Warum lernst du nicht

Drei Tage geht nun 2017 schon mit mir. Wir haben schon allerhand erlebt. Das wollen wir hier nicht ausbreiten. Die ersten Stunden, die wir miteinander gegangen sind, hatten mehr mit Virus zu tun und weniger mit Knallerei. Aber das war vorgestern. Alles durch. Jetzt gehen wir frohen Mutes. Dabei brauchen wir nicht hasten. Die Welt ist in den Ferien und die Arbeit fühlt sich langsamer und irgendwie neben den Schienen an. Das ermöglicht, den auf die Seite gelegten Bücherturm abzubauen. Und der Turm hat ein paar Schmankerl in sich. Ziemlich weit unten, aus der späten November-Zeit, kommt mir ein Büchlein (meint die äußere Größe) entgegen: „wahrnehmen – verweilen – begegnen“. Drinnen steckt der handgeschriebene Brief vom Autor Franz Schmidsberger. Er arbeitet als Theologe in Linz und Steyr und macht da wie dort gute, tiefschürfende, spirituell nährende Arbeit.

Sich freuen über das Glück zu leben

warum lernst du nicht
von den möwen
die immer zur gleichen stunde
artistisch-knapp über dem wasser
flussaufwärts fliegen
dann elegant aufsetzen
und sich wieder hinabtreiben lassen
so als wäre das leben ein spiel
eine einzige freude

warum lernst du nicht
vom alten ordensmann
der in der krypta
seiner arbeit nachgeht
singend die welken blumen
gegen neue tauscht
und seine augen glänzen
beim nachsinnen
über die zeit

warum lernst du nicht
von den kindern
und ihrer neugier
den geheimnissen
auf die spur zu kommen
von ihrer art
sich wirklich und ungetrübt
freuen zu können
über das glück zu leben

[Seite 97]

Ich kann zwar nicht fliegen wie eine Möwe, aber ich habe eine gute Vorstellung von den glänzenden Augen des alten Ordensmannes durch meine Arbeit bei den Ordensgemeinschaften. Durch meine zwei Enkerl ist der dritte Absatz pure Realität. Es ist mir eine unglaublich Freude, ein Glück, diese Neugier und diese ungetrübte Freude dieser Kinder so direkt zu erleben. Gerade sie lernen auch dem Opa oft ganz hautnah (nicht nur beim Einschlafen) , dass er sich freuen kann, soll, darf über das Glück zu leben. Merci.

In den Zwischenräumen ist Platz für Neues

Der Bogen 2016 neigt sich zu Boden. 2017 deutet sich schon an. Der Zug heute am 28. Dezember nach Wien ist dünn besiedelt. Die Feiertage von Weihnachten sind vorüber. Das Wort Silvester lässt Hunde zusammenzucken. Menschen finden wir zwischen Besinnlichkeit und Knallerei. Zweiteres könnten wir leicht den Brotlosen als Brot servieren. Irgendwie sind Zwischenräume, Übergänge und Neuanfänge im Blickfeld. Die EU sucht europaweit die Wahrheit. SocialMedia haben ihre Unschuld verloren. Fakes sind nicht neu, werden digital allerdings uferlos, unbegrenzt, entgrenzt. Sie bombardieren das Vertrauen unter den Menschen ähnlich wie die Häuser in Alleppo. Der Mensch wird heimatlos, seelisch obdachlos, zittert vor seelischer Kälte. Wem vertrauen? Wem noch glauben? Was stimmt jetzt wirklich?

