Songcontest oder Kultinarium

1IMG_8386„Der #ESC interessiert doch keinen Menschen“, hat dieser Tage der namhafter Journalist @CKotanko in Wien auf Twitter geschrieben. „ESC? Was ist das?“ Schon das Fragezeichen ist für eingefleischte Fans des Songcontestes „Blasphemie“. „Ich bin froh, wenn ESC wieder unmissverständlich die Taste ganz links oben ist.“ Wieder auf Twitter. Ich steuere heute eine Beobachtung, eine Erfahrung bei, die ich am Dienstag Abend in Wien gemacht hatte.

Von außen 

2IMG_8384Etwa gegen 19 Uhr habe ich unser Büro in der Freyung verlassen mit der Neugierde, „beim Songcontest am Rathausplatz vorbeizuschauen“. Dort angekommen, fand ich eine imposante Bühne, eine Event-Gastronomie und die Sängerin Zoe und später Celina Ann auf der Bühne. Der Moderator hat sich Mühe gegeben, die aus meiner Sicht noch nicht zahlreichen Besucher „anzukurbeln“. Die riesigen Videowalls mit ihren laufenden Bildern zogen die Augen auf sich. Die Lautsprecher mit der Musik, die ich später bis zur Hofburg hinüber noch gehört habe, eroberten die Ohren. Eine Freundin treffe ich zufällig. Ein Reden miteinander war fast nicht möglich. Die Lautsprecher waren lauter. Die Reize von außen waren zu dominant. „Schön“, dachte ich mir. Ein wenig fühlte ich mich von außen „erschlagen“. Ich fühlte mich „anvibriert“. Vielleicht war ich auch noch nicht „gelockert“. Meine Neugierde war gestillt. Da ich in meiner Wiener Klosterzelle keinen Fernseher habe, hat sich ganz hinten der Gedanke eingeschlichen: Nach 21 Uhr komme ich beim Abendspaziergang nochmals vorbei zur Ausscheidung. Andere fahren extra nach Wien. Ich bin ohnehin da. Ich verlasse den Rathausplatz und höre lange noch das „Spektakel“.

Von innen

5IMG_8402Im Wiener Daheim telefoniere ich noch zwei lange Telefonate. Dann beschließe ich um 21,30 Uhr, nochmals frische Luft zu tanken und das Spektakel des Songcontestes aufzusuchen. Meine Schritte gehen über den Judenplatz in Richtung  Am Hof. Wieder liegt auf einmal ein Vibrieren in der Luft. Mein Blick auf den großen Platz überrascht mich. Der ganze Platz ist voller Menschen. Dicht gedrängt stehen die Menschen beisammen und reden. Der Platz ist erfüllt von einem „Grundton“, der vielleicht mit dem Summen vieler Bienenstöcke vergleichbar ist. Nur tiefer. Hunderte Gespräche bei einem Glaserl Wein, Bier oder alkoholfrei fließen zusammen. Keine Musik, keine Animation. Nur die vielen Gespräche, die zusammenfließen und den Platz erfüllen. 4IMG_8400Viele junge Menschen, die in Gruppen und Grüppchen beisammen stehen. Und reden. Nirgends am Platz – und ich bin herumgegangen – ist es fad. Das Leben sprudelt nur so heraus. Von innen, beim „Burgenländischen Kultinarium„. Ich treffe einen Bekannten. Wir nehmen ein Gläschen Wein in die Hand und erzählen. Und erzählen. Und keine Musik, keine Videowall, kein Moderator muss uns von außen animieren. Es würde nur stören. Es kommt von innen, wie bei den vielen anderen Menschen auch.

Das Evangelium entdecken

7IMG_8404Um 22.30 Uhr – so genau habe ich nicht geschaut – kommt ein Gewitter und ein paar Regentropfen. Die Gläser suchen ihren Weg zurück. Ein wenig „Hektik in aller Ruhe“ kommt auf. Der Himmel meint es aber gut mit uns und lässt es nicht schütten, sondern sagt mit ein paar festen Tropfen nur: Geh nach Hause. Das mache ich. Seit diesem Abend trage ich diese zwei Szenarien, Erfahrungen, Beobachtungen mit mir. Dort eine Unterhaltung von außen an den Menschen herangetragen, herangepustet und dort die Unterhaltung von innen kommend, heraussprudelnd, in ein Gespräch gebracht. Einen Tag später war ich beim Open House der KJÖ. Dort habe ich meine Erfahrung erzählt. Die Frage taucht auf: An welchem Ort findet Kirche mehr statt? Wie kommt das Evangelium zu den Menschen? Über die Videowalls von außen an die Menschen herangetragen? Oder wird es in den hinhörenden Gesprächen von innen entdeckt? Beispiel: „Mission first“ heißt es in der Erzdiözese Wien: Wo jetzt? Am Rathausplatz oder Am Hof?

