Lieber Bruder Heribert

Das Telefon läutet. „Wo bist du gerade?“, fragt mich meine Schwägerin Christine. „Mit dem Haustorschlüssel sperre ich gerade daheim die Haustüre auf. Wieso?“ Ihre Stimme war anders, aber irgendwie doch gefasst: „Ich muss euch etwas sagen. Heribert ist heute vormittags ganz plötzlich auf der Schipiste umgefallen – – – und verstorben.“ Mein Atmen setzt aus. Ich ringe nach Luft. Heribert ist mein jüngerer Bruder. Mein Blick geht am Ahornbaum entlang nach oben in den Himmel. Unmöglich. Er war doch so voller Energie und Tatendrang. Ein Pionier in allen Gassen. Kein gesundheitliches Anzeichen in diese Richtung. „Ich bitte euch, sagt es Mama. Sie soll es nicht über Telefon erfahren.“ Wir reden noch miteinander, soweit man in dieser Situation überhaupt reden kann. Viel mehr Schweigen und ein gedankliches und spirituelles Zusammengehen. Ich lege auf, umarme meine Frau Gerlinde, halten uns lange fest und weinen los.

Nachher brechen wir zu meiner Mutter auf, um ihr diese „Botschaft“ zu überbringen. „Schön, dass ihr da seid“, sagt sie uns beim Öffnen der Tür mit fröhlicher Stimmung entgegen. Sie ist „unsere Omi“. Für uns alle, ob Söhne, Schwiegertöchter, Enkelkinder und genauso die Urenkel. Dort und da hören wir von ihnen „Urli-Oma“. Wir gehen hinein, wir nehmen sie in die Arme und muten ihr diese Botschaft zu.  „Du musst jetzt ganz stark sein. Wir kommen, um dir eine ganz traurige Botschaft zu überbringen.“ Sie schaut mich an. „Was ist denn?“ Ihr Gesichtsausdruck hat jede Fröhlichkeit verloren und sie ist gefasst. „Mama, Heribert ist verstorben.“ Sie kann es nicht glauben, aber die Tränen beweisen es. Unglaublich. Unfassbar. „Aber er war doch noch da am Freitag.“ Dann verstummt alles. Das Weinen nimmt sich seinen Platz. Und alles das nimmt sich jetzt seine Zeit. Ein Schlag. Das Schicksal wird in so einem Moment als brutal und rücksichtlos erlebt. Das braucht jetzt Zeit. Sie wohnt in meinem Elternhaus mit vier Generationen. Sie ist immer dankbar, dass sie das in der Weise als bald 90-Jährige erleben darf.

Ich überbringe die Botschaft den Jungen im Haus und meiner Schwägerin. Mein älterer Bruder ist mit den Enkelkindern am Hochficht. Wir sitzen um den Tisch, holen eine Kerze und ein wunderbares Glasgefäß, das mein Bruder Heribert  Mama einmal geschenkt hat. Wir zünden die Kerze an, stellen sie hinein in das Glas und in die Mitte des Tisches. Unsere Blicke haben wieder einen Ankerpunkt. Die Kerze steht für das Leben, das Leuchten, für Heribert. Ich schaue genauer und mir fallen drei kleinen Steine auf, die bei der Kerze drinnen liegen. Auf einem Kieselstein ist ein „Smilie“ aufgemalt, auf dem anderen steht „Güte“ und auf dem dritten „dankbar“. Bei mir denke ich, dass diese Steine nicht zufällig heute da drinnen liegen. Mit freundlicher Miene hat mein Bruder unglaublich viele Dinge und Projekte wie Theater, Pfarre, Gemeinde, Musik, Beruf bis hin zum Waldkindergarten als Pionier und prototypisch vorangetrieben und realisiert, vielfach auch unbedankt von denen, die gerade dafür zuständig sind oder waren. Er hat getan, was er gesagt hat. Die „Güte“ habe ich auf sein Wesen bezogen, das er vor allem als einfühlsamer Familienmensch gelebt hat. „dankbar“ hat ihn selber geprägt. Dankbar werden ihm viele sein. Oft hat er mit der Amtskirche gehadert, aber immer war er von der tiefen spirituellen Dimension des Lebens überzeugt und hat die Rituale und Liturgien als Lebensquelle praktiziert.

