Wer trägt etwas zur Lösung bei

1IMG_0243Es ist ja nicht so, dass ich beim #Profitreff des PRVA DAS Wundermittel gehört hätte, wie heute angesichts der Digitalisierung die JournalistInnen leichter erreicht werden können. Nachdem ich doch über einen längeren Zeitraum in der Medienbranche tätig bin und sich Erfahrungen angesammelt haben, habe ich fast den Eindruck: Der persönliche Kontakt, die persönliche Beziehung, das persönliche Kennen ist das Kontinuum durch alle medialen Veränderungen und Tools, die jeweils gerade benutzt werden. Das braucht Zeit. Und das ist aus meiner Wahrnehmung beruhigend. Auch JournalistInnen, die in der Info-Flut fast untergehen, brauchen zum Einsortieren eine „face to face“ Begegnung davor, als Basis, als „Priorisierungslatte“. Und da geht es um Sympathie, Vertrauen und Einschätzungshilfe. „Email funktioniert nicht mehr“, meint etwa Corinna Milborn von Puls4 angesichts der Menge an Presseaussendungen und Zusendungen per Email. Es gibt allerdings keinen Email-Ersatz. Genau deshalb sind die „haptischen Begegnungen“ kurz und bündig so wichtig. Deshalb sitze ich auch hier – sogar in der ersten Reihe. Aber das war beim Ankommen so wie in der Kirche: Vorne frei.

Was zählt?

Unternberg im Lungau

Unternberg im Lungau

Es werden Basics ausgeführt: „Wer tut etwas? Wer trägt etwas zur Lösung bei? Gibt es bei der Geschichte ein Augenzwinkern?“. Das sieht Milborn als ihren Zugang für das Fernsehen. Natürlich: Relevanz, medientaugliche Personen als ExpertInnen oder ProtagonistInnen sind der Stoff, aus dem bewegte Bilder werden. „Eine Geschichte muss wirklich gut sein, damit wir ein Kamerateam rausschicken können.“ Der Luxus, auf Verdacht zu drehen, kostet einfach zu viel. Die Chefredakteurin des Branchenmagazins „Horizont“ stellt ihre Wahrnehmungen und Tipps so zur Verfügung: Wirklich gut teasern, alles personalisieren und eine große Zielgruppengenauigkeit entwickeln ist wesentlich. „Basteln sie einen medienspezifischen Zugang zu einzelnen JournalistInnen und Medien.“ Es erinnert mich an unsere Serie „viel mehr wesentlich weniger„. Es wird klar: Nicht viel ist entscheidend, sondern das Wenige soll wesentlich sein. Auch in der Presse- und Medienarbeit. Die Kommunikationschefin der DiBa-Bank Andrea Hansal hat sich zum Ziel gesetzt: „Ich will nicht nerven.“ Daher vorher klar fragen: Was ist überhaupt eine Geschichte? Wem gebe ich etwas? Wir sind wieder bei der Zielgenauigkeit. Und: „Es ist alles kleinteiliger, aber auch spannender geworden.“ Sie weiß von den „Frustfaktoren“ der Medienschaffenden: Zeitmangel, Relevanzmangel und keine Bilder und Grafiken zur Verfügung. Aber bitte nicht an das Email anhängen. Im Web abrufbar machen. Nichts Neues, aber wieder einmal gut, es so auf den Punkt gebracht zu hören. Und dann hören wir ein wenig aus der aktuellen Einschätzung: „Das, was ganz tot ist, ist die Pressekonferenz.“ Außer es ist ein ganz mächtiges Thema. Aber Relevanz lässt sich damit nicht steigern. „Jeder ist auf der Suche nach DEM Punkt und deshalb sind spezielle Treffen oder Hintergrundgespräche hoch im Kurs.“ Neuerdings boomen auch „informelle Treffen“. Aus meiner Sicht entsteht dort Involvierung und Neugierde wird geschürt. Wir sind am Punkt: Was macht JournalistInnen neugierig? Ganz einfach: Eine persönlich spannend erzählte „Geschichte“. Das wird auch in 100 Jahren noch so sein. Beruhigend und herausfordernd zugleich.