 

Wohin läuft der Selbstläufer?

Entweder hat sich meine Wahrnehmung verändert oder es taucht in letzter Zeit tatsächlich das Wort „System“ immer häufiger auf. In der Furche lese ich die Headline: „Unser System zerstört sich selber„. Stephan Schulmeister, Michael Fleischhacker und Wilfried Altzinger diskutieren, reden, analysieren. Im heutigen Standard wird das Gespräch mit dem Rechnungshofpräsidenten Josef Moser so getitelt: „Die Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt„.

Flucht und Alternativen

IMG_4858Die eine Betrachtung redet schon vom Ende und die andere davon, dass das System selbständig dorthin unterwegs ist. Von einem guten Bekannten weiß ich, dass die 17.000 Eingaben zur Verwaltungsvereinfachung in OÖ nicht von der Verwaltung bearbeitet werden, sondern von einer externen Agentur. Die BeamtInnen dürfen einstweilen zu, über und in ländlichen Vorgärten „arbeiten“. Eine Veränderung von außen wird nicht gelingen. Politischer Druck hin oder her. Anreize, die einmal geschaffen wurden, sind zum Job der Verwaltung selbst geworden. Das Steuergeld steuert sich selber in die Selbst-Bedeutung. Beispiel: Hat es früher einen Pokal als Anreiz gegeben, so wird heute das Training damit kontrolliert. Die Kontrollore kontrollieren einander und damit die Kontrolle nicht aus der Kontrolle gerät, wird der Kontrollausschuss tätig, besser sitzend. Wichtig dabei ist, dass für jede und jeden etwas abfällt. Eine ausgeglügelte Hierarchie der Kontrolle hält alles unter Kontrolle. Das Gütesiegel der AMA findet ihre Güte in der Kontrolle auf 17 Ebenen. Der Bauer fährt nicht nur gegen das Wetter, noch mehr gegen die Kontrollore, die ihn vom Arbeiten aufhalten. Würden alle Kontrollore einen Tag helfend von Bauernhof zu Bauernhof ziehen, dann wäre viel gewonnen. Die Gastronomie dürfte ein ähnliches Schicksal erleiden. Es ist einfach nicht mehr lustig, wenn –  im Bild – beim Fussballspiel dauernd der Rasen, die Linien, der Ball, die Socken, die Schuhe, das Leiberl, die Torstangen kontrolliert werden. Da stehen bald mehr Kontrollore am Feld als Spieler. Ich wette: Die Kontrollore haben ihren Spaß miteinander und werden bald ein Seiterl auf den Fußball trinken. Die Zuschauer und die Fussballer werden heimgehen. Wo waren wir? „Unser System zerstört sich selber.“ „Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt.“ Gut, dass wir die Excel-Listen haben, in die wir alles hineinschreiben können. Diese lassen wir in Mega-Studien zusammenfließen und kontrollieren so die Zukunft. Seit wann steht dieser Satz auf meinem 12-Sätze-Zettel? „Die Flucht aus der Excel-Zelle muss uns gelingen.“ Mehrere Jahre. Gut, dass auf dem Titel des „brennstoff“ von Heini Staudinger steht: „Gemeinsinniges Wirtschaften“. Es wächst eine Alternative, ein neues Miteinander, das ich nicht System nennen möchte. Dieses Miteinander lebt vom Vertrauen, Subsidiarität und Solidarität.

Ich werde Klimapilger

999_DSCN2895Es war eine Besprechung in Wien, zu der ich als „Pilgerexperte“ dazugestoßen wurde. Die Einladung lag da, der Zeitpunkt war ungünstig. Und doch wurde ich von innen her gestoßen, in die KOO zu gehen. Dort saßen einige zusammen und planten das „Klimapilgern“ für Herbst 2015 in Vorbereitung auf den Welt-Klima-Gipfel in Paris. Es war noch vieles ganz offen und im Laufe des Gespräches hat sich das alles konkretisiert. Eine erste Information steht auf der Website der KOO oder auf dem Web-Provisorium www.klimapilgern.at. Es geht um diese unsere Welt. Wir hören, dass wir vier bis sieben solcher Weltkugeln bräuchten, wenn wir unseren Lebensstil nicht ändern. Als begeisterter Öffi-Fahrer meine ich, dass ich selber schon etwas beitrage, diese „Welt zu retten“. Gerade die Videoreihe „viel mehr wesentlich weniger“, die zu Pfingsten auf ORF III laufen wird, hat mich in diesen Begegnungen noch mehr sensibilisiert, wachgerüttelt, aufmerksamer gemacht, ermutigt. Das Weniger und das Wesentlicher ist ein besseres Leben, als das viele Mehr.

