Von der Weite der Natur zur „Lichtverschmutzung“

Wunderbar geschlafen. Minus  6,7 Grad. Die Schulter meldet sich zu Wort. Frühstück. Einpacken. Ein Stück zu zweit gehen. Die Weite der Felder rund um Pasching und Thenning  eröfnen den Tag. Abschied nehmen. Weitergehen. Der schmerzvolle Dialog mit der Schulter verflüchtigt sich um die Mittagszeit. Sie hat eingesehen, dass ein Rucksack dabei sein muss. Der zweite Tag hat es in sich. Körper und Geist müssen in der Kälte auf besondere Weise in die Pilgerfährte gebracht werden.

Evangelisch und katholisch auf einem Kilometer

Schon von weitem ist der Kirchtum von Thenning auszumachen. Ich gehe hinein. Es ist die drittgrößte evangelische Kirche in Österreich. Auch im Pfarramt sage ich ein kurzes Hallo zur Pfarrsekretärin. Sie kommt drauf, dass sie vergessen hat, die Kirche zuzusperren. Ich habe davon profitiert. Weiter geht es zur katholischen Schwesterpfarre Kirchberg. Die Kirche ist überraschend warm und bei P. Markus erfahre ich das Geheimnis. Sie ist vorgeheizt, weil um 11 Uhr eine Taufe ist. Mit meinen nassen Schuhen plaudern wir im Vorhaus und Kaffee hatte ich schon beim Frühstück. „Denk nicht, du seiest hier am Land. Bei uns ist es auch wie in der Stadt. Das sieht man am Gottesdienstbesuch und der Individualismus ist genau dergleiche“, schärft mir P. Markus die Sicht auf die Realität in Anbetracht der großen Felder und Bauernhöfe. Die Kirche ist einladend und Gotteslobe laden zum Gebet ein.

Oftering und Hörsching an der Westbahn und am Flughafen

Während ich hinübergehe beobachte ich die ankommenden Flieger und Züge. Zwei Flieger sind gelandet und acht Züge vorbeigebraust. In Oftering wird ein Licht angezündet und in Hörsching werde ich schon am offenen Fenster vom neuen Pfarrer und vom Pastoralassistenten begrüßt. Auch die Sekretärin ist da. Zuvor war ich in der Kirche und habe dort mit der Blumenfrau längere Zeit gesprochen. Zwölf Frauen achten abwechselnd auf den Blumenschmuck. Vieles in der Pfarre ist perfekt eingeteilt. Der Übergang von einem zum anderen Pfarrer hat noch ein paar „Holperer“.  Bei Wasser und einem Käsebrot reden wir im Pfarrhof miteinander über all die Herausforderungen, die ein Personalwechsel so mit sich bringt. „So ein Pilger kommt daher, sagt etwas und geht wieder“, meint Thomas der Pastoralassistent und erinnert sich an mehrere Begegnungen mit jenen Pilgern, die am Jakobsweg daherkommen. Auch ich trage mich ins Pilgerbuch ein. Am Weiterweg spreche ich vier Jugendliche an: „Wo geht ihr als Jugendliche in eurer Freizeit hin?“ Wie aus der Pistole geschossen alle gemeinsam: „Ins Plus“ und suchen sich bei der Bushaltestelle den nächsten Bus dorthin. Ich spreche noch die Kirchen und Pfarren in der Nähe an und ihre Miene veränderte sich in Richtung: Ist der von einem anderen Stern?

Wenn der Gründer Emeritus wird

Ich muss gestehen, dass ich die Pfarre Traun-Oedt bisher nur aus dem Schematismus und dem klingenden und verdienstvollen Namen Alfons Illig kenne. Oedt ist eine unübersehbare Ansammlung von Einfamilienhäusern. Nach einem langen Marsch durch einen Wasserwald erblicke ich die Häuser. Ich frage eine Frau, die gerade des Weges kommt, nach der Kirche: „Dort nach dem Haus um die Ecke und sie stehen davor. Ich bin die Pfarrhaushälterin und gehe jetzt nach Neubau heim.“ „Dort komme ich her“, sage ich und frage weiter: „Treffe ich jemanden an?“ „Nein, der Pastoralassistent ist gerade gegangen und der emeritierte Pfarrer ist nicht gesund.“ „Dann läute ich lieber nicht an.“ „Ja, das ist besser so“, rät sie und erzählt mir noch freudig, dass sie jetzt eine Woche auf Urlaub fährt.  Die Kirche, der Pfarrhof, der Pfarrsaal und das Pfadfinderheim sind ineinander verwachsen und so ist es eine meiner Meinung nach großes Gebäudeensemble, errichtet Ende der 80-er Jahre. Die Frau hat mich auch „gewarnt“, dass die Kirche zugesperrt ist, weil es in letzter Zeit Probleme gab bis hin zum Zündeln. So verziehe ich mich ins gegenüberliegende und warme Cafe.