 

Sieben Minuten gemeinsam im Bus

13566960_10205191490065667_1004887474450508558_nViel zu selten nehme ich mir Zeit, mit meinem befreundeten Asylwerber „Kami“ Zeit zu verbringen, hochdeutsch einander Geschichten zu erzählen, dort und da unter die Arme zu greifen, Mut zuzusprechen. Da soll einer – was ohnehin die meisten wissen aber nicht wahrhaben wollen – mit 165.- EUR auskommen. Da ist dann das Busticket mit 77.- EUR, dort der Kursbeitrag, da eine ärztliche Bestätigung, dort die Anerkennung des persischen Führerscheins inklusive der vorgeschriebenen Fahrschulstunden mit 520.- EUR. Diesen Betrag werde ich jetzt „zusammensuchen“. Ich frage mich da immer: Wäre Kami als Tourist gekommen und hätte ein Leihauto genommen, wäre doch sein persischer Führerschein akzeptiert worden, oder? Und bei all dem bleibt er im Grunde positiv gestimmt, obwohl er Vater, Mutter und Schwester in Teheran sehr vermisst. Wir verabschieden einander. In diesem Moment kommt sein Freund und Zimmerkollege dazu. Er steigt mit mir in den Bus ein. Wir fahren gemeinsame sieben Minuten „hinüber ins Bergdorf“ – er bis nach Linz. Auch er kommt aus Persien und sein Frau mit den beiden Kindern, zwei und sechs Jahre, sind noch dort. Er nimmt sein Smartphone heraus und zeigt mir die Kinder. Seine Hand geht zum Herz und klopft drauf. Er schaut sie fest an und irgendwie werden sein Augen nass. Der ausgebildete Tischler hat sie mehr als ein Jahr nicht mehr gespürt, umarmt, geherzt. Ich werde auch ganz still und es ist, wie wenn es mir das Herz zerreißt. Er erzählt in gutem Deutsch, das er innerhalb eines Jahres gelernt hat, von seiner Familie. Ich könnte laut schreien. Er hilft mir, indem er in seinen Fotos „weiterblättert“. Er zeigt mir seine Tischlerarbeiten, die er in Persien gemacht hat. Wunderschön. Ich muss aussteigen. Sieben Minuten vergehen schnell und ich spüre, dass sie mit dem Aussteigen nicht zu Ende sind.

Barbaraweg: Es war wunderschön

1_BarbarawegEs sind jene Emails, die mich immer wieder demütig und dankbar machen, welche „Spuren meine zur Verfügung gestellten Erfahrungen hinterlassen“. Dieser Tage kam dieses Email, das mich alleine schon amüsierte, weil hier von „Vollzugsmeldung“ die Rede ist. Alle hier wissen, dass ich den Barbaraweg in der Slowakei immer wieder empfehle. Diesmal tun es andere und diese Erfahrung stelle ich wieder anderen zur Verfügung: „Sehr geehrter Herr Ferdinand Kaineder! Ihnen möchte ich gerne eine Vollzugsmeldung machen. Und zwar sind meine Frau E. und ich vom 16. bis 25. Juni in der Slowakei auf Ihren Spuren des Barbaraweges gepilgert. Vorweg: “Es war wunderschön!“ Ihnen möchte ich nochmals herzlich danken für Ihre Unterlagen, die Sie mir zusendeten und für die Vermittlung zu Branko. Er hat sich außerordentlich um uns bemüht. Wir sind ganz fasziniert von ihm! Er war für uns rund um die Uhr erreichbar, er hat sich auf der Strecke nach uns erkundigt, Quartiere bestellt und uns natürlich am Bahnhof in Mesto abgeholt und uns am letzten Tag in der Früh wieder dort verabschiedet. Wir sind auch vom Barbaraweg an sich sehr _Branko_IMG_2002begeistert und vor allem auch von den Menschen, die wir begegneten, von ihrer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Dass wir uns auch zweimal ordentlich vergingen, vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit der Markierung schenkten oder die Markierung nicht dem ursprünglichen Stand entsprach, dies gehörte natürlich dazu. Aber dafür gab es dann Leute, die uns mit einem Fahrzeug wieder auf den richtigen Punkt brachten. Zusammenfassend: „ Der Barbaraweg war ein ganz besonderes Erlebnis, auch für die Seele, eine gewisse Herausforderung und auch der Horizont für Land und Leute und ihre Nöte in dieser Region wurde erweitert!“ Meine Frau und ich dachten auf dem Weg oft an Sie, wie Sie mit einer Gruppe von 26 Personen, diesen Weg bewältigten. Wahrlich kein einfaches Unterfangen! Nun bin ich dabei, ein kleines Fotobuch zur Erinnerung zu erstellen. Motive dazu gab es ja genug! Nochmals für Ihre Unterstützung vielen Dank! H.G.