Schmerzpunkte 

999_DSCN2713Schon lange bin ich überzeugt, dass Armut und Klima die beiden Brennpunkte der einen Welt bedrohenden Ellipse sind. An dieser Achse entlang wird die Welt abstürzen, wenn wir nicht nach einem anderen Leben suchen. Sie hängen außen und innen ganz tief zusammen. Unser Wohlstand in den „entwickelten“ Ländern, an dem bei uns auch weit nicht alle teilhaben können, basiert auf einer gefinkelten und neoliberal getarnten brutalen Sklaverei. Jean Ziegler oder Erwin Kräutler sind nur zwei Stimmen, die das klar erläutern. Diese Sklaverei erzeugt Schmerzpunkte auf der Weltkugel, die wir nicht sehen wollen. Die Ordensgemeinschaft der Helferinnen, mit denen ich einen Workshop gestaltet habe, haben alle Punkte genannt. Sie leben mit diesen Menschen an ihren Schmerzpunkten. Entwurzelte Familien, immense Einsamkeit, verhinderte Kreativität der MigrantInnen, wertlose Menschen im Prekariat. Das alles hat sich in diesem Gespräch über den Klimawandel und die Bedrohung der Weltkugel als Lebensbasis für uns Menschen widergespiegelt.

Das Pilgern und Gehen verändert uns

999_DSCN2604Die Idee, von Wien nach Salzburg über 21 Tage zu Fuß pilgernd mit diesem Thema unterwegs zu sein, hat mich gleich fasziniert. Es ist ja ein Stück meiner Formel: Weitgehen ist heilsam. 21 Tage 7 Stunde am Tag gehen. Einen „Rucksack der Alternativen“ auf dem Weg zu füllen, um ihn nach Paris zu bringen, war auch sofort geboren. Ich mache es kurz: Ich werde von 17. Oktober bis 8. November als Klimapilger auf der Strecke Wien – Salzburg unterwegs sein, entlang von Stationen, wo schon Ansätze eines anderen Lebens“ praktiziert werden.  Die Route ist noch nicht fest fixiert. Wer Ideen hat, bitte einfach dazu posten. Wir werden eine „Kerngruppe“ von 4-5 Personen sein, die die gesamte Strecke unter die Füsse nimmt. Ich spüre eine innere Freude. Dem Thema Klima gegenüber bin ich ganz Ohr. Der Weg wird uns auch in Pilgrim-Schulen, in Orden und Stifte, in Projekte führen, die ein gutes Leben gestalten. Ich freue mich auf diese Begegnungen und ich bin sicher: Es wird mich wieder einmal ein Stück verändern. Bereit dazu bin ich.

ORF III sendet die Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ als Pfingst-Inspiration

vmww_900Das freut mich ganz besonders. Die Pfingst-Inspiration nimmt heuer ORF III aus der Ordenswelt. Der Themenschwerpunkt „viel mehr wesentlich weniger“ – hier schon oft zur Sprache gebracht – wurde als Ouvertüre zum JAHR DER ORDEN 2015 konzipiert. Ordensleute kommen mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft und Politik ins Gespräch. Gemeinsam fragt man sich, was wirklich Wesentlich ist. Ich durfte als Kommunikationslotse die Gespräche begleiten.

ORF III sendet jetzt als Spezial von Pfingstsonntag, 24. Mai, bis Pfingstdienstag, 27. Mai, die komplette sechsteilige Gesprächsreihe.

Die Sendetermine:

Pfingstsonntag, 24.05.2015: 9:15 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (1/6)
„Mehr Widerstand“
Benediktiner-Abtpräses Christian Haidinger, Erster Vorsitzender der Superiorenkonferenz der männlichen Orden Österreichs, trifft den Waldvierter „Schuhrebell“ Heini Staudinger.

