Ich werde Klimapilger

999_DSCN2895Es war eine Besprechung in Wien, zu der ich als „Pilgerexperte“ dazugestoßen wurde. Die Einladung lag da, der Zeitpunkt war ungünstig. Und doch wurde ich von innen her gestoßen, in die KOO zu gehen. Dort saßen einige zusammen und planten das „Klimapilgern“ für Herbst 2015 in Vorbereitung auf den Welt-Klima-Gipfel in Paris. Es war noch vieles ganz offen und im Laufe des Gespräches hat sich das alles konkretisiert. Eine erste Information steht auf der Website der KOO oder auf dem Web-Provisorium www.klimapilgern.at. Es geht um diese unsere Welt. Wir hören, dass wir vier bis sieben solcher Weltkugeln bräuchten, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Als begeisterter Öffi-Fahrer meine ich, dass ich selber schon etwas beitrage, diese „Welt zu retten“. Gerade die Videoreihe „viel mehr wesentlich weniger“, die zu Pfingsten auf ORF III laufen wird, hat mich in diesen Begegnungen noch mehr sensibilisiert, wachgerüttelt, aufmerksamer gemacht, ermutigt. Das Weniger und das Wesentlicher ist ein besseres Leben, als das viele Mehr.

Schmerzpunkte 

999_DSCN2713Schon lange bin ich überzeugt, dass Armut und Klima die beiden Brennpunkte der einen Welt bedrohenden Ellipse sind. An dieser Achse entlang wird die Welt abstürzen, wenn wir nicht nach einem anderen Leben suchen. Sie hängen außen und innen ganz tief zusammen. Unser Wohlstand in den „entwickelten“ Ländern, an dem bei uns auch weit nicht alle teilhaben können, basiert auf einer gefinkelten und neoliberal getarnten brutalen Sklaverei. Jean Ziegler oder Erwin Kräutler sind nur zwei Stimmen, die das klar erläutern. Diese Sklaverei erzeugt Schmerzpunkte auf der Weltkugel, die wir nicht sehen wollen. Die Ordensgemeinschaft der Helferinnen, mit denen ich einen Workshop gestaltet habe, haben alle Punkte genannt. Sie leben mit diesen Menschen an ihren Schmerzpunkten. Entwurzelte Familien, immense Einsamkeit, verhinderte Kreativität der MigrantInnen, wertlose Menschen im Prekariat. Das alles hat sich in diesem Gespräch über den Klimawandel und die Bedrohung der Weltkugel als Lebensbasis für uns Menschen widergespiegelt.

Das Pilgern und Gehen verändert uns

999_DSCN2604Die Idee, von Wien nach Salzburg über 21 Tage zu Fuß pilgernd mit diesem Thema unterwegs zu sein, hat mich gleich fasziniert. Es ist ja ein Stück meiner Formel: Weitgehen ist heilsam. 21 Tage 7 Stunde am Tag gehen. Einen „Rucksack der Alternativen“ auf dem Weg zu füllen, um ihn nach Paris zu bringen, war auch sofort geboren. Ich mache es kurz: Ich werde von 17. Oktober bis 8. November als Klimapilger auf der Strecke Wien – Salzburg unterwegs sein, entlang von Stationen, wo schon Ansätze eines anderen Lebens“ praktiziert werden.  Die Route ist noch nicht fest fixiert. Wer Ideen hat, bitte einfach dazu posten. Wir werden eine „Kerngruppe“ von 4-5 Personen sein, die die gesamte Strecke unter die Füsse nimmt. Ich spüre eine innere Freude. Dem Thema Klima gegenüber bin ich ganz Ohr. Der Weg wird uns auch in Pilgrim-Schulen, in Orden und Stifte, in Projekte führen, die ein gutes Leben gestalten. Ich freue mich auf diese Begegnungen und ich bin sicher: Es wird mich wieder einmal ein Stück verändern. Bereit dazu bin ich.

