Es ist höchste Zeit

Ernst Aigner, langjähriger  Gymnasiallehrer für die Fächer Geschichte, Religion und Musik und Kabarettist aus Freistadt  hat in die Neujahrsrede von Kickl Herbert genauer hineingehört. Seine Analyse hat er der Freistädter Rundschau zur Verfügung gestellt.

Die Zwischenüberschriften lauten: Vokabeln der alten Nazis;
Kategorischer Superlativ als Stilmittel; Von Größenwahn zerfressen;  Narzisstische Selbstüberhöhung; Schönen Text für hasserfüllte Rede gekapert; Parallele zu Hitler.

Gerade in das religiöse und kirchliche Feld hinein meint Ernst Aigner in seiner treffenden Analyse: „Die ÖVP wäre gut beraten, zu ihren kaum mehr vorhandenen christlich-sozialen Wurzeln zurückzukehren, statt immer weiter nach rechts zu rücken. Sollte sie – trotz gegenteiliger Beteuerungen – wieder mit der FPÖ koalieren, würde sie nicht nur den letzten Rest an Selbstachtung verlieren, sondern auf längere Sicht ihre eigene Existenz gefährden. Was mich als Christ aber besonders stört, ist Kickls Versuch, sich bei Menschen einzuschmeicheln, denen ihr religiöser Glaube wichtig ist. Hinter der langjährigen Praxis von Strache und Kickl, bei Interviews demonstrativ mit „Grüß Gott“ zu grüßen, steckt Kalkül. In der Neujahrsrede treibt Kickl dieses Spiel noch weiter. Er spricht von einer „gehörigen Portion Gottvertrauen“, die man brauche, von einem „Beistand von oben“. Jemand, der Menschen gegeneinander aufhetzt, kann damit nicht den Gott des Christentums meinen. Die Berufung auf Gott dient vielmehr der eigenen narzisstischen Selbstüberhöhung à la Trump, um sich den Anhängern als Gesandter Gottes, als Heilsbringer zu inszenieren. „Der Wahnsinn hat bald ein Ende, die Erlösung ist in Sicht“, verspricht er: Kickl als Erlöser im Namen Gottes. Ich bin gespannt, ob sich Vertreter der Kirchenobrigkeit endlich einmal aus der Deckung wagen, um dieser unverschämten Frechheit entgegenzutreten. Eine besondere Beleidigung für alle, die sich wirklich um ein christliches Leben bemühen, stellt das Ende seiner Rede dar. Kickl liest einen Text vor, von dem er behauptet, man wisse nicht, wer der Autor sei, vielleicht sei es Franz von Assisi. Das ist falsch. Nach 0,37 Sekunden Google-Suche hätte er wissen können, dass es sich um ein Gedicht des katholischen Priesters und Schriftstellers Lothar Zenetti (1926 bis 2019) handelt. Zenetti war ein weltoffener, humorvoller und zugleich tiefgründiger Mensch. Einige seiner Texte wurden vertont und finden sich in den Liederbüchern der Kirchen. Besonders bekannt wurde das Gedicht „was keiner wagt, das sollt ihr wagen“. Künstler wie Konstantin Wecker, Reinhard Mey oder Hannes Wader haben es in ihr Repertoire aufgenommen. Und diesen schönen, einfachen Text kapert Kickl für seine hasserfüllte Rede. Da gibt es übrigens eine Parallele dazu von Adolf Hitler: In seiner ersten Rede als Volkskanzler am 10. Februar 1933 im Berliner Sportpalast geißelte er zunächst die „Systemzeit“, und schloss, indem er eine Nazi-Variante des Vaterunsers in den Saal krächzte. Er beschwor das „neue deutsche Reich der Größe und der Ehre und der Kraft und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit“, und endete mit dem jüdischen Gebetsschluss „Amen“. Wir wissen, was folgte. Wehret den Anfängen. Es ist höchste Zeit!“

Beitrag in der Freistädter Rundschau