Der Mensch im Zwischenraum

Es wird – so meine Vorahnung – im Jahr 2017 noch viel öfter das Wort „Sicherheit“ fallen. Gestern habe ich vor meinem Gespräch mit Landeshauptmann Pühringer im Cafe Traxlmayr in Linz vom Bus am OK-Platz kommend über die Landstraße zur Promenade erstmals in Linz drei Polizisten mit Maschinengewehren auf Patroulle unter den Einkaufsmenschen gesehen. Dem Terror wird mit dem Maschinengewehr begegnet. Nein. Der Angst vor dem Terror wird mit militärischer Präsenz getrotzt. Scheinbar. Es ist eine Scheinsicherheit. Jetzt wissen wir, dass Sicherheitsfirmen unglaubliche Umsätze machen, damit Häuser und Wohnungen „gesichert“ werden. So werden die öffentlichen Flächen, die Zwischenräume immer dünner „besiedelt“. Die Angst treibt die Menschen in ihre Höhlen. Dort fühlen sie sich sicher und lassen sich allerdings drinnen über Medien – nicht alle – ihre „Angst vor draußen“ weiter vergrößern. Das leert die Zwischenräume weiter. Dabei sind genau diese Zwischenräume jene Räume, wo Neues entstehen, Platz finden kann. Ich finde es wunderbar, wie Menschen auf „Zusammenhelfen“ oder ähnlichen Plattformen schildern, was ihnen hier in der Flüchtlingsbegegnung Wertvolles und Neues entgegenkommt. Die Basis dafür ist Vertrauen. Und genau das erwarte ich mir von der Politik, dass diese Zwischenräume mit Vertrauen, mit Aufeinanderzugehen und Hinhören gefüllt werden. Das hilft wirklich. Polizisten (es waren drei Männer) brauchen bei uns keine Maschinengewehre tragen. Ihre Präsenz alleine gibt mir jene Sicherheit, die ich in öffentlichen Räumen bei uns in Österreich so schätze. Lasst Zwischenräume weiterhin offen, damit gemeinsames Leben in Vertrauen aufeinander wachsen kann. Das wünsche ich mir von 2017: Lasst uns vertrauensvoll in die Zwischenräume gehen und uns gegenseitig in Begegnungen für das Neue offen halten. Für das, was auf uns zukommt, und das, was wir mitgestalten.

Papst Franziskus will nicht verehrt werden

_646_alleAlle Welt gratuliert heute Papst Franziskus zu seinem 80. Geburtstag. Ich schließe mich an. Er ist ein begnadeter Mensch, der vielleicht für die Kirche zu spät in diese Aufgabe gewählt wurde. Aber es ist nie zu spät. Es ist immer jetzt und hier, um das zu tun, wozu jede und jeder von uns berufen, gerufen ist und wurde. Ich durfte dem Papst heuer im Feber persönlich begegnen und ihm die Hand schütteln. Es bleibt mir unvergesslich, mit welcher Empathie er auf uns zukommen ist. Hellwache Augen und ein ganz tiefes Lächeln im Gesicht. Zweieinhalb Stunden lang war er da am Petersplatz und ist den Menschen begegnet, wirklich begegnet, auf Augenhöhe, ganz Ohr. Ich habe es für mich zumindest so gefühlt, erlebt. Er agiert als Mensch, als Person. Kaum ein Amt. Das macht ihn so stark und gleichzeitig für das vatikanisch Establishment so unberechenbar.

Tut mutig

_650_erkommtDer Jesuit Klaus Mertes schreibt in der aktuellen ZEIT vom 15. Dez 2016 auf Seite 58: „Wer Franziskus würdigen will, darf nicht nur auf ihn schauen, sondern muss darauf vertrauen, dass die Veränderung der Kirche und die Erneuerung der Christenheit ihren Gang gehen. Das Ergebnis steht nicht schon in dem Moment fest, wo das Neue beginnt. Dieser Papst öffnet die Kirche für Erneuerungsprozesse. Er vertraut darauf, dass der Geist Gottes lebendig in der Geschichte mitgeht. Franziskus ist eben nicht nur ein Taktiker, sondern ein gläubiger Mensch. Der Glaube macht ihn mutig und klug.“ Dieser Papst lebt, was er sagt. Und er wünscht sich das auch von uns ChristInnen, gerade auch von den Bischöfen. Tun, was wir sagen. Er lehnt es sichtlich ab, verehrt zu werden. Viele jubeln ihm zu. Doch wir spüren den fiktiven Ausspruch: „Was jubelt ihr über mich. Geht hin und tut, was ihr vom Evangelium verstanden habt.“ Da tun sich natürlich jene Kräfte schwer, die alles vorschreiben und in Kontrolle halten wollen. Ihnen ist das Neue erst dann geheuer, wenn es „eingefangen“ ist. Franziskus will den Prozess offen halten. Er sieht Basis und Richtung. Dort gehen wir hin, auch wenn wir den Weg noch nicht kennen. Als Pilger und Geher weiß ich, dass der Aufbruch wichtig ist und das Ziel. Wird Franziskus eine Frage oder ein Problem vorgetragen, sagt er oft: „Und was denken sie? Machen sie gleich einen Vorschlag, wie wir das lösen können.“ Es liegt an uns, die Kirche im Dienste der Menschen aufzurichten, selbst verantwortet weiterzubringen. Danke Franziskus, weil du mutig und mit tiefem Gottvertrauen vorangehst. Und wir hören dich: Kommt und geht auch ihr mutig hinaus zu den Menschen, an die Ränder, hinein ins Neue.

