Als Pilger-Pioniere am Barbaraweg unterwegs

1_8_IMG_1295IMG_2417„Innere Einkehr“ nennen die OÖNachrichten im Reiseteil unsere Erfahrungen am neu geschaffenen Barbaraweg in der Mittelslowakei Ende September. Mit 29 Frauen und Männer waren Gerlinde und ich als erste größere Gruppe unterwegs. Auf allen Ebenen „genährt“ sind wir heimgekommen: körperlich, mental und spirituell. Durchschnittlich 21 Kilometer und 1000 Höhenmeter pro Tag sind am neuen Barbaraweg in der Mittelslowakei zu schaffen. „Wo man früher Gold und Silber abgebaut hat, lässt es sich jetzt trefflich pilgern.“ Wir waren gemeinsam unterwegs, um unsere „eigenen Schätze“ zu heben. So hat Welt der Frau und Weltanschauen eingeladen. In jedem Fall wurde wieder klar, welche Kraft das gemeinsame Gehen und Pilgern freilegt. Vielleicht ist die Geschwindigkeit geringer, die Motivation und das Durchhaltevermögen werden enorm gesteigert, „genährt“. Gerlinde und ich waren im Vorfeld bei der Entstehung auch angedockt.

Eine wertvolle Gegend zugänglich machen

1_8_IMG_1449Vorbei an aufgelassenen Bergbaustollen, entlang sanfter Hügelkämme, durch Laubwald führen die neun vorgesehenen Tagesetappen in schmucke Dörfer und Städte wie Banska Bystrica, Kremnica, Zvolen und Banska Stiavnica. Hat man hier früher Gold, Silber und Kupfer abgebaut, so geht eine 29-köpfige Weltanschauen-Gruppe den inneren Schätzen nach. Sie pilgert. Vollmond löst von Osten her die im Westen untergehende Sonne ab. Das Wetter ist warm, manche sagen heiß. Der Abend fühlt sich gut an. Das Kesselgulasch wird von der Enkelin des Herbergvaters über dem Feuer umgerührt. Die Pilgergruppe hat auf der Terrasse mit Blick auf die Goldstadt Kremnica Platz genommen. Slowakisches Bier oder Radler löschen den Durst nach sechs Stunden Gehzeit am geografischen Mittelpunkt Europas vorbei. Der dritte Tag ist vom Gehen her immer der „stärkste“. Der Körper braucht Zeit, sich einzugehen. Die Markierungen sind klar und leicht zu finden. Der Turm der hl. Barbara, der Patronin des Bergbaues, gibt dem Weg die charakteristische Markierung. Bergbau hat die Gegend geprägt, reich gemacht, mit großem kulturellen Erbe beschenkt. Nord-Ungarn und Monarchie sind Worte, die immer wieder fallen. Blütezeiten und Niedergang wechseln einander ab. Heute atmet die Gegend wie nach einem längeren Schlaf tief durch. Aufwachen. Der Barbaraweg ist ein Indiz dafür. Man will diese wertvolle Gegend zugänglich machen. Für Geher und Pilger. Die Schätze im Berg begegnen den Schätzen in den Herzen der Menschen. Das Kesselgulasch nährt Geist, Seele und den Körper.

Common Church am geografischen Mittelpunkt Europas

1_8_IMG_1251Gestartet ist die Pilgergruppe in der Barbarakapelle in der deutschen Kirche in der Kreisstadt Banska Bystrica. Hinauf über das Bergbaudorf Spania Dolina, wo ein privates Bergbaumuseum erste Einblicke in die Geschichte der Region vermittelt, ist Stare Hory das Tagesziel. Dort entspringt „heiliges Wasser“. Das hat den Ort zu einem der drei großen Wallfahrtsorte in der Slowakei gemacht, Trinkflaschen werden gefüllt. Der zweite Tag führt die Pilger auf Waldwegen, auf der etwas gefährlichen Eisenbahntrasse auf mehr als 1200 Höhenmeter nach Skalka. Das Ski- und Langlaufzentrum ist wie ausgestorben. In der Abendsonne ist der Blick ins weite Land vom höchsten Punkt des Barbaraweges aus überwältigend, erhebend. Die Tagesetappe war 28 Kilometer. Alle haben es geschafft. Sind geschafft. Da hört sich der Weg zum angekündigten Kesselgulasch am dritten Tag mit 18 Kilometern und großteils „hinunter“ gut an. Die Kirche am geografischen Mittelpunkt Europas ist ein besonderes Zeichen. Warum? Vier Orte konnten sich keine eigene Kirche leisten. Genau in der Mitte haben sie ihre Gemeinschaftskirche errichtet. Common Church. Gemeinsam denken und handeln. Das täte Europa gut. Common Europe. Die Gruppe hat ihr Thema: Einheit in der Vielfalt. Gemeinsames Gehen braucht genau das Gespür für das Wir. Die Kräfte des Einzelnen werden vom mentalen Gummiringerl, das die Gruppe umfasst, zusammengehalten: Rücksicht, Ermutigung und Antrieb.

