Ein Toter, All Saints, HANO, Bratt and Eddy

Im Fernsehen bekomme ich mit, dass bei einer Schießerei in der Bourbon-Street ein Toter und 15 Verletzte zu beklagen sind. Etwa eine Stunde vorher bin ich genau dort durchgegangen. Irgendwie spürte ich schon die angespannte Stimmung. Es war kein guter Platz für mich und ich habe ihn möglichst schnell verlassen. Das war gut so.

All Saints

Nach Holloween kommt „All Saints“. Der Gottesdienst ist um 12.10 Uhr. Die Kirche ist dichter besetzt als am Sonntag. Geschäftsleute nutzen die Mittagszeit, um in die Kirche zu gehen. Ohne viel Musik wird Allerheiligen gefeiert, die Seligpreisungen in Erinnerung gerufen. Ich bleibe emotional „unangerührt“. Es fehlt mir die Musik mit Herz, die ich sonst hier höre und genieße. Sie hat hier leider keinen Platz. Musik, die aus dem Leben der Menschen kommt, hat auch daheim in Oberösterreich nicht wirklich Platz genommen in den Kirchen. Ein Faktor, warum Menschen in den Kirchen „nichts finden“. Ich gehe weiter zu einen der Friedhöfe. Am Weg dorthin versuche ich, auf das höchste Gebäude in New Orleans zu kommen – das Shell-Building. „Strikt untersagt seit 9/11“, meint die Portierdame.

Vergänglichkeit braucht hier Häuschen

Mit der Vergänglichkeit des Menschen kann schon aus geologischen Gründen nicht überall gleich umgegangen werden. Da sind es Gräber, dort werden die Körper verbrannt und hier werden sie in kleinen und großen Häuschen beigesetzt. Sie können nicht in Gräber gelegt werden, weil sie aufgrund des hohen Grundwasserspiegels nicht verwesen würden. Auch auf diesem Friedhof wird sichtbar, dass das Totengedenken unterschiedlich intensiv ist. Auch auf unserem Friedhof daheim sind Gräber schön gerichtet und einige andere vernachlässigt. Ein Grab-Haus ist mit lauter xxx bezeichnet. Es ist die Grabstätte einer Woodoo-Heilerin, die man auf diese Weise verehren wollte. Die Friedhofsführerin, bei der ich im Vorbeigehen mithöre, meint, dass das „Anhalten am Grab“ die intensivste Verehrung darstellt. Am zweiten Friedhof, den ich besuche, geht gerade ganz alleine ein Diakon durch und segnet die Gräber. Eine Journalistin macht Fotos.  Es gibt keinen gemeinsamen Friedhofbesuch mit Gräbersegnung wie bei uns. USA ist individuell. Zumindest hier.

Sozialwohnungen als Commons-Ghetto?

Ich wandere weiter in eine Gegend hinaus, die Touristen nicht sehen. Ein großes Schild sagt mir, dass ich die Wohnanlage nicht betreten darf, weil ich nicht dazu berechtigt bin. Schon beim Ankommen haben mich Leute „gewarnt“, dass ich einzelne Gegenden zu bestimmten Zeiten nicht aufsuchen soll. Diese Gegend ist gemeint. Es ist Tag und hell. Ich gehe durch und suche das Gespräch mit den herumsitzenden Menschen. Die Stadt hat hier Sozialwohnungen errichtet („Housing projects“) und diese wurden schließlich zu Ghettos mit hoher Kriminalität. Es werden angeblich neue Arten von Commons-Buildings errichtet. Das wird die Recherche übermorgen ergeben. Hier sind sie nicht. Ein Mann bestätigt mir, dass sie Miete zahlen und jeder individuell lebt. Katrina hat die Gegend geflutet und er war in der Zeit in St. Antonio. Er ist froh, dass er ein Dach über dem Kopf hat. Ich empfinde, die Gegend ist mit einem großen „Verdacht jeder gegen jeden ausgestattet“.  Die Menschen sind reserviert – auch mir gegenüber. Es ist kein Wunder: Das Schild will es so.

Untergegangen

Unter der Autobahn gehe ich durch und komme in eine Gegend, die schwer von Katrina getroffen wurde. In mir kommt das Gefühl auf: Hier möchte ich nicht leben. Die Gegend ist leer, seelenlos. Ob hier wieder viele Menschen wohnen werden? So wie es jetzt aussieht, sind auch schöne Häuser zugenagelt. Ein Mann erzählt mir, viele sind weggezogen und nicht mehr zurückgekommen, haben aber ihre Häuser oder „Wasser-Ruinen“ nicht verkauft. An wen ach? Freie Grundstück zeigen Stellen, wo Häuser gestanden sind. Mein Schritt wird schneller, weil ich diese Gegend verlassen möchte. Schließlich lande ich wieder auf der Canal-Street, auf der mich eine Streetcar zurück in die City bringt.

Zurück zur Musik

Mit dieser etwas gedrückten Stimmung komme ich an den Mississippi. Dort verzehre ich mein zwei Tage altes Brot. Es zieht mich in die Frenchman Street. Halloween ist vorüber und die Bars sind um diese Zeit noch relativ leer.  Klaviermusik kommt aus dem „The Spotted Cat“ – Musikcafe.  Das sucht meine Seele. Ich gehe hinein und höre den beiden Musikern Bratt und Eddy zu, andächtig und ein wenig wehmütig.  Sie legen so viel Herzblut hinein in ihre Musik. Sie machen gegen 19 Uhr der nächsten Gruppe Platz.  Ich suche das Gespräch. Bratt kam vor drei Jahren von Chicago hierher und ist ausgebildeter klassischer Klavierspieler. Eddy spielt auf seiner „Bass-Teufelsgeige“ (Kombination Schlaginstrument mit Basssaite) seit 10 Tagen mit ihm.  Virtuos. Eine Gruppe von Touristen ist ebenfalls bis zum Schluss geblieben. Ich bin sicher, ich habe sie nicht zum letzten Mal gehört. Voller Eindrücke, hundemüde und mit Sehnsucht nach dem Bett betrete ich den Bus. Dankbar für die vielen Eindrücke und Begegnungen gehe ich schlafen und weiß: „Speicherplatz voll“.

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