Jahreskarte des OÖ Verkehrsverbundes ist ein Fragmenthaufen

Zuerst wollte ich der neuen Infrastrukturministerin Eleonore Gewessler einen Ermutigungsbrief mit Situationsbeschreibung aus Oberösterreich schreiben. Ermutigung und Warnung sollten nahe beieinander liegen. So etwa habe ich ihn mir vorgestellt gehabt:

Liebe Frau Gewessler!

Ich bin eine begeisterter Öffi-Fahrer. Das nicht von Geburt an, sondern im Rahmen meiner Wienzeit dazu geworden. Ein Spätberufener, wie man sagt.

Dafür hatte ich in den sieben Jahren drei Jahreskarten:  ÖBB-Jahreskarte, Jahreskarte Wiener Linien und eine Jahreskarte des OÖVV. Ihr Herzstück für die kommende Arbeit als Ministerin ist das 1-2-3 Ticket. So habe ich es heute im Parlament gehört. Ich könnte sie umarmen. Wären sie doch schon länger im Amt, sodaß ich es gestern schon hätte 1-2-3 ZackZack einkaufen können.

Für meine Fahrten vom Bergdorf nach Linz und als Abstecher zur Jungfamilie nach Ottensheim habe ich gestern meine Jahreskarte gekauft. 893.- EUR habe ich hingelegt. Wie gesagt: Ich bin begeisterter Öffi-Fahrer. Was kann diese Karte? Achtung, jetzt wird es gschmackig fragmentarisch. Kirchschlag liegt 16 km nördlich von Linz. Ottensheim liegt 12 km westlich von Linz. Der Hauptbahnhof Linz gehört zu meinen häufigen Destinationen. Das sind etwa 30 km im Dreieck in eine Richtung. Das braucht 5 Zonen. Fünf. Gültig nur für den Bus. Die parallele Bahnstrecke von Ottensheim nach Urfahr darf ich damit nicht benützen. Die parallel laufenden Straßenbahnen der Linz Linien auch nicht. Genau genommen darf mich der Chauffeur in Linz in keinen Postbus oder OÖVV-Bus einsteigen lassen, weil hier eine Vereinbarung mit den Linz Linien besteht, dass in der Kernzone kein Einsteigen in den Bus möglich ist. Wie gesagt, mit einer für diese Fahrstrecke gültigen Jahreskarte. Sie waren bisher immer  großzügig und drückten ein Auge zu. Dürfen dürften sie es nicht.

Diese Situation erinnert mich an die 11 Schilifte bei uns im Bergdorf vor 40 Jahren. Wollte man alle Lifte nützen, musste man 7 verschiedene Liftkarten kaufen. Damals. Heute sind riesige Schigebiete auf eine Karte zusammengehängt dank Digitalisierung. Salzburg. Tirol. Der OÖVV kann das bis heute nicht. Ich muss ehrlicher argumentieren. Sie könnten es, haben aber von der Politik nicht das nötige Geld dafür bekommen. Der Auto- und LKW-Verkehr bekommt Autobahnen um 2 Milliarden rund um Linz, der Öffi-Verkehr wird ausgehungert. In OÖ haben wir durch die schwarz-türkis-blaue Landesregierung die Klimakrise noch fernhalten können. Das sind Könner, die da am Werk sind. Alles Auto. Das ist die Lösung. Sie lassen deshalb in Linz auch die Busse mit dem Individualverkehr mitstauen.

Wenn sie jetzt mit großer Energie und Nachdruck das 1-2-3 Ticket umsetzen, achten sie darauf, dass ihnen der Bundeskanzler keine Hilfe sein wird. Er hat den Landeshauptleuten freie Hand gegeben. Und genau diese Landeshauptleute und Bürgermeister wie in Linz brauchen sie in diesem „unübersichtlichen Geflecht von Interessen“. Ich bin ganz bei ihnen: Das Angebot schafft die Nachfrage. Meine Busse sind über den Daumen zu 80 % etwa 20 % belegt. Da ist Luft nach oben in den Passagierzahlen. Und ich bin auch nicht dafür, den Öffi-Verkehr zu verschenken. Es wären für mich für ganz OÖ auch bis 500 EUR ganz OK. Wie gesagt ganz OÖ und alle Verkehrsmittel.

In jedem Fall, geehrte Frau Ministerin, sie sind am richtigen Weg und ich bin ihr Fan, wenn ich 2021 ein OÖ-weite Jahreskarte vom OÖ-Verkehrsverbund bekomme, die den halben finanziellen Einsatz braucht wie die heurige für 30 km durch 5 Zonen auf den Bus beschränkt.

Aus dem Fenster winkend, weil mit Chauffeur unterwegs,
ferdinand kaineder

Etwa so. Er ist etwas lang geworden. Aber ich wollte doch  ein paar Eckpunkte erzählen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Warnung wegen der Landesregierung und des Bürgermeisters etwas bringt. Sie sind doch ziemlich verhärtet, weil sie selber nur Auto fahren. Wie sollen sie jemals die besondere Lebensqualität des Öffifahren riechen, spüren, schmecken? Außerdem steht die FP über dem Klima und die VP hat das unhaltbare Wachstum nach dem Motto – Stört den Lauf der Dinge nicht –  im Auge. Doch langsam merken sie selber, dass die Freiheit des Autos im stundenlangen Stau auch nicht mehr nach Freiheit riecht. Und Wachstum liegt in intellegenten Umwelttechnologien und im qualitativen Weniger.

Ihr, die ihr das lest, sollt wissen, dass ich natürlich die Straßenbahn auch nutzen kann mit zusätzlich 200.- EUR im Jahr. 1.093.- EUR. Und wenn mich die Lust auf Bahnfahren zwischen Urfahr und Ottenheim erfasst,  dann zum Einzelpreis von 2,60 EUR in eine Richtung. Natürlich werden die Autofahrer unter euch jetzt selbstgefällig jubeln: Ich habe es immer gesagt, „dass das mit dem Bus a Schas is“. Ich sage euch aber ehrlich: Zu 99,14 % wurde ich mit den Öffis bestens von A nach B gebracht. Dort und da. Das muss ich unbedingt anerkennend sagen.  Und ins Bergdorf geht fast jede Stunde eine Busverbindung. Der letzte Bus herauf  auf fast 1.000 m Seehöhe öffnet um 23.25 Uhr seine Bustür. Ich steige aus, atme auf den letzten Schritten die reine und feine Nachtluft. Schade, wenn ihr das nicht kennt.

Aber: Meine Jahreskarte ist doch ein teurer Fragmenthaufen.

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