe. Diese beiden Stockwerke sind von Stille und vom  Schweigen erfüllt. Fünf Zimmer für fünf Personen stehen zur Verfügung. Wir schweigen beim Essen, am Gang und überall. Ungewohnt. Fast eine Stunde lang brauchen wir zum Mittagessen. Das Schweigen führt uns zum bewussten Essen, zum Genießen, zum Trinkwasser. Es verlangsamt sich alles in dieser besonderen Achtsamkeit. Heute begleitet mich eine Erinnerung von 2011, wo ich vier Wochen in New Orleans war. In einem Pub habe ich damals erstmals einen Mann ungeschminkt beobachten können, was auch bei uns mittlerweile „fast normal“ geworden ist. Der Burger liegt am Teller vor dem geöffneten Laptop, die Zeitung daneben aufgeschlagen und das Handy direkt neben dem Bierglas. Ich habe ein Foto gemacht und es schon oft in meinen Vorträgen verwendet. Es war mir damals schon klar: Dieser Mann steckt den Burger ins sich hinein, er isst aber nicht. Er führt sein Bierglas zum Mund mit dem Blick auf das Handy, er trinkt aber nicht. Er blättert die Zeitung um und er liest aber nicht. Er schaut gebannt auf den Laptop und arbeitet nicht. Er ist nicht da, sein Gesicht ist ohne Gefühle, ferngesteuert. Am liebsten wäre ich hinübergegangen und hätte ihm bis auf ein Ding (gleich welches) alles weggenommen. Ins Ohr hätte ich ihm geflüstert: Sei einfach da, hier und jetzt. Iss, wenn du isst. Lies, wenn du liest. Trinke, wenn du trinkst. Arbeite, wenn du arbeitest. Die Stille hier in Wien erlebe ich gerade andersrum. Die wortlose und schweigende Tischgemeinschaft ist ein Zusammenschwingen ohne Worte, ein Verstehen ohne Worte , ein Genießen des Essens als wertige Gabe und beim Leitungswasser höre ich die Quelle mitsprudeln. Dieses Eintauchen in die Stille, in das bewusste Schweigen bringt ganz ursprüngliche Lebensresonanzen zum Schwingen. Beim Aufstehen vom Tisch wollte sich gerade meine Stimme erheben und singen.
Aber wir hörten einander ohne ein Worte „sagen“: Danke.

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