ORF III sendet die Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ als Pfingst-Inspiration

vmww_900Das freut mich ganz besonders. Die Pfingst-Inspiration nimmt heuer ORF III aus der Ordenswelt. Der Themenschwerpunkt „viel mehr wesentlich weniger“ – hier schon oft zur Sprache gebracht – wurde als Ouvertüre zum JAHR DER ORDEN 2015 konzipiert. Ordensleute kommen mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik ins Gespräch. Gemeinsam fragt man sich, was wirklich Wesentlich ist. Ich durfte als Kommunikationslotse die Gespräche begleiten.

ORF III sendet jetzt als Spezial von Pfingstsonntag, 24. Mai, bis Pfingstdienstag, 27. Mai, die komplette sechsteilige Gesprächsreihe.

Die Sendetermine:

Pfingstsonntag, 24.05.2015: 9:15 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (1/6)
„Mehr Widerstand“
Benediktiner-Abtpräses Christian Haidinger, Erster Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Orden Österreichs, trifft den Waldvierter „Schuhrebell“ Heini Staudinger.

Pfingstsonntag 24.05.2015: 10:20 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (2/6)
„Weniger ist wesentlich mehr“
Sr. Beatrix Mayrhofer vom Orden der armen Schulschwester ist Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs. Sie diskutiert mit Schriftsteller Alfred Komarek.

Pfingstmontag 25.05.2015: 9:00 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (3/6)
„Mehr lokal“
Sr. Joanna Jimin Lee, Konzertpianistin und Missionarin Christi, und Sr. Cordis Feuerstein, Generalsekretärin der Frauenorden in Österreich und Dominikanerin, sprechen mit Toni Knittel, Musiker von Bluatschink.

Pfingstmontag 25.05.2015: 10:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (4/6)
„Der kanalisierte Mensch“
Pater Erhard Rauch, Generalsekretär der Superiorenkonferenz der männlichen Orden und salvatorianer, und Pater Bernhard Eckerstorfer, (Jugend-)Seelsorger und Lehrer am Benediktinerstift Kremsmünster, begegnen Prof. Dr. Rotraud Perner, Psychoanalytikerin, Juristin und evangelische Theologin.

Pfingstdienstag 26.05.2015: 11:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (5/6)
„Status aus dem Weniger“
Don Bosco-Schwester Elisabeth Siegl und Abt Johannes Perkmann von der Benediktinerabtei Michaelbeuern diskutieren mit Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr.in Astrid Rössler.

Pfingstdienstag 26.05.2015: 12:10 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (6/6)
„Mehr die eigene Berufung leben“
Sr. Anna Kurz, Ursulinen-Ordensfrau und Gymnasiumsdirektorin, und Br. Rudi Leichtfried, Kapuzinern am Wurbauerkogel in Windischgarsten, sprechen mit Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner.

Hier eine Zusammenfassung der „wesentlichen“ Eckpfeiler.

Zwei Katzen und das Sterben

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St. Judith Tappeiner (links)

„The very first time.“ Zum allerersten Mal war ich am Donnerstag in der „CS Rennweg„. Es wurde mir verziehen, dass ich erst nach fast drei Jahren in Wien in das Haus gekommen bin. Ich habe schon so viel Gutes gehört und auch berichtet. Die CS Schwestern werden manchmal als die „bessere Caritas“ bezeichnet. Caritas Socialis heißt die Gemeinschaft der Ordensfrauen, die sich der Begleitung von Menschen jeden Alters verschrieben hat. Sie waren die ersten in Österreich, die eine stationäre Einrichtung für Sterbende eingerichtet haben. 20 Jahre sind seither vergangen. Diese Ordensfrauen sind „in der Tat vorausgegangen“. Ich komme in das Haus und ich spüre auf Anhieb, „hier haben sich Liebe, Empathie und Professionalität mit einem tiefen Engagement verknüpft“. Sr. Judith Tappeiner kommt mir strahlend entgegen, obwohl heute wegen des Geburtstagsfestes alles „anders“ ist. An ihr wird diese ruhig strahlende innere Freude sichtbar, spürbar. Wir kennen einander und doch bin ich erstmals in „ihrem Haus“.