 

Das ist alles so bequem

img_3082Dieser Tage ist mir in der Kirchenzeitung eine Karikatur entgegengekommen, die das Lebensgefühl, das Handeln eines großen Teils unserer Bevölkerung widerspiegelt. „Das Bestellen im Internet ist einfach super, so bequem“, hat dieser Tage im Zug einer zum anderen mit gegenüber gemeint. Ich selber war gerade online und am OXI-Blog „unterwegs“. Dort ist mir diese Überlegung in einem Blogbeitrag entgegengekommen: „Was die moderne westliche Gesellschaft seit den fünfziger Jahren kennzeichnet, ist die Wunschexplosion.“ Wunschexplosion? Ja das trifft es genau. In die Mitte. Und weiter: „Die Menschen müssen nicht mehr zurückhaltend und bescheiden sein, niemand zwingt sie zur Askese. Fastenmonate und Opfer haben ihre Bedeutung verloren. All diese Rituale der Bescheidenheit, die ja auch stark religiös fundiert waren, wurden buchstäblich weggeschwemmt. Gesagt wird: Du hast Wünsche und die sollen in Erfüllung gehen. Darin besteht deine Autonomie.“ Also: Die Erfüllung jeden Wunsches ist das Ziel des menschlichen Wesens schlechthin. So sagt uns die derzeitig vernetzte und dahinrasende Konsumideologie. Wunschlos ist das Glück.

Wunschexplosion trifft Wunschreduktion

Natürlich musste ich an das kommende Christkind denken, an die Wunschexplosion, an die Berge von Paketen und das Leer-Sein der Seelen. Es ist gut, dass nur ein Teil dieser Ideologie folgt. Ein anderer Teil der Gesellschaft vernetzt sich regional, wirklich. Viele stellen sich die Frage: Wie geht Reduktion angesichts der überbordenden Supermärkte, die jetzt sogar online geleert werden wollen. Was kann ich mit Materialien selber machen, in Communities der regionalen „Wertschöpfung“. Und dann erinnere ich mich an den Einsiedler von Saalfelden Bruder Raimund, der davon gesprochen hat, dass jede und jeder Verantwortung für den Quadratmeter übernehmen soll, auf dem er sich gerade jetzt befindet. Da wäre unglaublich viel gewonnen, wenn die Wunschexplosion den Quadratmeter respektieren würde. Denn: Eine Wunschreduktion wäre die Folge. Das täte uns allen gut, vor allem auch der ausgebeuteten Erdkugel. #LaudatoSi ist das Stichwort. So viel es geht, „regional bleiben“. Auch in Richtung Weihnachten.

Digitale Medien nehmen dem Menschen die Empathiefähigkeit

„Digitale Medien beeinträchtigen die Gehirnentwicklung und sie erzeugen Sucht.“ Diese in der langen Menschheitsgeschichte neuesten Medien nehmen dem Menschen „geistige Arbeit ab“. Genau das braucht das Gehirn, dass es sich weiterentwickelt. Arbeit. Manfred Spitzer ist kein Unbekannter, weil er in den Talkshows klar Stellung bezieht: Wir sind von der digitalen Demenz bedroht. Gerade die Entwicklung von Kindern ist durch diese „Geräte“ verlangsamt, kommt zum Stillstand. In den OÖN vom 3. Dezember 2016  ist es im Interview nachzulesen. Aus Spitzers Sicht sind Weihnachtsgeschenke, „die ganz ohne Strom auskommen“, genau die richtigen. Und: „Musik und Singen, Musizieren macht schlau.“ Und Spitzer verweist auf Süd-Korea: „Dort ist die beste digitale Infrastruktur und wir haben genau dort 31% Smartphone-Süchtige.“ Also: eins, zwei, süchtig, vier fünf, süchtig….