Wir sind die Premiere

1_8_IMG_1535Die 29 Frauen und Männer sind die erste größere Gruppe, die diesen heuer am 1. Mai eröffneten Pilgerweg geht. Der Johannesweg im Mühlviertel stand ein wenig Pate. Der Barbaraweg füllt allerdings eine ganze Gehwoche und ist doppelt so lang. Daher immer wieder die Frage: Wie ist der Weg? Bis auf einen kleinen Zwischenfall über eine Bahnbrücke (morsche Bretter) nur positiv. Der Kirchturm von Kremnica ist ein Muss. Die enge Wendeltreppe aus Stein, das Seil zum Anhalten und die Aussicht, die Übersicht, bleiben in Erinnerung. Bisher begleiten die Pilgergruppe wunderbare Wege, schöne Aussichten, vielfältigste Natur und gastfreundliche Menschen. Ein Nachschlag beim Kesselgulasch ist genauso angebracht wie das abendliche Glas slowakischen Weins. Die vierte Tagesetappe stellt sich als die anspruchvollste heraus. Wiesenwege, weite Waldstrecken, freies Gelände durch das Hron-Tal unter Autobahn, Schnellstraße und Zug durch hinauf und hinunter in den Thermalort Sklene Teplice liegen unter den Füßen. Annähernd 30 Kilometer. An diesem Septembertag ist es heiß. Dazu verliert die Gruppe aus gemeinsamer Unachtsamkeit für eine halbe Stunde die Markierung. Lagen davor noch alle vergnügt unter den Obstbäumen in der abendlichen Sonne, so weichen Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Müdigkeit. Einige sehen beim Abstieg deshalb die knorrigen Eichenbäume nicht mehr, der Weg in der felsenlosen Schlucht wird als anstrengend erlebt.

Thermalbad mit erfrischenden Anwendungen

1_8_IMG_1654Nach zehn Stunden Gehen ist die Dusche und ein Abendessen der Himmel der Pilger. Morgen ist Rasttag. Durchatmen. Das Thermalbad wird genossen. Es tickt noch etwas kommunistisch. Alles geregelt. Ordnung muss sein. Das beginnt bei der Frühstückszeit. Aber die Gruppe ist Welt anschauen und kann es als Erfahrung einordnen. Wer das Fremde nicht zulässt, bleibt daheim. Die verschiedenen Anwendungen des warmen Thermalwassers und die Massagen bauen auf für den Weg in die Weltkulturerbestadt Banska Stiavnica. Es braucht fünf Stunden am Weg dorthin. Begleitet wird die Gruppe von einer Herde Fleckvieh am Weg. Bevor die Stadt selber sichtbar wird, taucht das ausgeklügelte Teich- und Wassersystem der ehemaligen Silberstadt auf. Heute wird der Rucksack abgelegt, die Badesachen ausgepackt, das Wasser spendet Abkühlung. An der mächtigen Dreifaltigkeitssäule in der Stadt erwartet uns wieder der versierte und einfühlsame Fremdenführer Branislav Stancik, ein Mitkreator des Barbaraweges.

Einfach eine schöne Stadt

1_8_IMG_1819Die erste technische Montanhochschule der Welt wurde hier von Kaiserin Maria Theresia errichtet. Die Stadt Banska Stiavinica ist ursprünglich, etwas avantgardistisch, die Cafes – einfach schön. Gut, dass hier in den vergangenen Jahrzehnten niemand investieren konnte. So wird jetzt das Alte mit viel Liebe Gästen zugänglich gemacht. Wir trinken Kaffee um 1,20 Euro und abends Bier um 1,60 Euro. Und die Unterkünfte – überall sehr sauber, gutes Essen und freundlich. Auch der Kalvarienberg der Silberstadt ist ein Gesamtkunstwerk und gehört sicherlich zu den Highlights des Weges hinüber nach Svaty Anton. Der Weg führt direkt durch die Wohnsilos, die allerdings durch ihre Farbe nichts an vermuteter Trostlosigkeit ausstrahlen. Wiesen und Felder rundum sind von extensiver Bewirtschaftung geprägt.

Viel Weltkulturerbe am Weg

1_8_IMG_1824Sieben Gehtage stehen der Pilgergruppe zur Verfügung. Ein Tag Anreise und ein Tag Abreise mit dem Zug macht zusammen mit einem Relaxtag im Thermalwasser 10 Tage. Das übersichtlich gestaltete Begleitheft zum Barbaraweg kennt neun Etappen. Der sechste Gehtag wird nach fünf Gehstunden mit dem Linienbus nach einem ausführlichen Schwimmen in der Wasseranlage von Bansky Studenec nach Zvolen abgeschlossen. Das Busnetz ist sehr gut ausgebaut. Zwei Mitglieder der Gruppe wollen das Ziel Zvolen gehend erreichen. Nach sechs Stunden treffen sie auf die Gruppe: Der Weg ist gehend machbar. Hier zeigt sich, dass die unterschiedlichen Voraussetzungen der Pilger und Pilgerinnen in einer großen Gruppe bremsen. Der letzte Tag war vom Wetterumschwung geprägt. Es war Kälte, in der Nacht hat es zu regnen begonnen. Eine Wohltat für die Natur.

Enttäuschender Pfarrer und gastfreundliche Hochzeitsgesellschaft

0_OÖN_IMG_1952Die Holzkirche in Hronseck ist Weltkulturerbe. Die Mesnerin der evangelischen Gemeinde sperrt gerne auf. Kein Eisennagel, nur Holz hält die zweistöckige Kirche zusammen. Alle haben sich regenfest gemacht. Nach kurzer Zeit ist aber der Regen zu Ende. Fünf Stunden geht es noch über weite Hügel und erhebende Weitsichten zurück ans Ziel, zum Ausgangspunkt, die Barbarakapelle in der deutschen Kirche von Banska Bystrica. Dort angekommen, macht der forsche Pfarrer einen Strich durch die Rechnung. Er verweist uns Pilger resch aus der Kirche. Eine enttäuschende Erfahrung für Menschen, die durch den gemeinsamen Weg spirituell und mental geöffnet wurden. Aber: Ein Brautpaar, das gerade in dieser Kirche geheiratet hat, geht mit einem Schnapserl auf die Pilger zu, die Fremden. Verwerfung in der Kirche und pure Gastfreundschaft der einfachen Menschen. Wir singen der Hochzeitsgesellschaft mehrstimmig ein Lied: „Viel Glück und viel Segen.“