Pfingstsonntag 24.05.2015: 10:20 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (2/6)
„Weniger ist wesentlich mehr“
Sr. Beatrix Mayrhofer vom Orden der armen Schulschwester ist Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs. Sie diskutiert mit Schriftsteller Alfred Komarek.

Pfingstmontag 25.05.2015: 9:00 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (3/6)
„Mehr lokal“
Sr. Joanna Jimin Lee, Konzertpianistin und Missionarin Christi, und Sr. Cordis Feuerstein, Generalsekretärin der Frauenorden in Österreich und Dominikanerin, sprechen mit Toni Knittel, Musiker von Bluatschink.

Pfingstmontag 25.05.2015: 10:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (4/6)
„Der kanalisierte Mensch“
Pater Erhard Rauch, Generalsekretär der Superiorenkonferenz der männlichen Orden und salvatorianer, und Pater Bernhard Eckerstorfer, (Jugend-)Seelsorger und Lehrer am Benediktinerstift Kremsmünster, begegnen Prof. Dr. Rotraud Perner, Psychoanalytikerin, Juristin und evangelische Theologin.

Pfingstdienstag 26.05.2015: 11:05 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (5/6)
„Status aus dem Weniger“
Don Bosco-Schwester Elisabeth Siegl und Abt Johannes Perkmann von der Benediktinerabtei Michaelbeuern diskutieren mit Landeshauptmann-Stellvertreterin Dr.in Astrid Rössler.

Pfingstdienstag 26.05.2015: 12:10 Uhr
ORF-III-Spezial: Viel MEHR. wesentlich WENIGER (6/6)
„Mehr die eigene Berufung leben“
Sr. Anna Kurz, Ursulinen-Ordensfrau und Gymnasiumsdirektorin, und Br. Rudi Leichtfried, Kapuzinern am Wurbauerkogel in Windischgarsten, sprechen mit Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner.

Hier eine Zusammenfassung der „wesentlichen“ Eckpfeiler.

Zwei Katzen und das Sterben

999_judith_li_IMG_8187

St. Judith Tappeiner (links)

„The very first time.“ Zum allerersten Mal war ich am Donnerstag in der „CS Rennweg„. Es wurde mir verziehen, dass ich erst nach fast drei Jahren in Wien in das Haus gekommen bin. Ich habe schon so viel Gutes gehört und auch berichtet. Die CS Schwestern werden manchmal als die „bessere Caritas“ bezeichnet. Caritas Socialis heißt die Gemeinschaft der Ordensfrauen, die sich der Begleitung von Menschen jeden Alters verschrieben hat. Sie waren die ersten in Österreich, die eine stationäre Einrichtung für Sterbende eingerichtet haben. 20 Jahre sind seither vergangen. Diese Ordensfrauen sind „in der Tat vorausgegangen“. Ich komme in das Haus und ich spüre auf Anhieb, „hier haben sich Liebe, Empathie und Professionalität mit einem tiefen Engagement verknüpft“. Sr. Judith Tappeiner kommt mir strahlend entgegen, obwohl heute wegen des Geburtstagsfestes alles „anders“ ist. An ihr wird diese ruhig strahlende innere Freude sichtbar, spürbar. Wir kennen einander und doch bin ich erstmals in „ihrem Haus“.

