Eine ganze Schule stellt sich der Ungleichzeitigkeit

„Soll der Zugang zu Facebook in der Modeschule mit Internat gesperrt werden oder nicht?“, war der Anlass für einen spannenden Nachmittag in Ebensee. Als Location für den Social Media Vortrag musste aus Platzgründen der Turnsaal herhalten. Über 200 SchülerInnen und der dazugehörige Lehrkörper mit Direktor waren gekommen. Alle in einem Raum. Die Nutzung und Einschätzung von Chancen und Gefahren der „neuen Medien“ war das Thema. Da ich direkt aus New Orleans vom Münchner Flughafen nach Ebensee kam, wurde die „technische Infrastruktur“ zur Verfügung gestellt. Der Zugang zum Internet im Turnsaal funktionierte nicht auf Anhieb. Nervosität lag in der Luft. Ich selber war gelassen. Heute über Social Media in einer höheren Schule reden, heißt so viel, wie vor 30 Jahren das Autofahren zu erklären: Die meisten sind Autofahrer. Da könnte man analog über die digitalen Erfahrungen reden und sich über Erfahrungen austauschen. Auf meine Eingangsfrage: Wer nutzt Facebook? erheben praktisch alle SchülerInnen die Hand. Allerdings nur ein kleiner Teil der Lehrerinnen und Lehrer kennt Facebook  „von innen“ und nutzt es auch. Die einen fahren selber sehr viel mit dem Auto und die anderen kennen das nur aus Erzählungen von Unfällen, Rasereien, Gefährlichkeiten.

Facebook tickt wie ein Gasthaus

Diese gravierende Ungleichzeitigkeit zieht sich den ganzen Nachmittag bei dieser interaktiven Online-Präsentation durch. Ich weigere mich mit Powerpoint zu arbeiten. Es wäre für mich sonst so, als ob ich im statischen Flugsimulator eine dynamische und sich ständig ändernde Welt erklären würde. Live ist mein Anspruch und das hat schließlich mit „Surprise“ zu tun. Während des Vortrages haben nur ganz wenige der SchülerInnen ihre Smartphones in Betrieb und so bekomme ich aus dem Publikum Freundschaftsanfragen. Zwei habe ich angeklickt und im Publikum abgefragt. Sie sind seitdem meine Brücken in diese interessante Schule nach Ebensee. Anhand dieser zweistündigen Online-Präsenz wurde den „Anti-Facebookern“ die kommunikative Welt klarer, in die „Privates und Persönliches in einen abgegrenzten öffentlichen Raum gestellt wird“. Meine Ansage, dass auf Facebook dieselben kommunkativen Mechanismen laufen wie in einem Gasthaus hat den „FB-Offlinern“ vieles erklärt und die „fundamentale Urangst“ davor genommen. Meine Sicht dazu ist: Neues ist für 80 % zuerst mit Angst und Nein verbunden. Die Jungen greifen Neues hingegen unreflektiert auf, um die „Alten“ damit zu überholen und sich eine für die ältere Generation uneinsichtige „Eigenwelt“ zu schaffen.

 Die Chance zur internationalen Profilierung

Was war der Nutzen dieses Nachmittags der Ungleichzeitigkeit? „Jetzt haben einmal alle dieselbe Wissens-Basis und Einschätzung“, meint Direktor Steinkogler. Religionsprofessor und Initiator für diesen gemeinsamen Nachmittag Mittendorfer sieht, dass es eben keine allgemeine Lösung für „dieses Problem an der Schule und im Internat“ gibt. Meine Sichtweise ist die, dass „Aufklärung“ der Nutzer (User) und „Verantwortungsbewusstsein“ aller Beteiligten wahrscheinlich ans Ziel führen wird. Im Konferenzzimmer ging die Diskussion bei einem guten Kaffee weiter. Dort kam vor allem die Frage der „Kontrollierbarkeit“ auf: Wer kontrolliert, was über unsere Schule ins Netz gestellt wird? Meine Ansage dazu war der Hinweis auf eine ganz neue Chance für die Schule: Nicht die Kontrolle ist die erste Frage, sondern die Chance, dass SchülerInnen ihre Schule, ihre Ausbildung, ihre Kreationen schon aus einem bestimmten Eigennutz positiv darstellen und so „Ebensee eine geile Location für Modeentwicklung werden kann“. Die Social Media sind grenzenlos und so kann sich auch der Ruhm der Schule grenzenlos verbreiten.

Die Anfangsfrage bleibt in der Schule. Sie kann nur dort beantwortet werden. Die Basis für eine fruchtbringende Auseinandersetzung ohne „fundamentalistische Vorurteile“ ist gelegt. Risiko und Chancen liegen am Tisch. Wir werden sehen.

 

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