Mehr Social Media für Firmen?

„Ein Großteil kennt die neuen Möglichkeiten nicht oder unterschätzt sie maßlos“, weiss dafür ein Experte wie Dominik Fürtbauer ein paar Seiten weiter in derselben Zeitung unter Karriere und Bildung. Er beschreibt die „Techniken“, die heute angeblich Leute „ansprechen“ können. Mittlerweile weiß man heute, dass diese Social Media „Kontakte“ die Leute nicht mehr anrühren, sie nicht „überzeugen“ oder in irgend einer Form „tiefer an die Firma, die Organisation, die Partei, die Kirche“ binden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die digitale Welt, aber ich bin im Laufe der Jahre sehr skeptisch geworden, was diese Welt wirklich  (kommt von wirken, bewirken) kann und ob wir das alles wollen, was wir derzeit sehen, erleben, tun. Ich habe in meiner mehr als dreiwöchigen radikalen Offline-Zeit genossen. Tatsächliche Begegnungen, viel mehr Weniger, dafür mehr Wesentlich. Die Seele hat ruhig geatmet. Susanne Dickstein schreibt daneben ihren Kommentar zu „Klaviatur der Kanäle“. Ihre Überlegungen im Umgang mit Kunden mündet in der Erkenntnis, worauf es tatsächlich ankommt: „Den Bedarf des Kunden zu erkennen und mit Empathie und Hausverstand darauf einzugehen.“ Jawohl. Und genau das braucht haptische analoge Begegnungen mit Zeit und Hinwendung zum Menschen. Aber: Mafred Spitzer zeigt uns, was wir gerade mit Social Media verlernen? „Empathiefähigkeit“. Wir bewegen uns im Dilemma, im Teufelskreis. Daher immer wieder meine Erfahrung, meine Ansage: Distanz halten und Geräte weglegen, immer öfter tatsächlich vergessen. Das Leben ist zu wertvoll, um es in den Social Media Kanälen zu entsorgen.

 

Radikale Veränderung aus dem Inneren

1_img_2988Es ist noch sehr früh. Erster Adventsonntag. Mangels Bus aus dem Bergdorf bin ich mit dem Auto nach Ungenach zum Männertag der KMB unterwegs. Es fährt sich einfach, weil noch ganz wenige Leute unterwegs sind. In Vöcklabruck komme ich am Bahnhof vorbei und sehe das große Stahlgebilde, das ich schon öfters vom Bahnhof kommend „auf der anderen Seite“ ohne große Wahrnehmung gesehen habe. Heute taucht es rechts im Blickfeld auf, Bremse und Blinker sind sofort aktiviert. Die beiden ineinander liegenden Pfeile haben mich „angesprungen“. Wahrscheinlich auch gesteuert durch die Gedankengänge zum kommenden Vortrag bei den Männern in Ungenach. „Schwächelt das Christentum?  Steht das Ende der christlichen Kultur bevor?“ Auf Facebook haben Freunde schon Hilfreiches dazu gepostet und damit der Themenstellung die „bedrohliche Apokalyptik“ genommen. In dieser Stahlskulptur ist mir früh am Morgen die „Lösung“ entgegengekommen. Es ist wie beim Gehen. Das Leben und die Lösungen kommen dir entgegen. Ich habe Fotos gemacht, habe die Skulptur angeschaut, von allen Seiten. Und immer wieder ist in mir die Aussage aufgestiegen: „Radikale Veränderung aus dem Inneren“. Aus dem Innersten des Stahlstückes wird ein Pfeil herausgenommen und wieder eingesetzt, in die ganz andere Richtung weisend. Das spüre ich in dieser Gesellschaft immer wieder, dass aus dem Innersten, dem Kern ein großes Stück herausgenommen werden sollte und in die andere Richtung eingesetzt werden müsste, damit wir eine gute Zukunft für alle Menschen haben, nicht nur für wenige.