Spuren in die Zukunft finden

New Orleans

New Orleans

Es ist immer wieder spannend. Die ON sind ein Statement, ein Commitment, ein Zukunftsblick, eine Provokation, eine Suchbewegung, ein Nicht-Stehen-Bleiben-Wollen. Wer soll im Umfeld der Ordensgemeinschaften zu Wort kommen? Was ist Thema? Was soll Thema sein, um „weiterzukommen“? „Jung“ haben wir uns in der Redaktion an die Pinwand geschrieben. Die aktuelle Nummer ist da. Jung ist ganz wenig, wenn Menschen normalerweise an die Orden denken. „Wenn du alt werden willst, musst du ins Kloster gehen“, habe ich nicht nur einmal gehört. Und das Durchschnittsalter von Ordensfrauen ist hoch. Sehr hoch. Der Lebensstil der Einfachheit und des „ganzen Einsatzes“ dürfte hier eine Basis gelegt haben. Und doch: Der direkte Nachwuchs lässt warten. Es gibt junge Ordensleute, aber sie sind nicht viele. Gestern habe ich auf Facebook nach dem Sieg Islands gepostet: „#Island siegt: Klein mit Können und Leidenschaft ist weiter. Es braucht nicht unbedingt Viele.“ Das bin ich auch heute noch überzeugt. Es ist nicht die Frage der Zahl. Aber zurück zu den ON. Da sagt der nicht gerade kirchennahe Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier: Den Orden gehört die Zukunft. Er spricht in Zusammenhang mit dem Freiwilligen Ordensjahr von einem „heißen Angebot“. Warum? „Orden können dabei helfen, dass der Mensch in sich reinhört und versucht, seinen Ursprung zu finden.“ Den Ursprung finden? Wer hätte das nicht gerne. „Wir dürfen mutiger sein“ titelten wir das Interview mit Peter Rinderer. Er ist junger Salesianer: „Wenn ich auf Gleichaltrige schaue, merke ich, ich habe einen großen Freiraum.“ Für neun von zehn „Otto-Normalverbraucher“ nicht nachvollziehbar. „Freiraum“ und Orden passen nicht zusammen. Klischee und Vorurteil reichen einander die Hand. Schön langsam gelingt es uns, diesen Freiraum sichtbar zu machen. Nicht einfach, damit dem Single-Wesen eine besondere Facette gegeben wird. „gottverbunden“ und „freigespielt“ klingt in allem dahin, reichen einander die Hand, sind die beiden Füsse, auf denen jesuanisch geprägtes Leben geht. Wenn heute sichtbar wurde, dass Kirche wieder an Reputation und Vertrauen zugelegt hat, dann kann ich nur hoffen, dass es auf dieses Konto geht: Der Papst und die Kirche stehen für mehr Menschen für den Freiraum, der Menschen von Gott her gegeben ist, obwohl sie sich nur mehr geknechtet und „eingesperrt oder ausgesperrt“ fühlen. Das ist unsere Seite, unser Aufgabenfeld: die Ränder. Wenn Julia Herr von der SJÖ dann in einem Gastkommentar ausführt, dass junge Menschen ein Umfeld brauchen, die das Ernst-Nehmen atmet, die Selbstbestimmung in der Gruppe ermöglicht, dann sind wir dort angekommen, wohin wir uns alle sehnen: Anerkennung ohne Leistungserbringung, einen sinnvollen Beitrag leisten dürfen und dazugehören, zu einem Ganzen, zu einer Community. Und manchmal frage ich mich: Warum tun sich Menschen so schwer, das bei den Orden zu sehen und warum tun sich Orden so schwer, das vorbehaltlos zu vermitteln?