Zwei Katzen in der Palliativstation

999_mosaik_IMG_8175

Mosaik in der Kapelle

Es gäbe so viel zu schauen, anzuschauen, wahrzunehmen. Die Kapelle mit einem wunderbaren großen Mosaik. Jeder Stein ein Individuum an seinem Platz in seiner Farbe. Wir gehen hinüber in die Palliativstation. Am Weg dorthin höre ich staunend zu, was in diesem Haus alles gemacht wird. Wenn es um das Sterben geht, dann sind die CS-Schwestern immer gefragt worden. Sie haben sich mit dieser Grenzerfahrung des Menschen seit langem ehrlich und ungeschminkt auseinandergesetzt. Sie haben den Tod in das Leben hereingenommen, wo ihn andere hinausgeschwiegen haben. „Wer im Sterben so begleitet wird wie hier, der denkt nie mehr an Sterbehilfe.“ Jede und jeder, der mir begegnet, trägt ein Lächeln im Gesicht. Es geht um die Begleitung von Sterbenden und diese Menschen schauen „glücklich“ aus. Ich durfte selber schon beim Sterben lieber Menschen dabei sein und habe diese Situation als „nährend“ erlebt. Der bekannte Linzer Strafrechtsprofessor Alois Birklbauer hat mir persönlich einmal erzählt, dass er einen Vortrag vor 500 PalliativärztInnen und -pflegerInnen in der Hofburg gehalten hat. 999_zi1_IMG_8177„Ich hätte damals im Vorfeld geglaubt, dass ich vor traurigen Menschen reden werde. Das Gegenteil: Es war das fröhlichste Auditorium das ich je hatte.“ Sr. Judith zeigt mir das Zimmer zum Abschied nehmen. Schöne Bilder an der Wand. Rundherum Sitzgelegenheiten für die Angehörigen. Utensilien, die das „Hinübergehen“ erleichtern können. Eine Gitarre ist von einem Sterbenden zurückgeblieben. Von ihr begleitet haben die Angehörigen den Sterbenden „hinübergespielt“. Und sie erzählt mehrere solcher Beispiele. Da kommt eine Katze in den Raum. Meine Augen gehen weit auf. „Ja, wir haben zwei Katzen hier auf der Station.“ Sr. Judith geht mit mir in den Gemeinschaftsraum der MitarbeiterInnen und dort liegt die zweite Katze und schläft. Sie gehören zum „Team“.  999_zi2_IMG_8178Und dann erzählt sie, dass eine Katze die Angehörigen tröstet und die andere den Sterbenden. „Immer dann, wenn sich die eine Katze lange zum Sterbenden legt, dann zeigt es, dass es bald soweit ist.“ Wir wissen die Geschichten, dass Vögel ans Fenster, dass Hyänen in Tansania in die Nähe des Ortes kommen, wenn jemand sterben wird. Es berührt mich, dass diese zwei Katzen hier mithelfen, das Hinübergehen anzudeuten und zu erleichtern. Wer hier ist, ist in guten Händen.

Widerstand leben und Alternativen zeigen

eu_info„Wir freuen uns, Ihnen die Mai Ausgabe Nr. 182 von Europeinfos zukommen zu lassen. Sie können die gesamte Ausgabe als PDF HIER herunterladen.“ Ich wurde eingeladen, für diese Nummer einen Artikel zur Zukunft der Orden zu verfassen. Dieser Newsletter geht an alle EntscheidungsträgerInnen in der EU und wird vom Brüsseler Büro der Bischofskonferenz erstellt. Ich möchte euch meine Überlegungen nicht „vorenthalten“:

Widerstand und Alternativen leben und zeigen

999_IMG_7956Ordensleute leben ein Modell, das in Europa unglaublich gesellschaftsrelevant und zukunftssichernd ist.

„Wo sind die Schmerzpunkte der heutigen Gesellschaft?“ Diese Frage treibt die Präsidentin der Vereinigung von Frauenorden in Österreich, Sr. Dr. Beatrix Mayrhofer, in Vorbereitung auf das 50-Jahr-Jubiläum der Vereinigung im Jahr 2016 um. Dahinter steht die Überzeugung, dass Orden immer einen konkreten Auftrag in der heutigen Gesellschaft erfüllen. Die Gründungen waren zum Großteil mutige und unkonventionelle Zugänge zur Not, zur Schieflage der jeweiligen Zeit. Und wie ist das heute? Hier in Europa? «Viel mehr wesentlich weniger» heißt eine Gesprächsreihe von Ordensleuten mit unkonventionellen Meinungsbildnern in Österreich. Da ist der Schuhproduzent und Finanzrebell Heini Staudinger genauso dabei wie der Schriftsteller Alfred Komarek, der Musiker Toni Knittel aus dem Lechtal in Vorarlberg, die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner, die Psychotherapeutin Rotraud Perner oder die Salzburger Landes-Politikerin Astrid Rössler. Die auf Video aufgezeichnete Gesprächsreihe (http://www.ordensgemeinschaften.at/wesentlich ) spürt einzig und alleine der Frage nach: «Wo ist der Platz der Ordensfrauen und Ordensmänner in der heutigen Gesellschaft?» Die Titel der jeweiligen Gespräche sind eine Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Befindlichkeit und als Alternative formuliert. Da geht es um «Mut zum Widerstand», «Weniger ist wesentlich mehr», «mehr lokal», den «kanalisierten Menschen», den «Status aus dem Weniger» und «mehr die eigene Berufung leben». Oder anders gewendet geht es um die Frage: was brauchen wir, auch in Europa, um authentisch und verantwortungsvoll zu leben? Der Vorsitzende der Männerorden in Österreich, Abtpräses Christian Haidinger OSB, hat das benediktinische Maßhalten vor Augen: «Es braucht ein neues Ausbalancieren von Mehr und Weniger, orientiert am Wesentlichen.»