Die hl. Barbara gibt dem Weg den Namen

1_8_IMG_1923Benannt wurde der Weg nach der Schutzpatronin der Bergbauleute – der heiligen Barbara. Sie war eine Christin, die fest zu ihrer Überzeugung gestanden ist. Sie musste dafür sogar ihr Leben geben. Die alten Bergbaustädte in der Mittelslowakei wurden ursprünglich von deutschen Siedlern gegründet. Daher befinden sich auf der Strecke Orte wie die „goldene Stadt“ Kremnitz mit der ältesten Münzprägeanstalt der Welt und die „silberne“ Stadt Schemnitz (Banská Stiavnica), die von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde. In der „kupfernen“Stadt Neusohl (Banská Bystrica) wurde einst Kupfer gefördert. Würde mich wer fragen, wie ich den Weg in einem Satz zusammenfassen würde: „Der 190 Kilometer lange neue Barbaraweg erschließt entlang einzigartiger Naturparadiese, historischer Bergbaustädte, geschützter Kulturdenkmäler und kunstvoll verzierter Kirchen in den Begegnungen das eigene Herz.“

1_8_IMG_1240OÖN-Artikel
Weltanschauen Reisen
Welt der Frau Magazin
Der Barbaraweg ist bereit (Links)
Als sehr hilfreichen Kontakt zum Barbaraweg empfehle ich den Fremdenführer Branislav Stancik.

Eine Studentin hat die Gruppe mit einer Videokamera begleitet.

 

 

Flüchtlinge offenbaren die Geschichte der scheiternden Zivilisation

Im letzten Beitrag habe ich erzählt, dass ich den Autor der Buches „Das Ende der Megamaschine“ Fabian Scheidler in Berlin getroffen habe. Der Untertitel „Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ macht schon etwas betroffen. Und doch spüren wir gerade in diesen Tagen, dass diese über die letzten Jahrhunderte und speziell in den letzten Jahrzehnten sich „entwickelnde“ Zivilisation ihr Scheitern nicht einsehen will. Persönlich bin ich mit vielen einer Meinung, dass die Causa Griechenland das demokratische Projekt Europa zum Scheitern gebracht hat. Alle demokratischen Prozesse wurden ausgeschaltet und die Geld-Ökonomie hinter verschlossenen Türen hat entschieden. Die Mainstream-Medien haben das natürlich anders gebracht, bringen müssen. Sie hängen ja an dieser „Megamaschine“ und verdienen dort mit. Aber jetzt haben die tausenden Flüchtlinge die Offenbarung zu Tage gefördert. Die EU ist am Ende. Die Grenzen gehen hoch. Fussballstadien fassen 60, 80 ja 100.000 Menschen. Kein Problem. 200.000 Flüchtlinge werden für ganz Europa „das“ Problem. Wir könnten, aber wollen nicht. Wo kein Wille, da kein Weg. Das derzeit laufende System will niemanden hereinnehmen, sondern spukt aus.

Das gemeingefährliche Weltfinanzsystem

Scheidler_IMG_2160Lasst mich jetzt bitte lang zitieren und aus dem Buch von Fabian Scheidler abschreiben: „Fast alle Menschen, mit denen ich in den letzten zehn Jahren gesprochen habe – ob konservativ, linke, öko-bewegte, junge oder alte -, glauben nicht mehr an die Zukunft des Systems, wenn sie ehrlich sind und die professionellen Masken ablegen. Doch zugleich herrscht eine beklemmende Ratlosigkeit. Das Räderwerk scheint, obwohl offensichtlich sinnlos und zerstörerisch, nicht zu stoppen. Nach dem Fiasko von jahrzehntelangen Klimaverhandlungen, die mehr CO² verbraucht als eingespart haben, ergebnislosen Welthungerkonferenzen und bestenfalls kosmetischen Reparaturen an einem gemeingefährlichen Weltfinanzsystem erwartet heute kaum noch jemand ernsthaft, dass von Regierungen eine globale Trendwende zu erwarten ist. Obwohl das Wissen über die verhängnisvollen Folgen eines Weiter-so mit jedem Tag wächst, halten die Kapitäne der Großen Maschine unbeirrt Kurs in Richtung todsicherer Havarie. Das umso seltsamer, als es nicht, wie oft behauptet wird, an Alternativen fehlt.“ Scheidler schildert die Alternativen: Die Landwirtschaft könnte binnen Jahren auf ökologischen Landbau umgestellt werden.  40 % der Treibhausgase wäre weg. Gemeinwohlorientierte Geldsysteme könnten leicht die Finanzcasinos ersetzen. Wenn man will. Dezentrale Energiesysteme, öffentliche Verkehrssysteme, kreative Bildungssysteme und die konsequente Gemeinwohl-Orientierung sind sofort machbar. Und Scheidler fragt: „Warum ist eine Zivilisation, die sich weltweit als Trägerin der Vernunft und des Fortschrittes inszeniert, unfähig, einen offensichtlichen selbstmörderischen Pfad zu verlassen und die Richtung zu ändern?“ Das System hat mit der Verschuldung vieler Akteure eine unglaubliche Abhängigkeit erzeugt. Und: 25 % des Weltsozialproduktes beschäftigt 0,75 % der Bevölkerung. Also: Eine Finanz-Elite hält sich die Bevölkerung, die Menschen vom Leibe. Da sind wir bei den Flüchtlingen: Sie lassen sich nicht aufhalten und gehen und gehen. Sie kommen und wir sollten ihnen Raum geben, damit die Krise sich verschärft. Gebt der Krise Raum, damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Krise heißt nämlich Chance. Chance für ein demokratisches und Menschen gerechtes Europa. Die Fremden und Flüchtlinge können uns vor unserem eigenen gemeingefährlichen Europa retten. Und von den Medien wünsche ich mir, nicht nur das „Was“ und „Wie“ der Flüchtlingskrise zu berichten, sondern auch das „Warum“: Waffenhandel, fossile Interessen, Menschenhandel, Drogenhandel und Geldtransaktionen kennen keine Grenzen. So scheitert die Zivilisation. Nicht wegen der Menschen, die zu uns kommen (müssen).

