Ich und mein

6 x steht „Ich“. 4 x „mein“. Wir starteten um 6 Uhr beim Glockenleuten der Kirche im Bergdorf „hinüber auf den Pöstlingberg“. Nicht ganz drei Stunden sind erforderlich, um zu Fuß die Strecke von etwa 13 Kilometern zurückzulegen. Wir wollten heute eine großes Danke „hinübertragen“ und auch die Bitten für die Zukunft. Es gibt Menschen, die uns ans Herz gewachsen oder die uns anvertraut sind, deren Anliegen wir hier mitgenommen haben. Am Ende haben 12 Lichter geleuchtet als Danke und Bitte.  Zwölf für alle.

Das Evangelium will heute keiner hören

Um 9.05 Uhr ist Gottesdienst. Der zelebrierende Priester meint gleich zu Beginn, dass er zu niemanden „Du Depp“ sagen würde:  „Aber heute hören wir das im Evangelium auf hochdeutsch. Du Narr.“  Was hören wir? Eine Geschichte, ein Gleichnis, das Jesus einem Mann sagt, der eine „volle Ernte, einen großen Gewinn, Ertrag“ erwartet. Was soll er tun? Er tut das, was heute wahrscheinlich fast alle tun. anhäufen und nicht teilen. Das klingt heute unglaublich logisch, schlüssig und vernünftig: „So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen.  Dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens!“ Ja, das ist das Grundparadigma 2019, ausgesprochen vor 2.000 Jahren. Aber: „Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?  So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.“ Der nur für sich selber Schätze sammelt. Im Text des ganzen Evangliums kommen sechs ICH und vier MEIN vor. Die Predigt hat drei Minuten gedauert. „Da ist kein Du. Da ist kein Wir. Da ist kein Gegenüber.“ Der Mensch ist nur im Ich-Modus. Das heutige Evanglium (für Nachleser LK 12, 13ff) bringt unsere Zeit auf den Punkt. Wir gehen beim „Hinübergehen auf den Pöstlingberg“ an vielen großen und aus meiner Sicht überdimensionierten Häusern vorbei mit  Pool, Zaun und viel Abgeschlossenheit. Es liegt viel „Ich und mein“ in der Luft und ganz wenig Du und Wir. „Du Narr“,  sagt Jesus recht deutlich. Aber das will keiner wirklich hören. Wir sind „Ich und mein“. Das Du und Wir wird uns gerade fremd. Oder wie heißt das Buch von Byung-Chul Han? Genau: „Die Austreibung des Anderen.“  Er beschreibt das Heute. 2019. Genauso wie das Evanglium.

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