Manchmal treibt mich das Wetter, in alten Unterlagen zu stöbern. Selten, aber doch. Vor genau 10 Jahren habe ich folgenden Tipp in einen Wandkalender geschrieben: „Wer gibt den Ton im familiären Gemeinschaftsraum an? Bekommt etwa der Fernseher große Aufmerksamkeit? Wenn das nicht so sein soll, dann nehmen Sie eine schöne Decke und verhüllen Sie das Gerät zur Gänze. Den Fersehsessel drehen Sie in eine andere Richtung. Dann nehmen Sie wieder Platz. Was ist in Ihrem Blickfeld? Liegen dort Zeitschriften, Zeitungen, Spiele? Für jede Fernsehsendung wird der Fernseher abgedeckt und dann wieder zugedeckt.“ Und heute? Junge Menschen haben heute oft bewusst keinen Fernseher. Aber: Sie haben mit dem Smartphone (Handy) und PC jederzeit Zugriff auf alles. Der „Fernseher“ geht sozusagen überall hin mit. Mein Tipp: Definieren Sie gemeinsam handyfreie „Gegenden“. „Bei uns kommt kein Handy auf den Esstisch und ins Schlafzimmer“, hat mir ein Gesprächspartner im Zug erzählt. Vielleicht sollte man für diese „kleinen Dinger“, wie er sie nannte, Abstellflächen definieren. Dort liegen sie lautlos vor sich hin. Gerade auch an Sonn- und Feiertagen. Der Mensch wird heute fast überall „verrobotert“. Manchen Menschen macht deshalb das „echt Lebendige“ bereits Angst. Wenn das so ist: Schnell verhüllen und weglegen.
Juni 15 2015
Die Eliten führen Mittelschicht an Nase herum
Ulrike Herrmann betritt den übervollen Saal der AK Wien. Sie ist Gast bei den Wiener Stadtgesprächen. Es geht um den Anfang und das Ende des Kapitalismus. Die Berliner Journalistin der TAZ hat die Gabe, die heutige gesellschaftspolitische Situation auf den Punkt zu bringen. Sie nimmt eine Perspektive ein, die die Eliten von unten anschaut. Sie arbeitet klar heraus, warum gerade in den letzten 25 Jahren die gesellschaftlichen Eliten unter Mithilfe der Medien ihren Reichtum auf Kosten der BürgerInnen, des Staates anhäufen konnten. Den Eliten mit ihren Think Tanks ist es gelungen, das Rettungsgeld für ihre Banken von den Staaten herauszupressen und die Banken- bzw. Geldkrise als Staatskrise darzustellen. Das griechische Bankendesaster wurde zum Staatsdesaster umfunktioniert und umerklärt. Die reichen Eliten nehmen sich, wo es nur geht. Sie gewinnen dort, wo es anderen schlechter geht. Beispiel: Die EZB fordert vom griechischen Staat das Herunterfahren der Renten. Griechenland will die Militärausgaben kürzen. Dürfen sie nicht: Am Waffenhandel verdienen die Eliten mit.
Die Mittelschicht schaut in die falsche Richtung
Wer das Buch von Ulrike Herrmann „Hurra, wir dürfen zahlen“ gelesen hat, staunt nur so, mit welchen Geschichten und Erklärungen die sogenannte Mittelschicht von den Eliten und Reichen an der Nase herumgeführt wird. „Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist der Untertitel. Die laufende Umverteilung von unten nach oben wird von der Mittelschicht nicht durchschaut. Ihr wird „erzählt“, dass sie bald zur Elite gehören, reich sein wird. Deshalb wehrt sich diese Mittelschicht gegen alle Besteuerung der Besserverdiener, „weil sie ja selber bald dazugehören könnte“. Durch diese Koaltion mit den reichen Eliten kommt die Mittelschicht selber unter die Räder. Die erzählten Geschichten halten sie ab von der einzigen Koalition, die die Gesellschaft wieder ausgleichen, ins Lot bringen könnte, nämlich der Koalition mit der Unterschicht. Unterschicht und Mittelschicht sollten sich gut verbündet ihr Geld von der Elite zurückholen durch hohe Besteuerung von Vermögen, Erbgut und Finanzerträgen. Die Mittelschicht lehnt Vermögenssteuern ab, die sie gar nicht treffen würde. Paradox. Statt dessen glaubt die Mittelschicht die Stories von Sozialschmarotzern, von der Bedrohung durch Asylwerbern, von der schlechten Bildung in öffentlichen Schulen. Als Beispiel führt Herrmann den Boom an Privatschulen an, die derzeit sprießen mit dem einen Ziel, die eigenen Kinder vor der Berührung mit der Unterschicht zu schützen. Persönlich glaube ich, dass aber genau dort die neuen Lernfelder aufgehen, neues Lernen möglich ist. Die „Koalitionen am Rand“ werden Zukunft schaffen. Dort müssen auch Ordensschulen angesiedelt sein. Plädoyer der Autorin: Holen wir uns die Ressourcen von den Eliten zurück. Das Buch ist lesenswert, bedenkenswert und ein guter Handlungsimpuls.
