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Artikel-Schlagworte: „Marienweg“

Morgen geht es los. Nein: Wir gehen los. Nochmals nein: Zuerst fahren wir mit dem Zug nach Budapest, dann mit dem Nachtzug nach Rumänien. Wir bleiben gut ökologisch am Boden, nehmen uns die Zeit, die unserer Seele zusteht. Von Targu Mures brechen wir zu Fuß  am Marienweg Richtung Osten auf. Eine Reise bewegt schon vor dem Start. Jeder Aufbruch hat eine Bewegung in sich. Ich spüre keine Nervosität, sondern ein feines achtsames Aufgeregt-Sein. Wer sind die 25 Frauen und Männer, die mitgehen? Wie wird uns das Land, die Menschen begegnen? Es waren diese Wochen des Gehens und Pilgerns bisher für mich immer nährende Zeiten. Dieses Gehen ist immer geprägt von einem wertschätzenden Umgang, einem Hineinspüren ins tiefe Leben, Gespräche und Rituale aus dem Weg und Unterwegs-Sein heraus und eine fein wachsende Zusammengehörigkeit. Immer achte ich darauf, dass dieses Band der im Gehen wachsenden Energie nicht auseinander reißt. Ziehen und gezogen werden im Auf und Ab des Weges finden eine Balance, die es vielen, allen leichter macht, loszulassen. Das Ich geht langsam, behutsam in das Wir hinein und wird, ist „befreit“. „Du schaffst es“ wird ergänzt durch „Wir schaffen es“.

Herausgerissen

In diese Atmosphäre des Aufbruchs hat sich gestern ein ganz anderer „Aufbruch“ gemischt. Derzeit reißt das Innenministerium nach vielen Jahren des Hier-Seins Flüchtlingsfamilien heraus. In Walding wurde eine armenische Mutter mit zwei Kindern „abgeholt“, zum Aufbruch gezwungen, deren Mann und Vater hier begraben ist. Gott sei Dank ging diese „Geschichte“ durch alle Medien, eine Welle der Solidarität und des Protestes erfüllte das Land. Gestern abends sind sie wieder nach Walding zurückgekehrt. Immer mehr solche „Fälle“ (es sind doch Menschen) werden in diesen Tagen bekannt. Es ist so schändlich, wenn jemand in so einer Situation, wo sie sich „eingewurzelt“ haben, zum Loslassen gezwungen wird. Dass derzeit die VP mit christlichen Wurzeln dieses „Treiben“ von der FP übernommen hat, ist aus meiner Sicht einfach schändlich. Machtgewinn auf Spaltung und Ausgrenzung aufbauen, ist für einen gerechten und solidarischen Staat hochgradiges Gift. Das sollten alle Österreicherinnen und Österreicher bei ihrem Aufbruch in die Wahlzelle überlegen: Mauern oder Brücken. Bei der Pfarrkirche in Ottensheim habe ich dieser Tage diesen Stein (siehe Foto) entdeckt. Zwei Daseinsweisen sind hier dargestellt: Eine Kugel ist eingesperrt und die andere zum Fliegen bereit. Jeder Aufbruch bewegt und durch das Loslassen setzen wir zum Fliegen an, sind wir befreit. Gerade wenn wir diese geflüchteten und gut integrierten Menschen von ihrem „Kerker daheim“ befreien, ihnen hier bei uns weiterhin Sicherheit geben, können sie mit uns Flügel ansetzen.

Ganz wenig geht

Zurück zum Rucksack, zum Aufbruch morgen. Jeder Aufbruch ist auch eine Bewegung in Richtung Weniger. Wer schon einmal vor seinem Rucksack gestanden ist, versteht die Frage besser: Wie geht Reduktion? Jedes Zuviel ist Ballast. Auch diese Bewegung in Richtung Weniger ist der tiefe Prozess des Loslassens. Im Endeffekt geht es darum, Gewohnheiten zu hinterfragen auf „Bewegungstauglichkeit“. Gerne erinnere ich mich noch daran, dass ein Jugendlicher vor „Jahrzehnten“ beim Aufstieg auf den Lasörling am Lasörling-Höhenweg in Osttirol auf dem Schneefeld gestürzt ist. Nichts passiert. Aber: Nach dem Sturz hat es aus dem Rucksack getropft. Wir mussten nachschauen, was da drinnen kaputt gegangen ist. Dem 14-jährigen Jugendlichen war es peinlich. Wir öffnen: 10 Jogurellabecher drinnen und einer ist geplatzt. Weiters ein Fön, alle möglichen Tuben. „Ich habe mir das eh gedacht, das  ich das alles nicht brauche“, stöhnte der Jugendliche. Es war einfach zu viel. Auch heute nicht einfach, wenn die ganze Gesellschaft schreit: mehr, größer, neuer. Der Rucksack lehrt mich immer wieder, dass es auch mit ganz wenig geht. Ballast abwerfen, zu Fuß in Bewegung kommen und gemeinsam „aufdanken„. Das machen wir. Von hier bis Rumänien und wieder zurück.