Christen müssen Atheisten sein

2_img_2990Inspiriert von dieser Skulptur bin ich im Vortrag ein paar Gedanken nachgegangen, die ich mit den etwa 50 Männern geteilt habe. Ich wollte „Basics für den Rucksack in Richtung Zukunft zusammenrichten“, damit  für jeden einzelnen und zusammen als Community ein gutes Gehen möglich ist. Vorausgeschickt habe ich einige „Betrachtungsweisen“: Ist das Christentum jetzt mehr Thermostat oder Thermometer? Dann: Die wirklich bestimmende und dominierende Religion heute ist die Geld-Religion, die den Mammon als allseits verehrten „Gott“ führt. Also: Es wird auch von uns Christen ein großes Stück „Atheismus“ verlangt gegenüber diesen Mammon-Religionen. Gemeinsam haben wir beobachtet, dass heute die Rituale zum Großteil von der Gesundheits-, Wellness- und Medienwelt kreiert und praktiziert werden. Individuelle Gesundheit wird als das höchste Gut gesehen und zum Beispiel weniger das gemeinsame Wohlergehen im Gemeinwesen. Und Christentum triftet da zumindest zeitweise ab in diese „Wellness-Schiene“. Dann schwächelt es.

Advent in diese Richtung

3_img_2995Dem Buch von Ilia Trojanov „Der überflüssige Mensch“ haben wir dann weiten Raum gegeben. Auch von Bischof Kräutler habe ich erzählt, dass in Brasilien in offiziellen Dokumenten des Staates die indigenen Völker im Tropenwald dem Tierreich zugeordnet werden. Nochmals, weil so unglaublich: dem Tierreich zugeordnet. Menschen werden nicht als Menschen gesehen, die Würde abgesprochen und als „überflüssig erklärt“. Wenn sich heute Caritas als Anwalt für diese Menschen sieht und agiert, wenn Papst Franziskus sich, sein Amt und die Kirche an diese Ränder führt, dann ist Christentum „stark“. Und so haben wir an diesem Vormittag unsere Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen unter uns Männern „geteilt“ mit dem Finale, „dass christlich inspiriertes Leben immer anschlussfähig ist, geradezu neugierig dem Fremden gegenüber und in dieser Synapsenfähigkeit prophetisch in der Gesellschaft, in jedem Gemeinwesen wirkt“. Gesellschaft braucht uns jesuanisch geprägte Christen. Warum? Mehr denn je braucht es Menschen, die das einfache, vom Wohlstands-Schrott befreite Leben als gutes Leben wagen. Wirklich tiefes gemeinschaftliches Leben hat uns die Geld-Religion „ausgetrieben“. Der Mensch wird gerade zum User und  Konsumenten degradiert und das braucht ein tiefes, hellwaches Bewusstsein dafür, dass wir Bürger, Menschen sind. Außerdem: Es braucht unseren Einsatz am Rand entlang und wieder einige Mutige, die den Weg zum Thermostat suchen und wieder hinaufdrehen, damit die soziale Kälte nicht weiter Platz greift.
Außerdem: Es ist erster Adventsonntag und es brennt die erste Kerze „in diese Richtung“.
Und: Danke den Männern von Ungenach für diesen inspirierenden Vormittag.
Eine besondere Freude war es, dass ich Pfarrer Josef Friedl daheim bei ihm begegnet bin. Wie geht es? „Den Umständen entsprechend. Bin zufrieden.“

 

Den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken

900img_2675„Wo der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet ist, muss das Empfinden von Gerechtigkeit gestärkt werden“, wird in roten und fetten Buchstaben im Publik Forum vom 21. Oktober 2016 aus dem Artikel „Was die Gesellschaft wirklich zusammenhält“ hervorgehoben. Eine andere Beobachtung habe ich gestern in Wien gemacht. Sowohl beim Burgtheater als auch bei uns vor dem Büro in der Freyung wurden Panzer und militärische Geräte in Stellung gebracht. Als Zivildiener der ersten Stunden rund um die Zivildienstkommission 1975 steigen da natürlich besondere Gefühle und Assoziationen hoch. Besorgte. Der Magnetismus von Panzer und Co. wird jedes Jahr rund um den Nationalfeiertag zelebriert und sichtbar gemacht. Aber was steckt dahinter?