Juni 03 2015
Beeinflussbar und nicht steuerbar
Wir können die Natur beeinflussen. Aber nicht steuern. Wir beeinflussen das Klima. Aber wir können das Wetter mit seinen Wirkungen nicht steuern. Wir können Politik gestalten, Rahmenbedingungen gut oder schlecht setzen. Aber wir können den einzelnen Menschen nicht steuern. Manche sagen: Noch nicht. Bei Maschinen gelingt es – bis auf einige Entgleisungen, Abstürze, Unfälle sehr gut. Sie sind steuerbar. Es dauert vielleicht nicht mehr lange, dann steuern sich sich selber. Und dann: Wir können Maschinen beeinflussen, aber sie steuern sich selber. Wir werden acht geben müssen. Manches Smartphone hat seinen Besitzer, seine Besitzerin schon gut im Griff.
#Klimapilgern als neue Aufmerksamkeit
Hashtags (#) haben für mich den Sinn, die Aufmerksamkeit und die Energie der Wahrnehmung zu bündeln. Im Social Media Bereich sind Milliarden „Aussagen“ abrufbar. Sie wollen mich erreichen. Ich habe aber meine eigenen Wahrnehmungsfelder, „die mir nahe gehen“. Der Hashtag #Klimapilgern ist mir seit gestern wieder näher. Ich werde – wie ich hier schon angekündigt habe – Klimapilger. Von 17. Oktober bis 8. November werden wir von Wien über Linz nach Salzburg pilgern, alles gehen. Pilgern heißt, auf ein Ziel hingehen und „Anliegen“ mitnehmen. Das Ziel ist der Weltklimagipfel in Paris Anfang Dezember. Das Anliegen, das Thema, die Sorge ist das „Weltklima und die Folgen der Veränderung“. Wir sind täglich dabei, das Weltklima negativ zu beeinflussen. Manche glauben aber, dass das Weltklima steuerbar ist. Oft habe ich den Eindruck, dass in den Eliten der fatale Gedanke herrscht: „Die Welt hält das schon aus.“ Andere machen aus den Katastrophen wie Tornados, Überschwemmungen bereits ihr Geschäft. In diesem „ökonomisierten Weltwirtschaftsgebilde“, das seit der Etablierung des Wachstumskapitalismus am Beginn der Industrialisierung der Weltkugel, dem Klima und der Weltgemeinschaft schwer im Magen liegt, braucht es eine neue Aufmerksamkeit. Wir sind um der Zukunft willen aufgerufen, unsere Beeinflussungen auf diese Weltkugel tiefgehend zu reflektieren. Es gilt auch die Frage: Wem schade ich mit meinem konkreten Leben?