Das Jahr der Orden 2015 ist ein Glücksfall, ein Kairos

In den Zielsetzung der österreichischen Orden heißt es im Masterplan zum Schwerpunktjahr: «Orden nehmen Verantwortung in Hinblick auf gesellschaftliche Themen wie Bildung, Gesundheit, Kultur und bei offensichtlichen Schieflagen im Bereichen wie Soziales, Spiritualität, Internationales wahr und stellen diese ‚ins öffentliche Licht’. Einzelne Neuaufbrüche und Transformationsprozesse werden pointiert ins Gespräch gebracht. Die Dynamik von Bewährtem und Neuem wird ausgelotet.» Wenn 78% der 3.800 Ordensfrauen über 65 Jahre sind und sich mehr als die Hälfte der 1.950 Ordensmänner längst im Pensionsalter befindet, braucht es Mut und Kraft, sich neu mit einem ‚Out-of-the-Box-Denken’ der Zukunft zu widmen. Das von Papst Franziskus ausgerufene Schwerpunktjahr entwickelt durch diese neue anregende Aufmerksamkeit zwei Richtungen: Den Blick nach innen, in die Verfasstheit und die Zukunftsfähigkeit der Gemeinschaften selber sowie ihre Kooperationsfähigkeit, ihre «Synapsenfähigkeit im Netz der vielfältigen Gemeinschaften». Die Gesellschaft und vor allem die Medien entwickeln eine neue Aufmerksamkeit, ein Interesse am Ordensleben. Ordensfrauen, die Prostituierten bedingungslos einen Weg aus der Prostitution öffnen, vernetzen sich selbst bedingungslos. Die kontemplative Lebensweise des Einsiedlers von Saalfelden lockt Menschen an, die ihr Sein neu sehen wollen. Das Gebet in und für die Menschen wird neu zugänglich. Das Tun und Dasein der Ordensleute wird interessant, wahrgenommen, neu wertgeschätzt.

Eine Alternative zeigen und vorzuleben versuchen

Wir leben heute in einer total ökonomisierten Gesellschaftsordnung. Alles wird am Mammon, am Geld ausgerichtet. Von den Ordensleuten wird immer sehnsüchtiger «Widerstand und Alternative» erwartet. Ein Beispiel: Der Privatbesitz spielt bei den Ordensleuten keine Rolle in einer Zeit, wo alle dem Besitz im individuellen Verständnis nachjagen. Das Ordensleben ist demgegenüber vom Community-Gedanken der Bibel geprägt. «Sie hatten alles gemeinsam.» Dieser Text aus der Apostelgeschichte ist heute vielleicht für viele unverständlich und doch spüren alle, dass Sharing, Co-housing und Gemeinwohlökonomie Schlüsselbegriffe der jungen Generation sind. Da können Ordensleute viel Wissen und Erfahrung zur Verfügung stellen und zugänglich machen: Leben nach klaren Werten, eingebettet in den Rhythmus der Rituale und auf Gemeinschaft und Solidarität ausgerichtet. Auch wenn sie eine nur eine vergleichsweise kleine Gruppe sind: Ordensleute leben ein Modell, das in Europa unglaublich gesellschaftsrelevant und zukunftssichernd ist. Das Lebensmodell nach den evangelischen Räten heißt wahrscheinlich heute: «einfach-ehelos-hören». Die Einfachheit der Armut, die Ganz-Verfügbarkeit von Gott her für die Menschen, und der Gehorsam gegenüber der gemeinsamen Aufgabe und dem Auftrag sind beispielhaft:, Sie sind ein Leuchtturm in einer Gesellschaft, die von Einsamkeit, Karrieredenken, Konkurrenz, Schnelligkeit und dauernden Rankings geprägt ist. Darum sagt auch der Musiker und Poet Konstantin Wecker in einem Gespräch im Stift St. Florian: «Geht in die Gesellschaft ohne Besitz.»