Gerechtigkeitsempfinden fördern

Ich komme zum Interview ins Publik Forum zurück. Die Frage ist entscheidend für unsere „auseinander fallende Gesellschaft“, „die Vereinzelung der Interessen“, „die digital klammernde und zittrige Dauerkommunikation“ und den Hochgesang auf die „Individualität mit erweiterbarer Komfortzone“: Was hält die Gesellschaft wirklich zusammen? Der Philosoph Hans Joas relativiert die Ansicht, dass es die Werte sind, die zusammenhalten: „Es braucht viel mehr.“ Ganz klar benennt er drei Faktoren, die diesen Zusammenhalt in einer Gesellschaft positiv stärken oder in der Negativvariante gefährden. Was hält Gesellschaft wirklich zusammen? „Erstens: ein von allen erlebter wirtschaftlicher Erfolg.“ Und er erinnert an die Nachkriegszeit, wo für alle der Aufstieg und Aufschwung erlebbar war. Ohne den wirtschaftlichen Aufschwung wäre die  neue Demokratie vielleicht gar nicht entstanden. „Zweitens: Die Menschen müssen die Gesellschaft als gerecht erleben.“ Wo der Zusammenhalt gefährdet ist, muss alles getan werden, um das Gerechtigkeitsempfinden wieder herbeizuführen etwa durch Umverteilung oder Partizipationsmöglichkeiten. Jonas findet die Vermögensverteilung in Deutschland „skandalös“. Aus meiner Sicht wird Gerechtigkeit heute nicht nur durch die Ungleichheit gestört, sondern auch durch das Verhalten der Reichen, der „Oberen“, die glauben,  dass Gesetze für sie nicht gelten. Sie setzen sich über alles hinweg, was für alle gilt. Das ist das wirklich „Skandalöse“. Und Jonas weiter: „Drittens ein Beispiel, das keiner hören will, das aber empirisch zwingend ist: Militärische Erfolge eines Landes tragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.“ Und jetzt bin ich wieder beim Burgtheater und in der Freyung in Wien bei den Panzern und Co. In den letzten Wochen und Monaten hat der neue Verteidigungsminister Doskozil eine „aufgeweckte Identität und Aufgabenstellung“ für das Bundesheer herausgestrichen. Irgendwie wird mir etwas bange in unserem Österreich, wenn auf diese Weise der Zusammenhalt über das Militär gestärkt werden soll. Dabei wäre bei „Zweitens: Gerechtigkeit“ ein so weites Feld.

Die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen

unnamedMeine 24-tägige Offline-Zeit ist zu Ende. Das Smartphone lag abgeschaltet daheim zusammen mit dem Laptop. Das TV-Gerät im großzügigen Zimmer meines Kurhotels Bärenhof in Bad Gastein war der Bademantelhalter. Radio gab es keines. Wollte ich auch nicht. Über drei Wochen Null Internet. Ich habe es genossen. Es hat mich vertieft, wacher und wirklicher gemacht. Ich wurde reduziert in jeder Hinsicht. Und wesentlicher, ruhiger. „Ich würde das keine drei Tage aushalten. Schon nach einem Tag im Urlaub juckt es und ich muss nachschauen.“ So ein befreundeter Journalist am Telefon, nachdem ich die Rückrufe auf die Anrufe in Abwesenheit gestartet hatte. „Es war ein ganz großes Geschenk und genau zur richtigen Zeit“, meinte ich. Erzählt habe ich ihm, dass die SN und DIE ZEIT in der Druckausgabe meine einzigen „Medienpartner“ waren. Und natürlich einige Bücher und gezielte Zeitschriften, denen ich mich schon lange widmen wollte. In der dritten Woche hat DIE ZEIT in einer Beilage ganz groß über eine Doppelseite die Frage gestellt, meine Frage gefragt: „Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?“. Und genau diese Frage hat ihre Antworten bekommen, weil ich meine „digitalen Kochlöffel“ alle konsequent 100%ig weggelegt habe. Ich durfte mir „unabgelenkt“ begegnen. Tag für Tag.

Was ist entstanden?