 

Solidarisch wandeln

#SoliKon

#SoliKon

Soli-Küche

Soli-Küche

Die Wandelwoche habe ich versäumt. Den Kongress zur Solidarischen Ökonomie in Berlin habe ich von Donnerstag bis heute Sonntag miterlebt. Ein ganz kleines Stück auch mitgestaltet mit dem Workshop „Gemeinsame leben – solidarisch wirtschaften„. Sehr oft habe ich den Hashtag #solikon auf Twitter verwendet. Das ist eine ganz feine Art, Wahrnehmungen so zu notieren, dass auch andere davon profitieren können. Wissen teilen und mit anderen Wahrnehmungen in Verbindung bringen. Und so wie es meine Art als „Local Detective“ ist, lasse ich mich auch ein wenig durch Berlin „treiben“. Zu viele Vorbereitungen versperren den Weg, Neues und Überraschendes kennen zu lernen. Weil: Nichts geht spurlos vorbei, wenn deine Aufmerksamkeit dabei ist. Neugierde vorausgesetzt. Deshalb wieder nur die Zugfahrt und die Unterkunft im evangelischen Kloster Segen vorbereitet, eingefädelt. Es ist mit der Strassenbahn M10 direkt vor dem Hauptbahnhof vorbei am Mauermuseum bis zur Eberswalderstraße sehr gut erreichbar.  Ich werde sehr zuvorkommend nach der Nachtfahrt mit dem Zug begrüßt. Der Kongress ist ihnen im Haus kein Begriff. Aber wahrscheinlich auch 99% der LeserInnen. Ich bewege mich in diesem Zusammenhang auch außerhalb des Mainstream und der Mainstream-Medien.

Wird das Ende barbarisch sein?

Paul Singer

Paul Singer

"Merkel's Hütte"

„Merkel’s Hütte“

Der Kongress mit etwa 1.000 Personen, ungefähr 100 Workshops, Podien und Plena ist in der technischen Universität angesiedelt. Das widerspricht schon der tiefen Zielsetzung nach der ganzheitlichen Betrachtungsweise, nicht nur der technisch-ökonomischen. #LaudatoSi schwingt bei mir die ganze Zeit mit. Soziale Ausgrenzung, Prekarisierung eines großen Teils der Menschheit und Naturzerstörung sind der zerstörerische Kern der jetzt gängigen Wirtschaft. „Der Zauberstab des Wachstums ist am Ende.“ Diese jetzt laufende Geld-Ökonomie kombiniert mit dem Wachstums-Paradigma lässt uns an die Wand fahren. „Wird das Ende barbarisch sein?“ steht auf den Freecards. Und die Griechin Georgia Bekidraki von Solidarity4all lässt den Satz fallen: „Gebt der Krise Raum, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.“ Sie denkt an ein neues solidarisches, partizipatives und demokratisches Europa. Der grüne EU-Abgeordnete Sven Giegold bringt es auch auf den Punkt: „Die undemokratischen Entscheidungen hinter verschlossenen Türen müssen ein Ende haben.“ Alle applaudieren. Wir spüren es. Nicht DemokratInnen regieren, sondern Lobbies und Konzerne. TTIP und Ceta ist das neue Spielbrett, das sie beschlossen haben wollen ohne Beteiligung der Parlamente. Sie wollen ihr Spiel ungestört spielen. Auf Kosten der Milliarden Menschen. Demokratie und Partizipation sind Schlüsselbegriffe. Ich denke an mein Bergdorf daheim, wo das auch von den neu antretenden Parteien gefordert wird gegenüber der „Absoluten“. Mitbestimmen und Transparenz. Im Großen wie im Kleinen. Solidarische Ökonomie braucht eine intensivere Verknüpfung, eine „gemeinsame wahrnehmbare Stimme“ und mehr „Sichtbarkeit nach außen“. Tolle Projekte habe ich gesehen. Die gesellschaftlichen Eliten sehen sie nicht. Gut, dass der Papst immer wieder auf sie hinweist wie auf die Genossenschaftsbanken. Es ist der Weg zu einem neuen Geldsystem, das wir brauchen. Oder das Ende wird barbarisch sein – wie schon so oft in der Menschheitsgeschichte. Der Sündenfall: Geld kann kein Geld schaffen. Es ist dann schon berührend, den brasilianischen Staatssekretär für Solidarische Ökonomie Paul Singer (Foto) noch zu sprechen. Dort waren die Kirchen federführend. Ich denke: Eigentlich ein Verbrechen, dass Johannes Paul II die Befreiungstheologie ermordet hat. Ich sage es. Singer lächelt und nickt. Jetzt gleitet die Kirche ins Abseits. Papst Franziskus tut alles dagegen. Aber wer hilft ihm? Dort und da.