Foto: Werner Dedl

Wo sich jetzt sein Sterben im Bergdorf und darüber hinaus wie ein Lauffeuer verbreitet, bleiben mir als Bruder viele Erinnerungen, tiefe Gespräche und ein tiefer und innerer Zusammenhalt, der das Leben trägt und hält. Er hat große Dinge gemacht bis hin zu den ganz kleinen treuen Diensten. Die Kerze brennt, die Gebete verbinden uns und bei allem Nichtverstehen nehme ich für die nächsten Tage die drei Steine mit: das „Lächeln“, die „Güte“ und das „dankbar“.

 

Ergänzungen am dritten Tag (22. Feber 2020)

  • Heribert’s Sohn Stefan hat auf Facebook das Sterben seines Vaters so bekannt gemacht und dieses Foto dazugesetzt:

„Mir ist gestern mein Papa gestorben.
Einfach so. Mit erst 58 Jahren.

Mitten im gemeinsamen Skiurlaub ist er rübergewedelt. Ganz ohne Vorwarnung. Am Tag zuvor noch das blühende Leben. Wir haben Wein getrunken, philosophiert, er hat uns herausgefordert und auch gelobt. Aber so konsequent wie im Leben war er dann auch im Sterben.

Mein Papa war ein sturer Pionier. Ein leidenschaftlicher Lebemensch. Und er war ein Papa, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann. Ehrlich, direkt, fordernd und immer konsequent unterstützend. Er hat nie mit Lob gegeizt aber auch immer offen hinterfragt, was ihm nicht gepasst hat.

Und genau deshalb wird er bitter fehlen. Ich will mir nicht recht vorstellen, wie das alles ohne ihn gehen soll. Ohne seine Weitsicht, seine Beharrlichkeit und sein lautes Lachen.

Noch vor zwei Jahren hat er im Theater den Tod gespielt. Und eine Textpassage bekommt jetzt eine neue Farbe:

„Warum muss man eigentlich sterben?“
„Weil man lebt.“

Gelebt hast du. Wie kaum ein Zweiter.
Danke für Alles.“

 


Ein Pionier im Leben und auf der Bühne heribert Kaineder (1961–2020)

Alle waren sie auf der Skipiste im Salzburger Land: die Eltern, die drei Kinder und die sechs Enkelkinder. Dann plötzlich: Vater Heribert Kaineder fällt um und steht nicht mehr auf. Alle Versuche der Wiederbelebung sind erfolglos. Der Schock durchzieht die große Familie. Aus ganz Österreich kommen die Beileidsbekundungen. In Kirchschlag sollte gerade die Generalprobe des Faschingstheaters beginnen, als die Nachricht eintrifft. Obwohl alle wissen, dass ihr langjähriger Obmann Heribert gewollt hätte, dass sie spielen, kann niemand auf die Bühne. Die Aufführung wird abgesagt. „Der Heribert war ungemein motivierend und zielbewusst, ohne ihn wären wir nicht das, was wir sind“, sagt Ronald Gangl, der jetzt die Theatergruppe leitet. Kaineder hat bis zuletzt oft Regie geführt.
In der Öffentlichkeit zu stehen, ist den Kaineders nicht fremd. Heriberts Vater war als Bauer 23 Jahre lang Bürgermeister in Kirchschlag, seine drei Buben tun es ihm nach. Ferdinand ist Medienmann und Kommunikator, Heribert war in vielen anderen Bereichen Pionier. „Er hat Dinge gesehen, die andere noch lange nicht bemerkt haben“, schreibt sein Bruder Ferdinand in seinem Blog. Der Sterngartl-Waldkindergarten, dessen Obmann Heribert war, sollte Menschen motivieren, ihre Kinder in der Natur aufwachsen zu lassen. Oder die Lichtverschmutzung: Als Sachverständiger für Lichtverschmutzung beim Land OÖ versuchte er seine berufliche Mission auch daheim in Kirchschlag umzusetzen und bewusst sparsamer mit dem Licht umzugehen. Seine Überzeugungen trug er in den Gemeinderat, wo er als Grüner wirkte.Bürgermeisterin Gertraud Deim (VP) spart nicht mit Lob für ihren Kollegen:
„Er hat in den 59 Jahren mehr gemacht als andere in 90 Jahren.“ Fasziniert habe sie, dass er all seine Projekte mit vollem Herzblut intensiv umgesetzt hat. Dass dabei nicht alles glatt gegangen ist und auch massive Kritik auszuhalten war, dürfe nicht vergessen werden, erinnert Bruder Ferdinand und verweist auf die Standhaftigkeit der Kaineders. Voller Elan zeigte sich Heribert, als es darum ging, in Kirchschlag das St. Anna Pfarrzentrum, die jetzige Heimstätte der Theatergruppe, neu zu bauen. Überhaupt war ihm die Kirche ein wichtiges Anliegen. Im Kirchenchor sang er im Bass und ließ sich als Kantor gerne hören, weil ihm „Rituale und Liturgien als Lebensquelle“ wichtig waren. Dass er dennoch mit der Amtskirche mitunter schwer gehadert hat, sei kein Gegensatz, so die Familie, zu der auch der neue grüne Landesrat Stefan gehört. Heribert war sein Papa. Den Tod kannte Heribert recht gut von der Bühne, auf der er ihn 2018 bei dem Stück „Ente, Tod und Tulpe“ sehr beeindruckend dargestellt habe, sagt Ronald Gangl. Dass Heribert dem Tod so früh selbst begegnen würde, habe keiner geahnt.