Stuhlfelden

„Mogst mitfoan?“ „Na, i geh eh gern.“ Gleich nach dem Start in Stuhlfelden bleibt beim langen stetigen Anstieg über etwa 1.000 Höhenmeter auf die Bürglhütte (1.700m) ein voller Jeep mit vielen Faire Milch Pickerl drauf stehen. Es ist eine Versuchung, weil die Nachmittagssonne „brennt“ und der Weg weit ist. Aber Pilgern heißt für mich gehen. Und außerdem bin ich ohnehin 4 1/2 Stunden im Zug vom Bergdorf und Linz her gesessen. Ich erlebe es immer als besondere Lebensqualität mit Chauffeur zu fahren. Da gehe ich dann wirklich gerne. Auch wenn es schon später ist. Mein Tagesziel ist Lengau im Hinterglemmtal. In 2 1/2  Stunden bin ich auf der Hütte im Tal „hinten“, wie mir ein Bauer den Standort charakterisierte. Ich bleibe eine halbe Stunde sitzen, trinke etwas und schaue dem Treiben der Kinder und Familien zu, die mit dem Auto hierher gekommen sind.

Bürglhütte

Und Wanderer kommen an, um hier zu übernachten. Ich breche wieder auf, um hinüber zu kommen. Es geht nochmals mehr als zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Murnauer-Scharte (1.959m). Dort zeigten zwar die Schilder in alle möglichen Richtungen, aber ich war mir sicher: Da unten liegt mein Tal, auch wenn mir das Schild etwas anderes sagen will. Der Abstieg ist zuerst etwas steil, aber nie gefährlich. Dann gehe ich hinaus durch den Vogelalmgraben. Zwei Ehepaare haben mich auf ihrer Hütte auf der Grundlalm noch auf ein Getränk eingeladen. Es war so eine Begegnung aus heiterem Himmel. Solche mag ich sehr gerne. Es ist bald 21.00 Uhr und ich finde im Jugendgästehaus Vorderlengau sofort Aufnahme. Unangemeldet. Sehr zuvorkommend. Kurz vor 22 Uhr beginnt es zu regnen. Gut angekommen. Etwa 1.300 Höhenmeter hinauf und 800 hinunter. Es war ein guter Tag.

Hinüber und wieder hinüber

Vorderlengau

Der Blick aus dem Fenster heißt heute nichts Erfreuliches. Pilgern ist das ganze Leben, auch das mit den Schattenseiten. Und so wird es heute. Der Regen – bislang in starker Form – begleiten mich zumindest hinaus durch Hinterglemm nach Saalbach. Die Gedanken sind mehr bei mir selber als in der Umgebung. Der Regen weicht auf, er macht liquid, er lässt fließen. Das spürst du dann an manchen Stellen bis tief hinein. Es begegnet dir das „angeregnete Leben“. Und der Regen gehört auf einmal zu dir. Das erleichtert das Gehen ungemein, wenn der Regen einfach dazugehören darf, heute. Um die Mittagszeit klart es etwas auf, aber richtig trocken wird es erst hinein nach Hochfilzen. „Musst halt schauen, dass du hinüber und drüben auch hinüber kommst“, meinte ein gut aufgelegter Passant, der in der Bushaltestelle wartet. Der Aufstieg zum

Magnesitbahn

Spielberghaus (1.319m) geht leicht und vor dort geht es hinunter Richtung Fieberbrunn vorbei am „Magnesitberg“, wo noch die Fördergondeln über einem schweben. Heute stehen sie still. In einem leichten Bogen geht es in der Talsohle (860m) hinüber nach Hochfilzen (972m), dem Biathlon-Hotspot in Österreich. Die Kirche hat eine besondere Weihnachtskrippe auf Lager. Die Erfahrung des „fairHotel“ habe ich mir nicht entgehen lassen. Es ist das erste „Passivhaushotel“ in Tirol, aus Holz gebaut. Heute  bin ich einmal herüben. In Tirol. Etwa sechs Gehstunden.