Brexit und Aufbruch

_900_010Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, trifft viele hart. Auch mich. Aber: Die Entscheidung ist genauso hart, wie sich auch die EU hart der Lernfähigkeit verschließt. Es gibt neben der Trauer und Wut über den Austritt oder dem Gejohle der Rechten noch einen Weg in die Zukunft. Es wird ein neuer Aufbruch sein müssen. Der Austritt hat bedrohlichen Charakter. Diese Bedrohung sollten die Bürokraten aber nicht zur Selbstverteidigung ihrer Pfründe nutzen, sondern zum Aufbruch hinein in die Zukunft. Bei vielen Gesprächen ist die EU als Friedensprojekt grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Ich würde das aber heute so formulieren: „Nach der Brexit‬ Entscheidung der Briten heißt es, die ‪‎EU‬ neu denken und gestalten: Sozialer, respektvoller dem Kleinen gegenüber und lokaler in den Vollzügen. Weniger Standardisierungen und dafür die Vielfalt‬ neu auf Augenhöhe verknüpfen‬. Klar am Gemeinwohl und den Lebensräumen der Menschen orientiert und klar ökologisch‬ ausgerichtet.“ Persönlich überzeugt bin ich, dass das Studium und die Orientierung an der Enzyklika ‪#‎LaudatoSi‬ sehr viel helfen wird (können). PolitikerInnen aller Fraktionen mögen diese Signale zu einem Neuaufbruch hören: Nicht hinein in den Schrebergarten, sondern in eine neue EU der Vielfalt verknüpft auf Augenhöhe.

Kein Wir gegen andere

ErichKästner-1Ich weiß nicht genau, wie oft die Rede von Bundeskanzler Kern bei der Regenbogenparade in Wien in den Social Media schon geschaut wurde. Alleine geteilt wurde sie über 4.500 Mal. Weit über 100.000 haben sie live gehört. Die Rede besticht aus meiner Sicht durch eine spürbare Wertschätzung den Anwesenden gegenüber und dem Anstacheln eines „anderen“ Wir-Gefühls, das geprägt ist durch Toleranz und Vielfalt. Ihr seid Viele und zusammen seid ihr mehr. Da weiß einer, dass Solidarität mehr schafft als die Summe der anwesenden Köpfe. Damit nicht genug. Das Wir ist kein Wir gegen die anderen, kein ausgrenzendes Wir, sondern ein Wir der barrierefreien Inklusion und der Ausdruck von Vielfalt. Da sollten die FP-ler und viele VP-ler genau hinhören, die im Grunde durch ihr Agieren bei der Flüchtlingsfrage ein Wir entlang des Sündenbockmechanismus gestalten. Die anderen werden ausgegrenzt, gekürzt, damit Wir gut leben können, damit wir das schaffen. Eine Mehrheit hat nicht das Recht, über die Schwächeren drüberzufahren und über ihr Lebensrecht zu verfügen. Das widerspricht den Menschenrechten. Das widerspricht dem jesuanischen Kernaussagen und seiner Grundintention. Kern befragt mit diesen rhetorisch anziehend vorgetragenen Ansagen auch den Kern der Kirche, der Christinnen und Christen. Auf Twitter hat Sonja Ablinger Erich Kästner’s Gedicht zum Geburtstag Jesu zitiert. Und ich bin auch überzeugt: Die Kirche darf nicht bei ihrem Alten bleiben, sondern muss sich auf ihre Wurzeln, die in Jesus freigelegt liegen, besinnen. Das ist heute ihr pfingstlicher Beitrag zum Gelingen der Welt: Ein neues Miteinander, kein Wir gegen die anderen. Auch die Christinnen und Christen werden im Spätherbst bei der vorgezogenen Nationalratswahl gefordert sein, ihre Stimme für das „jesuanische Wir“ zu erheben. Kein Wir entlang des Sündenbockmechanismus und Vielfalt ist der Ausdruck Gottes.

Die Deutungshoheit über die Liebe

_Kirchchlag_Assisi_2009_GerlindeFerdlWenn meine Mutter über die Zeit ihrer jungen Liebe in den frühen 50er-Jahren spricht, dann schwingt eine ganz große Enttäuschung der Kirche gegenüber mit: „Sie haben uns mit ihren Vorschriften, Verboten und Geboten die Jugend gestohlen.“ In dieser Zeit hat die Kirche sich die Macht herausgenommen und die Deutungshoheit über die Liebe bis ins kleinste Detail für jede Person zu 100% durchgesetzt. Angstmache war die Deutungsmaschinerie, die im Beichtstuhlkarussell gefestigt und abgefragt wurde. Immer wieder begegne ich Menschen, die bis heute der Idee der Kirche treu geblieben sind und trotzdem sich das heute absolut nicht mehr gefallen lassen wollen. Aber die Gefahr besteht ohnehin nicht mehr. Die Deutungshoheit über die Liebe und das Beziehungsleben hat die Kirche längst eingebüßt. Bischöfe wie Krenn und Laun haben das Ihre dazu beigetragen. So entstand in den Köpfen der Menschen die Fratze der geheuchelten und klerikal verbrämten Kirchenvorschrift. Mit großer öffentlicher Wucht haben sie authoritätslos alles verdammt, was nicht dem kirchlichen Moralgesetz entsprochen hat. Die Säkularisierung war der Teufel und die Auflösung aller Bindungen der Untergang. Dass die Menschen heute lernen, die Verantwortung selber zu übernehmen, dabei stolpern, anderen Deutungsmustern zum Opfer fallen oder die lebenslange Verbundenheit nicht sehen können, ist auch heute Bischöfen wie Küng äußerst suspekt. Alles wankt, die kirchlichen Parameter stehen in der Luft, die Fundament erodieren, die Sakramentalität geht gerade mit der Sonne unter. Die Liebe ist nicht  mehr die Liebe. Stimmt. Aber wie kommt mehr Liebe in die Welt? Die Hoffnungszeichen sehen.