Zwei Katzen in der Palliativstation

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Mosaik in der Kapelle

Es gäbe so viel zu schauen, anzuschauen, wahrzunehmen. Die Kapelle mit einem wunderbaren großen Mosaik. Jeder Stein ein Individuum an seinem Platz in seiner Farbe. Wir gehen hinüber in die Palliativstation. Am Weg dorthin höre ich staunend zu, was in diesem Haus alles gemacht wird. Wenn es um das Sterben geht, dann sind die CS-Schwestern immer gefragt worden. Sie haben sich mit dieser Grenzerfahrung des Menschen seit langem ehrlich und ungeschminkt auseinandergesetzt. Sie haben den Tod in das Leben hereingenommen, wo ihn andere hinausgeschwiegen haben. „Wer im Sterben so begleitet wird wie hier, der denkt nie mehr an Sterbehilfe.“ Jede und jeder, der mir begegnet, trägt ein Lächeln im Gesicht. Es geht um die Begleitung von Sterbenden und diese Menschen schauen „glücklich“ aus. Ich durfte selber schon beim Sterben lieber Menschen dabei sein und habe diese Situation als „nährend“ erlebt. Der bekannte Linzer Strafrechtsprofessor Alois Birklbauer hat mir persönlich einmal erzählt, dass er einen Vortrag vor 500 PalliativärztInnen und -pflegerInnen in der Hofburg gehalten hat. 999_zi1_IMG_8177„Ich hätte damals im Vorfeld geglaubt, dass ich vor traurigen Menschen reden werde. Das Gegenteil: Es war das fröhlichste Auditorium das ich je hatte.“ Sr. Judith zeigt mir das Zimmer zum Abschied nehmen. Schöne Bilder an der Wand. Rundherum Sitzgelegenheiten für die Angehörigen. Utensilien, die das „Hinübergehen“ erleichtern können. Eine Gitarre ist von einem Sterbenden zurückgeblieben. Von ihr begleitet haben die Angehörigen den Sterbenden „hinübergespielt“. Und sie erzählt mehrere solcher Beispiele. Da kommt eine Katze in den Raum. Meine Augen gehen weit auf. „Ja, wir haben zwei Katzen hier auf der Station.“ Sr. Judith geht mit mir in den Gemeinschaftsraum der MitarbeiterInnen und dort liegt die zweite Katze und schläft. Sie gehören zum „Team“.  999_zi2_IMG_8178Und dann erzählt sie, dass eine Katze die Angehörigen tröstet und die andere den Sterbenden. „Immer dann, wenn sich die eine Katze lange zum Sterbenden legt, dann zeigt es, dass es bald soweit ist.“ Wir wissen die Geschichten, dass Vögel ans Fenster, dass Hyänen in Tansania in die Nähe des Ortes kommen, wenn jemand sterben wird. Es berührt mich, dass diese zwei Katzen hier mithelfen, das Hinübergehen anzudeuten und zu erleichtern. Wer hier ist, ist in guten Händen.

Widerstand leben und Alternativen zeigen

eu_info„Wir freuen uns, Ihnen die Mai Ausgabe Nr. 182 von Europeinfos zukommen zu lassen. Sie können die gesamte Ausgabe als PDF HIER herunterladen.“ Ich wurde eingeladen, für diese Nummer einen Artikel zur Zukunft der Orden zu verfassen. Dieser Newsletter geht an alle EntscheidungsträgerInnen in der EU und wird vom Brüsseler Büro der Bischofskonferenz erstellt. Ich möchte euch meine Überlegungen nicht „vorenthalten“:

Widerstand und Alternativen leben und zeigen

999_IMG_7956Ordensleute leben ein Modell, das in Europa unglaublich gesellschaftsrelevant und zukunftssichernd ist.