Zwei Bücher eingepackt

03_IMG_213509_IMG_2322Bei einem Workshop durfte ich Fabian Scheidler persönlich kennen lernen. Der hat die Menschheitsgeschichte darauf untersucht, warum wir da sind, wo wir uns gerade befinden. Sein Bild ist die „Megamaschine„. Mit diesem Bild erläutert er die Machtvorgänge, das Geldsystem und zeigt eventuell einen Ausweg. Aber: Die Maschine läuft aus sich heraus und sie bewegt sich zum Teil ja selbst programmiert. Die mächtigen Eliten haben es sich so gerichtet, dass sie immer profitieren. Selbst oder gerade Krisen sind Geldbringer, Machtgaranten. Wer diese Gedankengänge und das Wissen um unsere Geschichte einmal so gedacht hat, wird unweigerlich „systemkritisch“ werden müssen. Immer wieder fällt mir der Traum von Franz Jägerstätter ein: Der Zug fährt in den Abgrund und so viele wollen mitfahren. Solidarische Ökonomie ist die Alternative. Ich bin da, weil dieses Konzept von Orden schon immer in gewisser Weise gelebt wurde. Es geht heute darum, eine gesellschaftliche Alternative zu leben. Nicht Geld, Gewinn, Monetarismus stehen im Vordergrund, sondern „enkeltaugliche, solidarische und ökologische Lebensstrukturen“. Bei Workshop „Es braucht ein neues Hören“ sind wir schließlich bei der Spiritualität und Liebe gelandet. Viele lehnen hier aufgrund der Herrschafts- und Gewaltgeschichte der Kirche kirchliche Betrachtungsweisen ab. Aber im Klang einer Schale oder Glocke spüren wir etwas, was uns öffnet für einen größeren Raum als den der Vernunft, der Preistaferl, der Oberfläche. Ich bin überzeugt, dass wir scheitern, wenn wir uns diesem spirituellen Raum (für uns ChristInnen „Gott“) gegenüber nicht öffnen. In die Tiefe hinein. Die Stille kann uns das lehren, wenn jemand mit Spiritualität Schwierigkeiten hat. Oder das Gehen, das Pilgern. Und genau das Gehen am Abend in der Veteranenstraße am Prenzlauer Berg, wo mein Kloster liegt, fällt mir ein anderen Buch in die Hand. Pierre Rabhi, Glückliche Genügsamkeit. Es ist ein Büchlein, das ich gleich hier „verschlungen“ habe. Bitte im Buchhandel bestellen. Amazon fährt mit uns an die Wand, weil sie alle regionalen und lokalen Strukturen vernichten.

Vielfalt in Berlin

08_IMG_232006_IMG_2252Übrigens, den Blogbeitrag schreibe ich im Cafe Krone sorglos in der Oderberger Straße. Wer diese Straße und Gegend schon einmal besucht hat, wird Vielfalt und Regionalität verstehen. Kein Einkaufszentrum weit und breit. Eine Frau hat mir gestern spät abends beim Gießen ihrer Straßenblumen erzählt, dass diese Straße schon zur Zeit der DDR „anders, kreativer und widerständiger“ war. Die Balkone voller Blumen, die Straße in ihrer Breit voller Cafes und Gaststätten. Menschen sind am Wochenende einfach da. Unkompliziert. Auch ich werde so behandelt. Gestern war ich am Alexanderplatz Zeuge des Festes der Berliner Kirchen. „Zufällig“ habe ich die Ankündigung vor die Augen bekommen. Und dann treffe ich wieder „zufällig“ meinen früheren Ausbildungskollegen Michael aus Berlin und Sr. Klara von den Franziskanerinnen von Siessen. So aufgeweckte Ordensfrauen „mag ich“. Und sie haben Nachwuchs. Kein Wunder. Dass mich ein Münchner zur Laser-Show beim Bundestag „entführt“ war Frucht eines Nachfragens nach dem Weg. Er erläuterte mir, dass er mehrmals im Jahr aus dem Dorf München in die Großstadt Berlin fährt. Er mag die Weite. Ja, das mag ich auch. Kilometer weit kann ich gehen und sehe, dass sich die Stadt Platz genommen hat. Vielleicht ist das auch der Grund für die Vielfalt. Die Weite im Kopf. Aber auch die ist hier in Berlin bedroht durch „Investoren“, die Platz kaufen und maßlos verbauen, verbrauchen und dafür kassieren. Pierre Rahbi schreibt auf Seite 47: „Ja, das Gold hat die Menschheit verrückt gemacht. Und es ist schockierend, festzustellen, wie viel verborgene Kraft eine Sache besitzt, die doch nur Metall ist.“ Ja, dieses Büchlein wird Folgen haben. Auch für mich.

 

 

 

 

mit F

OÖN

OÖN

Es gibt Zeiten, wo eine gewisse Vibration in der Luft liegt. Eine positive Erregtheit. Die erste Verliebtheit gehört genauso dazu wie das Ende einer Schwangerschaft. Etwas ganz Neues soll die Welt erblicken. Erstmals. Nach einem langen Übergang zeigt sich der Berggipfel und es sind nur mehr zehn Minuten. Wir sind oben.