Im Rückblick und nicht erst jetzt merke ich, dass ich mit einer neuen Wahrnehmung da bin. Ich wusste immer, dass Digital emotional kalt ist. Das kann die Seele nicht wärmen. Sie macht sie hungriger. Die tiefe Achtsamkeit und Empathie geht verloren, ist auch mir zum Teil verloren gegangen. Und doch verfallen so viele Menschen unkritisch diesem „Zug der Zeit“ und hängen an ihren Geräten. „Aufmerksamkeitszertäubung“ nennen das gute Beobachter. Und ein Geschäftsführer hat zu meinem Offline-Dasein gemeint: „Recht hast du. Wir halten das alle miteinander ohnehin nicht mehr lange aus.“  Und bei mir selber habe ich gespürt, wie Langsamkeit in mein Leben eingekehrt ist. Das hat mir ermöglicht, viel tiefer hinzuhören in Gesprächen, auch auf die Stille. Ich spürte auf einmal keine Getriebenheit mehr, sondern konnte selbst die zeitweise Langeweile in meinem Zimmer genießen. Langeweile ist ja ein Fremdwort geworden, ein Unwort der „Bespassungsgesellschaft“. Gerade in diesen Zeiten haben meine Gedanken-Gänge unglaublich viel Freiraum vorgefunden und neue Facetten aufgemacht. Und beim Gehen in den Gasteiner Bergen nahmen die Augen die Natur, das wunderschöne Panorama auf, weil ich keine Kamera zücken konnte, die im Smartphone daheim integriert lag. Einfach da sein, schauen, wahrnehmen, hinhören auf die Stille der Natur, den Berggipfel jetzt genießen und nicht erst später am Foto. Ich bin da. Jetzt. Genau auf diesem Quadratmeter Erde, eingespannt und getragen zwischen Welt und Himmel.

Und wie weiter?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Beitrag von Richard David Precht in der ZEIT vom 22. September 2016 gelesen: „Unsere gereizten Seelen“. Precht schreibt dort, dass Europa keine User und Konsumenten braucht, sonder StaatsbürgerInnen. Gerade die digitale Welt deformiert uns Menschen dazu, „nur mehr über Geld nachzudenken, Preise zu vergleichen und auf Kosten anderer zu profitieren“. Nicht der zufriedene Mensch ist das Ziel, sondern der immer wieder neu unzufriedene. Ein kurzfristiger „Hyperkonsumismus“ wird in den Mittelpunkt des Seins gestellt auf Kosten langfristigen Denkens. Eine „zittrige Seele“, wie wir sie heute so oft vorfinden, findet keine Ruhe in sich selber, findet auch das Du nicht mehr. Die Seelen, so sie nicht ohnehin verschüttet sind, werden durch Werbung, digitale Medien und das ständige Mehr immer neu „gereizt“. Dieser ständige Reiz von außen macht sie selber wieder zittrig. Und genau diese kollektive Nervosität erleben wir unter dem Anschein von „digitalen Freundschaften und Followern“. Bisher hat meine Offline-Zeit noch niemand in Frage gestellt, sondern auf verschiedenen Ebenen haben mir Menschen dazu gratuliert, sind neugierig geworden. Was gibt es Schöneres, als auf das Wesentliche reduziert Beziehungen, Familie und Freundschaften img_2479analog zu leben. Auch wenn sich der Mainstream beschleunigt, so werde ich langsamer leben. Meine Arbeitskollegin hat mir auf mein erstes Email zurückgeschrieben: „WELCOME BACK! (in reality – ehm – virtuality)“. Das ist der Punkt. Reality nicht mit Virtuality verwechseln. Smartphone weglegen und einfach offline gehen. Einmal am Tag ins digitale Gasthaus „Facebook“ schauen. Whatsapp ausschließlich für Familie verwenden. Sonntag ausschließlich haptisch gestalten und das Festnetz wieder mehr betätigen. Außerdem: Die Abende gehören dem Gespräch und der tatsächlichen Begegnung – ohne „Geräte“. Außerdem sind alle meine handschriftlichen Briefe bisher als „Sensation, Seltenes“ empfunden. Und diese Rückmeldungen kamen auch handschriftlich. Als Karte oder Brief. Die digitale Welt hat viele Menschen „übernommen“, dabei sind diese Erfindungen nur Hilfsmittel. Deshalb raus aus dem Mittelpunkt damit. Das heißt: Sich nicht dauernd stören lassen und die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen, hinausgehen aus der digitalen Küche und Mensch und Natur direkt begegnen.