Ein besonderes Leben heimgetragen

Erstens: Viel zu früh. Dann: Alles ist richtig. Und: Danke für das Mitgehen, die Worte, das Stammeln, das Schweigen und das Beten. Das steigt immer wieder in mir auf. In der übervollen St. Anna Kirche nehmen wir Abschied von meinem jüngeren Bruder. Die Wortgottesfeier hilft uns allen dabei. Irgendwie ist für mich so etwas wie ein kollektives Atmen spürbar, eine tiefe Verbundenheit, eine Trauer verbandelt mit Hoffnung und Dankbarkeit.

Die Urne steht bereit für den letzten Weg hinauf in den Waldfriedhof. Mein Bruder Josef nimmt das Vortragekreuz. Meine Hände bilden eine Schale für die Urne mit den leiblichen Überresten. Gemeinsam gehen wir, so wie wir es immer gemacht haben. Reden können wir nicht mehr mit ihm, nicht mehr diskutieren oder treffliche Auseinandersetzungen führen. Er ist still geworden und lässt uns mit seinem Wirken und seinen Früchten zurück. Das Wirken und die Früchte wurden in den Ansprachen wunderbar beschrieben. Erst im Laufe der Zeit werden wir sehen, wo er überall seine Pionierideen gestreut und als „Anpacker“ Dinge realisiert hat. Er war in vielen Fällen ein Prophet, ein „Hervor-Sager“. Manche taten sich schwer damit. Die Verantwortlichen fühlten sich manchmal bedrängt. Wer mit ihm zu tun hatte, wurde herausgefordert. Bequemlichkeit war keines seiner Zauberworte.

Es geht bergauf. Beim Hineingehen in den verschneiten Friedhof sehe ich die Steinmauer des Mittelweges, die er mit einigen Männern neu errichtet hat, weil die alte Mauer nicht hielt. Den Beton haben wir damals beim Pfarrzentrumsneubau „abgezweigt“ und die Steine hat er zusammengesammelt. So entstand der naturnahe Grasweg zwischen den Gräbern. Er hat Immer eine Lösung gesucht, die im Sinne des Gemeinwohls war. Eigennutzen war ihm fremd. Und er hat die Lösungen getan. Tun war seine Leidenschaft. Mit anderen und für andere. Und hier könnten viele Dinge angeführt werden, die er immer zusammen mit anderen umgesetzt hat. Das war in der Familie so, in seiner beruflichen Tätigkeit und genauso im Bergdorf und darüber hinaus. Was waren das für Zeiten für die ganze Dorfgemeinschaft als er mehrmals das Stadl-Theater am Elternhaus betrieben hat.

Eine unglaubliche Zeit war rund um den Abriss und Neubau des St. Anna Pfarrzentrums. Bei der Abrissparty stand er mit dem Schremmhammer auf der Bühne und ermutigte alle, „fest mitzuhelfen“. Dass beispielsweise die Akustik im Saal heute so gut ist, ist seinem Drängen nach Akustikmaßnahmen zu verdanken. Extra hat er seinen Arbeitskollegen, der etwas davon verstand, hereingeholt und er hat uns seine Expertise geschenkt. Im St. Anna Pfarrzentrum wäre eine kleine Tafel mit seinem Bild und dem Satz – „Heribert Kaineder (1961-2020) war einer der maßgeblichen Miterbauer dieses Hauses und als Obmann des Amateurtheaters ein inspirierender und tatkräftiger Kooperationspartner“- nicht unpassend. Er war immer genau und konkret, hat die Dinge immer bis zum Schluss durchgedacht. Ihn haben Menschen geärgert, die glaubten, „eh alles selber zu wissen“ und die Expertinnen und Experten nicht brauchten. Das aktuelle Baumentwicklungskonzept der Gemeinde hat er angestoßen und mit Fachleuten entwickelt.