„Wo sind die Schmerzpunkte der heutigen Gesellschaft?“ Diese Frage treibt die Präsidentin der Vereinigung von Frauenorden in Österreich, Sr. Dr. Beatrix Mayrhofer, in Vorbereitung auf das 50-Jahr-Jubiläum der Vereinigung im Jahr 2016 um. Dahinter steht die Überzeugung, dass Orden immer einen konkreten Auftrag in der heutigen Gesellschaft erfüllen. Die Gründungen waren zum Großteil mutige und unkonventionelle Zugänge zur Not, zur Schieflage der jeweiligen Zeit. Und wie ist das heute? Hier in Europa? «Viel mehr wesentlich weniger» heißt eine Gesprächsreihe von Ordensleuten mit unkonventionellen Meinungsbildnern in Österreich. Da ist der Schuhproduzent und Finanzrebell Heini Staudinger genauso dabei wie der Schriftsteller Alfred Komarek, der Musiker Toni Knittel aus dem Lechtal in Vorarlberg, die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner, die Psychotherapeutin Rotraud Perner oder die Salzburger Landes-Politikerin Astrid Rössler. Die auf Video aufgezeichnete Gesprächsreihe (http://www.ordensgemeinschaften.at/wesentlich ) spürt einzig und alleine der Frage nach: «Wo ist der Platz der Ordensfrauen und Ordensmänner in der heutigen Gesellschaft?» Die Titel der jeweiligen Gespräche sind eine Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Befindlichkeit und als Alternative formuliert. Da geht es um «Mut zum Widerstand», «Weniger ist wesentlich mehr», «mehr lokal», den «kanalisierten Menschen», den «Status aus dem Weniger» und «mehr die eigene Berufung leben». Oder anders gewendet geht es um die Frage: was brauchen wir, auch in Europa, um authentisch und verantwortungsvoll zu leben? Der Vorsitzende der Männerorden in Österreich, Abtpräses Christian Haidinger OSB, hat das benediktinische Maßhalten vor Augen: «Es braucht ein neues Ausbalancieren von Mehr und Weniger, orientiert am Wesentlichen.»

Das Jahr der Orden 2015 ist ein Glücksfall, ein Kairos

In den Zielsetzung der österreichischen Orden heißt es im Masterplan zum Schwerpunktjahr: «Orden nehmen Verantwortung in Hinblick auf gesellschaftliche Themen wie Bildung, Gesundheit, Kultur und bei offensichtlichen Schieflagen im Bereichen wie Soziales, Spiritualität, Internationales wahr und stellen diese ‚ins öffentliche Licht’. Einzelne Neuaufbrüche und Transformationsprozesse werden pointiert ins Gespräch gebracht. Die Dynamik von Bewährtem und Neuem wird ausgelotet.» Wenn 78% der 3.800 Ordensfrauen über 65 Jahre sind und sich mehr als die Hälfte der 1.950 Ordensmänner längst im Pensionsalter befindet, braucht es Mut und Kraft, sich neu mit einem ‚Out-of-the-Box-Denken’ der Zukunft zu widmen. Das von Papst Franziskus ausgerufene Schwerpunktjahr entwickelt durch diese neue anregende Aufmerksamkeit zwei Richtungen: Den Blick nach innen, in die Verfasstheit und die Zukunftsfähigkeit der Gemeinschaften selber sowie ihre Kooperationsfähigkeit, ihre «Synapsenfähigkeit im Netz der vielfältigen Gemeinschaften». Die Gesellschaft und vor allem die Medien entwickeln eine neue Aufmerksamkeit, ein Interesse am Ordensleben. Ordensfrauen, die Prostituierten bedingungslos einen Weg aus der Prostitution öffnen, vernetzen sich selbst bedingungslos. Die kontemplative Lebensweise des Einsiedlers von Saalfelden lockt Menschen an, die ihr Sein neu sehen wollen. Das Gebet in und für die Menschen wird neu zugänglich. Das Tun und Dasein der Ordensleute wird interessant, wahrgenommen, neu wertgeschätzt.