Aufwachen und Veränderungen einleiten
Wir wissen, dass Veränderungen am besten möglich sind, wenn sich der Mensch als offenes spirituell verbundenes Wesen begreift, wenn er sein Leben als Entgegenkommen, als Geschenk sieht. „Das Leben kommt mir entgegen“. Diese Haltung macht nichts kaputt, sondern empfängt alles mit Achtsamkeit und Dankbarkeit. Aber: Nicht jedes Flugzeug, nicht jedes Auto, nicht jedes Fass Öl, nicht jedes Spritzmittel, nicht jede südamerikanische Weintraube, nicht jedes „Billigprodukt“ darf ich dankbar annehmen, weil dahinter Ausbeutung, zum Teil Sklaverei und „Schöpfungsvernichtung“ wüten. Das Weltklima ist wie der Schlaf ein Indikator, ob der Lebensstil „passt“. Der Schlaf ist ein täglich kommender Gast und ich muss ihn „zur rechten Zeit erkennen“. So ist auch das immer höher und weiter springende Klima ein „Anzeiger“ für unseren ungesunden Lebensstil. Da gerät gerade etwas aus den Fugen. Wir bedrohen uns selber. Es ist etwas in Umbruch. In Umbruchzeiten ist aus meiner Erfahrung das Gehen eine gute Sache, einen klaren Gedanken zu fassen, Sichtweisen und Verhaltensweisen zu ändern, neue Wahrnehmungen zu schöpfen. Was ist der Fußabdruck, mit dem ich das Klima beeinflussen? Die Route von Wien über St. Pölten, Linz nach Salzburg haben wir gestern festgelegt. Und den Hashtag #Klimapilgern, der uns auch international verbindet.
Mai 27 2015
Ein Bischof für die Bischöfe
Kreuz & Quer gehört sicher zu den Leuchttürmen des ORF. Soviel ich weiß, genießt die Religionsabteilung gerade wegen ihrer tiefblickenden und weit machenden Themen innerhalb des ORF großes Ansehen. Und das bedeutet etwas unter Medienschaffenden. Gestern war wieder ein Moment, wo das sichtbar und spürbar wurde. Kreuz & Quer zeigte den Film über Oscar Romero. Der vom Vatikan (Johannes Paul II) lange Zeit nicht verstandene und bewusst in die dritte Reihe gestellte Erzbischof Oscar Romero wurde am vergangenen Samstag selig gesprochen. Er war ursprünglich kein Befreiungstheologe. Erst die katastrophalen sozialen Zustände in El Salvador machten ihn zu einem konsequenten Anwalt der Unterdrückten. Er wurde „gewandelt“ durch das genaue Hinschauen, die Orientierung am Evangelium und die Kraft der Empathie. Im Volk ist er längst ein Heiliger. Für Papst Franziskus mit seiner unerschrockenen Sichtweise ebenso. Die gesellschaftlichen Eliten zusammen mit den damaligen kirchlichen Machteliten sehen heute, dass ihr Denken und Handeln falsch war. Nicht Romero „irrte“, sondern die vatikanische Hierarchie war der weltlichen Macht bis in die USA „untertänig“. Wem dienst du mit deinem Leben? Wie kommt mehr Liebe und Gerechtigkeit in die Welt? Das sind die Kernfragen an die Bischöfe. Damals und heute. Und natürlich auch an uns.
