Tag19: Das Labyrinth am Haus der fremden Freunde

19_selfie_IMG_4949#Klimapilgern geht radikal. Anja hat uns mit den Aufbruchgedanken ein Wort mit auf den Weg gegeben: radikal. Es wird sich vieles einfach nicht mehr ausgehen, wenn wir so weitermachen. Wie radikal denken, handeln wir? Das Gehen möge uns in eine gewisse Radikalität führen. Ich selber denke immer an die Wurzeln, von denen her alles lebt. Wir sind heute wieder 17 PilgerInnen. Stefan, mein Neffe und Neo-Politiker im Landtag, reist und bewegt sich mit Rad und mit Öffis durch das Land. Es war nicht einfach, von Dietach nach Frankenmarkt zu kommen. Autostopp hat in minutengenau zum Aufbruch „abgeliefert“. Auf FB schreibt er eine Randnotiz auf der abendlichen Fahrt zurück: „Autostoppen funktioniert nicht mehr so gut wie vor 15 Jahren, aber es funktioniert noch!“ Das kann ich bestätigen, weil ich es selber auch dann und wann „darauf ankommen lasse“. Die Folge sind wunderbare Gespräche und neue Menschen. Fremde bekommen ein Gesicht.

Fremde zu Freunden

19_labyrinth_IMG_4934Schon gestern abends hat mich Elisabeth Sallinger-Leidenfrost angerufen. Sie hat mich eingeladen, das viereckige Labyrinth oberhalb ihres Hauses am Jakobsweg anzuschauen, zu gehen und zu erleben. Es entstand von Jugendlichen in der Aktion 72 Stunden ohne Kompromiss. Alles Naturmaterialien. Die Jugend hat die eckige Form gewählt. Jedes Viertel ein Lebensalter: Kind, Jugend, Erwachsener, Alter. Wir stehen staunend davor. Ich spüre, dass hier der Mensch eine besondere Ordnung in sein Leben bringen kann. Du wirst offener, je besser und tiefgründiger dein Leben „geordnet“ ist. Wir gehen weiter und treffen den Mann von Elisabeth. In ihrem Haus mitten am Land haben sie immer offene Türen, Gäste und Fremde bei sich aufgenommen. „Das hat angefangen mit Austauschschülern. Dann habe ich eine 19_leibenfrost_IMG_4939kurdische Familie „aufgeglaubt“, die lange bei uns gewohnt hat. Jetzt wohnt eine afrikanische Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern bei uns und wir sind Oma und Opa für sie. Es ist für uns selbstverständlich.“ Wir erfahren, dass er gerade seinen 70er gefeiert hat. Ich scherze: „Wer in seinem Leben immer anschlußfähig ist, bleibt so jung wie du hier ausschaust. Wir gratulieren zu dieser Jugendlichkeit.“ Dieses Haus kommt in den Rucksack der Alternativen. Und wir reden beim Weitergehen, wie „einfach“ es wäre, wenn es mehr solche anschlußfähige Häuser, Familien, Menschen geben würde, die das Fremde, den Fremden als eine Bereicherung sehen. Gott kam immer im Fremden und selten in der Gewohnheit oder in der Komfortzone. Wer anschlußfähig lebt, bleibt jung, wie wir gesehen haben. Stefan und Julia haben auch eine afghanische Familie im Haus aufgenommen. Auch sie erleben es als Bereicherung.

Panorama in der Abendsonne

19_seeblick_IMG_4972Wir verlassen Frankenmarkt und wir verlassen Oberösterreich. War gestern der Nebel unser Begleiter, so hat sich heute die Sonne als „Klimapilgerin“ dazugesellt. 25 Kilometer haben wir unter die Füsse genommen. Es war für mich ein Aufsaugen von Bildern, von Naturbildern, die meiner Seele nur gut getan haben. Mein Husten scheint sich zu verflüchtigen. Ich fühle mich bestätigt, dass Bewegung in der Natur eine wunderbar therapeutische Wirkung entfalten kann. Die Natur ist die beste und billigste Therapeutin. Ich weiß von PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen, die nur mehr im Fitness-Studio ihre Bewegung mit Ohrstöpsel oder vor dem TV-Bildschirm verbringen. So stelle ich mir vor, wie eine Seele 19_panorama_IMG_4988veröden kann. Sie merken es nicht, dass sie keinen Gestank der Jauche, die gerade ausgebracht wird, einatmen können. Der abendliche Wind vom Westen her erreicht sie nicht. Er hätte Weite und Empathie mit im Rucksack. Gehen verändert Perspektiven in jener Geschwindigkeit, die wir wahrnehmen und auch verarbeiten können. Schon das Fahrrad ist zu schnell. Heute genieße ich es, die Panorama-Perspektiven immer wieder neu und ein Stück weit verändert zu sehen. Die Jauche geschwängerte Luft zieht sich den ganzen Weg dahin. So war es eben heute und morgen wird es nicht viel anders sein, wenn wir nach Michaelbeuern „hinübergehen“. Die TagespilgerInnen der kfb aus Fornach und Pfaffing sowie Stefan verlassen uns am Bahnhof Weng.

Der Handel auf Augenhöhe

19_eza_IMG_4992Gleich unter dem Bahnhof liegt das große EZA-Handelsgebäude. Wir kommen hier vorbei, weil EZA sowohl als klimaneutrales Gebäude einen wertvollen Beitrag leistet als auch durch die Handelsbeziehungen auf Augenhöhe mit fairen Preisen Menschen ein Leben in Würde ermöglicht. Frau Holztrattner hat Geduld bewiesen. Wir sind eine Stunde später angekommen. Sie zeigt uns das Geschäft, wo von über 140 VertragspartnerInnen Produkte dargeboten werden. Fast die Hälfte der Produkte werden über die 70 Weltläden in Östereich „vertrieben“, etwa 30 % über den Einzelhandel und der Rest über engagierte Gruppen, Pfarren oder Firmen, denen fairer Handel am Herzen liegt. Wir sind etwas müde. Kaffee, Wasser und Säfte möbeln uns wieder auf. Die kfb-Frauen werben noch für den „Vorwärts-Kaffee“. In den Rucksack bekommen wir 19_frauenpower_IMG_5008symbolisch das Haus und die Aktivitäten hier. Es ist mittlerweile finster geworden. Vor uns liegen noch 4 Kilometer nach Schleedorf. Sr. Sonja rufe ich an und sie gesteht, dass sie sich schon etwas Sorgen gemacht hat. Wir starten los. Anja mit der Stirmlampe vorne und ich mit der Taschenlampe hinten. Wir sind acht PilgerInnen, die im Finstern auf das Haus Bethanien zusteuern. Sr. Sonja hat Suppe gekocht, Gemüsestrudel und Gulasch. Sie stellt uns alles her und „nimmt uns mit in die Messe“. Gastfreundschaft pur. Am Weg  haben wir darüber gesprochen, wie abgeschlossen und „Privateigentum besessen“ die Eliten heute sind. Privater Eigennutz vor Gemeinwohl ist die rechtliche Devise. Hier setzen Menschen ihre Möglichkeiten in den Dienst der anderen. Heute dürfen wir hier Platz nehmen. Einfach da sein. Dafür gibt es dieses Haus Bethanien, das ein Projekt des Ordens der Kalasantiner ist. „Radikal“ war das Wort, das uns Anja mitgegeben hat. Wer weit geht, wird es mit einer neuen „Verwurzelung“ zu tun bekommen. Das tut gut.

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