Eine Alternative zeigen und vorzuleben versuchen

Wir leben heute in einer total ökonomisierten Gesellschaftsordnung. Alles wird am Mammon, am Geld ausgerichtet. Von den Ordensleuten wird immer sehnsüchtiger «Widerstand und Alternative» erwartet. Ein Beispiel: Der Privatbesitz spielt bei den Ordensleuten keine Rolle in einer Zeit, wo alle dem Besitz im individuellen Verständnis nachjagen. Das Ordensleben ist demgegenüber vom Community-Gedanken der Bibel geprägt. «Sie hatten alles gemeinsam.» Dieser Text aus der Apostelgeschichte ist heute vielleicht für viele unverständlich und doch spüren alle, dass Sharing, Co-housing und Gemeinwohlökonomie Schlüsselbegriffe der jungen Generation sind. Da können Ordensleute viel Wissen und Erfahrung zur Verfügung stellen und zugänglich machen: Leben nach klaren Werten, eingebettet in den Rhythmus der Rituale und auf Gemeinschaft und Solidarität ausgerichtet. Auch wenn sie eine nur eine vergleichsweise kleine Gruppe sind: Ordensleute leben ein Modell, das in Europa unglaublich gesellschaftsrelevant und zukunftssichernd ist. Das Lebensmodell nach den evangelischen Räten heißt wahrscheinlich heute: «einfach-ehelos-hören». Die Einfachheit der Armut, die Ganz-Verfügbarkeit von Gott her für die Menschen, und der Gehorsam gegenüber der gemeinsamen Aufgabe und dem Auftrag sind beispielhaft:, Sie sind ein Leuchtturm in einer Gesellschaft, die von Einsamkeit, Karrieredenken, Konkurrenz, Schnelligkeit und dauernden Rankings geprägt ist. Darum sagt auch der Musiker und Poet Konstantin Wecker in einem Gespräch im Stift St. Florian: «Geht in die Gesellschaft ohne Besitz.»

Freiraum für Gott und den Menschen öffnen

Wecker erhofft sich einen Anstoss: «Wie kann heute jemand für die spirituelle Welt geöffnet werden, dem jeder Zugang zum Nicht-Rationalen versperrt ist? Wahrscheinlich nicht, indem man Heiligenbilder verteilt. Es muss einen anderen Weg geben.» So wird nicht gesehen, wie viele Menschen sich sozial engagieren. Empathie existiert, aber sie findet sich nicht wieder in der Hierarchie der gesellschaftlichen Werte. Wecker sieht in den Orden einen Ort, der vielem Raum gibt – auch der Nutzlosigkeit: «Im Tun mit Hingabe und im Gebet verlassen wir die Zeit. Das Korsett unseres Zeitempfindens braucht eine Öffnung.» Weckers Wunsch an die Orden: «Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Aus der Empathie heraus das Liebevolle leben. Das tätige Mitgefühl.» Ordensleute entdecken selbst diesen Wert und Anspruch und nehmen die Zivilgesellschaft mit auf die «Entdeckungsreise». Das braucht Europa – mit den Ordensleuten.

Ferdinand Kaineder, Theologe, Kommunikationslotse und Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften Österreich www.ordensgemeinschaften.at

 

24 km Solidarität

999_IMG_765624 km Solidarität ist aber schon sehr wenig. Im Verhältnis zur Lage des blauen Planeten sogar ganz wenig. Und doch habe ich diese 24 km in besonderer Weise begangen. Es ist noch sehr morgendlich, wo wir in den Zug nach Schwechat einsteigen. Erstmals gehe ich mit bei Romaria. Der „Name“ kommt aus dem Portogiesischen und heisst dort einfach: Wallfahrt. Der „Zweck“  dieser Wallfahrt für und mit Flüchtlingen entlang von Orten der Solidarität liegt in der Öffnung und Sensibilisierung auf diese Menschen und ihre Situation hin. Es geht um meine, um unsere Öffnung und Sensibilisierung. Ich weiß, dass Gehen öffnet, dass der Weg und die Begegnungen sensibilisieren.  Meine Pressemeldung hat hoffentlich den Fokus getroffen. Wir sind abends erfüllt, ermutigt, geweitet in der U-Bahn  zurück gesessen. Mir sind erstmals das Pfarrnetzwerk, der muslimische Friedhof, das Haus Abraham, der Schubhaftseelsorger P.  Albert  und viele andere aus der „Asyl- und Flüchtlingsgemeinschaft“ begegnet.  Die in jeder Kirche erzählten persönlichen Erfahrungen bestätigen mein Bild von den politischen und öffentlichen Einrichtungen: Solidarität schwindet.