Oscar Romero als Vorbild für das „Format Bischof“
Aus meiner Sicht zeichnet Romero aus, dass er sich „anrühren“ ließ. So viele Bilder im Film zeigen die Nähe zum Volk. Er geht mitten unter den Menschen, kein Zeremoniär dabei, keine Distanzhalter. Er konnte das Volk „riechen“ und sie ihn anfassen. Er setzte seine Autorität mitten in das Volk hinein und die Militärs mussten weichen. Er verhandelte nicht in Palästen für das unterdrückte Volk, sondern ging zusammen mit dem Volk in die Auseinandersetzungen. Es waren seine Predigten bei den Gottesdiensten, die im ganzen Land gehört wurden. Es waren nicht Ansprachen, sondern aus dem Evangelium herrührendes Wort hinein in die unterdrückende Situation. Er hat es gemacht, wie Papst Franziskus heute. Er feiert Gottesdienst, hörte das Evangelium und darin sieht er das Leben. Genau diese unmittelbare Orientierung am Evangelium macht ihn „radikal“ (wie manche heute meinen). Ja, das Evangelium geht an die Wurzel und kommt von der Wurzel. Da weicht jede leere Frömmigkeit und jedes Getue. Selbstbeweihräucherung hat dort keinen Platz. Romero ist als Mensch, als Christ und dann als Bischof unter und mit den Menschen. Nicht bei den Eliten, den Wohlhabenden, den Mächtigen, sondern auf Seite der Unterdrückten, der Geschundenen, der Ausgebeuteten, der „Überflüssigen“, wie sie Ilija Trojanow nennt. Wenn Romero jetzt heilig gesprochen wird, dann erkennt die Amtskirche heute, dass sie damals falsch lag. Auch der damalige Linzer Bischof Gföllner wollte Franz Jägerstätter zum Militärdienst überreden. Es gibt unzählige Beispiele, wo sich die Hierarchie-Kirche später korrigiert hat. Jetzt sehe ich, dass Bischöfe in Österreich recht still und fromm sind, unauffällig, gut kooperierend mit den gesellschaftlichen Eliten. Sie haben es auch nicht einfach, weil die Machteliten es gut verstehen, die Bischöfe zu halten. Sie sitzen bei Staatsakten in den ersten Reihen. Sie sind in VIP-Bereichen unterwegs, zelebrieren Festgottesdienste mit Distanzhaltern zum Volk. Mit dieser Seligsprechung gibt Papst Franziskus ein neues Format Bischof vor. Mutig, im Volk lebend, gegen Ungerechtigkeit kämpfend, direkt am Evangelium, angstfrei, gottverbunden. Wäre das nicht auch etwas für Linz?
Mai 22 2015
Songcontest oder Kultinarium
„Der #ESC interessiert doch keinen Menschen“, hat dieser Tage der namhafter Journalist @CKotanko in Wien auf Twitter geschrieben. „ESC? Was ist das?“ Schon das Fragezeichen ist für eingefleischte Fans des Songcontestes „Blasphemie“. „Ich bin froh, wenn ESC wieder unmissverständlich die Taste ganz links oben ist.“ Wieder auf Twitter. Ich steuere heute eine Beobachtung, eine Erfahrung bei, die ich am Dienstag Abend in Wien gemacht hatte.
Von außen
Etwa gegen 19 Uhr habe ich unser Büro in der Freyung verlassen mit der Neugierde, „beim Songcontest am Rathausplatz vorbeizuschauen“. Dort angekommen, fand ich eine imposante Bühne, eine Event-Gastronomie und die Sängerin Zoe und später Celina Ann auf der Bühne. Der Moderator hat sich Mühe gegeben, die aus meiner Sicht noch nicht zahlreichen Besucher „anzukurbeln“. Die riesigen Videowalls mit ihren laufenden Bildern zogen die Augen auf sich. Die Lautsprecher mit der Musik, die ich später bis zur Hofburg hinüber noch gehört habe, eroberten die Ohren. Eine Freundin treffe ich zufällig. Ein Reden miteinander war fast nicht möglich. Die Lautsprecher waren lauter. Die Reize von außen waren zu dominant. „Schön“, dachte ich mir. Ein wenig fühlte ich mich von außen „erschlagen“. Ich fühlte mich „anvibriert“. Vielleicht war ich auch noch nicht „gelockert“. Meine Neugierde war gestillt. Da ich in meiner Wiener Klosterzelle keinen Fernseher habe, hat sich ganz hinten der Gedanke eingeschlichen: Nach 21 Uhr komme ich beim Abendspaziergang nochmals vorbei zur Ausscheidung. Andere fahren extra nach Wien. Ich bin ohnehin da. Ich verlasse den Rathausplatz und höre lange noch das „Spektakel“.
Von innen
Im Wiener Daheim telefoniere ich noch zwei lange Telefonate. Dann beschließe ich um 21,30 Uhr, nochmals frische Luft zu tanken und das Spektakel des Songcontestes aufzusuchen. Meine Schritte gehen über den Judenplatz in Richtung Am Hof. Wieder liegt auf einmal ein Vibrieren in der Luft. Mein Blick auf den großen Platz überrascht mich. Der ganze Platz ist voller Menschen. Dicht gedrängt stehen die Menschen beisammen und reden. Der Platz ist erfüllt von einem „Grundton“, der vielleicht mit dem Summen vieler Bienenstöcke vergleichbar ist. Nur tiefer. Hunderte Gespräche bei einem Glaserl Wein, Bier oder alkoholfrei fließen zusammen. Keine Musik, keine Animation. Nur die vielen Gespräche, die zusammenfließen und den Platz erfüllen.