Die neue CD erblickt das Licht der Welt

In den letzten Tagen haben wir so etwas erlebt. Drei junge Musiker sind uns als Familie zutiefst verbunden. Und jetzt ist es soweit. Morgen 28. August 2015 erscheint ihre neue CD „mit F“. Es ist wie eine Geburt. Einfach spannend, wie die Musik bei den Menschen ankommt. Wenn die Drei auf der Straße spielen, ist ihnen eine große Menschentraube sicher. Wir sehen, dass ihnen das Musizieren wirklich Spaß macht und dass sie zu wirklichen Profis herangereift sind. Und: Je öfter ich selber diese CD höre, umso tiefer dringt diese Musik in mich ein. Humorvoll, schwungvoll bis nachdenklich, ruhig. Einfach rockig. Es tut gut, wenn junge Menschen die Breite des Lebens in Musik gießen können. Gratulation den Dreien. Allen anderen sei gesagt: Die CD gibt es in ganz Österreich und praktisch überall, wo es CD’s gibt. Es versteht sich, dass sie auch als Download zur Verfügung steht. Dass die Medien bis hin zur ZIB 9 so breit berichten, ist ein gutes Zeichen dafür, dass das Neugeborene bald laufen wird.

Wer die „folkshilfe“ live hören will, hat hier die Gelegenheit dazu:

6.10 München
17.10 Linz
21.10 Innsbruck
22.10 Dornbirn
24.10 Graz
04.11 Wien
07.11 Melk
01.04 Salzburg

www.folkshilfe.at 

Das Klimapilgern zieht Kreise und lädt ein

IMG_0525Auch wenn ich selber „ganz schön tief oder hoch“ im Urlaub stecke, nutze ich einen Zwischentag, um auf ein paar aktualisierte Informationen zum Klimapilgern hinzuweisen. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen anfragen, ob sie stückweise mitgehen können. Auf der Website sind sowohl die Route als auch die Tagesetappen gut ersichtlich. Der Rucksack der Alternativen, den wir am Weg füllen (lassen) wollen, wird ab September „geöffnet“. Auf Facebook kann jede und jeder schon „liken“. Würde uns freuen. Ich selber werde nach Paris zum Weltklimagipfel reisen. Gleisnost hat die Tickets für die Züge schon geschickt. Die beiden letzten Tage werden wir mit den deutschen KollegInnen „auf Paris zugehen“. Wird ein spannender Herbst.

Meine Motivation

999IMG_0427Der neunt höchste Berg von Vorarlberg (Hohes Rad 2.934m) war auf der Rückreise aus der Schweiz unser Ziel. Erstmals mit der Montafoner Bahn und Bus auf die Bieler Höhe. Ich kann das Reisen mit den Öffis so richtig genießen. Auf der Wiesbadener Hütte in der Silvretta (2.443m) wurde mir auf Schautafeln wieder einmal sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, welche unmittelbaren Auswirkungen die Klimaveränderung auf die Umgebung der Hütte hat. Das Tempo der Veränderung nimmt in den letzten Jahren dramatisch zu. Vor 150 Jahren wurde erstmals der Piz Buin bestiegen. Seither sind die Gletscher schwer zurückgegangen. Es ist die Zeit der Industrialisierung. Die Zusammenhänge sind weiter zu denken, als für den aktuellen Wahlkampf gebräuchlich. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wieder ein großes Stück Motivation, „sich auf den Weg zu machen und nach Alternativen Ausschau zu halten“.

Wie geht Reduktion?

999IMG_0438„Das Gehen, das Pilgern über drei Wochen hat für jeden Menschen „heilsame Wirkung“. Sowohl körperlich als auch mental und spirituell öffnen sich neue „Zugänge“ zum Leben. Unsere gesellschaftliche Kernfrage ist nicht Wachstum, sondern: Wie geht Reduktion, ein Weniger, das Wesentliche. Gewohnheiten kommen in Gang und eine tiefe Erkenntnis geht von selber auf: das Leben hat in einem Rucksack Platz. Wir werden hinhören auf die Menschen und Initiativen, die schon Alternativen leben. Das nehmen wir im „Rucksack der Alternativen“ mit auf den Weg, bis zum Weltklimagipfel in Paris. Und aus Erfahrung kann ich sagen: Weitgehen verändert das Herz, die Seele, das Denken und Tun.“ Das habe ich für die Website als tiefe Motivation geschrieben. Die Einladung zum Mitgehen steht.

Der Genuss, Produkt zu sein

9DSC_0247Da gibt es Emails, die kommen bis in den Eingang und dann sind sie mit einem Klick vernichtet. „Es ist nicht zum derlesen“, hat dieser Tage ein Ordensmann gemeint. Ganz ehrlich: Da ist er nicht alleine. Mir geht es auch oft so. Viele scheitern in der Kommunikation am Unwesentlichen, weil sie den Löschen-Button nicht betätigen. Beim Email von „Social Media Watchblog“ bin ich vorsichtig. Da ist fast immer was „drinnen“. Diesmal fällt mir die Zwischenüberschrift auf: Vom Genuss, ein Produkt zu sein“.