Ein Erdbeben erschüttert Nepal

999_IMG_7713Gar nicht mitbekommen habe ich, dass zur selben Zeit in Nepal ein dramatisches Erdbeben die touristisch viel besuchte  Gegend der höchsten Berge der Welt zertrümmert hat. Medial ging der Fokus sofort dorthin. Es ist, wie wenn der „Weltbeleuchter“ seinen Scheinwerfer dreht. Kameras sind dort, wo gutes Licht ist. Gestern Abend habe ich mich über den von mir sonst sehr geschätzten Armin Wolf etwas geärgert, wie er seine Fragen an die aus meinem Bergdorf kommende Katastrophenhelferin gestellt hat. Er hat so gefragt, als würden wir diesen Trümmerhaufen, der vergleichsweise über Österreich und der Schweiz verteilt ist, in ein paar Tagen wieder aufbauen. Die Katastrophe soll vom medial begleiteten Katastrophenkonvoi, der vergleichsweise in Bregenz landet und Österreih und die Schweiz in Trümmern „sieht“, so agieren, dass wir zur Solidarität ermutigt, sprich spenden und gleichzeitig den Eindruck bekommen, es wird alles gut. Nur keine Hilflosigkeit aufkommen lassen. Tun, exemplarisch tun. Keine Frage: Die Katastrophe gibt dem Menschenleben nur kurze Zeit. Die Medien haben auch nicht lange Zeit, denn schon könnte es sein, dass der Weltscheinwerfer woanders hinleuchtet.

Solidarität ist Zusammenhalt

999_DSC05469Zwei Dinge kommen mir angesichts der Berichterstattung in den Sinn:
1. Wirklicher Aufbau kann nur von den Menschen vor Ort in tiefem Zusammenhalt gelingen. Das braucht Zeit, Tatkraft und Geduld. Selbstlosigkeit und Ideen. Tiefe Kontakte und langfristige Ressourcen. Das habe ich 2011 in New Orleans mit eigenen Augen gesehen, wo 82 Milliarden Dollar die Stadt nicht aufrichten konnten. Anders bei den Vietnam-People in New Orleans, die ihr Stadtviertel in einem halben Jahr ohne einen öffentlichen Cent wieder hergestellt hatten. Dieses Beispiel an gewachsener und gepflegter Solidarität (gerade auch durch die Kirche dort) bleibt mir ein Leben lang ein motivierdes Bild.
2. Weltweitwandern oder die Schulschwestern (nur zwei Beispiele) haben sofort ihre Kontakte aktiviert und gewusst, dass es schlimm ausschaut. Beide schildern, wie sich Menschen gegenseitig helfen, einander unterstützen, wissen Namen einzelner Personen und wie es ihnen geht. Das ist jetzt die größte Hilfe: 999_IMG_7805Das Anwerfen der persönlichen Netzwerke in diese Gegend und die Ermutigung, wieder aufzustehen, sich und die Gebäude wieder aufzurichten. Natürlich wird es wieder Hilfsorganisationen geben, die sich medial in Szene setzen (müssen), damit Spendengelder fließen. Aufgebaut wird aber in kleinen Schritten, vor Ort, 99% von Medien unbegleitet. Ganz sicher zählt heute auch die große und weite spirituelle Öffnung auf diese Menschen hin, um an sie zu denken, sie in Gedanken zu begleiten, für sie zu beten, damit sie den Mut nicht verlieren.“ Lass uns wieder aufstehen“ , mögen dort viele denken. Und tun (können). So wie bei uns vor 70 Jahren.
24 km  ist nicht weit. Sie gehen aber heute über die ganze Welt. Der Planet gehört Gott und wir haben ihn alle mit denselben Rechten und Pflichten gepachtet. Barrieren und Zäune sind nicht Zeichen der Zusammengehörigkeit genauso wenig wie Wegschauen oder Gleichgültigkeit.

Der Krieg ist längst im Gange

999_IMG_7443#Mittelmeer #Flüchtlinge #EU #Minoritenplaz #gegenunrecht #JeSuisLampedusa und so weiter. Schlagworte, die Hilfsworte werden sollen. In Demonstrationen und Unterschriftenlisten. Ein Aufschrei angesichts der Menschen, die auf der Überfahrt ertrinken. Ausgeliefert an Schlepper, die Boote anfüllen, wie ich selber mir das nie vorstellen könnte. Was zieht nach Europa? Und was schiebt Menschen dort ab, weg, fort, wo sie eigentlich sein wollen? Die halbe Bundesregierung steht am Minoritenplatz und demonstriert ihre Betroffenheit und auch Hilflosigkeit. Sager gehen über den Platz und Symbole verdichten sie. Mediale Aufgeregtheit lässt viele aufwachen, hinausgehen. Politiker scheinen in ihre eigenen Büros zurückzurufen: „Es muss etwas geschehen.“

Was geht da vor?