Viele junge Menschen, die in Gruppen und Grüppchen beisammen stehen. Und reden. Nirgends am Platz – und ich bin herumgegangen – ist es fad. Das Leben sprudelt nur so heraus. Von innen, beim „Burgenländischen Kultinarium„. Ich treffe einen Bekannten. Wir nehmen ein Gläschen Wein in die Hand und erzählen. Und erzählen. Und keine Musik, keine Videowall, kein Moderator muss uns von außen animieren. Es würde nur stören. Es kommt von innen, wie bei den vielen anderen Menschen auch.
Das Evangelium entdecken
Um 22.30 Uhr – so genau habe ich nicht geschaut – kommt ein Gewitter und ein paar Regentropfen. Die Gläser suchen ihren Weg zurück. Ein wenig „Hektik in aller Ruhe“ kommt auf. Der Himmel meint es aber gut mit uns und lässt es nicht schütten, sondern sagt mit ein paar festen Tropfen nur: Geh nach Hause. Das mache ich. Seit diesem Abend trage ich diese zwei Szenarien, Erfahrungen, Beobachtungen mit mir. Dort eine Unterhaltung von außen an den Menschen herangetragen, herangepustet und dort die Unterhaltung von innen kommend, heraussprudelnd, in ein Gespräch gebracht. Einen Tag später war ich beim Open House der KJÖ. Dort habe ich meine Erfahrung erzählt. Die Frage taucht auf: An welchem Ort findet Kirche mehr statt? Wie kommt das Evangelium zu den Menschen? Über die Videowalls von außen an die Menschen herangetragen? Oder wird es in den hinhörenden Gesprächen von innen entdeckt? Beispiel: „Mission first“ heißt es in der Erzdiözese Wien: Wo jetzt? Am Rathausplatz oder Am Hof?
Mai 19 2015
Wohin läuft der Selbstläufer?
Entweder hat sich meine Wahrnehmung verändert oder es taucht in letzter Zeit tatsächlich das Wort „System“ immer häufiger auf. In der Furche lese ich die Headline: „Unser System zerstört sich selber„. Stephan Schulmeister, Michael Fleischhacker und Wilfried Altzinger diskutieren, reden, analysieren. Im heutigen Standard wird das Gespräch mit dem Rechnungshofpräsidenten Josef Moser so getitelt: „Die Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt„.
Flucht und Alternativen
Die eine Betrachtung redet schon vom Ende und die andere davon, dass das System selbständig dorthin unterwegs ist. Von einem guten Bekannten weiß ich, dass die 17.000 Eingaben zur Verwaltungsvereinfachung in OÖ nicht von der Verwaltung bearbeitet werden, sondern von einer externen Agentur. Die BeamtInnen dürfen einstweilen zu, über und in ländlichen Vorgärten „arbeiten“. Eine Veränderung von außen wird nicht gelingen. Politischer Druck hin oder her. Anreize, die einmal geschaffen wurden, sind zum Job der Verwaltung selbst geworden. Das Steuergeld steuert sich selber in die Selbst-Bedeutung. Beispiel: Hat es früher einen Pokal als Anreiz gegeben, so wird heute das Training damit kontrolliert. Die Kontrollore kontrollieren einander und damit die Kontrolle nicht aus der Kontrolle gerät, wird der Kontrollausschuss tätig, besser sitzend. Wichtig dabei ist, dass für jede und jeden etwas abfällt. Eine ausgeglügelte Hierarchie der Kontrolle hält alles unter Kontrolle. Das Gütesiegel der AMA findet ihre Güte in der Kontrolle auf 17 Ebenen. Der Bauer fährt nicht nur gegen das Wetter, noch mehr gegen die Kontrollore, die ihn vom Arbeiten aufhalten. Würden alle Kontrollore einen Tag helfend von Bauernhof zu Bauernhof ziehen, dann