Die Liebe wird regionalisiert

Die Bischöfe tagen gerade in Mariazell. „Amoris laetitia“ haben sie sich beim Studientag vorgenommen. Die Enzyklika des Papstes hat für viele vieles offen gelassen. Keinen Zweifel hat der Papst daran gelassen, dass wir als ChristInnen die Kernfrage in uns tragen müssen: Wie kommt mehr Liebe in die Welt, was kann ich dazu beitragen? Das braucht nicht Kasualien, Kleinkrämerei, Besserwisserei oder das Herunterpredigen auf die Menschen, sondern die tiefe gegenseitige Ermutigung, das demütige Vorangehen. Voraussetzung dafür ist die ungeschminkte Wahrnehmung. Das Hinschauen und vor allem noch davor: das Hinschauebiko1n-Wollen. Vielleicht finden die Bischöfe den Mut, dass sie sagen: 1. Wir möchten dich unterstützen und nicht kontrollieren im Wachstum deiner Liebesfähigkeit. 2. Ganz gleich, als wer und wie du deine Liebe lebst, du hast unsere ungeteilte Wertschätzung und Akzeptanz. 3. Unsere „kirchliche Ordnung“ werden wir ausschließlich in den Dienst des Wachstums der Liebesfähigkeit unserer Community stellen. 4. Wir bitten euch, helft auch uns Bischöfen, diese Liebesfähigkeit zu leben, neu zu entdecken. Kardinal Schönborn hat in den letzten Jahren einen wirklichen Schwenk oder Wandel durchgemacht. Seit Franziskus Papst in Rom ist, noch um einige Quanten mehr. Er ist – so wird immer wieder erzählt – ein Seelsorger. Darin findet er eine tiefe Beziehung zu Menschen. Das habe ich selber von einem verstorbenen Journalisten gehört. Die Gespräche mit Gery Kessler haben ihn dieser Tage zu Aussagen bewogen, die er früher so nicht gemacht hätte. Was sehe ich? Ein Bischof kehrt den Seelsorger an sich heraus und geht diesen Pfad angstfrei und mutig. Ich wünsche den österreichischen Bischöfen, dass sie die Gunst der Stunde nutzen und die Regionalisierung der Rahmenbedingungen und Kontexte der Liebe für uns in Österreich neu und offen aussprechen. Es geht heute nicht mehr um Deutungshoheit, sondern um das Entfachen der Liebe, der Liebesfähigkeit.

Wie Unternberger ober Wasser gehen

900_Unternberg 043900_Unternberg 00417 Stunden nach Ankunft inklusive gutem Schlaf beim Kirchenwirt in Unternberg im Lungau schau ich in den Rückspiegel. Nicht alles wird sichtbar, aber ein paar Perspektiven ergeben ein schönes Bild für einen „eingeladenen Fremden, den Weitgeher“. Anlass meines Besuches war die Bildungswoche des Salzburger Bildungswerkes in dem 1.000 Einwohner-Gemeinwesen Unternberg auf mehr als 1.000 Höhenmetern. „Die Seele geht“ war mein Vortrag unter dem spannenden Generalthema der ganzen Woche „weit denken – weit gehen. weiter denken – weiter gehen“.  Diana Sampl hat zusammen mit dem Bürgermeister Josef Wind eingeladen, „um Bewegung in den Ort, zu den Menschen zu bringen“. Die große Aula der neuen Volksschule, die im Rahmen der Bildungswoche eröffnet wird, war voll. Interessierte Gesichter blickten mich beim Vortrag an. Keine Schläfrigkeit. Hellwache Frauen und Männer. Tiefgehende Fragen nach meinem Input und den Erzählungen meiner Weitgeh-Erfahrungen. Es ist für mich selber jedes Mal ein Geschenk, anhand meiner Erfahrungen mit Menschen in Austausch zu kommen. Solche Abende waren mir noch nie anstrengend und noch kein Weg zu weit.