 


Kaineder Heribert (58) unerwartet verstorben

Auf der Skipiste in St. Michael im Lungau plötzlich zusammengebrochen und verstorben, ist am 20. Februar 2020 Heribert Kaineder. „Er war ein leidenschaftlicher Skifahrer“, so seine Frau Christine. Ob es ein Herzversagen war, sei noch gar nicht klar, sagt sein älterer Bruder Ferdinand Kaineder, der bekannte Kommunikationsexperte. Er hat den Tod seines Bruders spontan in seinem Blog verarbeitet: „Lieber Bruder Heribert“

„Pionier“

Heribert Kaineder wurde mit 58 Jahren „aus heiterem Himmel, ohne Anzeichen aus dem Leben gerissen“, so Ferdinand. Heribert war der jüngste von drei Brüdern aus Kirchschlag. „Er war ein Pionier und hat die Dinge gesehen, die andere lange noch nicht sahen“, beschreibt Ferdinand seinen Bruder. Beispielsweise war es ihm ein Anliegen, dass Kinder in der Natur aufwachsen. Er war der Obmann des neuen Vereins Sterngartl-Waldkindergarten in Sonnberg.
Beruflich war Heribert beim Land Oberösterreich im Sachverständigendienst tätig. Die Lichtverschmutzung war zum Beispiel ein Spezialgebiet von ihm. Als Umweltausschussobmann der Grünen Fraktion in Kirchschlag hat er seinen Heimatort zur Pilotgemeinde bei der Vermeidung von Lichtverschmutzung gemacht. Am Gemeindeamt kannten sie Heribert als „umtriebig und voller Tatendrang. Er hat seine Ideen mit Nachdruck verfolgt und ließ sich auch von Rückschlägen nicht aufhalten“, sagt Amtsleiter Manfred Pichler

Amateur-Schauspieler und Tarockierer

In der Gemeinde Kirchschlag hat Heribert Kaineder noch viel mehr gemacht. „Es tut so weh, weil er so viel Gestaltungskraft hatte. Der Ort wird jetzt draufkommen, was er alles gemacht hat. Das Bergdorf verdankt ihm viel“, meint Ferdinand Kaineder. Der Verstorbene war zum Beispiel maßgeblich bei der Neuerrichtung des Pfarrzentrums in Kirchschlag. Auch beim örtlichen Theaterverein, dessen Obmann er war, engagierte er sich stark. Er war ein begeisterter Amateur-Schauspieler. Neben dem Theater waren das Wandern, Skifahren und Tarockieren seine Hobbys. Auch seinen Enkelkindern lernte er, der große Familienmensch, das Tarockieren. Heribert Kaineder hinterlässt seine Frau, drei Kinder – Landesrat Stefan Kaineder ist sein Sohn – und sechs Enkelkinder.“

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  1. […] als einen „Pionier in vielen Dinge“. Er nahm von ihm in einem rührenden Beitrag auf seinem Online-Blog […]

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