Ist das wirklich der Stadtpilger?

Ich gehe zum x-ten Mal unter oder über die Autobahn. Immer ist sie im Weg. Vier gut gelaunte Damen und Herren mit Blumen in den Händen kommen mit nach der letzten heutigen Unterführung entgegen. In einiger Entfernung munkeln sie miteinander. Dann spricht einer die Vermutung aus: „Ist das nicht der Stadtpilger – der da fast 50 Pfarren zu Fuss besucht?“ „Ja,“ sage ich. Und wir unterhalten uns am Gehsteig über die Idee, die Pfarren, die Kirche, was ihnen zusagt und worüber sie sich nur wundern. Eine halbe Stunde weiter frage ich ein junges Paar mit Hund nach der kürzesten Wegstrecke nach St. Franziskus. Die junge Frau erinnert sich, dass sie gestern etwas auf LT1 gesehen hat, da ist auch einer durch die Stadt gewandert. „Oder sind das gar sie?“, fragt sie. „Ja“. Und  wir kommen auf Assisi zu reden und sie ist voll interessiert. Sie gehen mit mir bis zur Kreuzung und entlassen mich dann. Am Morgen hat aber alles anders begonnen. Keine Leute unterwegs und wieder „saukalt“ wie wir im Mühlviertel sagen.

 

 
 

 

 

Am Vormittag Stille und am Nachmittag Vollbetrieb

Nach gut einer Stunde bin ich in Ebelsberg von Ansfelden kommend bei meiner ersten Station. Die Kirche und das „Pfarrensemble“ gehe ich von rückwärts an. Zuerst gehe ich in die Kirche und zünde mein Licht an. Es ist sehr ruhig. Das neue Pfarrzentrum mit seiner ungewohnten Architektur regt die Leute an. Ein älterer Herr meint: „Wenns des net baut hätten, dann hättns viel gspart.“  Auch in der gegenüberliegenden Bäckerei, in der ich mein Frühstück eingenommen habe, war die Meinung geteilt. Die Verkäuferin ist ein ehemaliges Jungscharkind aus der Dompfarre. Nachmittags schaute ich beim Rückweg nochmals im Pfarrhof vorbei und ich wurde sehr gastlich empfangen. Pfarrer, Pastoralassistentin und Kaplan waren da. Der Pfarrer bestätigt, dass es nicht einfach nur Zustimmung gibt zum Neubau. Ich fühle mich sehr verstanden, weil ich selber das beim Neubau des St. Anna Pfarrzentrums in Kirchschlag erlebt habe. „Jetzt gefällt es den Leuten, wo es fertig ist“, meint der Pfarrer. Wie in Kirchschlag.

Ikonenen in einer warmen Kirche

Eine Frau hat mir den Traunweg nach Pichling gezeigt. 3,6 km ist am Radwegschild zu lesen. Ich war noch nie in der Kirche von Pichling und bin gespannt. Der Kirchturm blinzelt schon hervor und ich sehe eine schöne Pfarranlage. Die Kirche ist warm und hat eine besondere Aura. Ikonen machen den Raum reicher und das Bild vom verstorbenen Pfarrer Türk gibt mir Auskunft über die Entstehungsgeschichte. Ich stelle mir vor, dass hier gut feiern ist. Plakate sagen mir, dass verschiedene Vereine von Pichling ihre Veranstaltungen im Pfarrheim abhalten.  Außerdem denke ich daran, dass ich anfang März mit dem Pfarrgemeinderat eine Klausur haben werde.

Ein Prophet im Sonnen-Stadtteil

Über die gefrorenen Felder nähere ich mich an, an die Solarcity. Ein Stadtteil ist sozusagen von 0 auf 100 hochgefahren worden. Und die Kirche ist hier dabei mit dem Seelsorgezentrum Elia. Ich bin zum ersten Mal da. Die Kirche ist ein wenig aus dem Zentrum weggerückt und auch mit keinem Turm erkenntlich. Zwei zarte große Kreuze sagen mir beim genaueren Rundumblick: Hier. Der Eingangsbereich bunt, belebt. Aber zugesperrt. Das macht der Samstag vormittag. Ich gehe rundherum und auch die Kapelle hat bei der Kälte noch nicht offen. Da  ruft das nahe Cafe und wie es der Zufall will, fährt gerade die Nummer 14 beim Abfahrtslauf in Kitz. Cuche wird gewinnen und kein Österreicher am Stockerl. Als ich wieder an „Elia“ vorbeikomme, warten Kinder auf die Probe für eine Mini-Playback-Show. Es geht also  los  mit dem Leben im Begegnungszentrum.