Subjekt und Produkt

„Wenn du nichts dafür zahlst, bist du das Produkt – so lautet ein Standardsatz zu Social Media, mit dem die Vorstellung einhergeht, dass Social Media User von den Plattformen nur manipuliert und ausgenutzt werden. Rob Horning stellt dem die These entgegen, dass es gerade das ist, was User an diesen Plattformen genießen: Zum Produkt zu werden.“ Das macht mich stutzig. Hat der Mensch bisher immer als Ziel vor Augen, zum selbstbestimmten Menschen zu werden, so mutiert er in den sozialen Netzen zum „Produkt“, zum Objekt von undurchsichtigen Zusammenhängen. Und das macht ihm noch dazu Spaß. Er ist ein vernetztes Produkt, liegt nicht alleine herum, gehört dazu. Auch wenn der Mensch heute das Gefühl hat, dass er der Erschaffer des Produktes seiner Selbst ist, so bleibt die bange Frage: Wie wirkt sich das Produkt-Paradigma auf die Seele aus? Auch in der Markenwelt bildet sich jede Marke in einem „typischen Produkt“ ab. Will es und soll es. Bevor ich  nun den Urlaub antrete, muss ich mir noch überlegen, ob ich mich als „Urlaubs-Produkt“ entwickle oder der Raum doch etwas größer und fundamental freier wird. Eines weiß ich: Weite Offline-Strecken werden die Lust am Produkt-Sein und sich als Produkt zu schaffen reduzieren. Es macht mich eher kribbelig, wenn Menschen sich genussvoll zum Produkt entwickeln (lassen). Aber: Wenn ich zahle, bin ich Subjekt. Wir werden sehen.

Kein Plagiat zum Neoliberalismus

sws2009 war ich mit einer Presse-Reise in Berlin. Wir saßen alle erwartungsvoll an den Tischen. Da kam er. Er betritt den Raum. Schwang sich – ja, so tat er es – über den Tisch und nahm Platz. Karl-Theodor zu Guttenberg. Schaffte er sich bei uns noch den Tisch, stolperte er 2011 über die „Plagiatsaffäre„. Abgeschrieben. Das nahm ich mir zu Herzen. Abschreiben ist ein großes Vergehen. Schon in der Schule war bei der Schularbeit öfter der Augenwinkel „schräg suchend“. Einer meiner Kollegen war damals Sepp Wall-Strasser. Mit ihm war ich am Ortler. Weltumspannend, Frieden und Gerechtigkeit sind seine tiefe Leidenschaft. Er war und ist zeitlebens ein Pionier. Er hat „gerochen“, was in der Luft liegt und hat gehandelt. Schon Ende der 70-er Jahre einen „Friedensmarsch“ zu initiieren, war das Zeichen seiner antizipativen Fähigkeiten. Seit Jahren prangert er die Entsolidarisierung in Griechenland an und vernetzt sich mit dortigen GewerkschafterInnen. Heute zitiere ich ganz offiziell aus seiner FB-Seite. Ich schreibe es nicht selber, weil es ausdrückt, was uns verbindet. Er betrachtet die Zeit jetzt, die beschrieben, betrachtet, bewertet, beurteilt werden muss. Sepp ist inspirierend und „am Punkt“. Selber geschrieben könnte nur ein Plagiat werden. Franz Jägerstätter hat im Traum den Zug gesehen, der ins Verderben fährt und auf den alle aufspringen wollen. Das hat meine Wahrnehmung seit Jahren geprägt. Sepp Wall-Strasser bezieht sich im Text, der Analyse auf das Buch „Die Verrohung der Mittelschicht„:

Der Giftcocktail für unsere Zukunft

edition„Nach 20 Jahren Versuch, Neoliberalismus zu entlarven und zu bekämpfen muss ich jeder dieser Beobachtungen zustimmen. Die Gehirnwäsche ist so weit fortgeschritten, dass das Extreme nicht mehr als extrem, sondern als Normalität wahrgenommen wird. Deutschland marschiert nicht mehr mit dem stampfenden Stiefel Richtung Vormachtstellung, sondern schwingt sich mit der „sanfteren“ und zunächst unsichtbaren Methode des Erfolgreichen und Tüchtigen an die Spitze. Am Ende wid trotzdem der Stiefel wieder marschieren. Das zieht sich durch ganz Europa. So z. B. das Gleiche zu beobachten in Skandinavien: einst wirkliche Vorbilder, wurden vor allem Schweden und Finnland in den letzten 10 Jahren immer mehr von den Neoliberalen verdächtig oft gelobt für ihre „gelungenen Reformen“. Nun ist ihre Gesellschaft gespalten, und „plötzlich“ tauchen Hardcore-Extremistenparteien auf. Finnland wird zum Falken im Kampf gegen Griechenland und Russland….. Nichts fällt vom Himmel. Wir alle stehen fast ohnmächtig vor diesem riesigen gesellschaftspolitischen Tsunami. Früher hab ich mich oft gefragt, wie es möglich war, dass die Menschen die großen Verhetzungen – sei es den Hurra-Patriotismus vor dem 1. Weltkrieg oder den Wahn des Nationalsozialismus – nicht durchschaut haben. In den letzten Jahren wurde mir das klarer und klarer: Wir sind selber Zeugen solch einer riesigen Massenverblendung. Und diese wird deshalb nicht als solche wahrgenommen, weil ja herzeigbare BürgerInnen und PolitikerInnen, vor allem das Gros der bürgerlichen Medien und Presse (nicht nur der „böse“ Boulevard) diese Verblendung als die Normalität leben und repräsentieren. In der Regel aber haben sie keine Ahnung davon, wie sehr ihr Agieren in die Katastrophe führt. Dies entschuldigt sie nicht, sondern spricht noch mehr für ihre Dummheit. Dummheit als Unfähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung machen sich breit. Vor allem bei jenen, die dies durchschauen. Und eine nicht mehr zu kontrollierende Verunsicherung und Angst bei der „Masse“ (wie man das früher nannte), insgesamt ein riesiger Giftcocktail für unsere Zukunft.“

 

Sperrfrist neu

Die Regierung hat heute das 5 Punkte Programm zur Lösung der Flüchtlingsunterbringung präsentiert. Im Zug hat dieser Tage ein Mitreisender gemeint: „Wir werden uns in 10 Jahren schämen für diese Zeit.“ Ja. Das Vorhaben ist äußerst notwendig, um endlich die Flüchtlinge aus ihrem obdachlosen Gefängnis in Traiskirchen zu befreien. Es ist ein wichtiger Schritt am garstigen Graben zwischen Fremdenhass und Hilfsbereitschaft entlang. Menschenwürdige Unterbringung wird leichter möglich und Hilfsbereitschaft wird erleichtert, den NGO’s wieder direkt möglich. Auf meine Mauer hin zur Zivilgesellschaft habe ich einige positive Rückmeldungen bekommen.