Weit über zehn Jahre ist es her, dass er in unseren zahllosen familiären Diskussionen bei den „Sippschaftstreffen“, die wir drei Mal im Jahr zu Allerheiligen, Weihnachten und Ostern in den jeweiligen Familienhäusern abhalten, das Wort „Lichtverschmutzung“ eingestreut hat. Eingestreut hat bei Heribert immer geheißen, dass er uns überzeugen wollte, dieses Faktum zu verstehen und ab jetzt als Botschafter aufzutreten. Keiner hat damals davon gesprochen und heute ist das Bergdorf Kirchschlag eine Vorzeigegemeinde bei der örtlichen Straßenbeleuchtung, die uns den Sternenhimmel wieder sehen lässt. Und so ließen sich jetzt viele Dinge aufzählen in der Arbeit in der Umweltabteilung des Landes OÖ, im Amateurtheater in Kirchschlag und im Landesverband, bei der Musikkapelle und zuletzt beim Waldkindergarten, der ihm und seiner Frau Christine im Bergdorf verwehrt wurde und jetzt seine Realisierung in Sonnberg gefunden hat. Rainer aus Zwettl an der Rodl schreibt mir persönlich: „Heribert gehört zu jenen Menschen, die in Heimatbüchern, bei Ehrenauszeichnungen in der Gemeinde usw. gar nicht oder nur als Randnotiz vorkommen. Dabei sind gerade sie oft die eigentlichen „Motoren“ oder der „Kitt“ in einer Ortsgemeinschaft und manchmal auch jene, die unbequem sind und viel Kritik aushalten müssen.“

Ich erlebe mich beim Schreiben jetzt eher als punktueller Beleuchter. Es ist, wie wenn ich in seinem Lebensbuch ein paar Zeilen lese oder einen Absatz hier anführe. Es lässt sich nicht alles einfangen, was Heribert vorausgedacht, eingefädelt, auf die Füße gebracht und Wirklichkeit werden hat lassen. Die Bühne war sein Leben und Musik hat er über alles geliebt. In den Bergen war er gerne, auch wenn sie ihn einmal abgeworfen haben. Und der „soziale Blick“ mit den Fragen – Geht es eh allen gut? Können eh alle mit? Bleibt wirklich niemand zurück? – war immer hellwach. Dabei war er der Jungend, den Jungen in besonderer Weise zugetan. Er hat sich eine alte Theaterweisheit zu eigen gemacht: Älter schminken kann man jemanden immer. Umgekehrt ist es schwierig. Und so hat er immer den Nachwuchs gefördert und auch bevorzugt.

Das kirchliche und spirituelle Leben war ihm ein Anliegen. Seine Bassstimme im Chor erklang nicht nur in der Kirche, sondern auch beim „Nochisinga“ nach den Chorproben. Seine Dienste als Lektor und Kantor hat er aufgenommen, nachdem wir sie ihm zugemutet haben. Den Pfarrwald hat er mit der Motorsäge und Neubepflanzungen gehütet. Christine und er haben im Vorjahr die Firmlinge auf dieses wichtige Sakrament des Erwachsenwerdens originell und tiefsinnig vorbereitet. Immer war er mit der Pfarre verbunden, von Jugendjahren an. Er hat einen der Kleinbusse mit Firmlingen drinnen damals nach Assisi und genauso nach Rumänien zu Sr. Patrizia gesteuert. Wer etwas von ihm brauchte, bekam es in der Regel auch. In vielen Diskussionen und Gesprächen hat er sich an der klerikalen Männerkirche „abgearbeitet“. Gerade die Pfarrgemeinschaft wollte er in allen Dimensionen lebendig halten.

Manchmal hat er drei Wünsche für das Sterben fallen lassen: „Umfallen und tot sein. Ich will verbrannt und kirchlich von einer Frau begraben werden.“ Das hat ihm gestern die wunderbare Pastoralassistentin Magdalena erfüllt. Meister Eckhart hat gesagt: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutenste Mensch ist immer der, der dir gegenübersteht und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

Mein Bruder Heribert

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