Von 270 auf 8

Mein nächstes Ziel ist die Pfarre Kleinmünchen, St. Quirinus. Es geht über die Traunbrücke. Diagonal wandere ich über die Wiesen und die Höfe in Richtung des Kirchturms. Eine wirklich große Kirche wurde hier 1907 in der Zeit der Prosperität errichtet. Sie ist zugesperrt, weil es immer wieder Vorfälle gibt, steht auf einem Zettel. Der Schlüssel kann im Pfarrhof geholt werden. Das tue ich. Ich läute an. Der Pfarrer öffnet mir und ist etwas überrascht. Erst im zweiten Hinschauen erkennt er mich und lädt mich gleich ein. Wir sitzen im Pfarrbüro und plaudern über die Situation. „1972 bin ich hierher gekommen und wir hatten in diesen Jahren jeweils um die 270 Erstkommunionkinder. Heuer sind es 8. Es schmerzt, wenn man zuschauen muss, wie die Pfarre hier immer weniger wird, weil es eine bestimmte Siedlungspolitik gibt“, ist der Pfarrer etwas mutlos. Es werden hier hauptsächlich Muslime und Afrikaner angesiedelt, ist die Wahrnehmung des Pfarrers. Auch die Aufgaben des Stiftes St. Florian sind ob der Fülle auf Dauer kaum zu bewerkstelligen. Diese Wahrnehmung trage ich mit und sie beschäftigt mich bis Auwiesen, ein Gebiet, das früher zu Kleinmünchen gehört hat.

„Ich muss raus und da bin ich herüber gegangen“

Zerst der Straßenbahn entlang, dann dem Bach und schließlich der Fabriksschlot. Das ist die Kirche Marcel Callo in der ehemaligen Fabrik. Oft war ich schon da und verschiedensten Gruppen oder Einzelpersonen wird diese Pfarre als „Vorzeigepfarre“ und als Besonderheit aufgetischt. In der Kirche steht eine Krippe und eine Kerze brennt. Daran entzünde ich meine Kerze, die ich immer anzünde, wenn es die Gelegenheit dazu gibt. Alles ist sehr liebevoll geschmückt und arrangiert. Im Pfarrstüberl brennt Licht und ich schaue, ob es einen Kaffee gibt. „Gerne“ meint die Gastgeberin und ich setze mich zu einer Besucherin, die ihr Getränk vor sich stehen hat. „Wissens, ich habe einmal raus müssen und da gehe ich gerne hierher in die Pfarre“, begründet sie ihr Dasein. Sie erzählt von den vielen Veranstaltungen und vor allem von den „künsterlerischen Aktivitäten“.  Eine gute Atmosphäre und sicherlich ein guter Platz für Begegnungen. Mein Visitenkarterl soll dem Pfarrer „beweisen“, dass ich wieder einmal da war, diesmal zu Fuss.

Die Dämmerung wirft ein besonderes Licht

Wieder ist die Autbahn im Weg, wenn man von Auwiesen hinüber zum Guten Hirten muss. Eine Frau sagt mir aber, dass gleich hinter dem Bad eine Unterführung ist. Noch nie gesehen und schon x-mal drüber gefahren. Eben alles eine Frage der Perpektive. Es ist sehr dunkel, als ich das Pfarrzentrum Guter Hirte erreiche, 1977 eingeweiht. In der Kirche macht der gut erleuchtete Weihnachtsbaum Licht. Ich sitze lange, weil es auch für eine Kirche gut warm ist. Im Vorraum laden viele Prospekte und Schriften zum Schmöckern. Im Pfarrhof selber ist mittlerweile Licht geworden und so trete ich ein, bis ich den Pfarrer bei einem Beratungsgespräch störe. Grüß Gott wollte ich ihm in jedem Fall sagen, wo ich mit ihm doch einige Jahre in der Laientheologen-Begleitung gearbetet habe. Seit gut eine halben Stunde weiß  ich, dass St. Franziskus mein heutiges Ziel ist.

Gefühle vom Assisi-Gehen finden hier ihren Platz

Mittlerweile ist es ganz finster geworden, dh. soweit man in der Stadt überhaupt von Finsternis reden kann. Mit Pfarrer Josef Wimmer habe ich vorher telefoniert und er hat mich herzlich zu sich eingeladen. Er kommt vom Schifahren mit den Neffen. Ich feiere die Abendmesse mit. St. Franziskus – viele Gefühle werden hier wachgerufen und fallen in eine gute Stimmung. Nach der Messe sitzen wir bei der Jause und trinken auch ein Gläschen Wein. Wir besprechen nicht nur die Situation der Pfarre, sondern darüber hinaus auch die der Diözese. Josef war lange Jahre Fachinspektor für AHS im Schulamt. Es gibt jede Menge zu erzählen und so muss das Blog-Schreiben bis jetzt warten.

Was ich zum Überlegen mitnehme?

Kirche hat in der Vergangenheit immer bauliche Akzente gesetzt, die sicherlich irritiert haben. Wird die Körpersprache der neuen Gebäude verstanden oder nur als „fremd“ erlebt?

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