wäre viel gewonnen. Die Gastronomie dürfte ein ähnliches Schicksal erleiden. Es ist einfach nicht mehr lustig, wenn – im Bild – beim Fussballspiel dauernd der Rasen, die Linien, der Ball, die Socken, die Schuhe, das Leiberl, die Torstangen kontrolliert werden. Da stehen bald mehr Kontrollore am Feld als Spieler. Ich wette: Die Kontrollore haben ihren Spaß miteinander und werden bald ein Seiterl auf den Fußball trinken. Die Zuschauer und die Fussballer werden heimgehen. Wo waren wir? „Unser System zerstört sich selber.“ „Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt.“ Gut, dass wir die Excel-Listen haben, in die wir alles hineinschreiben können. Diese lassen wir in Mega-Studien zusammenfließen und kontrollieren so die Zukunft. Seit wann steht dieser Satz auf meinem 12-Sätze-Zettel? „Die Flucht aus der Excel-Zelle muss uns gelingen.“ Mehrere Jahre. Gut, dass auf dem Titel des „brennstoff“ von Heini Staudinger steht: „Gemeinsinniges Wirtschaften“. Es wächst eine Alternative, ein neues Miteinander, das ich nicht System nennen möchte. Dieses Miteinander lebt vom Vertrauen, Subsidiarität und Solidarität.
Mai 15 2015
Ich werde Klimapilger
Es war eine Besprechung in Wien, zu der ich als „Pilgerexperte“ dazugestoßen wurde. Die Einladung lag da, der Zeitpunkt war ungünstig. Und doch wurde ich von innen her gestoßen, in die KOO zu gehen. Dort saßen einige zusammen und planten das „Klimapilgern“ für Herbst 2015 in Vorbereitung auf den Welt-Klima-Gipfel in Paris. Es war noch vieles ganz offen und im Laufe des Gespräches hat sich das alles konkretisiert. Eine erste Information steht auf der Website der KOO oder auf dem Web-Provisorium www.klimapilgern.at. Es geht um diese unsere Welt. Wir hören, dass wir vier bis sieben solcher Weltkugeln bräuchten, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Als begeisterter Öffi-Fahrer meine ich, dass ich selber schon etwas beitrage, diese „Welt zu retten“. Gerade die Videoreihe „viel mehr wesentlich weniger“, die zu Pfingsten auf ORF III laufen wird, hat mich in diesen Begegnungen noch mehr sensibilisiert, wachgerüttelt, aufmerksamer gemacht, ermutigt. Das Weniger und das Wesentlicher ist ein besseres Leben, als das viele Mehr.
Schmerzpunkte
Schon lange bin ich überzeugt, dass Armut und Klima die beiden Brennpunkte der einen Welt bedrohenden Ellipse sind. An dieser Achse entlang wird die Welt abstürzen, wenn wir nicht nach einem anderen Leben suchen. Sie hängen außen und innen ganz tief zusammen. Unser Wohlstand in den „entwickelten“ Ländern, an dem bei uns auch weit nicht alle teilhaben können, basiert auf einer gefinkelten und neoliberal getarnten brutalen Sklaverei. Jean Ziegler oder Erwin Kräutler sind nur zwei Stimmen, die das klar erläutern. Diese Sklaverei erzeugt Schmerzpunkte auf der Weltkugel, die wir nicht sehen wollen. Die Ordensgemeinschaft der Helferinnen, mit denen ich einen Workshop gestaltet habe, haben alle Punkte genannt. Sie leben mit diesen Menschen an ihren Schmerzpunkten. Entwurzelte Familien, immense Einsamkeit, verhinderte Kreativität der MigrantInnen, wertlose Menschen im Prekariat. Das alles hat sich in diesem Gespräch über den Klimawandel und die Bedrohung der Weltkugel als Lebensbasis für uns Menschen widergespiegelt.