Kleine Erkundungstour
900_Unternberg 024Die frische Luft, das regelmäßige Plätschern des Regenwassers hat mich gut und tief schlafen lassen. Auch hier bin ich gesegnet: Ich kann mich überall hinlegen und der Schlaf findet mich recht unverzüglich. Die Kirchenglocken wecken mich um 6 Uhr. Das ist gut so. Bis zur Abfahrt mit dem Bus möchte ich noch kurz den Ort „erkunden“. Schon gestern hatte ich den Eindruck: Hier ist es gut. Aufstehen, zurechtmachen, Augen und Ohren auf und der kleine Rundgang kann beginnen. Eine originelle Kirche um 1978 als „Versammlungskirche um den Altar“ umgebaut. Öffentliche Gebäude schön, frisch und zum Teil neu. Unglaublich viel Holz wird verarbeitet. Fast 400 Arbeitsplätze in der Gemeinde. Das lässt mich staunen. „Der Tourismus ist zurückgegangen, aber die Betriebe sind gewachsen.“ Da ist sicher auch ein Stück „Wind“ drinnen. Der Bürgermeister. Und helle engagierte Köpfe, die selber anpacken und „gehen“ und nicht warten, „bis jemand etwas tut“.

Handverlesenes Handwerk

900_Unternberg 023900_Unternberg 014Die Leiterin des örtlichen Bildungswerkes Diana, die aus der Tür des „Bindermeisters Engelbert Sampl“ (so steht es über der Eingangstür) herauskommt, ruft mir ein „Guten Morgen“ zu. Sie muss zur Schule und doch führt sie mich zuerst zu ihrem Mann die die Werkstätte. Es riecht nach frischem Holz. Ich habe über Jahre selber ein wenig getischlert. Hier entstehen individuelle Gartenschaukeln, Blumenbottiche, Spielgeräte, Holz-„Hotpotts“ inklusive Holzöferl zum Eintauchen in warmes Wasser an kalten Tagen und zur Entspannung. Eine echte Werkstatt, wo mit Hand gearbeitet wird. Die Kunden von Engelbert kommen von Baden über Salzburg und Wels. Das Holz hat keinen längeren Transportweg als fünf Kilometer in die Werkstätte. Rundherum Wald – und auch Zirben. Ein vielgefragtes Holz. „In den 80-er-Jahren war keine Arbeit. Heute komme ich fast nicht nach.“ Ich ermutige Engelbert damit, dass ich meine Einschätzung mitteile, dass immer mehr Menschen „ursprüngliche Handarbeit schätzen werden“. Ein paar Fotos und ein Selfie müssen sein. Ich gehe weiter. „Glaswerksstätte Wieland“ ist mir gestern schon aufgefallen. Ein altes Gebäude fein kombiniert mit einem neuen Anbau. Es stellt sich heraus, dass der alte Gebäudeteil zu den ältesten Häusern des Dorfes gehört. Die Werkstätte des Kramsacher HTL-Absolventen und Sohnes Wieland zeigt sich hier. Ich darf durchgehen. „Das alte Lebensmittelgeschäft mussten wir aufgeben, weil in der Nähe die Supermärkte Käufer abgezogen haben“. Das weiß die Mutter. Sie steht in der integrierten Trafik und war gestern auch im Vortrag. Si erzählt mir, „was sie sich mitgenommen hat“. Ich sehe in diesem Haus Veränderungsbereitschaft und ein Engagement für die Glaskunst. 900_Unternberg 031900_Unternberg 034Der Vater nimmt ein Glas, schreibt „ferdinand“ drauf. Darunter schreibt er „Bildungswoche 2016 Unterberg“. Ich werde noch lange an sie alle denken. An die, die sich nicht unterkriegen lassen in der „globalisierten Welt“, weil ihr Handwerk Bodenständigkeit für diese Welt ist. Über Unternberg hinaus. Der Bus kommt. Es tut mir leid, dass ich fahre, weil es gerade hochinteressant wurde. Vielleicht kommt man ohnehin ein zweites Mal.