998_IMG_7448Persönlich empfinde und spüre ich, dass diese Betroffenheit vom eigentlich Krieg ablenkt. Dieser „Krieg des Wohlstands“ zur Unterdrückung und Ausbeutung der Lieferanten geht schon über Jahre und Jahrzehnte. Ich konnte heute nicht unter den Tausenden sein und so haben wir am Kahlenberg drei Lichter in das Weihwasser gestellt (Foto oben). Es war mein, unser Memento an mich selber. Es ist unser, es ist mein Wohlstand, meine Lebensweise, die diesen Krieg des Wohlstandes unterstützt. Ich lebe von den Erträgen der Waffenlieferungen und den damit verbundenen Finanzgeschäften mit den Eliten der afrikanischen „Regierungen“. Ich weiß zwar nicht, wie ich das abstellen kann, aber ich profitiere davon. Ich schaue im TV bei Filmen mit, die den westlichen Wohlstand in Spielfilme verpackt exportieren. Die TV-Stationen veranstalten heute „Diskussionen mit tiefer Betroffenheit“ und spielen im Anschluss und davor die „Wohlstandsbotschaften via Hollywood“. Vieles in mir zuckt. Lässt mich aufschreien. Beten. Dann kommt der rettende Gedanke. Die Bundesregierung steht auf der Straße. Ihre Büros und Entscheidungsinstrumente sind gerade frei. Da sehe ich mich hineingehen ins Kanzleramt, ins Parlament, ins Ministerium und mich anrufen: „Lieber Ferdinand, wo schürst du den Krieg des Wohlstandes mit deinem alltäglichen Leben?“ Ich höre tiefes Atmen. Schweigen. Weint da wer?

 

Jetzt ist Oberösterreich dran

Ein spürbares und fast hörbares Aufatmen ging in den letzten Tagen und Stunden durch die österreichische katholische Kirche. Zwei Bischöfe wurden ernannt, die mit beiden Beinen mitten im Volk Gottes stehen. Keine unbeschriebenen Blätter. Der Nuntius hat gut hineingehört und die Denke und Handlungsweise von Papst Franziskus dürfte einen neuen Fokus auf Bischofsernennungen legen. Eh klar, werden sich jetzt einige sagen. Nicht so klar, wenn man bis Salzburg denkt. Wer da noch im Spiel war, war nicht von guten Eltern. Und die Salzburger atmen bis heute noch nicht ruhig – wie man hört.

Weber und Aichern

5_plenum2_IMG_7280Bei der internationalen Ordensarchivetagung in Puchberg bei Wels war Bischof Maximilian Aichern die ganze Zeit dabei. Ich habe es genossen, wieder einmal Zeit mit und neben ihm zu verbringen. Da sitzt einer einfach mitten drinnen. Hört genau hin. Meldet sich zu Wort und erzählt Begebenheiten, die für ArchivarInnen höchst interessant waren. Bei der Predigt klare Gedanken und immer einen Schuss Humor dabei. Die Gäste aus den anderen Ländern wie Deutschland, Schweiz und Holland „wundern sich“. Beim Gespräch in der roten Bar meint ein Schweizer: „Berührend.“ Ja, darum ginge es im Bischofsamt oder bei der Aufgabe des Bischofs: berührend leben. Ich erinnere mich auch noch an Bischof Weber, wie er bei einer Tagung sich einfach zu uns auf die Bank gesetzt hat. „Worüber redet ihr?“, hat er vorsichtig gefragt. Und dann hat er zugehört. Lange. Kurz nachgefragt. Wir haben in unserem Gespräch damals kein einfaches Thema gehabt. Spendung von Sakramenten und Sakramentalien durch (beauftragte) Getaufte. Weber war neugierig, interessiert. Zum Schluss meinte er: „Macht’s weiter.“ Ich habe es als Ermutigung gehört von einem Bischof, der doch aus meiner Sicht eher „pfarrer-orientiert“ agiert hat. Aber er hat sich dem Neuen nicht verschlossen. Er hat sich berühren lassen.