Traiskirchen wäre in einem Tag halb leer

zeltePersönlich bin ich überzeugt, dass Traiskirchen in einem Tag halb leer wäre, wenn Einzelpersonen, Familien, „Amateure“ kommen dürften. Es gibt viele, die ein bis drei Flüchtlinge mitnehmen möchten und eine menschenwürdige Unterbringung zur Verfügung stellen könnten. Wer für die Grundversorgung zugelassen ist, kann mit jemanden mitgehen. Die Personalunterlagen bleiben im Innenministerium – soweit sie überhaupt vorhanden sind – und der „Abholer“ wird mit gültigem österreichischem Reisepass identifiziert. Die Adresse wird angegeben, wo die Unterkunft liegt. Standards sind in einem Merkblatt erläutert. Ein bis zwei Tage später kommt ein Polizist, eine Polizistin dorthin, wo die Flüchtlingen untergebracht sind. Er oder sie fragt nach, ob alles OK ist. Ich weiß schon: Amateure. Es geht mir um den Denk-Ansatz. Es gibt so viel Hilfsbereitschaft, die an der Mauer der Distanz abprallt, frustriert oder gelöscht wird. Ich weiß, für manche ein „irrer“ Gedanke. Bei allen aber, wo ich ihn probiert habe, hat er ein Nicken ausgelöst.

Wem wird das Mikro hingehalten

Wer im Mediengeschäft tätig ist, wird heute wieder Zeuge einer Medien- und PR-Meisterschaft, die da immer lautet: „Wer ist der Schnellere?“ Wer hat die erste Presse- und OTS-Meldung verschickt. Wer hat gleich einmal Stellung bezogen. Natürlich wissen wir, dass die 5 Punkte längst im Hintergrund mit den „medial schnellen NGO’s“ ausgetauscht sind. Stellungnahmen werden fast zeitgleich mit der Präsentation in Umlauf gebracht. „Der erste, der ausruft, bestimmt das Thema am Platz.“ Heute werden die Regierungsmaßnahmen „begrüßt“, für hilfreich empfunden. Es geht mir jetzt weniger um den Inhalt, sondern um die tiefe Dynamik der Medienwelt. Natürlich wissen wir, dass Politik und Medien  die Bühne bespielen und dort ihr „Theater-Stück“ inszeniert aufführen. Viel Geld wird in die Hand genommen, um die Schaupieler zu briefen, überhaupt einen Platz auf der Bühne zu ergattern. Und natürlich wissen wir, dass die Machtfrage das Grundthema jedes „medialen Polit-Stückes“. Genau deshalb ist ja entscheidend, wer zuerst mit wem auf die Bühne tritt, wem das Mikro hingehalten wird und wer die schnellste Antwort gibt. Auf der Bühne gibt es kein Nachdenken mehr. Es wird als „Hänger“ interpretiert, als fad dargestellt.

Eine Sperrfrist neu

Aber ganz ehrlich. Ich würde mir eine „Sperrfrist neu“ wünschen, die besagt, dass zwischen der öffentlichen Präsentation einer „Maßnahme“ und der öffentlichen Reaktion 24 Stunden liegen müssen. Man stelle sich vor, alle NGO’s regieren erst morgen Mittag mit einer Stellungnahme. MitarbeiterInnen, Mitglieder, BürgerInnen „müssen“ sich auf einmal selber Gedanken machen. Die 5 Punkte wirken einmal. Leser- und Leserinnen denken nach, selber. Reden. Diskutieren. Machen sich ein Bild. Es entsteht Raum. Freiraum. Kreativraum. Es beginnt etwas zu gären. Das Tempo verringert sich. Ich meine die der Medien. Klar ist: Es muss heute rasch gehandelt werden, aber noch rascher werden heute ja die Meldungen gehandelt. Eine Turbo-Maschinerie inklusive Twitter und Co ist im Gange. Die Position der meisten Menschen ist ja nur mehr die des Kameramannes oder der Fotografin. Wer berührt denn noch einen Flüchtling, wenn es so berührende Fotos gibt? Das Magazin „Brand eins“ hat sich die Faulheit vorgenommen. Das Thema Entschleunigung wird überall als „Tiefen-Thema“ unserer Gesellschaft gesehen. Ich frage einfach: Wie kann das auf die Medienmaschinerie angewendet werden? Wenn sich die Medien nicht entschleunigen, werden sich die Menschen abwenden. Das tun sie bereits. Offline ist Lebensqualität. Sozusagen persönlich verordnete „Sperrfrist neu“. Es bracht das entschiedene Tun. Das passiert hundertfach. Ich hoffe und zähle auf Medien, die das Tun suchen, beschreiben, zeigen und weniger Stellungnahmen und Polit-Theater in alle Welt übertragen. Aber ich höre schon einige sagen: Wach auf. Das ist auch dein Geschäft. Aber eine Sperrfrist nachher würde ich gerne einmal erleben.