Das Ziel erst am Ziel vor Augen

Vorderkaserklamm

Das Frühstück war wie das Haus aus der Region. Wunderbar gestärkt geht es Richtung Römersattel (1.202m). Es ist und bleibt trocken. Über eine Stunde führt der Weg durch den Truppenübungsplatz, vorbei am Biathlon-Stadion. „Tragtiergehege“ stand auf einem Schild und ich hatte dazu noch kein Bild. Erst als ich eine ganze Menge Haflinger und dazu noch Esel vor die Augen bekomme, leuchtete es mir ein. Pferde und Esel im militärischen Einsatz. Morgen werden etwa 20 Haflinger genau den Weg nach Maria Kirchental zur Perdewallfahrt gehen, den ich heute gehe. Das erzählt mir der Standler am Ziel. Vorher geht es nach dem unspektakulären Aufstieg zum Römersattel allerdings 550 Höhenmeter die  Vorderkaserklamm hinunter zur Naturbadeanlage Vorderkaser. Ich habe aus Neugierde das rechte Ufer genommen und musste die Schuhe ausziehen,

Überquerung

Maria Kirchental

um durch das erfrischende Wasser wieder auf die „richtige“ Seite zu kommen. Es tut einfach gut, einmal vom Weg abzukommen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen. Auf dem Radweg geht es etwa eine Stunde hinunter nach St. Martin und von dort hinauf nach Maria Kirchental, mein Ziel. Ich war schon mehrmals da, auch zu Fuß von der anderen Seite, dem Wechsel. Du siehst die Kirche und das Ensemble erst im allerletzten Moment. Aber dann bin ich wieder einmal überwältigt. Die Bergkulisse und mitten drinnen dieses Juwel der Kirche und des Hauses der Besinnung. In der Kirche spielt eine Harfe. Danke. Angekommen nach drei Tagen. Heute etwa sechs Stunden gehen. „Eine Schale möchte ich sein“ war diese drei Tage am Pinzgauer Marienweg mein innerer Gedanke. Dankbar für das, was bisher war und dankbar offen für das, was in meinem Leben kommen wird. Und heute ist nach dem Abstieg zum Bus und Zug noch etwas ganz Besonderes gekommen.

Extra umgedreht

St. Martin bei Lofer

Die Heimfahrt mit Bus und Zug war im ÖBB-Scotty so ausgewiesen: 17.48 St. Martin bei Lofer, 19.15 Zell am See, 21.08 Salzburg und Ankunft im Bergdorf mit dem Bus um 23.25 Uhr. Ich warte bei der Haltestelle,  aber der Bus um 17.48 in St. Martin ist nicht gekommen. Was tun? Der Daumen für das Autostoppen funktioniert noch. Nur: Dort fahren die Autos schnell vorbei. Nach zehn Minuten wendet allerdings von der Gegenfahrbahn ein Auto auf meine Seite und lässt mich einsteigen. „Ich konnte nicht so schnell bremsen und habe deshalb umgekehrt.“ Rucksack rein und ab geht es Richtung Saalfelden, weil Paul Lang unterwegs ist nach Leogang mit seinem Mountainbike im Auto. Wir plaudern über unser Leben, unsere Aktivitäten und Hobbys und unsere Berufe. Er hat einen Meisterbetrieb für Radsport in Ebersberg in Bayern und fährt ins Mekka der Mountainbiker nach Leogang-Saalbach. Ich bestätige ihm, dass ich viele Radfahrer und auch Radfahrerinnen gesehen habe. Wieder eine Bremsung. Am Autorand steht ein Wanderer. Junger Mann, der etwa fünf Kilometer zurück zu seinem Auto muss. Paul nimmt auch ihn mit. Ich schaue am Scotty, ob mein Zug in Saalfelden ist. Ja. Paul bringt mich zum Bahnhof, wünscht mir eine gute Heimreise und ich ihm einen wunderbaren Sporttag mit seinen Freunden, die schon in Leogang sind. Wir tauschen noch schnell unsere Visitenkarten aus (deshalb die Links). Solche unkomplizierte und mitnehmende Menschen kann ich einfach nicht vergessen. War es vor drei Tagen noch anders, so war ich um die Frage heute froh: „Mogst mitfoan?“ „Ja bitte.“ #Danke.

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