Mittendrin und anschlußfähig

krautwaschlWilhelm Krautwaschl (Vorgänger von ihm haben zum Beispiel Schoiswohl, Weber, Schuster, Zwerger, Rauscher, Eberlein geheißen) habe ich persönlich kennengelernt. Wir sind auf Facebook und Twitter seither in Verbindung geblieben.  So wie ich überall lese und sehe, ist er ein bescheidener lernender Priester, der Gemeinschaft sucht. Communio ist ihm nicht nur theologisch, sondern auch praktisch wichtig. Das Geräusch des Geschirrspülers gehört zur Freundesrunde. Da ist auch das Handy machtlos, den Anruf des Nuntius an den Mann zu bringen. Eine schöne Geschichte. Ich hoffe, dass er diese Anschlussfähigkeit mitten unter den Menschen wie Papst Franziskus selber mitnehmen kann in das Amt des Diözesanbischofs. Ich traue es ihm zu. Die Diözese Graz kann aufatmen. Jetzt ist Oberösterreich dran. Es ist zu wünschen, dass das „Mittendrin und die Anschlussfähigkeit“ wieder Einzug halten. Das könnten dann wieder wirklich „gute Jahre“ werden, wo man gerne dabei ist. Hoffen darf man es. Und den Nuntius „bedrängen“.

Meine Verantwortung für den Quadratmeter

Ich genieße das Fahren mit Chauffeur. Das habe ich mit den “hohen Herren” (manchmal Damen) gemeinsam. Aber: Sie sind dabei alleine. Wir fahren gemeinsam. Bei jeder Station am Montag früh vom Mühlviertel herunter nach Wien mit dem Bus kommt jemand dazu. „Guten Morgen“. Ist vielleicht nicht immer zu hören. Aber: Der öffentliche Raum schwingt. “Wer mit dem Auto fährt, bleibt daheim.” An manchen Tagen entwickelt sich ein Gespräch, im Bus oder im Zug. Dann wieder nicht. In der U-Bahn nie. Außer man trifft ein bekanntes Gesicht.

Jean Ziegler, UN-Berichterstatter und Soziologe, ist uns hoffentlich allen ein Begriff: „Wir leben in einer kannibalistischen Weltordnung.“ Das macht die Sache nicht einfach, wenn dauernd Kampf angesagt ist. Das ergibt einen hohen Verantwortungsdruck. Ziegler: „Jede und jeder von uns muss in jedem Augenblick seines Handelns klar wählen, wo er oder sie steht, was er oder sie wie nutzt, welche Folgen das auf wen hat.“ Das kann zur moralischen Verrücktheit führen. Wieder zurück zur Mobilität. Auch Autos kannibalisieren den Menschen auf sanfte, subtile Art. Überholen. Weiter vorne sein wollen. Gas geben. Angespannt im Stau stehen. In den fast drei Jahren, wo ich als „Vagabund an der Westbahnstrecke“ nur mehr mit Öffis unterwegs bin, sehe und spüre ich an mir selber: Es tut gut, dem Sein näher, mehr Hingabe, Genuss, loslassen. Es wird weiter Autos geben. Menschen werden einfach daran Freude haben. Andere daran ihren Status entwickeln. Aber: Zu wenige Menschen machen sich bewusst, was Autos, Flugzeuge, Containerschiffe unserer Welt antun. Zu wenige Menschen haben überhaupt ausprobiert, mit Öffis von A nach B zu kommen. Es gibt keine Vorstellung und Erfahrung, welcher Genuss es ist, einzusteigen und zu reisen, zu fahren, sich bewegen zu lassen. Br. Raimund von der Tannen hat bei meinem Besuch in der Einsiedelei Saalfelden gemeint: „Ganz viel auf der Welt wäre gewonnen, wenn jede und jeder für seinen Quadratmeter, auf dem er gerade steht, die volle Verantwortung übernimmt.“ Ist es nicht denkbar, dass sich mein „Mobilitätsquadratmeter“ im Bus, im Zug, in der Straßenbahn befindet? Stimmt: Bitte das Fahrrad und die Füsse nicht vergessen.