Wachsen im Glauben heißt bewegen

Mein Referat bei der 27. Sommerakademie der KMBÖ in Melk am 11. Juli 2013 zur Themenfläche „Religiöse Entwicklung von Männern“. Eine Zusammenfassung: 

Sommerakademie Melk KMBWenn es um die religiöse Entwicklung von Männern – und das gilt auch für Frauen – geht, ist sicherlich die erste Frage, die sich jeder stellen soll: Wer und was hat mich in religiöser Hinsicht geprägt? Ich selber wurde mit einem großen Urvertrauen aus der Familie heraus beschenkt. Zutrauen und Vertrauen, offene Kommunikation, Zweifel und Glaube waren authentisch spürbar. Meine Theologie hat sich im Zivildienst bei den Obdachlosen erst wirklich bewähren müssen. Die wirkliche Diplomprüfung war die Straße und das überfüllte Obdachlosenheim mit 200 Männern und wenigen Frauen. Die Geburt der eigenen drei Kinder ist unvergesslich und hat die Haltung der Dankbarkeit bis heute verstäkrt. Einschneidend war die berufliche Entpflichtung nach 30 Jahren Dienst in der Diözese Linz, sowohl hauptamtlich als auch ehrenamtlich in der eigenen Pfarre. In der Zeit habe ich als Presseprecher der Diözese Linz fast ganz oben in der hierarchisch verfassten Bischofskirche hineingesehen und das hat meinem frohen und befreienden Glauben wirklich schwer „geprüft.“

Von der Institution zur Person aufschwingen

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns persönlich von der Ebene der Institution, der Normen und Gesetze aufschwingen zu einem persönlichen Glauben, der bestimmten christlich geprägten Werten folgt. Ich übernehme zu 100% Verantwortung für mein Leben, meine Entwicklung und mein Reifen. Instituionelle kirchliche Religiosität ist heute out und spirituelle Community Religion ist im Kommen. Deshalb ist sind die institutionellen Begriffe wie „Kirche“ und „katholisch“ kaum anschlußfähig an weltoffene, ehrlich suchende, den Menschenrechten verpflichteten, auf Gendergerechtigkeit eingestellte Menschen. Papst Franziskus hat in einer der Morgenansprachen sinngemäß gemeint: Reden wir nicht über Kondome, denn sonst verstellen wir den Blick auf das Wesentliche.

Werte, Anerkennung – sinnvolle Tätigkeit und Rituale – Solidarität und das Ganze

Die religiöse Entwicklung orientiert sich an drei  Grundbedürfnissen jedes Menschen nach Werten und Anerkennung, nach sinnvoller Tätigkeit und sinnstiftenden Ritualen und nach Solidarität und dem Erleben, zu einem Ganzen zu gehören. Der Mensch sucht heute selbstbestimmte Community auf persönnlicher Ebene. Das ist die Chance des sozial offenen und anschlußfähigen Teils der Kirche. Bei Werten geht es nicht um propagierte und proklamierte Werte, sondern um authentisch gelebte Biografien. Durch mein Handeln soll kein anderer zu Schaden kommen. Beispiel ist der Bäcker Gragger aus Ansfelden, der mit seinem Scheitern niemand anderen belastet hat. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Leben 100%-ig zu übernehmen und diese nicht in irgendwelche Systeme abzuschieben oder sich in einen Zirkel der Verantwortungslosigkeit einzureihen. Jägersätter ist hier eine ganz scharfe Herausforderung. Die Menschen suchen heute Rituale, um ihren zäh dahinfließenden Lebensfluss zu strukturieren und zu bestehen. Ordensgemeinschaften haben hier mit der bewussten Rhythmisierung der Zeit einen großen Dienst an der Gesellschaft zu erfüllen. Oft ist ihnen das in der Tragweite selber gar nicht so bewusst, dass genau das heute gefragt ist. Um den Glauben zu entwickeln, braucht er einen Rahmen, der Freiraum bietet, der ausleeren hilft, abschalten lässt. Die Klosterzelle wird zur höchsten Stufe der Gastfreundschaft (Claus Sendling).