Freiraum für Gott und den Menschen öffnen

Wecker erhofft sich einen Anstoss: «Wie kann heute jemand für die spirituelle Welt geöffnet werden, dem jeder Zugang zum Nicht-Rationalen versperrt ist? Wahrscheinlich nicht, indem man Heiligenbilder verteilt. Es muss einen anderen Weg geben.» So wird nicht gesehen, wie viele Menschen sich sozial engagieren. Empathie existiert, aber sie findet sich nicht wieder in der Hierarchie der gesellschaftlichen Werte. Wecker sieht in den Orden einen Ort, der vielem Raum gibt – auch der Nutzlosigkeit: «Im Tun mit Hingabe und im Gebet verlassen wir die Zeit. Das Korsett unseres Zeitempfindens braucht eine Öffnung.» Weckers Wunsch an die Orden: «Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Aus der Empathie heraus das Liebevolle leben. Das tätige Mitgefühl.» Ordensleute entdecken selbst diesen Wert und Anspruch und nehmen die Zivilgesellschaft mit auf die «Entdeckungsreise». Das braucht Europa – mit den Ordensleuten.

Ferdinand Kaineder, Theologe, Kommunikationslotse und Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften Österreich www.ordensgemeinschaften.at

 

24 km Solidarität

999_IMG_765624 km Solidarität ist aber schon sehr wenig. Im Verhältnis zur Lage des blauen Planeten sogar ganz wenig. Und doch habe ich diese 24 km in besonderer Weise begangen. Es ist noch sehr morgendlich, wo wir in den Zug nach Schwechat einsteigen. Erstmals gehe ich mit bei Romaria. Der „Name“ kommt aus dem Portogiesischen und heisst dort einfach: Wallfahrt. Der „Zweck“  dieser Wallfahrt für und mit Flüchtlingen entlang von Orten der Solidarität liegt in der Öffnung und Sensibilisierung auf diese Menschen und ihre Situation hin. Es geht um meine, um unsere Öffnung und Sensibilisierung. Ich weiß, dass Gehen öffnet, dass der Weg und die Begegnungen sensibilisieren.  Meine Pressemeldung hat hoffentlich den Fokus getroffen. Wir sind abends erfüllt, ermutigt, geweitet in der U-Bahn  zurück gesessen. Mir sind erstmals das Pfarrnetzwerk, der muslimische Friedhof, das Haus Abraham, der Schubhaftseelsorger P.  Albert  und viele andere aus der „Asyl- und Flüchtlingsgemeinschaft“ begegnet.  Die in jeder Kirche erzählten persönlichen Erfahrungen bestätigen mein Bild von den politischen und öffentlichen Einrichtungen: Solidarität schwindet.

Ein Erdbeben erschüttert Nepal

999_IMG_7713Gar nicht mitbekommen habe ich, dass zur selben Zeit in Nepal ein dramatisches Erdbeben die touristisch viel besuchte  Gegend der höchsten Berge der Welt zertrümmert hat. Medial ging der Fokus sofort dorthin. Es ist, wie wenn der „Weltbeleuchter“ seinen Scheinwerfer dreht. Kameras sind dort, wo gutes Licht ist. Gestern Abend habe ich mich über den von mir sonst sehr geschätzten Armin Wolf etwas geärgert, wie er seine Fragen an die aus meinem Bergdorf kommende Katastrophenhelferin gestellt hat. Er hat so gefragt, als würden wir diesen Trümmerhaufen, der vergleichsweise über Österreich und der Schweiz verteilt ist, in ein paar Tagen wieder aufbauen. Die Katastrophe soll vom medial begleiteten Katastrophenkonvoi, der vergleichsweise in Bregenz landet und Österreih und die Schweiz in Trümmern „sieht“, so agieren, dass wir zur Solidarität ermutigt, sprich spenden und gleichzeitig den Eindruck bekommen, es wird alles gut. Nur keine Hilflosigkeit aufkommen lassen. Tun, exemplarisch tun. Keine Frage: Die Katastrophe gibt dem Menschenleben nur kurze Zeit. Die Medien haben auch nicht lange Zeit, denn schon könnte es sein, dass der Weltscheinwerfer woanders hinleuchtet.