Das Pilgern und Gehen verändert uns
Die Idee, von Wien nach Salzburg über 21 Tage zu Fuß pilgernd mit diesem Thema unterwegs zu sein, hat mich gleich fasziniert. Es ist ja ein Stück meiner Formel: Weitgehen ist heilsam. 21 Tage 7 Stunde am Tag gehen. Einen „Rucksack der Alternativen“ auf dem Weg zu füllen, um ihn nach Paris zu bringen, war auch sofort geboren. Ich mache es kurz: Ich werde von 17. Oktober bis 8. November als Klimapilger auf der Strecke Wien – Salzburg unterwegs sein, entlang von Stationen, wo schon Ansätze eines anderen Lebens“ praktiziert werden. Die Route ist noch nicht fest fixiert. Wer Ideen hat, bitte einfach dazu posten. Wir werden eine „Kerngruppe“ von 4-5 Personen sein, die die gesamte Strecke unter die Füsse nimmt. Ich spüre eine innere Freude. Dem Thema Klima gegenüber bin ich ganz Ohr. Der Weg wird uns auch in Pilgrim-Schulen, in Orden und Stifte, in Projekte führen, die ein gutes Leben gestalten. Ich freue mich auf diese Begegnungen und ich bin sicher: Es wird mich wieder einmal ein Stück verändern. Bereit dazu bin ich.
Mai 11 2015
ORF III sendet die Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ als Pfingst-Inspiration
Das freut mich ganz besonders. Die Pfingst-Inspiration nimmt heuer ORF III aus der Ordenswelt. Der Themenschwerpunkt „viel mehr wesentlich weniger“ – hier schon oft zur Sprache gebracht – wurde als Ouvertüre zum JAHR DER ORDEN 2015 konzipiert. Ordensleute kommen mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik ins Gespräch. Gemeinsam fragt man sich, was wirklich Wesentlich ist. Ich durfte als Kommunikationslotse die Gespräche begleiten.
ORF III sendet jetzt als Spezial von Pfingstsonntag, 24. Mai, bis Pfingstdienstag, 27. Mai, die komplette sechsteilige Gesprächsreihe.
Die Sendetermine:
Pfingstsonntag, 24.05.2015: 9:15 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (1/6)
„Mehr Widerstand“
Benediktiner-Abtpräses Christian Haidinger, Erster Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Orden Österreichs, trifft den Waldvierter „Schuhrebell“ Heini Staudinger.
Pfingstsonntag 24.05.2015: 10:20 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (2/6)
„Weniger ist wesentlich mehr“
Sr. Beatrix Mayrhofer vom Orden der armen Schulschwester ist Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs. Sie diskutiert mit Schriftsteller Alfred Komarek.
Pfingstmontag 25.05.2015: 9:00 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (3/6)
„Mehr lokal“
Sr. Joanna Jimin Lee, Konzertpianistin und Missionarin Christi, und Sr. Cordis Feuerstein, Generalsekretärin der Frauenorden in Österreich und Dominikanerin, sprechen mit Toni Knittel, Musiker von Bluatschink.
Pfingstmontag 25.05.2015: 10:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (4/6)
„Der kanalisierte Mensch“
Pater Erhard Rauch, Generalsekretär der Superiorenkonferenz der männlichen Orden und salvatorianer, und Pater Bernhard Eckerstorfer, (Jugend-)Seelsorger und Lehrer am Benediktinerstift Kremsmünster, begegnen Prof. Dr. Rotraud Perner, Psychoanalytikerin, Juristin und evangelische Theologin.
Pfingstdienstag 26.05.2015: 11:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (5/6)
„Status aus dem Weniger“
Don Bosco-Schwester Elisabeth Siegl und Abt Johannes Perkmann von der Benediktinerabtei Michaelbeuern diskutieren mit Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr.in Astrid Rössler.
Pfingstdienstag 26.05.2015: 12:10 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (6/6)
„Mehr die eigene Berufung leben“
Sr. Anna Kurz, Ursulinen-Ordensfrau und Gymnasiumsdirektorin, und Br. Rudi Leichtfried, Kapuzinern am Wurbauerkogel in Windischgarsten, sprechen mit Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner.
Hier eine Zusammenfassung der „wesentlichen“ Eckpfeiler.

Das Anpacken-Buch