Sharing statt Besitzen

Ich sehe heute eine große Bewegung hin zum Leben im WIR. Sharing gilt heute nicht nur bei der jüngeren Generation mehr als Besitzen. Güter und Ressoucen gemeinsam zu nutzen macht die  Communities von heute aus. Die Idee der „Commons“ hat 2009 den Nobelpreis bekommen (Oström). Diese Entwicklung außerhalb der Hierarchie-Kirche trifft den Grundduktus und die Grundintention Jesu nach einem Leben in Gemeinschaft (Communio). Die KMB, die Pfarren, Bewegungen haben hier die Chance, neue Communities zu ermöglichen. Papst Franziskus sagt selber: „Für frühe Christen stand nicht die Befolgung der Gesetze im Vordergrund, sondern die Bildung einer Gemeinschaft gutwilliger Menschen.“ (Morgenmesse am 7. 7. 2013). Das heißt aber auch, sich vom „drückenden Balast kirchlicher und katholischer Engpässe“ zu befreien.

Movement entwickelt

KMB_Sommerakademie_TransparentWeit gehen ist heilsam. Es wird im Gehen gelöst. Das Gehen entwickelt den Glauben aus meiner Erfahrung als oftmaliger Pilger über weite Streckem am schönsten und am tiefsten. Dabei wird die körperliche Dimension einer Veränderung erlebbar. Die Kraft kommt im Gehen so wie der Glaube durch Leben kommt.  Mental habe ich gelernt, auf ein Ziel hinzugehen und mit den Unannehmlichkeiten des Lebens gelassener umzugehen. Auf der spirituellen Ebene erfahre ich durch das Weitgehen immer wieder eine Vereinfachung und Fokusierung auf das Wesentliche. Das Vater unser mehrmals am Tag an verschiedensten Orten zu beten ist „spirituell spannend“.  Das Gehen lehrt mich: Das Leben kommt mir entgegen und die tiefe Haltung der Dankbarkeit erfasst mich. Ich nenne die Quelle Gott. Was der theologische Begriff Gnade meint, erlebe ich täglich als Geschenk. Der Umgang mit Auf und Ab, die Erfahrung, dass das Leben in einem Rucksack Platz hat, das Alleine-Sein-Können und die Furchlosigkeit sind Zeichen und Anzeiger für einen  erwachsen geworden Glauben. Mut und aufrechte Selbstbestimmung gehören ebenso dazu.  Wenn ein Mensch weit gegangen ist, ist er auch in religiöser Hinsicht sicher nicht stehen geblieben. Movement „garantiert“ ein entwickeltes Leben und einen weltoffenen Glauben. Movement stellt den Menschen immer in neue Beziehungen. Ich erlebe mich als Vagabund und als Brückenwesen.

Die Ellipse als „Weltanschauung“

EllipseDabei hilft mir das Bild von der Ellipse. Die Ellipse ist sozusagen meine Weltanschauung geworden. Sie wird immer mit zwei Brennpunkten konstruiert. Damit lässt sich sehr schön zeigen, dass der Mensch immer in Beziehung ist und alles im Leben ein Gegenüber hat und eine Ergänzug braucht.  Wer glaubt, den EINEN Punkt zum Einstechen des Zirkel im Leben zu finden, ist enggeführt, neigt in Folge zum Fanatismus. Selbst wenn wir bei Gott „den Zirkel einstechen“ sucht der das Gegenüber im Menschen. Mann Frau, rechter linker Fuss, Gott Mensch, Eltern Kinder, Vergangenheit Zukunft, Diözese Bischof, hierarchisch synodal, Erfolg Scheitern, mehr weniger, Geburt Tod, … sind nur einige Ellipsen, die das Leben konstruieren. Die Ellipse kann nicht mit dem Zirkel fertigkonstruiert werden. Die letzten Verbindungslinien müssen mit der Hand gezeichnet werden. Das macht diese „Weltanschauung“ noch sympathischer.

Was du denkst, das bist du. Was du bist, strahlst du aus. Was du ausstrahlst, bekommst du zurück.

1 Kommentar

    • chris auf 26. August 2013 bei 13:29

    Hallo Ferdinand!

    mir gefällt folgender Spruch

    bei der Mystik geht es um den Gott in uns
    bei der Religion geht es um den Gott über uns

    soviel zu den beiden Brennpunkten einer Elypse – wobei ich würde eher eine elyptische Spirale in Betracht ziehen…

    und Krshnamurtis Einbruch in die Freiheit ist ebenso radikal aber auch andersrum deutbar… jedenfalls gehts hier um die erste Postion

    🙂 pace e bene
    chris

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