Solidarität ist Zusammenhalt

999_DSC05469Zwei Dinge kommen mir angesichts der Berichterstattung in den Sinn:
1. Wirklicher Aufbau kann nur von den Menschen vor Ort in tiefem Zusammenhalt gelingen. Das braucht Zeit, Tatkraft und Geduld. Selbstlosigkeit und Ideen. Tiefe Kontakte und langfristige Ressourcen. Das habe ich 2011 in New Orleans mit eigenen Augen gesehen, wo 82 Milliarden Dollar die Stadt nicht aufrichten konnten. Anders bei den Vietnam-People in New Orleans, die ihr Stadtviertel in einem halben Jahr ohne einen öffentlichen Cent wieder hergestellt hatten. Dieses Beispiel an gewachsener und gepflegter Solidarität (gerade auch durch die Kirche dort) bleibt mir ein Leben lang ein motivierdes Bild.
2. Weltweitwandern oder die Schulschwestern (nur zwei Beispiele) haben sofort ihre Kontakte aktiviert und gewusst, dass es schlimm ausschaut. Beide schildern, wie sich Menschen gegenseitig helfen, einander unterstützen, wissen Namen einzelner Personen und wie es ihnen geht. Das ist jetzt die größte Hilfe: 999_IMG_7805Das Anwerfen der persönlichen Netzwerke in diese Gegend und die Ermutigung, wieder aufzustehen, sich und die Gebäude wieder aufzurichten. Natürlich wird es wieder Hilfsorganisationen geben, die sich medial in Szene setzen (müssen), damit Spendengelder fließen. Aufgebaut wird aber in kleinen Schritten, vor Ort, 99% von Medien unbegleitet. Ganz sicher zählt heute auch die große und weite spirituelle Öffnung auf diese Menschen hin, um an sie zu denken, sie in Gedanken zu begleiten, für sie zu beten, damit sie den Mut nicht verlieren.“ Lass uns wieder aufstehen“ , mögen dort viele denken. Und tun (können). So wie bei uns vor 70 Jahren.
24 km  ist nicht weit. Sie gehen aber heute über die ganze Welt. Der Planet gehört Gott und wir haben ihn alle mit denselben Rechten und Pflichten gepachtet. Barrieren und Zäune sind nicht Zeichen der Zusammengehörigkeit genauso wenig wie Wegschauen oder Gleichgültigkeit.

Der Krieg ist längst im Gange

999_IMG_7443#Mittelmeer #Flüchtlinge #EU #Minoritenplaz #gegenunrecht #JeSuisLampedusa und so weiter. Schlagworte, die Hilfsworte werden sollen. In Demonstrationen und Unterschriftenlisten. Ein Aufschrei angesichts der Menschen, die auf der Überfahrt ertrinken. Ausgeliefert an Schlepper, die Boote anfüllen, wie ich selber mir das nie vorstellen könnte. Was zieht nach Europa? Und was schiebt Menschen dort ab, weg, fort, wo sie eigentlich sein wollen? Die halbe Bundesregierung steht am Minoritenplatz und demonstriert ihre Betroffenheit und auch Hilflosigkeit. Sager gehen über den Platz und Symbole verdichten sie. Mediale Aufgeregtheit lässt viele aufwachen, hinausgehen. Politiker scheinen in ihre eigenen Büros zurückzurufen: „Es muss etwas geschehen.“

Was geht da vor?

998_IMG_7448Persönlich empfinde und spüre ich, dass diese Betroffenheit vom eigentlich Krieg ablenkt. Dieser „Krieg des Wohlstands“ zur Unterdrückung und Ausbeutung der Lieferanten geht schon über Jahre und Jahrzehnte. Ich konnte heute nicht unter den Tausenden sein und so haben wir am Kahlenberg drei Lichter in das Weihwasser gestellt (Foto oben). Es war mein, unser Memento an mich selber. Es ist unser, es ist mein Wohlstand, meine Lebensweise, die diesen Krieg des Wohlstandes unterstützt. Ich lebe von den Erträgen der Waffenlieferungen und den damit verbundenen Finanzgeschäften mit den Eliten der afrikanischen „Regierungen“. Ich weiß zwar nicht, wie ich das abstellen kann, aber ich profitiere davon. Ich schaue im TV bei Filmen mit, die den westlichen Wohlstand in Spielfilme verpackt exportieren. Die TV-Stationen veranstalten heute „Diskussionen mit tiefer Betroffenheit“ und spielen im Anschluss und davor die „Wohlstandsbotschaften via Hollywood“. Vieles in mir zuckt. Lässt mich aufschreien. Beten. Dann kommt der rettende Gedanke. Die Bundesregierung steht auf der Straße. Ihre Büros und Entscheidungsinstrumente sind gerade frei. Da sehe ich mich hineingehen ins Kanzleramt, ins Parlament, ins Ministerium und mich anrufen: „Lieber Ferdinand, wo schürst du den Krieg des Wohlstandes mit deinem alltäglichen Leben?“ Ich höre tiefes Atmen. Schweigen. Weint da wer?