Was hat Pucking mit Wilhering zu tun?

Es geht weiter im Dekanat Traun, sehr weit bis hinüber nach Pucking. Die Traun am Kraftwerk überqueren und weiter der Straße entlang bis zur Kirche im Bewußtsein, dass ich viel davon wieder zurückgehen muss. Pucking liegt in der Autobahnastgabel und so kommt der Gedanke hoch, dass die Linie, der Faden bis Wilhering schon sehr weit ist. Dieses Dekanat entfaltet schon bis jetzt eine Vielfalt ohne dass ich noch die Einkaufstempel erreicht habe. Die Kirche hat eine wunderbare Atmosphäre und das Pfarrheim ist  ansprechend. Am Pfarrhofschild scheinen zwei Namen hinter- oder übereinander auf. „Innerlohinger“ scheint durch und „Miggisch“ ist schon etwas vergilbt. Wenn man nicht wüßte, dass der Pfarrer wechseln wird, würde ich mich fragen, „was uns dieses Glockenschild sagen will“.

Kirche am Berg trotzt den Konsumtempeltürmen

Fast wäre ich in den kleinen Bach gestürzt, weil ich eine Abkürzung über die Felder nach Berg bei Ansfelden genommen habe. Der Stock war für mich bis zur Hälfte eingetaucht. Schließlich komme ich aber gut bei der Kirche Berg an. Der Vorraum ist begehbar. Ein Blick geht durch das versperrte Glas in den Kirchenraum. Die Schaukästen berichten über die Aktivitäten der Pfarre. Ich läute an. Will schon gehen. Da öffnet eine ältere Mitschwester von Sr. Pauline die Tür. „Sr. Pauline ist beim PfarrassistentInnentreffen in Puchberg und wird ganz spät heimkommen“, weiß die gute Seele des Hauses. Ich gebe ihr meine Visitenkarte und danke für die kurze Plauderei an der Türschwelle.

Kirche mitten in der Arbeitswelt und die mitten in der Natur

Fritz Stelzer-Käferböck ist Betriebsseelsorger im Zentrum Mensch und Arbeit in Nettingsdorf. Er hat mich besonders eingeladen. Ich gehe extra auf den Hügel und sehe die Wegstrecke und schaue auf die Uhr. Es geht sich nicht aus. Während ich eintauche in die Konsum-Meile Haids mit den grell erlechteten „Konsum-Minaretten“ denke ich an die Erzählung von Fritz von einer Adventfeier im Betriebsseelsorgezentrum, wo ein Gehirntumor „die ganze Liturgie über den Haufen geworfen hat.“ So soll es sein dürfen, wenn wir von Empathie und Compassion geprägt sind.

Die Einkaufsmeilen sind beleuchtet wie das Wohnzimmer

Mein Bruder leitet oder arbeitet in einem Arbeitskreis in der Umweltabteilung es Lanes OÖ mit der Themenstellung “Lichtverschmutzung”. Sie werden viel Arbeit habe, denke ich mir beim Hinübergehen nach Haid sowohl im Haidpark als auch auf dem großen Platz vor der Kirche. Die Kirche selber verschwindet in der Finsternis. Es ist so, wie wenn die Kirche ein 30-Watt Glühbirne verwendet und die Geschäfte mit 500 Watt arbeiten. Soll die Kirche hier auch mitmachen und “Glühbirnen aufrüsten”. Im Sinne der Aufmerksamkeitsforschung und der Gewohnheiten ist das extrem spannend. Finsternis ist alt und unsicher, Helligkeit ist Lebn und Power.  Ich sitze in der dunklen Kirche in Haid und spüre die gute Stimmung. Im Keller im Pfarrheim treffe ich ein paar DSG-Tischtennisspieler.

Planung bringt Hoffnung

Es ist wieder ziemlich kalt geworden und ich beschleunige meinen Schritt nach Ansfelden hinüber. Am Nachmittag wollte ich telefonisch „vorfühlen“, wie das mit einer Übernachtungsmöglichkeit ist. Hat aber niemand abgehoben. Da fällt mir dann der Spruch von Christoph Freudenthaler ein: „Ohne Planung keine Hoffnung.“  Beim Vesper-Läuten um 19 Uhr sind alle Fenster am imposanten Pfarrhof finster. Ich umrunde die Kirche, Bruckners Geburtshaus, das Brucknerzentrum und mache ein paar wunderbare Fotos in dieser gedämpften Lichtstimmung. Über einen Tipp bekomme ich dann auch einen Kopfpolster unter das müde Haupt.

Was bleibt zum Weiterüberlegen?

Wo Konsum, Einkauf und große hell erleuchtete Tempel sind, da tut sich was. Ansonsten ist es still in den Ortschaften und Stadtteilen. Was ist der USP des pfarrlichen und seelsorglichen Netzwerkes in diese „Konkurenz“ hinein? (unique selling proposition, im Marketing für das Alleinstellungsmerkmal)

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